Neue Geschäftsmodelle mit Smart Mobility

Neue Geschäftsmodelle mit Smart Mobility

von Bernhard Steimel 25. September 2017

Ein Auszug aus dem neuen Praxisleitfaden „Internet der Dinge“, der kostenlos zum Download zur Verfügung steht.


Am Wirtschaftsstandort Deutschland nimmt seit Jahrzehnten die Automobilindustrie eine Schlüsselstellung ein. Neue Akteure betreten jedoch den Auto- und Mobilitäts-Markt: Produzenten von postfossilen Antriebssystemen oder Batterien, Energie- und IT- Anbieter. Alternative Antriebssysteme und fortschreitende IT-Integration in jeglichen Fortbewegungsmitteln verändern die Infrastruktur und führen zu veränderten Wertschöpfungsstrukturen. Zudem wird die Vernetzung im Mobilitätssektor voranschreiten. Der volkswirtschaftliche und persönliche Nutzen wird zunehmen durch Stauvermeidung, erhöhte Sicherheit und Umweltfreundlichkeit. Es lässt sich jedoch festhalten, dass Politik und Rechtsprechung überarbeitet werden müssen, um Smart Mobility zu ermöglichen. Vor allem Ride-Sharing-Modelle befinden sich momentan noch in rechtlichen Grauzonen.

Connected Cars oder die IoT-Autos

Neue Geschäftsmodelle mit Smart Mobility Nach McKinsey steht der weltweite Automobilmarkt vor einer fundamentalen Neuordnung. Durch die zunehmende Vernetzung der Automobile (Connected Cars) verschieben sich die Bedürfnisse der Nutzer. So kommt für 13 Prozent der Auto-Käufer ein Neufahrzeug ohne Internetzugang gar nicht mehr in Betracht. Das Auto als Statussymbol verliert dementsprechend an Bedeutung. Der Wert eines Automobils definiert sich vielmehr darüber, welche Vorteile die Technik bietet und ob es Anforderungen nach Vernetzung und Kommunikation zu erfüllen weiß. Wo früher Werte wie Drehmoment und PS eine wichtige Rolle beim Autokauf spielten, werden in Zukunft Angebote wie Echtzeit-Wartungsinformationen, ortsbasierte Empfehlungen, dynamische Stauprognosen oder Musikstreaming an Relevanz gewinnen und Kaufkriterien darstellen. 20 Prozent würden sogar die Automarke wechseln, sofern sich hierdurch bessere Connectivity böte. Erstaunlich für eine Branche, in der Markenloyalität bisher eine große Rolle spielte.

Drivelog Connect: Dein Auto verstehen

Wer sein Auto schon immer besser verstehen oder sich das leidige Führen eines Fahrtenbuches erleichtern wollte, findet mit Drivelog Connect von Bosch jetzt die passende kostenfreie App dafür. Um die App mit Daten zu füttern, benötigt man darüber hinaus den passenden Connector für den OBD-Steckplatz (On-Board-Diagnose) im Auto. Der befindet sich meist links neben den Pedalen. Hat man den Steckplatz gefunden, lässt sich der Connector ganz einfach platzieren. Dann kann die App am Smartphone gestartet und via Bluetooth die Verbindung zum Connector hergestellt werden. Wenn die Verbindung steht, startet die App automatisch mit der Erkennung des Fahrzeuges. Der Drivelog Connector kann nun die vorhandenen Fahrzeugdaten in Echtzeit an das Smartphone weiterleiten und dort Statistiken anzeigen, ein Fahrtenbuch führen oder Fehlercodes entschlüsseln.

Für Automobilhersteller entstehen somit neue Geschäftsmodelle, z.B. um ihren Anteil am Wartungs- und Reparaturmarkt zu erhöhen oder um personalisierte Versicherungsangebote unterbreiten zu können. Dies bedarf jedoch neuer, digitaler Kompetenzen. Zudem werden auch hier die Branchengrenzen verschwimmen und branchenfremde Unternehmen aus der Net Economy in den Markt drängen. Kooperationen können fruchtbar, jedoch besteht für etablierte Automobilhersteller die Gefahr, dass sie sich Software-seitig zu sehr von digitalen Unternehmen abhängig machen. Vielmehr können die Zulieferer selbst an Kompetenzen gewinnen und ebenso zu Autoproduzenten werden.

