Blockchain: Wenn Verträge smart werden

Blockchain: Wenn Verträge smart werden

von Bernhard Steimel 16. Oktober 2017

Ein Beitrag von Ingo Steinhaus und Bernhard Steimel

Das Thema Blockchain sorgt für Aufsehen, denn die neuartige Datenbank-Technologie hat großes Potenzial. Sie kann geschäftliche Transaktionen revisionssicher speichern und jederzeit nachvollziehbar machen, Geschäftspartner rechtsgültig identifizieren und die Ausführung vertraglicher Rahmenbedingungen überwachen. Dadurch werden zahlreiche Geschäftsszenarien deutlich kostengünstiger, da die beteiligten „Mittelsmänner“ wie Rechtsanwälte oder Banken nicht mehr benötigt werden.

Zum Beispiel Eigentumsübertragungen bei Immobilien: Bisher müssen die entsprechenden Verträge notariell beglaubigt werden, um eine spätere illegale Veränderung der Vertragsbedingungen auszuschließen. Die Blockchain kennt technische Mittel, um diese notarielle Beglaubigung zu ersetzen. Dabei wird der Vertrag in der Blockchain vor Veränderung geschützt und zudem garantiert das gesamte Netzwerk aus Datenbankservern für die Korrektheit der Transaktionen.

Somit hat die Blockchain das Potenzial, bisherige Verfahren zur Authentifizierung von Personen und zu Echtheitsbeweisen von rechtlich relevanten Dokumenten aller Art zu ersetzen.

Im Internet der Dinge überwachen Smart Contracts die Vertragserfüllung

Darüber hinaus wird die Blockchain zur Grundlage von Smart Contracts. Sie sind beispielsweise mit einem Gerät verknüpft und überwachen die Vertragserfüllung, etwa das Leasing eines Autos. Ein Gerät im Wagen überprüft, ob die jeweils letzte Rate bezahlt ist. Wenn nein, verweigert es den Start des Motors.

Vor allem im Internet der Dinge gibt es zahlreiche potentielle Anwendungen für Smart Contracts. Die Blockchain erlaubt die Erweiterung von Smart Devices zu unabhängigen Agenten, die autonom eine Vielzahl an Transaktionen ausführen. So könnte beispielsweise ein Verkaufsautomat auf Blockchain-Basis anhand des Abverkaufs bestimmte Produkte ordern oder auslisten und sowohl Lieferung als auch die Bezahlung der Waren rechtsgültig abwickeln. Auf der Basis solcher grundlegenden Anwendungen lässt sich die Technologie in vielen Bereichen einsetzen.

Anwendungen und Projekte von A-Z

Es gibt inzwischen eine Vielzahl an Blockchain-Projekten, einige Experten sprechen von mehr als 1.800 Projekten weltweit. Sie sind keine Spezialität von Startups, auch die meisten Großunternehmen und Konzerne experimentieren ernsthaft mit der Technologie. Einige ausgewählte Projekte werden hier vorgestellt:

Bildung

Schulen und Universitäten können mit der Blockchain Authentifizierungsdaten rund um Zeugnisse, Studienbücher und -abschlüsse vertraulich speichern. Die Open-Source-Initiative Blockcerts entwickelt ein Framework, mit dem Blockchain-basierte Zertifikate für Universitäten und Institution in der beruflichen Weiterbildung gestaltet werden können. Dabei dient eine mobile App als Blockcerts-Wallet, dass die einzelnen „Zeugnisse“ sammelt.

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Handel

Die Blockchain erlaubt sichere und vertrauenswürdige Marktplätze nach dem Peer-To-Peer-Prinzip inklusive der Zahlungsabwicklung. OpenBazaar ist ein dezentraler Marktplatz, der auf dem Rechner eines Käufers/Verkäufers installiert wird. Es gibt keine zentralen Cloudserver und keine intermediären Handelsplattformen. Käufer und Verkäufer finden nach dem Peer2Peer-Prinzip direkt zueinander. Bezahlt wird in Bitcoin und anderen Krypto-Währungen.

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Industrie

Mit der Blockchain können Produktionsdaten für den 3D-Druck vertrauenswürdig ausgetauscht werden, so dass die Einhaltung einer vereinbarten Produktionsmenge überwacht werden kann. In einem Projekt des Bundeswirtschaftsministeriums entwickelt die Prostep AG unter dem Namen SAMPL eine Sicherheitslösung für den 3D-Druck. Damit werden Druckvorgänge mit Lizenzvergaben in der Blockchain abgesichert. Zudem kann anhand einer in die gedruckten Objekte integrierten RFID-Komponente Original von Fälschung oder einem unrechtmäßigen Ausdruck unterschieden werden.

