Prozessoptimierung: Ein "weiter so" gibt es nicht mehr

Prozessoptimierung: Ein „Weiter so“ gibt es nicht mehr

von Bernhard Steimel 13. April 2017

Ein Auszug aus dem neuen Praxisleitfaden „Internet der Dinge“, der kostenlos zum Download zur Verfügung steht.


Unternehmen, die auch in Zukunft mit ihren Produkten Geld verdienen möchten, müssen über neue Geschäftsmodelle nachdenken und die veränderten Kundenerwartungen berücksichtigen. Es reicht nicht mehr, lediglich den Status Quo zu optimieren. Unternehmen müssen jetzt mit einer Innovationsstrategie für die Smart Service Welt beginnen. Abwarten ist keine Option mehr und kann wertvolle Geschäftschancen verhindern. Christian Pereira, Geschäftsführer des IoT-Plattformanbieters Q-Loud, drückt es gerne so aus:

„Besser starten statt warten.“

Starten statt warten – drei Wege führen zum Ziel

Die Grundidee des Internet der Dinge ist über 30 Jahre alt. Bereits 1982 verbanden Studenten an der „Carnegie Mellon School of Computer Science” einen Coca-Cola-Automaten mit dem Universitäts-Netz, sodass die Nutzer vom Schreibtisch aus überprüfen konnten, ob die Automaten noch befüllt und die Flaschen kalt sind.

1991 beschrieb dann der Informatik- und Kommunikationswissenschaftler Mark Weiser, der an der University of Maryland dozierte, seine Vorstellung einer vernetzten Welt im 21. Jahrhundert. In seinem Aufsatz tauchen bereits viele Elemente auf, die wir heutzutage mit dem „Internet der Dinge“ in Verbindung bringen: „Smart Home“, „Ubiquitous Computing“ (Rechnerallgegenwart) sowie damals noch wie Science-Fiction anmutende Technologien á la Tablets etc.

Der eigentliche Begriff „Internet der Dinge“ geht vermutlich auf Kevin Asthon zurück, Mitgründer der RFID Development Community, welcher 1999 eine Firmen-Präsentation für Procter&Gamble entsprechend betitelte.

Wenn Objekte sowohl ihre Umwelt analysieren als auch miteinander kommunizieren, ergeben sich große Wertpotenziale. Es gibt hierbei drei verschiedene Möglichkeiten für Unternehmen:

  1. Prozessoptimierung
  2. Verbesserung des Kundenerlebnisses
  3. Gestaltung neuer, „smarter“ Produkte und Services

1. Prozessoptimierung: Die Wertschöpfungsperspektive der Industrie 4.0

Der Begriff Industrie 4.0 – im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch auch „Industrial Internet” steht für die vierte industrielle Revolution und beschreibt eine neue Stufe der Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette über den Lebenszyklus von Produkten. Die Interaktion verschiedener Objekte in einem Produktionssystem nach dem Prinzip der Industrie 4.0 erfolgt dabei einerseits zwischen Maschine und Maschine (Machine-to-Machine, M2M) und andererseits zwischen Mensch und Maschine (Machine-to-Person, M2P). In der Smart Factory tauschen intelligente Maschinen eigenständig Informationen aus und steuern sich selbstständig (Automatisierung).

Auch das Produkt selbst kennt hierbei seine Auftrags- und Produktionsdaten und beeinflusst seine eigene Produktion durch Interaktion mit der vernetzten Produktionsmaschine. Ebenso kann auf Rohstoffengpässe in Echtzeit reagiert werden und auch Lieferzeiten lassen sich prozessoptimiert bestimmen. Geschäfts- und Engineering-Prozesse sind dynamisch gestaltet, wodurch die Produktion verändert und flexibel auf Störungen und Ausfälle reagiert werden kann. Zudem werden weitere Potenziale offensichtlich:

Ein Hersteller kann hinsichtlich Design, Konfiguration, Bestellung, Planung, Produktion sowie Betrieb einschließlich kurzfristiger Änderungswünsche auf individuelle Kundenwünsche eingehen. Selbst Einzelstücke lassen sich rentabel produzieren.


Fallbeispiel: Persönliche Laufschuhe aus dem 3D-Drucker

Ab Sommer 2017 produziert Adidas in seiner Speedfactory in Ansbach individuelle Laufschuhe, unter anderem mithilfe von 3D-Druckern und Robotern. Kunden können aus einer Reihe von Musterelementen individuelle Designs zusammenstellen, die im Computer in einem virtuellen Modell dargestellt und anschließend mit typischen Industrie-4.0-Verfahren produziert werden. Dadurch wird die Zeit vom Design zum Verkauf auf weniger als eine Woche verringert. Adidas will auf diese Weise bis zu 500.000 Schuhe pro Jahr herstellen.