Für Automobilhersteller ist es daher nach Aussage von McKinsey entscheidend, an den folgenden drei kritischen Punkten die Kontrolle zu bewahren:

  • HMI (Human-Machine Interface): Die Interfaces im Auto können ein Alleinstellungsmerkmal darstellen (bspw. Projektionen auf Windschutzscheiben etc.) und besonders intuitive, sichere und komfortabel zu bedienende Interfaces somit zu Wettbewerbsvorteilen führen.
  • Echtzeit-Fahrzeugdaten: Big Data stellen die Grundlage für Versicherungs- und Wartungsleistungen sowie weitere Dienste dar. Automobilhersteller müssen die Sicherheit sowie die Kontrolle über diese Daten bewahren.
  • Geoinformationen in Echtzeit: Aktuelle Daten zur Verkehrslage, Warnung vor Glatteis und ortsspezifische Dienste werden über diese Art von Daten realisiert und können mit den Echtzeit-Fahrzeug-Daten kombiniert werden.

Wie bereits erwähnt, wird sich der Wert eines Automobils in Zukunft vor allem über digitale Anforderungen definieren, bspw. welche Vernetzungsfähigkeiten hinsichtlich anderer IoT-Services existieren. Aber auch das Fahrzeug selbst kann dank IoT-Technik effizienter genutzt werden und zudem die Verkehrssicherheit erhöhen. Beim Connected Car spielen einmal mehr Sensoren eine entscheidende Rolle. Diese können vom Reifendruck über die Abnutzung der Bremsbeläge nahezu alle technischen Daten messen.

Michelin – Bezahlung nach Verbrauch bei Lkw-Reifen

Michelin nutzt die Daten aus Sensoren in Lkws, um gleich zwei neue Geschäftsmodelle umzusetzen: Sie bieten zum einen Logistikern eine verbrauchsbasierte Bezahlung für Reifen auf Basis gefahrener Kilometer an. Zusätzlich erhalten Fahrer Empfehlungen für die Anpassung ihres Fahrverhaltens zur Senkung des Spritverbrauchs auf Basis von „Fuel Analytics“, welche mit Telemetriedaten gespeist werden. Im Gegenzug bindet sich der Kunde für vier Jahre an Michelin.

Die gesammelten Daten können nicht nur dem Fahrer unmittelbares Feedback während der Fahrt geben, sondern vielmehr in die Cloud geladen werden und dem Automobilhersteller wertvolle Einsichten liefern, welche wiederum die Gestaltung personalisierter Angebote ermöglichen. Sofern auch externe Unternehmen auf die Daten zugreifen dürfen, können diese während der Fahrt zudem kontextbezogene Angebote machen (Location-Based- Marketing).

Tesla – Neue Funktionen und mehr PS per Funk

Ein Beispiel für ein Connected Car ist das Elektroauto „Tesla S“. Der Hersteller nutzt die Konnektivität der Fahrzeuge, um Werkstattbesuche überflüssig zu machen. Jedes Fahrzeug von Tesla ist über eine mobile Breitbandverbindung mit dem Internet verbunden. Tesla kann über diese Verbindung das Fahrzeug überwachen und Fehler diagnostizieren. Software-Updates lassen sich somit direkt per „Over The Air“-Updates (OTA-Updates) einspielen, ohne eine Werkstatt besuchen zu müssen.

Mercedes-Benz F015 Luxury

Zugegeben, es klingt noch wie Zukunftsmusik, was sich Mercedes für sein neues, autonom fahrendes Forschungsfahrzeug „ F015 Luxury“ ausgedacht hat. Man merkt aber an dem Szenario, wie Autos in das zukünftige mobile Leben integriert werden können: Es wird weit über seine Mobilitätsfunktion hinaus privater Rückzugsraum sein und einen wichtigen Mehrwert für die Allgemeinheit bieten.

Dr. Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG und Leiter Mercedes-BenzC ars hierzu: „Das Auto wächst über seine Rolle als Transportmittel hinaus und wird endgültig zum mobilen Lebensraum.“ Der innovative Viersitzer „F015 Luxury“ ist hierbei Vorbote einer Mobilitätsrevolution und verbindet sich mit der Vision einer „Stadt der Zukunft 2030+“: Autonomes Fahren ist selbstverständlich und funktioniert technisch zuverlässig. Da das autonome Fahrzeug den Fahrer in Situationen entlastet, in denen Fahren wenig Spaß macht, wie im dichten Verkehr, kann die neu gewonnene Zeit unterwegs effizienter genutzt werden. Eine zentrale Idee des Forschungsfahrzeugs ist ein kontinuierlicher Informationsaustausch zwischen Fahrzeug, Passagieren und Außenwelt. Es handelt sich also um ein echtes „Connected Car.“

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