(Don’t) Believe The Hype! Ein neues Öko-System entsteht im Internet der Dinge

(Don’t) Believe The Hype! Ein neues Öko-System entsteht im Internet der Dinge

von Mario Ellebrecht 15. Juni 2015

Dem Internet der Dinge steht ein explosionsartiges Wachstum bevor, wie die inzwischen zahlreichen Studien übereinstimmend voraussagen und so enorm hohe Erwartungen schüren. Auf der kürzlich zu Ende gegangenen Internet of Things Conference (IoTcon) in München fehlen diese Zahlen natürlich auch in kaum einem Vortrag. Hier kann man sich aber auch davon überzeugen, dass bisher die Entwicklung mit den Erwartungen Schritt hält.

(Don’t) Believe The Hype! Ein neues Öko-System entsteht im Internet der Dinge

 

Die Anbieter, die sich hier präsentieren und vernetzen, sind Teil des sich noch formierenden Ökosystems um das Internet der Dinge. Ihre vorgestellten Produkte und Services aus den Bereichen Hardware, Netzwerk, Cloud und Analytics und positionieren sich als die Bauelemente für die nächsten Killer Apps. So stehen hier auch nicht isolierte vertikale Lösungen oder Produkte á la Nest, Fuelband oder Apple Watch im Vordergrund, die aktuell noch die Medienberichte dominieren. Es sind eher die horizontalen Plattformen und Komponenten, aus denen Unternehmen selbst Consumer- oder Enterprise-Produkte bauen können.

Hardware & Netzwerk

Eigene Lösungen beginnen typischerweise bei den kleinen Hardware-Plattformen, die CPU, Sensoren, Aktoren und Netzwerk-Konnektivität beinhalten. Auf der IoTcon stellt Hauptsponsor Intel sein neues Board Edison vor, aber in Vorträgen und an Ausstellerständen ist natürlich die ganze inzwischen riesige Bandbreite an Prototyping-Boards, Sensoren wie Temperaturfühlern, Kameras oder Gyroskopen, Aktoren wie Displays oder Motoren und Netzwerkmodulen vertreten. Die in Folge der Smartphone-Ära günstig verfügbaren Bauteile und die frühen Entwicklerboards wie Arduino und Raspberry Pi haben für eine wahre Renaissance der von Investoren, Gründern und Entwicklern lange gemiedenen Welt der Hardware gesorgt.

Auffällig ist die Zahl neuer Boards, die eher klein und minimal ausgestattet, dafür extrem günstig, sparsam und für die Produktion in hohen Stückzahlen verfügbar sind, wodurch sie sich nicht nur zum Prototyping eignen, sondern gleich den Weg zum fertigen Produkt ebnen. Diese Geräte kommunizieren drahtlos per Bluetooth Low Energy (BLE) oder WiFi mit einem größer dimensionierten Board als Gateway, das die Anbindung vieler kleinerer Boards, eine Vorverarbeitung und die Kommunikation mit dem Cloud Backend via Internet leisten kann. Gerade im Bereich Smart Home scheint sich dies zu einer Art Referenzarchitektur zu entwickeln.

Cloud & Analytics

Eine inzwischen ebenso große Vielfalt zeigt sich bei den Cloud-Diensten. Ihre Aufgabe ist die Kommunikation mit APIs der Sensoren, Boards und Gateways, die Speicherung und Analyse der Daten und die Integration von Applikationen, die mit diesen Daten und APIs dem Benutzer eine sinnvolle Funktion anbieten.

Die großen Anbieter von Public Clouds wie Amazon AWS oder Microsoft Azure haben hier eigene Angebote, positionieren sich aber auch als Basisdienstleister für spezialisierte Cloudanbieter wie Thingspeak, Evrythng oder Carriots. Während erstere die nötige massive Skalierbarkeit bereitstellen, finden sich unter letzteren vor allem junge Startups, die mit möglichst umfangreichen und zugänglichen Angeboten Entwickler von IoT-Services für sich gewinnen.

