Landarzt Dr. Google: Wie die Digitalisierung das Gesundheitswesen revolutioniert

Landarzt Dr. Google: Wie die Digitalisierung das Gesundheitswesen revolutioniert

von Harald Henn 14. September 2015

Das Geschäft mit Fitnessbändern und Gesundheits-Apps boomt, Telemedizin-Portale verzeichnen hohe Wachstumsraten und Startups im E-Health-Markt schießen wie Pilze aus dem Boden. Die Digitalisierung ist im Gesundheitswesen angekommen. In Deutschland noch nicht mit der gleichen Dynamik wie z.B. in den USA, aber die Zeichen stehen auch bei uns auf radikale Veränderung der bestehenden Strukturen und Märkte. Pharma-Unternehmen, Krankenkassen und Patienten müssen lernen umzudenken. Smart Services verändern die althergebrachten Märkte schneller und umfassender als vielen Akteuren lieb ist.

Unser Gesundheitswesen ist in die Jahre gekommen. Die Strukturen und Leistungen hinken der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher; Reformen und notwendige Erneuerungen bleiben im Dickicht der Systeme hängen. Die Verbreitung von Smartphones, der Siegeszug von Apps und das Engagement von Unternehmen wie Apple oder Google im Gesundheitsmarkt bringen die Akteure jedoch unter Zugzwang. Neue, digitale Angebote wirken als Brandbeschleuniger im Gesundheitswesen.

Mangelhafte Prozesse und Verfahren, die den Kunden verärgern, sind schon immer eine Triebfeder für neue Services gewesen. Die Terminkalender mancher Ärzte sind auf Wochen und Monate ausgebucht. Nicht immer benötigt ein Patient jedoch eine komplette Diagnose und eine umfassende Therapie. Manche Fragen lassen sich in einer Kurzberatung zur Zufriedenheit der Patienten lösen. Hier setzt das Geschäftsmodell der Telemedizin-Portale ein. Medmedo und just answer sind zwei Beispiele für das boomende Geschäft mit der Online-Beratung.

Landarzt Dr. Google: Wie die Digitalisierung das Gesundheitswesen revolutioniert

 

Für ca. 30 € können Kunden ihre medizinischen Fragen per Telefon, chat oder videochat mit einem Arzt besprechen. Diese Form der Kurzberatung ersetzt nicht die qualifizierte Diagnose eines Arztes, sie kann jedoch als ärztliche Zweitmeinung dienen, Symptome eingrenzen helfen und bei Verträglichkeiten und Anwendung bestimmter Medikamente wertvolle Hinweise geben – schneller und einfacher als über den klassischen Weg des Arztbesuches.

Landarzt Dr. Google: Wie die Digitalisierung das Gesundheitswesen revolutioniert

 

Das geänderte Verhalten zu Gesundheitsfragen, die kritische Haltung Ärzten und Krankenhäusern gegenüber, die zunehmende Eigenverantwortung sind Beschleuniger dieser Entwicklung. Die steigenden Beiträge, Zuzahlungen oder Leistungskürzungen sorgen dafür, dass sich Patienten intensiver mit der Beziehung Arzt-Patient auseinander setzen und Leistungen und Therapien stärker hinterfragen. Portale wie z.B. BetterDoc oder Docinsider schaffen Transparenz in einem System, das in der Vergangenheit ausschliesslich auf dem Vertrauensverhältnis zwischen Arzt-Patient basierte. Jetzt können Ärzte – vergleichbar mit Hotels, Restaurants oder KFZ-Werkstätten – bewertet werden.

Landarzt Dr. Google: Wie die Digitalisierung das Gesundheitswesen revolutioniert

 

Die Entwicklung ist an dieser Stelle noch nicht am Ende. Sehr viel bedrohlicher ist eine Entwicklung von Google einzustufen, die bei den klassischen Haus- oder Landärzten durchaus gemischte Gefühle auslösen dürfte. Zusammen mit der Stanford Universität arbeiten Forscher und Entwickler bei Google an der Weiterentwicklung der Google-Brille. Diese kann die Iris von Menschen scannen und aufgrund von Musterkennnung bestimmte Krankheitsbilder identifizieren.

Möglich wird das u.a. durch Smart-Data-Algorihtmen. Im Gegensatz zu einem Mediziner hat die Google-Brille kein achtjähriges Medizinstudium absolviert, ist dennoch in der Lage bestimmte Krankheitsbilder auf Basis von Korrelations-Analysen festzustellen. Diese Form von Früherkennung kann für viele Menschen lebensrettend sein.

Gleichzeitig zeigt diese Entwicklung, dass disruptive Technologien keinen Halt vor bestimmten Berufen oder Märkten machen. Land- oder Hausärzte stehen zukünftig im Wettbewerb zu Telemedizin-Portalen oder Früherkennungssystemen. Es braucht nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, wie sich Smartphones – ausgerüstet mit Sensoren – zum Hausarzt im Hosentaschenformat entwickeln.

Arzt-Patient-Pharmaunternehmen: Alles wird mit allem vernetzt.

Bislang sind digitale Systeme im Gesundheitswesen isolierte Anwendungen. Ein durchgehender Datenaustausch zwischen Patient, Arzt und Pharma-Unternehmen scheitert an den strengen Datenschutzrichtlinien und den nicht vorhandenen technischen Plattformen um einen Austausch der Daten sicherzustellen. Hier hinkt insbesondere das deutsche Gesundheitswesen hinter der Entwicklung in anderen Ländern hinterher. Es gibt mittlerweile Apps und Software-Systeme, die den Datenaustausch zwischen Patient und Arzt ermöglichen wie z.B. MeeDoc.

Landarzt Dr. Google: Wie die Digitalisierung das Gesundheitswesen revolutioniert

 

Ein durchgehendes System, bei dem die Daten eines chronisch Kranken, beispielsweise eines Diabetes-Patienten, zwischen Krankenkasse, Patient und Pharmasystem nahtlos fließen, gibt es bislang nicht. Der Druck, die Beiträge stabil zu halten und die Gesundheitsversorgung zu verbessern wird dazu führen, dass die Chancen der Digitalisierung schneller und stärker genutzt werden.

Sind die Hürden im Datenschutz ausgeräumt und die Plattformen für den Austausch vorhanden, können die digitalen Services ihr volles Potential entfalten. Besonders beim Datenschutz ist eine Neubewertung notwendig. Menschen sind bereit, vertrauliche Daten zu ihrer Fitness und ihrem Gesundheitszustand preiszugeben, wenn dem ein entsprechender Nutzen gegenübersteht.

Die Front der Institutionen und Krankenkassen, die Kunden und Patienten eindringlich davor warnen, ihre Fitness-Daten weiterzugeben bröckelt. So bezuschusst die AOK NordOst ihre Kunden mit einem Geldbetrag beim Kauf einer Apple Watch, wenn diese an einem Gesundheitskonto teilnehmen. Andere Kassen werden sich dieser Entwicklung anschließen müssen.

Schreibe einen Kommentar

Ähnliche Beiträge