Intuition gegen Ratio: Spielerisches Leadership

Intuition gegen Ratio: Spielerisches Leadership

von Gastautor 1. Juni 2017

Warum Manager mit alten Methoden an neue Grenzen stoßen

Stündlich trifft der Mensch rund 1.250 Entscheidungen – und das, so Prof. Dr. Gigerenzer, Experte für soziale Intelligenz und Entscheidungstheorie „blitzschnell“. Der Mensch ist also tagein tagaus ein Bauchgefühl-geleiteter Entscheidungsmanager, meist ohne sich dessen bewusst zu sein. Denn müssten wir jede unserer Entscheidungen – Wecker aus oder Snooze, Müsli oder Brötchen, erst Duschen oder Zähneputzen – bewusst und rational durchdenken, wären wir in kürzester Zeit der Verzweiflung nahe und würden morgens nie das Haus verlassen.

Digitale Transformation braucht mentale Transformation – und radikales Umdenken

In vielen Unternehmen herrscht jedoch immer noch die Meinung vor, Entscheidungen müssten stets auf Daten und Fakten beruhen. So quälen wir uns durch langatmige Meetings, bei denen 80% der Teilnehmer nicht zu Wort kommen, kämpfen uns durch Statistiken und sind danach auch nicht klüger als zuvor. Denn besonders in einer Welt der Globalisierung und Digitalisierung verändern sich Märkte mit derartiger Geschwindigkeit, dass die Daten von gestern heute oft schon nutzlos sind.

In immer komplexer werdenden Systemen brauchen wir dringend neue Managementmethoden, damit wir die Herausforderungen der Arbeitswelt der Zukunft meistern können. Unternehmen im Wandel spüren es immer deutlicher: Wir sind umgeben von Ungewissheit und müssen dennoch mutige Schritte nach vorne gehen. Sicherheit durch rational belegbare Daten? Keine Chance in der VUCA-Welt. Oft existieren diese (noch) nicht einmal. Daher müssen Unternehmen sich kulturell öffnen: Ein Comeback für das Bauchgefühl!

Denn wo Innovation ein entscheidender Wettbewerbsfaktor ist, müssen neue Methoden her, die das vorhandene Wissen – das bewusste und das unterbewusste – mit Leichtigkeit und Schnelligkeit aktivieren. Hier kommt die Intuition zum Zug! Sie hilft, das zu sehen, was man noch nicht beweisen kann und das zu suchen, was neu ist. Innovation ohne Intuition ist somit eine Sackgasse. Wenn ich Top Managern oder Vorständen von neuen spielerischen Ansätzen und unseren Beratungsmethoden erzähle ernte ich zu Beginn oft ein müdes Lächeln und Unverständnis. Ein Manager der tausende von Mitarbeiter führt und tagtäglich zig Entscheidungen mit großer Tragweite trifft soll sich nun auf Intuition verlassen? Für viele nicht vorstellbar.

Strategieentwicklung mit Lego und Vulkanen: Kindische Spielerei oder Schlüssel zum Erfolg?

Um intuitives Wissen freizusetzen, brauchen wir Methoden, die dies aktivieren. Mit nichts ist das so einfach wie durch etwas, was der Mensch von klein auf im Blut hat: Das Spielen. Im Spiel sind wir frei, unbedarft und ganz nebenbei kitzeln spielerische Ansätze unsere Neugierde und unsere Motivation, immer besser zu werden. Spielerische Methoden liefern somit userzentrierte Ansätze, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht und quasi nebenbei Innovationen und agiles Zusammenarbeiten entstehen.

Lego® Serious Play® ist dafür ein Paradebeispiel: Es ermöglicht Visionen – wörtlich genommen – zu bauen, sie auch anderen be-greif-bar zu machen und sie dann auch noch mit weiteren Ideen kinderleicht zu kombinieren. So spielen wir mittlerweile mit Mitarbeitern und Führungskräften renommierter DAX-Konzerne mit Legosteinen, um Strategien zu entwerfen und Prozesse zu optimieren. Die Ergebnisse verblüffen. „Ich habe schon viele Strategieprozesse mitgemacht, aber das war einer der effizientesten, die ich je erlebt habe“, sagte mir neulich Ursula Schwarzenbart, Head of Talent Development bei der Daimler AG.