Dazu zählen Dashboards zur Datenanzeige, Hadoop oder Spark für Analytics, verschiedene unterstützte Programmiersprachen und zum Teil eigene Hardware Kits wie bei Spark, Electric Imp oder relayr. Hier hat sich also bereits ein großes Spektrum an Anbietern mit unterschiedlicher Funktionsvielfalt positioniert.

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Apps & UX

Während die Angebote in den Bereichen Hardware, Netzwerk und Cloud bereits einen recht hohen Reifegrad erreicht haben, so bleiben im Bereich der User Experience (UX) noch viele Fragen offen. Klar ist, dass UX eine ganz entscheidende Bedeutung im Kontext von IoT zukommt. Ging es in der Smartphone-Ära noch darum, die Bedienung einer einzelnen App optimal zu gestalten, der der Benutzer seine exklusive Aufmerksamkeit widmet, so besteht die Herausforderung nun darin, eine Vielzahl von verteilten Kleingeräten zu steuern, die zumeist über keinen Bildschirm verfügen.

Es liegt auf der Hand, dass ganz neue Wege gefunden werden müssen, um dem Nutzer ein ansprechendes Erlebnis zu bieten. Viele der aktuell am Markt verfügbaren Produkte – vor allem aus den für Entwickler momentan zugänglichsten Consumer-Sparten Home, Wearables und Health – beschränken sich auf die Datenanzeige und Fernsteuerung von Hardware per Smartphone-App oder Web Dashboard. Dies ist aber nur der erste Schritt.

Einfacher lässt sich die Interaktion per Sprache, Gesten oder anderen Modalitäten steuern. Die Smart-Home-Zentrale Homey setzt Dialogsteuerung per Sprache ein, ähnlich den Voice-Assistenten Siri, Now oder Cortana auf dem Smartphone. Ähnliches leistet Ninja Blocks mit Gestensteuerung. Diese nutzt auch Nod, ein Wearable in Form eines Rings, zur Steuerung anderer Geräte und Apps. Neue Eingabegeräte und Sensoren können die Bedienung in natürliche Abläufe einbetten. So zeigt Lechal eine Einlegesohle, die Gesten mithilfe des Fußes erlaubt und dem Benutzer Rückmeldungen per Vibration geben kann. Im Sport ermöglicht der Bewegungssensor Zepp eine Verbesserung im Training.

Mit Regelwerken lässt sich die nötige Interaktionshäufigkeit für den Nutzer reduzieren, wie z.B. IFTTT zeigt, ein Service mit dem Benutzer ohne Programmierung komplexe Abläufe mit Geräten und Internetdiensten erstellen kann. Als denkbar simpelstes User Interface haben sich zahlreiche Internet Buttons wie flic, bttn, Do oder Amazon Dash bereits etabliert. Auch der Nutzerkontext kann eine explizite Interaktion ersetzen, etwa der per Bluetooth Beacon oder GPS ermittelte Standort des Nutzers, wie z.B. beim smarten Thermostat tado oder auch bei Disney’s MagicBand.

Der beim Smartphone gelernte Modus der expliziten Steuerung mit hoher Interaktionshäufigkeit und –intensität könnte sich durch IoT umkehren und einer impliziten Steuerung mit deutlich geringerem Aufmerksamkeitsbedarf durch den Nutzer weichen. Im Idealfall können smarte Produkte und Services gemeinsam autonom im Interesse seines Nutzers handeln.

Vom Hype zur Wertschöpfung

Schneller noch als zu Beginn des Social Web und dann des Mobile Web etabliert sich rund um das Internet der Dinge ein Ökosystem, das Makern, Startups und etablierten Unternehmen sofort nutzbare Bausteine für IoT-Applikationen liefert. Das Zusammentreffen von billiger Hardware, Open Source Software, Cloud- und Analytics-Diensten, offenen APIs, Crowdfunding und der Austausch in Communities reduziert die Eintrittshürden für neue Marktteilnehmer enorm.

Höchste Zeit also, den medialen Hype um IoT hinter sich zu lassen und anzufangen, konkrete Lösungen im eigenen Tätigkeitsfeld zu bauen, um die zweifellos immensen Potenziale der digitalen Transformation für sich zu nutzen!

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