Gesundheitssektor: Das nächste Angriffsziel der Internetkrieger

von Bernhard Steimel 16. März 2015

Beim alljährlichen Tech-Meeting – der LeWeb in Paris – wurde die Losung für das Jahr 2015 für „the next big thing“ im Internet ausgerufen. Für Tech-Investoren wie Fred Wilson sind Social Networks und die Share Economy mit UBER und AirBnB längst kalter Kaffee. Die Entdeckungsreise geht weiter in ferne, neue Galaxien im Internet der Dinge.

Als nächstes Angriffsziel nehmen die Internetkrieger den Gesundheitssektor ins Visier. Für Wilson steht fest, dass der Hauptimpuls von uns Menschen ausgehen wird, die mit dem Smartphone bewaffnet ihre Gesundheitsdaten selbst tracken und mit Unterstützung von smarten Services zu ihren eigenen Ärzte und Gesundheitsberatern werden wollen.

Gesundheitssektor: Das nächste Angriffsziel der Internetkrieger

„People are getting control on their health care. The change is so dramatic. Health and wellness is the biggest IoT trend. Look at what people are actually doing!“

Auf der anderen Seite wird laut Jeff Clavier, Managing Partner bei SoftTech, der technologische Fortschritt immer mehr zum Treiber des medizinischen Fortschritts. Die Smartphone-Revolution in Verbindung mit 3D-Printing und die Allgegenwart von Sensoren führen für ihn zur Neugestaltung der Medizin – von der Forschung, über die Diagnose und Behandlung bis hin zur Prävention. Aus seiner Sicht wird die traditionelle Medizin abgelöst durch Programme, die eine Verhaltensänderung beim Patienten unterstützen:

Gesundheitssektor: Das nächste Angriffsziel der Internetkrieger

„The real future of healthcare for 75 percent of us is behavior change, not traditional medicine. We’re on a mission to inspire people to change the specific habits that put them at risk for serious but preventable disease.“

Und so war LeWeb-Gründer Loic LeMeur nicht ohne Grund stolz, als er feststellte, dass er noch nie so viel Mediziner auf der Bühne seiner Konferenz präsentieren konnte wie in diesem Jahr. Die drei spannendsten Vorträge will ich Euch nicht vorenthalten:

Neuro Crossfit Trainer

Wie man das Denkvermögen mit Video-Games steigern kann.

Adam Gazzaley arbeitet mit Entwicklern des LucasArts-Teams zusammen, um Videospiele zu entwickeln, die die Gehirnaktivitäten und Effekte auf das Hirn messen und verfolgen können. Die Spiele sind relativ simpel gehalten und darauf ausgerichtet, verschiedene synaptische Reaktionen in unterschiedlichen Regionen des Gehirns zu erzeugen.

Beispielsweise NeuroRacer – ein einfaches Rennspiel, bei dem man verschiedenfarbige Schilder abschießen muss, die in unterschiedlichen Intervallen auftauchen. Nach wiederholtem Spielen, wiesen die Testpersonen ein besseres Erinnerungsvermögen und eine höhere Aufmerksamkeitsspanne auf, wie Gazzaley und sein Team herausfinden konnten. Wobei das Alter der Probanden keine signifikante Rolle spielte. Im Gegenteil: durch entsprechendes Training konnten auch ältere Testpersonen ihre Multitasking-Fähigkeiten steigern.

Solche Spiele können gezielt eingesetzt werden, um die Lebensqualität zu steigern, denn sie helfen Gedächtnisleistung, Stimmung oder Aufmerksamkeit gezielt zu verbessern. Gazzaley sieht Games zukünftig auch als zusätzliches Instrument zur Unterstützung von Anamnese und Diagnose.

NeuroHacker: die neuen Götter in Weiß

Es hat etwas extrem Faszinierendes und gleichzeitig Beängstigendes, wenn Top-Mediziner wie der französische Chirurg und Neurobiologe Laurent Alexandre sich auf die Bühne stellen und sehr nüchtern erläutern, warum die Medizin zu einer IT-Disziplin wird und im Jahre 2030 Ärzte schlicht bessere Schwestern sein werden.

Neue Diagnoseverfahren werden seines Erachtens zum Datenproblem und verlangen eher nach Software-Entwicklern als nach ausgebildeten Medizinern. Und er setzt noch einen drauf, indem er prognostiziert, dass auch die ethischen Implikationen einer Diagnose Teil eines von Neuro-Hackern entwickelten Algorithmus sein werden.

Für Laurent ist die „Watsonisation“ der Medizin unausweichlich, je mehr Neurowissenschaften und IT verschmelzen. Und er sieht sie in drei Wellen auf uns zukommen:

  • Die erste Welle: Implantations-Elektronik
  • Die zweite Welle: Bio Engineering mit dem Ziel die DNA zu verändern. Die Kosten sinken dramatisch und bereits heute ist es möglich, Gehirnzellen aus Stammzellen der Hand zu züchten.
  • Die dritte Welle: Nanotechnology

Einzig die von Google und Ray Kurzweil angeführte Transhumanismus-Bewegung, die den Tod abschaffen will, sieht er skeptisch.

Wie wir zum CEO unserer Gesundheit werden

Der Stanford- und Harvard-Absolvent und Macher der Singularity University Dr. Daniel Kraft ist ein echter Tausendsassa, der einen im Hollywood-Stil mit auf die Reise in die Zukunft nimmt. Auch für ihn steht außer Frage, dass Smartphones und Apps unser Gesundheitsmanagement übernehmen und er präsentiert eine spannende Reihe an Diagnosegeräten, die direkt ans iPhone angeschlossen werden: vom Stethoskop über EEG bis zum Otoscop.

Gesundheitssektor: Das nächste Angriffsziel der Internetkrieger

Für ihn endet die Reise nicht an der Gehirn-Computer-Schnittstelle. Wie beim Brain-Wave-Analyser von Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“ sind die Wearables nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu Sensoren, die wir in uns tragen und die per Bluetooth ans Internet angebunden sind.

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