“Das Lab ist nicht das Leben”. Das war die Mensch & Computer 2013

„Das Lab ist nicht das Leben“

von Manja Baudis 12. September 2013

Das war die Mensch & Computer 2013

Im Taxi: „Sie wollen zur Uni? Was gibt’s denn da wieder?“
„Da ist ’ne Konferenz. Die Mensch & Computer.“
„Ach herrje! Ich hab ja seit 17 Jahren keinen Computer mehr angerührt!“

Mensch und Computer 2013

„Know the User!“

Dieses Prinzip stammt aus den 1980er Jahren und gilt heute mehr denn je. Denn Nutzer und ihre Erwartungen an Produkte und Services werden immer heterogener. Deshalb lautete das Motto der diesjährigen Mensch & Computer 2013 – der größten deutschsprachigen Konferenz zum Thema Mensch-Technik-Interaktion: Interaktive Vielfalt.

„In Kontexten wie Konsum, Unterhaltung, Bildung oder politische Bürgerbeteiligung geht es nicht mehr allein um die Gebrauchstauglichkeit, sondern umfassender um die User Experience bei der Nutzung von Systemen“, schreiben die Organisatoren der Tagung. In diesem Jahr wurde die MuC vom 8. bis zum 11. September von der Uni Bremen ausgerichtet und fand in Kooperation mit der Usability Professionals Tagung der German UPA und der Deutschen e-Learning Fachtagung DeLFI statt.

Los ging’s mit zahlreichen ganztägigen Workshops: Besonders praxisnah – der Workshop „Usability für die betriebliche Praxis“. Dort ging man hauptsächlich der Frage nach, warum das Thema Usability in kleinen und mittelständischen Unternehmen noch nicht wirklich angekommen ist: Was sind die Hindernisse und wie lassen sie sich aus dem Weg räumen?

UX in KMUs?

Haben sich Mehrwert und Vorteile von UX-Design und Usability in KMUs tatsächlich noch immer nicht herumgesprochen?
Das reichhaltige Konferenzprogramm der Usability Professionals und der enorme Zuwachs der UPA-Mitglieder zeichnet ein ganz anderes Bild: Das akademische Feld der Mensch-Computer-Interaktion scheint sich doch recht erfolgreich in der Praxis etabliert zu haben.

„User Experience hat sich in den letzten Jahren aus meiner Sicht sehr stark etabliert. In der beruflichen Praxis diskutieren wir heute weniger darüber, wie wir Unternehmen dazu bekommen, auf die User Experience ihrer Produkte zu achten, sondern über die strategische Ausrichtung von UX, Methodeneffizienz, Instrumentalisierung, Institutionalisierung und Professionalisierung. Aus meiner Sicht hat sich der Berufsstand der UX-Professionals in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt – er ist erwachsener geworden“, schreibt denn auch Ulf Schubert in seinem User Experience Blog.

Mensch und Computer 2013

Responsive Design

Um diese derzeit viel beschworene Wunderwaffe des UI-Designs drehte sich eine überaus gut besuchte Session aus dem umfangreichen UPA-Programm.

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Es sei nicht mehr effizient, User Interfaces auf bestimmte Endgeräte oder Endgeräteklassen hin zu optimieren, denn deren Vielfalt nehme kontinuierlich zu, hieß es da. Eine mögliche Lösung: Ein intelligentes User Interface, dass Nutzungskontext und Endgerät erkennt und sich automatisch anpasst – Responsive Design eben.

Dabei gehe es nicht nur um Layout und Interaktion, sondern vor allem um den Inhalt, erklärte Joachim Stalph von elaboratum in seinem Vortrag. Derzeit seien aber noch viele Fragen offen, z.B. wie sich eben solche Inhalte erstellen lassen, die sich automatisch an den Nutzungskontext anpassen oder aber wie man an aussagekräftige Tracking- und Analysezahlen für reponsive Designs kommt und was nun oberste Priorität hat: mobile, tablet oder desktop first?

Der Vortrag mündete in eine heiße Diskussion darüber, ob eine automatische kontextsensitive Anpassung von Inhalt und Design mit einer erwartungskonformen Gestaltung vereinbar ist. In einem aber war man sich einig: Responsive Design ist ein „wirkungsvolles Mittel gegen die zunehmende Gerätefragmentierung“ (Nicolas Leyking, ergosign). Und die Frage nach mobile oder tablet first beantwortete Michael Fleck von USEEDS mit: „mobile first bezüglich Content, tablet first bezüglich Konzeption.“

Das Lab ist nicht das Leben

Und der typische Nutzer ist eben nicht unbedingt der wirkliche Nutzer. Darum ging es in vielen Vorträgen und Diskussionen.

Den Anfang machte Phoebe Sengers von der Cornell University und schlug in ihrer Keynote „From the mainstream to the center: Using niche perspectives to reframe designs“ einen anderen Weg der Nutzerforschung vor: Weg vom typischen Nutzer hin zu Randnutzern und Non-Usern. Wer ist eigentlich dieser typische Nutzer, fragte Sengers, stellte damit bisher wenig hinterfragte Hypothesen in Frage und eröffnete neue Perspektiven.

