Wie Smart Services Branchen verändern

von Bernhard Steimel 3. Juli 2017

Ein Auszug aus dem neuen Praxisleitfaden „Internet der Dinge“, der kostenlos zum Download zur Verfügung steht.


Das Internet of Things (IoT) ist noch in einem frühen Stadium, wird aber in absehbarer Zeit eine größere Marktdurchdringung erreichen. Der Gartner Hype Cycle zeigt eine Reihe von Megatrends, die zurzeit die Diskussion über digitale Technologien bestimmen. Daran zeigt sich, dass Themen wie Social, Mobile und Cloud bereits sehr weit fortgeschritten sind und das „Plateau der Produktivität“ erreicht haben.

Wichtige Digitaltechnologien für Smart Services wie Artificial Intelligence haben diese Entwicklung allerdings noch vor sich: Es wird von ihnen sehr viel erwartet, aber es ist in weiten Teilen unklar, welche Teiltechnologien sich tatsächlich langfristig durchsetzen werden und zu belastbaren Geschäftsmodellen führen.

Wie Smart Services Branchen verändern

Auf der Welle des Hypes: Das IoT als lernender Markt

Angesichts der aktuellen technologischen Entwicklungen kann man davon ausgehen, dass beim Internet der Dinge das „Plateau der Produktivität“ erst in einigen Jahren erreicht wird. Trotzdem gibt es bereits sinnvolle Anwendungen, die produktiv eingesetzt werden können und sich deshalb verbreiten – allerdings zuerst nur bei privaten und gewerblichen Anwendern, die sehr stark an innovativen Technologien interessiert sind.

Nach der Diffusionstheorie von Rogers setzen sich technische Innovationen schrittweise durch. Sie erobern zunächst die sehr kleine Gruppe der Innovatoren, die sich stark von Neuerungen angezogen fühlen und auch unreife Produkte (als Betatester) gerne ausprobieren. Bei zunehmender Verbesserung der Produkte erweitert sich die Marktabdeckung auf Early Adopters, die früh die Vorteile einer neuen Technologie erkennen und sie nutzen wollen.

Genau diese Situation ist nun beim IoT erreicht. Der Massenmarkt ist noch nicht erobert, aber erste Vorreiter sammeln bereits Erfahrungen. Dazu gehören nicht nur die Nutzer, sondern auch die Hersteller und Anbieter. In dieser Phase werden wichtige Erkenntnisse über die Funktion und den Aufbau von smarten Produkten und Services gesammelt, die zu ihrer Verbesserung dienen. Kurz: Das IoT ist im Moment noch ein lernender Markt.

Wie Smart Services Branchen verändern

Early Adopter in allen Branchen

Viele Unternehmen beginnen im Moment, ihre Produkte zu smarten, vernetzten Produkten auszubauen. Dieser Prozess lässt sich am besten mit dem Begriff Smartification von Produkten und Services erfassen. Die Entwicklung ist noch am Anfang, aber es werden immer mehr intelligente Dinge miteinander vernetzt. Wer jetzt auf das Internet der Dinge setzt und dafür smarte Produkte und Services schafft, gehört zu den Early Adoptern: besonders innovationsfreudige Unternehmen, die frühzeitig die Bedeutung des IoT für ihre Geschäftsmodelle erkannt haben.

Ein erstes Merkmal der Smartification ist die gewachsene Datenmenge. Durch die heute verfügbaren Sensoren und Kleincomputer können Unternehmen deutlich mehr Daten ermitteln, als dies bisher der Fall war. Üblicherweise entstehen Daten in Unternehmen entlang der unterschiedlichen Prozesse, also beispielsweise beim Einkauf, im Vertrieb oder bei der Wartung. Durch die Smartification liefern nun auch die Produkte erstmals große Mengen an Daten, die üblicherweise in Zentralsysteme in der Cloud überführt werden.