Schätzungen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) zufolge können Unternehmen mithilfe der Industrie 4.0 ihre Produktivität um 30 Prozent steigern. PwC rechnet für die deutsche Industrielandschaft mit Mehrumsätzen von bis zu 30 Milliarden Euro pro Jahr durch die Industrie 4.0. Die Relevanz der Digitalisierung für die deutsche Wirtschaft hat auch die Bundesregierung bzw. das BMWi erkannt und die „digitale Agenda“ verfasst, in welcher das Thema Industrie 4.0 behandelt wird. Zudem wurde die „Plattform Industrie 4.0“ gegründet. Die Sicherheit vernetzter Systeme, die rechtlichen Aspekte sowie die Aus- und Weiterbildung sollen somit vorangetrieben werden.

Wertschöpfungspotenziale erstrecken sich in der Industrie 4.0 also über die gesamte Wertschöpfungskette. Die Industrie 4.0 bildet jedoch auch die Grundlage für eine Revolution der Produkt- und Serviceangebote von Unternehmen und zur Umsetzung neuer, oftmals disruptiver digitaler Geschäftsmodelle.

„Industrie 4.0 ist daher nicht ‚isoliert‘ zu denken, sondern versteht sich als ein Bedarfsfeld von mehreren. Die Gestaltung von Industrie 4.0 sollte daher interdisziplinär und im engen Austausch mit anderen Bedarfsfeldern vorgenommen werden.“ (Acatech & Promotorengruppe Kommunikation der Forschungsunion Wirtschaft–Wissenschaft 2013)


Fallbeispiel: Produktion der Mercedes A-Klasse in Rastatt

Weitgehend automatisiert, in erster Linie durch Roboter, ist die Herstellung der A-Klasse von Mercedes in der 2013 eingeweihten Fabrik in Rastatt. Sie entspricht bereits relativ gut den Vorstellungen einer intelligenten Fabrik, in der komplizierte Produkte mithilfe von modernsten, computerbasierten Verfahren hergestellt werden. Diese Produktionsstätte dürfte zu den effizientesten Fabriken der Welt gehören.


Industrie 4.0 bietet also ein enormes Potenzial zur Erhöhung der Effektivität und Produktivität in der Industrieproduktion. Dies ist allerdings gleichzeitig eine starke Einschränkung auf bestehende Produkte, Services und Geschäftsmodelle. Das Konzept ist in der Fachwelt nicht unwidersprochen geblieben. Es verhindere Innovationen und die Schaffung neuartiger Geschäftsmodelle, findet ein Kritiker wie Prof. Dr. Ing. Andreas Syska von der Hochschule Niederrhein. Er kritisiert in erster Linie die starke Konzentration des Konzepts auf die Smart Factory. Sein Eindruck: Die technische Revolution hört an den Werkstoren auf. Lediglich Fabrikausrüster und Maschinenbauer profitieren bisher davon und natürlich die großen Autokonzerne, die nach seiner Ansicht heimlich immer noch den Traum von der durchautomatisierten, menschenleeren Fabrik träumen.

Die Entwicklung werde jedoch genau die scheinbaren Industrie-4.0-Profiteure aus dem Markt fegen, ist sich Syska sicher. Denn während in Deutschland technikverliebt an Sensorik und Schnittstellen getüftelt wird, entwerfen US-Unternehmen Geschäftsmodelle. Sie setzen ganz pragmatisch vorhandene Technologien ein und überlegen dann, welches Geld man auf welche Weise in welchen Märkten damit verdienen kann. Der deutschen Wirtschaft sei deshalb bestenfalls der Platz in der zweiten Reihe sicher, als austauschbarer Hardwarelieferant der großen Internet-Konglomerate.

„Die Amerikaner stecken die digitalen Claims ab und schürfen Gold, während die Deutschen sich darüber freuen, Spitzhacken und Spaten liefern zu dürfen. […] Deshalb hat Industrie 4.0 endlich die Technikecke zu verlassen und ist von der Gesellschaft und vom Markt her zu denken. Dies muss sich in neuen Geschäftsmodellen abbilden und bedarf der Bereitschaft, das eigene Geschäftsmodell unsentimental zu zerstören, statt es linear fortzuschreiben.“ (Andreas Syska, Philippe Lièvre, Illusion 4.0. Deutschlands naiver Traum von der smarten Fabrik, 2016)


Nächste Woche geht es weiter mit: 2. Verbesserung des Kundenerlebnisses: Die User Experience Perspektive.

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