„The targets of IT design are frequently ‚typical users‘ – ordinary individuals who we would expect to use our system. Framed this way, system design often builds in particular conceptions of who is ‚ordinary‘, such as white-collar office workers or upwardly mobile, urban 20-somethings. Such ideas of what it means to be ’normal‘ can greatly constrain our design spaces and the interventions we can imagine making as designers. [The] consideration of the values, perspectives, and experiences of people outside of the technological mainstream can open up valuable new opportunities for design for everyone.“

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Um User Research und darum, wie man Feldforschung in eine agile Anwendungsentwicklung integriert, ging es auch bei Markus Wienen von eparo. Am Beispiel der Mobile Payment Schnittstelle einer Couponing-App (favor.it) demonstrierte er, dass Feldforschung nicht einfach nur gucken bedeutet, sondern geschultes und strukturiertes Beobachten erfordert. So konnte er beispielsweise geschult beobachten, dass das Einlösen eines Gutscheins ungeahnte Tücken birgt: Niemand gibt gern sein Handy aus der Hand und reicht es dem Barista mal eben über’n Tresen, um den Kaffee-Gutschein einzulösen.

Wienens Fazit: „Feldforschung ist weder per se teuer, noch zeitintensiv. Es kommt darauf an, über Situationen nachzudenken. Wie man die letztendlich erkundet, ist egal. Aber: Das Lab ist nicht das Leben.“

Das zeigt auch das Video vom Nordstrom Innovation Lab, das großen Anklang fand:

Mach’s einfach(er)

Die Keynote von Melvin Brand Flu (Livework) „Interactive diversity: User – Customer – Human“ war ganz im Sinne unserer Smarter-Service-Kampagne „Mach’s einfach!“ Ihm geht es um: Menschen und Einfachheit, um Sinne und Erfahrungen. Viele Dinge im Leben sollten viel einfacher erreichbar und machbar sein und UX- und Service-Design sollen dabei helfen.

Voice Control um jeden Preis?

Das fragte Sandra Schuster von Facit Digital ein wenig provokant. Sprachsteuerung ist spätestens seit SIRI ein bei Entscheidern beliebtes Feature für neue Gadgets. „Doch nur weil etwas technisch machbar ist, heißt es noch nicht, dass es auch sinnvoll ist.“ Das detaillierte Konfigurieren des eigenen Autos gehört nach Schusters Erkenntnis nicht zu den Usecases, bei denen Spracheingabe einen Mehrwert bietet. Und das gelte – allgemeiner gesprochen – auch für:

  • einmalige bzw. seltene Handlungen
  • die Exploration von Inhalten (längeren Listen)
  • die Exploration von stark visuellen Inhalten
  • Nutzungsszenarien, die einem festen Fahrplan folgen, bei denen Ziel und Schritte aber ggf. unklar sind

„Among speech interface designers, there’s a credo: A good GUI and a good VUI are both a pleasure to use, a bad GUI is hard to use, but a bad VUI isn’t used at all.“ (K.R. Abbott: Voice Enabling Web Applications)

Visionen

Mensch und Computer

Wie sieht die Welt 2026 aus? Mit dieser Frage ruft die MuC alljährlich Studierende, Wissenschaftler und Wirtschaft auf, ihre Visionen zu präsentieren. Shaping Sounds hieß das Konzept einer amorphen Oberfläche, die ganz neue Möglichkeiten der begreifbaren Interaktion mit vielen Freiheitsgraden ermöglicht. Eine trampolinartige Oberfläche ermöglicht eine haptische Eingabe, bei der man drücken, ziehen, drehen und schwingen gleichzeitig kann.

Die Augmented Reality Kontaktlinse „Smart Lens“ projiziert das Nutzerinterface direkt auf die Netzhaut und ist drahtlos mit dem Smartphone verbunden. Unterwegs bietet die Linse kontextspezifische Infos: Wo ist die nächste Haltestelle, wann kommt die nächste Bahn – und das Ticket kann auch per Augenzwinkern gekauft werden. Außerdem lässt sich die Realität optisch verändern. Gut bei Diäten – dann lassen sich per Smart Lens die Portionen einfach größer darstellen als sie wirklich sind.

Doch wie würde eine solche Linse unsere soziale Interaktion verändern? Was ist mit dem Schutz der Privatsphäre, wenn jeder unbemerkt ausspähen, fotografieren und filmen kann? Und welche Konsequenzen hat die Veränderung der Realität? Was, wenn jemand auf meine Linse zugreifen und meine Realität verfälschen kann?

See you in 2014

Alles in allem war die Mensch & Computer 2013 ein gelungenes Event: Sehr gut organisiert und mit einem ausgewogenen Programm von Grundlagen- über Nischenforschung bis hin zu konkreten Projekten und Visionen. Besten Dank an die Uni Bremen für das Hörsaalfeeling und HID für Loungefeeling und Strom.

Mensch und Computer

Weitere Informationen und Materialien zur Veranstaltung gibt’s auf der Konferenzseite und bei der German UPA. Die hält auch einige Videos mit Live-Mittschnitten und Interviews und den Tagungsband bereit.

Zurück im Taxi: „Und Sie haben auch kein Smartphone, wenigstens beim Taxifahren?“
„Doch na klar. Da ist alles drauf, was ich brauche!“

3 Kommentare

gsohn 12. September 2013 at 7:58

Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

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Bernhard Steimel 12. September 2013 at 13:40

Das Nordstorm Video kannte ich zwar schon, aber wie so oft wußte ich nicht mehr, wo ich es gesehen habe. Lass uns gute Beispiel doch unter „Best Practice“ kurz vorstellen

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German UPA | ReCap der Usability Professionals Konferenz 2013 in Bremen 24. September 2013 at 5:23

[…] – Zusammenfassung der Konferenzeindrücke von Manja Baudis: Das Lab ist nicht das Leben […]

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