Ob Airbus, Postbank, Deutsche Telekom oder die Deutsche Bahn: Überall werden Mitarbeitern durch solche Spielereien Kreativität und innovative Ideen entlockt. Mit Hilfe von Schildkröten, Elefanten und Tigern werden die großen strategischen Fragen diskutiert und erstaunliche Lösungswege gefunden. Der Max-Planck-Experte Florian Artinger bestätigt einen Zusammenhang zwischen Grad der Komplexität und der Eignung des unbewussten Wissens: je komplizierter ein Problem, desto besser ist es durch Intuition zu lösen.

Im Vulkan von Haufe Eigenland®: Bauch schlägt Kopf

Eine weitere Methode, um intuitives Wissen zu knacken, ist Haufe Eigenland®. Dabei handelt es sich um eine Art Spielbrett, eine Insellandschaft mit einem Vulkan in der Mitte. Die Mitarbeiter haben verschiedene Nuggets zur Verfügung, die durch unterschiedliche Farben Bedeutung tragen. Schwarz steht für Ablehnung und Gold für Zustimmung. Dazwischen gibt es Perlmutt, Kristall und Edelstein. Von einem Moderator werden im Spielverlauf in schneller Abfolge Thesen aufgestellt und die Teilnehmer sollen diese mit Hilfe der Nuggets – ohne langes Nachdenken oder Diskutieren – intuitiv bewerten. Das Ergebnis liegt im Vulkan und kann sogleich ausgewertet werden.

Auf diese Weise werden blockierende Hierarchien und Erwartungshaltungen außer Kraft gesetzt. Die Schnelligkeit des Nuggets-Einlegens sorgt für intuitive Entscheidungen und Anonymität. Kein Kollege oder Vorgesetzter kann mit Sicherheit beurteilen, wer welchen Nugget geworden hat. Gleichzeitig weckt der Überraschungseffekt den Spieltrieb und dadurch Neugierde und Motivation. So werden in kurzer Zeit erstaunlich viele Ergebnisse generiert.

Kollaboration und Vernetzung ist Key

Ein großer Vorteil und Erfolgsgarant beider Methoden: Sie setzen Wissen und Ideen nicht nur frei, sondern machen sie auch anderen zugänglich. Denn ob Wissen im Unternehmen geteilt wird oder nicht, ist ein bestimmender Faktor im Wettbewerb um Innovation, Agilität und Geschwindigkeit. Hier zeigt sich deutlich, dass die digitale Transformation zunächst eine soziale Transformation benötigt. Ein Kulturwandel muss her – eine Kultur des Vernetzens und Teilens von Wissen. Dies lässt sich nicht nur mit Druck von oben erzwingen. Das Spielerische setzt jedoch so viel Freude frei, dass das Teilen der Ideen wie von selbst erfolgt. Das gilt es für moderne Führungskräfte zu verstehen. Wer sich nicht spielerisch entwickelt reduziert sein Potenzial.

Schlägt das Bauchgefühl die Ratio also haushoch? Ja und nein. Damit die dargestellten Methoden auch wirklich fruchten und funktionieren, braucht es einen strategischen Moderator, sinnvoll formulierte Thesen und viel Erfahrungswissen, das – wenn auch über die Intuition erschließbar – im Kopf verankert ist. Dies bestätigt uns die Entscheidungsforschung: Im beruflichen Kontext ist das Bauchgefühl dem Kopf ebenbürtig. Und so sollte es auch eingesetzt werden. Isoliert führen uns weder Ratio noch Intuition zum Erfolg. Für eine kluge Strategie brauchen wir also beides: Kopf und Bauch. Das ist in Theorie nicht neu. Wir zeigen wie einfach und wirkungsvoll es umzusetzen ist.


Unser Gastautor

Stephan Grabmeier Stephan Grabmeier ist Chief Innovation Evangelist der Haufe-umantis AG und Gründer der Innovation Evangelist GmbH. Das Unternehmen begleitet Unternehmen und Vorstände auf deren Weg zur Digitalen Transformation, beim Upgrade ihres organisatorischen Betriebssystems und hilft ihnen, schneller zu innovieren. Ende 2015 wurde er zu den „40 führenden Köpfen des Personalwesens in Deutschland“ gewählt. Stephan Grabmeier arbeitet seit rund 18 Jahren am Design neuer Organisation, entwickelt Leadershipmodelle der Zukunft, coacht Vorstände auf dem Weg zum Next Enterprise und ist ein Vordenker für die Zukunft der Arbeit.

Schreibe einen Kommentar

Ähnliche Beiträge