Abschied vom E-Mail-Sortier-Management

Hakuna Matata Kenya – Ostafrikanische Inspiration für die mitteleuropäische Digitalisierung

von Nils Tißen 22. Juni 2015

17 Stages, 850 Speaker, 500 Stunden Programm und mehr als 100.000 Tweets – die re:publica 2015 hat sich in diesem Jahr selbst übertroffen. Das überdimensionale Klassentreffen hat rund 7000 Menschen aus allen Kontinenten zusammen gebracht.

Unter dem Motto „Finding Europe“ haben auch wir uns auf die Suche gemacht. Auf die Suche nach der digitalen Zukunft Deutschlands. Was wir gefunden haben? Ein Land, das sich von vermeintlichen Entwicklungländern einiges abschauen und sich inspirieren lassen kann.

Ostafrikanische Inspiration für die mitteleuropäische Digitalisierung

Wenn wir Kenia betrachten, sehen viele ein typisches Entwicklungsland. Nicht aber ein Land, das sich in den letzten Jahren zum Innovationszentrum seines Kontinents entwickelt hat. Innerhalb Afrikas gilt Kenia als Vorreiter bei der Nutzung innovativer Informations- und Kommunikationstechnologien. So erzählten drei junge kenianische Frauen in der Session „10 things Europe can learn from Kenya“ über SMS Services, Social-Media-Nutzung und Mobile Payment – digitale Abläufe, die für sie bereits zum Alltag gehören.

Geburtshilfe per SMS

Der Weg zum Krankenhaus oder zum nächsten Arzt ist in den ländlichen Gebieten Kenias oft sehr weit und kostspielig. Viele junge, unerfahrene Mütter oder Schwangere wissen häufig nicht wohin mit ihren Fragen. Diese Fragen, rund um ihre eigene Gesundheit und die ihres Kindes, werden in Kenia seit 2014 von Toto Health beantwortet. Der SMS-Service gibt auf Basis der eingegeben Daten Empfehlungen zu Ernährung, Schutzimpfungen und der Entwicklung des Kindes. Toto Health erinnert die Eltern an Untersuchungstermine und verweist an den nächstgelegen Arzt, falls es die Situation erfordert.

Ostafrikanische Inspiration für die mitteleuropäische Digitalisierung

Aufnahme: Toto Health Internetseite

Selbst wenn man es nicht vermuten mag: Auch in Deutschland können wir uns von Toto Health inspirieren lassen. Ein akuter Mangel an Haus- und Fachärzten herrscht hierzulande vor allem in ländlichen Gebieten. Immer häufiger schließen Praxen, weil Ärzte in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger finden. Vor allem für ältere, nicht mobile Menschen ein großes Problem.

Telemedizinische Projekte, wie die Online-Diagnose per Videochat, sind in Deutschland bereits gestartet und könnten in Zukunft den drohenden Ärtzemangel bekämpfen. Auch die Bereitschaft der Patienten ist gewährleistet: Laut einer aktuellen McKinsey-Umfrage wollen 75 % der Patienten in Deutschland zukünftig digitale Services nutzen. Der erste Schritt in die richtige Richtung ist gemacht. Nun ist es an der Zeit die Telemedizin nachhaltig in Deutschland zu etablieren.

Social Media für den Kontakt zu staatlichen Behörden

Wir können also beobachten, dass sich Services in Kenia stark an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. So zeigt auch ein weiteres Beispiel, dass Social Media in dem ostafrikanischen Land nicht nur als netter Zeitvertreib dient. Jeder kennt das Prozedere: Personalausweis beantragen, wochenlang warten und dann den passenden Termin im Rahmen der eingeschränkten Amts-Öffnungszeiten finden. Ein Service, der sich nicht gerade an den Kundenbedürfnissen orientiert.

