Vom Produkt zum Ecosystem: Der Einstieg in die Plattform-Ökonomie

Vom Produkt zum Ecosystem: Der Einstieg in die Plattform-Ökonomie

von Bernhard Steimel 29. Juni 2017

Ein Auszug aus dem neuen Praxisleitfaden „Internet der Dinge“, der kostenlos zum Download zur Verfügung steht.


Die Unternehmen des Industriezeitalters haben Produkte verkauft – von ganz einfachen Dingen wie Eimern bis hin zu extrem komplizierten Geräten wie Autos. Wer auch heutzutage noch, zumindest in der westlichen Welt, in der Industrieproduktion bleiben will, muss sich wandeln – vom Hersteller einzelner Produkte zum wichtigen Knotenpunkt in einem eigenen Ecosystem. Letzteres ist ein Komplex aus smarten Produkten und Services, die sich untereinander ergänzen und in der Gesamtheit für die Kunden einen erheblichen Nutzen bringen. Dabei gehören zu einem modernen, digitalen Ecosystem auch andere Anbieter, die über Programmierschnittstellen (APIs) auf Teile des Microsystems zugreifen können und den Gesamtnutzen für die Anwender durch ihre eigenen Produkte und Services erweitern.

Smarte Produkte vernetzen und zu einem Ecosystem ausbauen

Ein interessantes Beispiel für die Entwicklung von einem Produktanbieter zu einem Anbieter im Rahmen eines Ecosystems ist der Landmaschinenhersteller Claas. Das 1913 gegründete Unternehmen ist Markt- und Technologieführer in der Erntetechnik und bietet darüber hinaus Traktoren sowie weitere Landwirtschaftstechnik wie Ballenpressen oder Heuwender an. Doch Claas hat sich von dieser noch stark an die traditionelle Industrieproduktion orientierten Beschreibung seiner Produktpalette inzwischen weit entfernt. Keimzelle für das Claas-Ecosystem ist ein Produkt, das bereits in seiner Urform sehr vielseitig ist: Der Traktor.

Claas hat sehr früh angefangen, seine Traktoren zu Smart Products auszubauen, etwa durch Bordcomputer, die Fahrdaten, Angaben über die bearbeiteten Flächen und ähnliche Statistiken anzeigen. Der nächste Schritt kam im Zeitalter des rasant wachsenden Mobilfunks: Traktoren als Smart Connected Products, die beispielsweise Angaben über die zu bearbeitenden Flächen sowie die auszubringenden Mengen an Saatgut oder Dünger über Mobilfunk erhalten. Dadurch ersparen sich die Landwirte komplizierte Briefings mit den Fahrern und können jederzeit nachweisen, wo welche Mengen an Dünger, Saatgut oder anderen Stoffen ausgebracht wurden.

Der nächste Schritt ist das Ecosystem: Es umfasst eine ganze Palette an vernetzten Fahrzeugen, die mit der Cloud verknüpft sind und mit ihr Daten austauschen. Dadurch können einerseits alle wichtigen Daten über Erntemengen usw. vom Landwirt jederzeit kontrolliert werden, andererseits ist eine präzise Steuerung der Fahrzeuge möglich. So werden Ladewagen genau dann zu den Mähdreschern geleitet, wenn der entsprechende Füllstand erreicht ist. Die Entwicklung des Ecosystems geht bis hin zu GPS-gesteuerten Assistenzsystemen, mit deren Hilfe mehrere Mähdrescher zentimetergenau nebeneinander fahren und mit höchster Effizienz ernten können.

Ecosysteme: Produkte, Software und Services

Eine ähnliche Entwicklung vom reinen Produkt zum Ecosystem hat beispielsweise Tesla Motors, der Hersteller von Elektroautos, vorangetrieben. Noch vor einem Jahrzehnt waren die meisten Autos reine Produkte, lediglich einige Premium-Hersteller haben smarte Produkte hergestellt, etwa Autos mit Bordcomputer und integrierten Navigationssystemen. Der nächste Schritt ist dann das Connected Car, das allerdings von den Traditionsherstellern bisher nur in Ansätzen verwirklicht worden ist. Tesla Motors jedoch ist sofort den Schritt zu einem Ecosystem gegangen. Es hat darin die einzige Chance gesehen, mit dem Model S in den Markt der Premiumfahrzeuge einzudringen.

Das Tesla-Ecosystem zeigt, dass nicht nur Software der Bestandteil ist, sondern auch ein smarter Service spezieller Art: Das von Tesla in eigener Regie aufgebaute Netz aus anfänglich kostenlosen Schnellladestationen in für die Reichweite des Tesla S geeigneten Abständen. Darüber hinaus trägt das Modell S selbst alle Merkmale eines modernen Smart Cars: Es ist umfassend vernetzt, kann mit einem Tablet-artigen Bordcomputer-Display bedient werden und erhält über Mobilfunk Software-Aktualisierungen, aber auch neue Funktionen wie beispielsweise die „Autopilot“ genannte Kollektion aus Assistenzsystemen.

Der Triebwerkshersteller Rolls-Royce hat ebenfalls ein Ecosystem aufgebaut,das die Turbinen durch hochmoderne Supportservices ergänzt. Das Unternehmen hat seine Triebwerke mit Sensoren aufgerüstet, die permanent Echtzeitdaten ermitteln und dadurch Aufschluss über den Status der Systeme geben. Ein Rechenzentrum wertet alle Daten aus und ermöglicht dadurch den frühzeitigen Austausch fehlerhafter oder abgenutzte Bauteile. Mithilfe von Vor-Ort-Serviceeinheiten können nun Techniker am jeweiligen Standort eines Flugzeuges die Teile entsprechend austauschen – auch wenn sich die Maschine nicht im Heimatflughafen befindet. Der Vorteil für die Betreiber: Die Wartungskosten sinken und gleichzeitig steigt die „Air Time“ der Flugzeuge. Rolls Royce erweitert sein Service-Ecosystem ständig, unter anderem durch neue Wege in der technischen Dokumentation, um den Ingenieuren die Wartung zu erleichtern. So wird für die neueren Triebwerke die Dokumentation weder gedruckt noch als PDF ausgeliefert, sondern in Form einer 3D-App auf dem iPad, sodass die Techniker sich schneller über die Lage von Bauteilen orientieren können.


Nächste Woche geht es weiter mit: IMPACT: Wie Smart Services Branchen verändert.

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