Ein weiteres Merkmal der Smartification ist die enorme Transparenz. Die Unternehmen verfügen damit über Daten zu allen Merkmalen ihrer Kunden sowie Nutzungsweisen ihrer Produkte, die früher nur sehr umständlich und nur näherungsweise (Marktforschung) ermittelt werden konnten. Diese Transparenz ist eine gute Basis, um diese Produkte zu verbessern, die Kundenbedürfnisse deutlicher zu erkennen und ganz generell ein Ansatz der Customer Centricity zu verwirklichen. Bereits jetzt lassen sich die vielfältigen Möglichkeiten für alle Branchen erkennen.

Einer Studie von Kantar TNS (ehem. TNS Infratest) zufolge ist der Digitalisierungsfortschritt in Deutschland selbst in Branchen, die schon immer einen digitalen Charakter hatten, durchaus verbesserungsbedürftig. Zwar haben in den letzten beiden Jahren alle Branchen zugelegt, doch das Gros ist lediglich durchschnittlich digitalisiert. Schwierig für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland könnte es sein, dass landläufig als innovativ bekannte Kernbranchen wie Maschinenbau oder Fahrzeugbau sowie das sonstige verarbeitende Gewerbe hier eher schlecht wegkommen. Smarte Produkte und Services als Geschäftsmodell beginnen sich erst langsam durchzusetzen und werden nur von einigen Vorreitern in einer marktfähigen Version angeboten. Wegen ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit gehören einige Konzerne (u. a. Bosch, Continental, Siemens, Telekom) zu den ersten Anbietern und Nutzern von Smart Services. Der Mittelstand ist eher zurückhaltend, hat aber bereits mit der Aufholjagd begonnen. Angesichts der mindestens ein halbes Jahrzehnt andauernden Diskussion um den digitalen Wandel wäre hier etwas mehr Engagement gefragt.

Trotz der Zurückhaltung in Deutschland entwickelt sich das Internet der Dinge weltweit stark weiter. Während im Jahr 2015 etwa 15 Milliarden Produkte weltweit mit dem Internet verbunden waren, sollen es bis 2020 doppelt so viele sein. 50% der Smart Products haben ihren Ursprung derzeit in den Bereichen Consumer- und Haustechnik, 25% in Mobilitätsbranche und 20% im Industriesektor.

Diese Branchen gehören somit zu den Early Adoptern und nutzen die Potenziale des IoT. Es verändert aber auch Wirtschaftsbereiche, in denen digitale Technologien bisher eine untergeordnete Rolle spielten.

Die durch die Digitalisierung herbeigeführten Veränderungen hängen nach Deloitte im Wesentlichen von den zwei Faktoren Einflussstärke (ausgedrückt in Prozent des Wandels am bestehenden Geschäft) und Zeitverlauf ab. Dementsprechend lässt sich eine „Disruption Map“ erstellen, welche die Einflussfaktoren Zeitverlauf („Lunte) und Einflussstärke („Knall“) wiedergibt.

Vor allem Branchen im Feld „Kurze Lunte, großer Knall“ müssen sich in absehbarer Zeit einem hohen disruptiven Einfluss stellen. Die Digitalisierung führt zu sinkenden Markteintrittsbarrieren und erlaubt es zudem branchenfremden Unternehmen, bestehende Geschäftsmodelle infrage zu stellen. Dies ist eine existenzielle Gefährdung für etablierte Unternehmen.

Aus diesem Grund sehen sich Unternehmer mit der Frage konfrontiert, ob sie ihre eigene Firma oder die Branche, in welcher sie agieren, selbst disruptiv verändern müssen.

Dies bedeutet nicht, dass ihre bisherigen Stärken sowie ihre bestehenden Geschäftsmodelle komplett unbedeutend geworden sind. Vielmehr müssen sie die Voraussetzungen, die zum Erfolg beigetragen haben, nutzen … und den Akt der Wertschöpfung einer eingehenden Prüfung unterziehen. Hierbei werden dann neue Wertschöpfungspotenziale sowie Schwachstellen aufgedeckt. Auf dieser Basis kann die digitale Transformation vollzogen werden.


Nächste Woche geht es weiter mit: Wachstumspotenziale dank IoT: Smart Home & Building.

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