Diese und andere Abläufe werden in Kenia bereits heute per Twitter geregelt. In 140 Zeichen werden die wichtigsten Informationen über die Identität ausgetauscht und der Pass beantragt. Die digitale Welt eröffnet dem öffentlichen Sektor große Chancen – nicht nur für eine bessere Interaktion mit Bürgern, sondern auch zur Optimierung der alltäglichen Abläufe.

Ostafrikanische Inspiration für die mitteleuropäische Digitalisierung

Screenshot des Twitter-Profils vom 29.05.2015

Während e-Government bereits in Frankreich und Großbritannien erfolgreich Einzug hält, verpasst Deutschland derzeit leider seine Chance, in diesem Punkt die Führung zu übernehmen. Warum, mag man sich fragen, zumal die Vorteile überwiegen. Durch den Wandel zum „Digitalen Amt“ können Anliegen viel schneller bearbeitet werden und kundenbasierte Dienstleistungen, wie den Pass beantragen, digital erledigt werden. Kurzum: Es lassen sich eine Vielzahl von Abläufen in öffentlichen Ämtern automatisieren. Das bedeutet Zeit- und vor allem Kosteneinsparung.

We don’t go to the bank… we just text

Aber nicht nur die digitalen Abläufe im öffentlichen Sektor Kenias liefern Inspiration: Mit der Einführung von M-Pesa vor 8 Jahren wurde das gesamte Bankensystem Kenias revolutioniert. Die Mobile-Payment-App ermöglicht den Geldtransfer per SMS . Dabei brauchen die Nutzer keine kostspieligen Smartphones, sie können dafür jedes SMS-fähige Handy nutzen. Sobald Geld auf dem M-Pesa-Konto eingezahlt wurde, können sie Guthaben an ihre Familie überweisen, ihre nächste Restaurantrechnung bezahlen oder online shoppen gehen. Sogar Mikrokredite können aufgenommen werden, etwa wenn das Guthaben bereits aufgebraucht ist, man aber schnell eine Überweisung tätigen möchte.

Ostafrikanische Inspiration für die mitteleuropäische Digitalisierung

Im Unterschied zu Deutschland besitzen nur rund 20% der Afrikaner ein eigenes Bankkonto, das mag die Ursache für den Erfolg von Mobile Payment in Kenia sein. Hierzulande ist die Einführung solcher Dienste schon seit Jahren umstritten. Die Hürde, die Deutschland zu nehmen hat, ist aber, anders als in Kenia, keine technologische. Bislang nutzen gerade einmal 3,9 Prozent der deutschen Smartphone-Besitzer ihr Handy als Zahlungsmittel. Was aber wäre, wenn wir in Deutschland bereits vor einigen Jahren eine ähnliche SMS-Bezahlfunktion wie M-Pesa eingeführt hätten. Würde heute eine höhere Mobile-Payment-Akzeptanz herrschen? Möglicherweise ja. Möglicherweise hätte die Einfachheit in der Nutzung den Grundstein für zukünftige Mobile-Payment-Lösungen gelegt.

Die lokalen Gegebenheiten und die wirtschaftliche Notwendigkeit werden in Kenia zum Innovationstreiber. Trotz der schlechteren Infrastruktur läuft vieles schneller und unbürokratischer als hierzulande. Auch die Bereitschaft der Einwohner, Innovationen anzunehmen, erscheint angesichts der Geschichten sehr viel höher. Ein Vortrag, der vor allem eins klar macht: Deutschland muss sich von digitalen Innovationen inspirieren lassen und Offenheit für neue Ideen zeigen, um nicht abgehängt zu werden.

Und was macht der deutsche Mittelstand?

Mit dieser Frage hat sich auch Marco Petracca (Berater für Markenführung in Industrieunternehmen) beschäftigt. In seiner Session „Online? Bringt uns nichts! – Ein deprimierender Lagebericht aus den Chefbüros deutscher Industrieunternehmen“ wagt er einen Erklärversuch, warum ausgerechnet der deutsche Mittelstand den Anschluss an die digitale Welt verpasst. Er skizziert das zentrale Problem: Unternehmern mangelt es häufig an Verständnis und Inspiration, wie sie von Internet und Social Media profitieren könnten.

Die gute Stellung am jeweiligen Markt verleitet die Unternehmen häufig dazu, sich auf der Qualität ihrer Produkte auszuruhen. Ein Markenimage wird nicht entwickelt. Wie auch, wird sich so mancher fragen, da der überwiegende Teil der Produkte und Leistungen keine direkte Relevanz für unser tägliches Leben hat – wer braucht schon eine Rohrbiegemaschine oder eine Industriepumpe im Privathaushalt. Ein Blick ins Internet zeigt, dass sich zwar ein riesiger Markt entwickelt hat, dieser aber fast ausschließlich am Endverbrauchern orientiert ist. Die Folge: Der Mittelstand ist im Internet unsichtbar.

Ostafrikanische Inspiration für die mitteleuropäische Digitalisierung

Für Marco Petracca spielt die Technik dabei weniger eine Rolle. Grund für die analoge Haltung sei der kulturelle Mix aus Provinz- und Mittelstandsdenken: „Wir sind qualitativ so gut, dass wir schon gefunden werden“, heißt es aus den Reihen der Unternehmer. Zwar keimt der Gedanke, dass das Internet wichtig für das Unternehmen sein könnte, ein Blick ins volle Auftragsbuch und die zufriedenstellenden Umsatzzahlen nähren allerdings die Zweifel an der angeblich notwendigen Veränderung.

Marketing- und Social-Media-Experten stehen vor der Herausforderung, auf Mittelständler zuzugehen und ihnen beizubringen, aus welchem Grund sie ihre Stärken nach außen kommunizieren sollten. Dabei müssen konkrete Lösungsstrategien geliefert werden, die Unternehmer dort abholen, wo sie sich bislang befinden: in der analogen Welt. Klar formulierte Ziele und Vorteile – Was habe ich überhaupt davon? – können die traditionellen Strukturen aufbrechen und mehr Offenheit seitens der Mittelständler für Digitalisierung schaffen. Auch wir finden bei unseren Gesprächen häufig den Analog-Egoismus vor. Statt des Kundenbedürfnisses werden vorwiegend die Vorteile für das eigene Unternehmen betrachtet. So kommt auch Petracca zu seinem abschließendem Appell: „Schmeißt die Marketingbrille weg“.

Im deutschen Mittelstand muss ein Umdenken stattfinden: Technologie darf künftig nicht nur notwendiges Übel sein, sondern vielmehr die Grundlage für zukünftige Produkte, Services und Geschäftsmodelle. Weg von traditionellen, wachstumsorientierten Strukturen, hin zu anpassungsfähigen, digitalen Systemen, die dem eigenen oder einem neuen Kundenkreis einen klaren Mehrwert bieten. Der Mittelstand sollte die Verbesserung der Service-Qualität und der Kundenbindung durch vernetzte Lösungen als Maßnahmen wahrnehmen, die notwendig sind, um dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben.

Deutschland muss sich inspirieren lassen

Entwicklungsländer wie Kenia machen es uns vor: Dort nutzt man bereits intelligente Informations- und Kommunikationstechnologien im alltäglichen Leben. Kleine Helfer, wie M-Pesa, die zu smarten Services werden und den Weg zu digitalen Ökosystemen ebnen. Deutschland muss den Mut entwickeln, Ideen zu verfolgen, Projekte zu starten und zu testen – und auch mal scheitern. Die große Chance besteht darin, sich von Ländern wie Kenia inspirieren zu lassen und den „business as usual“-Gedanken hinter sich zu lassen. Wir müssen lernen, dass Flexibilität in Zeiten des digitalen Wandels zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wird, denn an der Digitalisierung selbst führt kein Weg vorbei.

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