Lebensmittel

Lieferungen können mit der Blockchain überwacht werden, mit genauer Aufzeichnung von Herkunft, Verpackung, Lagertemperaturen, Weiterverarbeitung und Auslieferungsdatum. Das Startup AgriDigital entwickelt zusammen mit der australischen Getreide-Kooperative CBH Group eine Lösung, mit deren Hilfe Ursprung und Qualität des Getreides nachverfolgt werden kann. Die für potentielle Käufer leicht einsehbaren Blockchain-Daten sollen das Vertrauen erhöhen und dadurch die Absatzzahlen steigern.

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Medizin

Gesundheitsdaten können verschlüsselt und fälschungssicher in der Blockchain gespeichert werden, sodass Ärzte, aber auch die Patienten selbst komfortabel darauf zugreifen können. Der US-Bundesstaat Illinois will zusammen mit dem Startup Hashed Health die Vergabe und Verwaltung von medizinischen Lizenzen neu zu organisieren. Dabei werden das Lizenzregister und die Berechtigungsprüfungen automatisch mit Smart Contracts abgewickelt.

Recht

Intelligente Verträge („Smart Contract“) verfolgen zum Beispiel Eigentumsübertragungen oder Warenlieferungen und können Vertragsverstöße ohne anwaltliche Intervention sanktionieren. Die Bank of Tokoyo und IBM entwickeln gemeinsam ein System für Smart Contracts. Dabei soll die Effizienz und Zurechenbarkeit von Service Level Agreements bei geschäftlichen Transaktionen zwischen mehreren Geschäftspartnern mit einer Blockchain überwacht werden.

Reise und Unterkunft

Reisende können beispielsweise eine genau ihnen zugeordnete Reise-ID in der Blockchain speichern, die die dann unterschiedliche Reisedokumente ersetzt. Der australische Reiseveranstalter Webjet wickelt in einem Pilotprojekt Reisebuchungen mit einem Blockchain-basierten System ab. Die Lösung soll vor allen Dingen das Risiko von Buchungsfehlern und Betrugsversuchen verringern und den Bezahlprozess vereinfachen.

Strom

Die Stromlieferungen verschiedener Energieversorger untereinander können mithilfe der Blockchain dezentral organisiert sie hat und automatisiert werden. Vattenfall Business Area Markets hat – zusammen mit 25 anderen Unternehmen – eine Blockchain-Machbarkeitsstudie gestartet. Ziel ist die Automatisierung des Energiehandels, der für alle Beteiligten einen hohen Transaktionsaufwand hat.

Supply Chain

Mit einem verteilt gespeicherten Hauptbuch („Distributed Ledger“) verschaffen sich alle an einer Lieferkette beteiligten Unternehmen den Einblick in den Fortschritt von Lieferungen und Bestellungen. Das Startup Bloq will Supply Chain Management effizienter und schneller machen. Alle Daten, die im Verlauf einer Lieferkette entstehen, werden automatisiert in eine Blockchain-Plattform eingespeist und bilden eine Garantie für den sicheren Transport.

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Versicherungen

Autonome Fahrzeuge und andere Smart Devices können Statusmeldungen abgesichert via Blockchain an Versicherungsunternehmen senden. Dadurch entfallen Kosten für die Überprüfung der Gültigkeit der Daten. Die Allianz Risk Transfer (ART) hat erfolgreich Smart Contracts bei der Durchführung eines Naturkatastrophen-Swaps getestet. Der Testlauf demonstriert, dass die Blockchain-Technologie die Abwicklung von Transaktions- und Zahlungsprozessen zwischen Versicherern deutlich beschleunigt und vereinfacht.

Verwaltungen

Die Blockchain bietet Möglichkeiten, bestimmte staatliche Register wie beispielsweise das Grundbuch durch Software zu ersetzen. Ab dem Frühjahr 2018 testet die japanische Regierung ein System zur Verwaltung staatlicher Ausschreibungen mit einem Volumen von 600 Milliarden US-Dollar. Im Rahmen eines Bieterverfahrens werden alle Daten in einer Blockchain gespeichert und dann automatisch ausgewertet.

Zahlungsverkehr

Die Blockchain hat das Potenzial, den Zahlungsverkehr direkt zwischen den Beteiligten abzuwickeln, ohne dass eine Bank im herkömmlichen Sinne aktiv werden muss. Das 2015 gegründete Startup Bitwala ist einer der größten Bitcoin-Zahlungsanbieter in Deutschland. Auf Grundlage der Blockchain gibt es bei dem Unternehmen ein Bankkonto, mit dem Überweisungen in 20 Währungen und 180 Ländern schnell und günstig abgewickelt werden können.


Unser Co-Autor

Ingo Steinhaus arbeitet seit mehr als 20 Jahren als selbständiger Autor für Print- und Onlinemedien. Zu seinen thematischen Interessen gehören neben IKT und Business-IT auch Organisations-Soziologie, Management, Entrepreneurship, Innovation, digitale Transformation, Industrie 4.0 und Künstliche Intelligenz.

Zurzeit veröffentlicht er regelmäßig in den Magazinen Mobile Business, IT-Director, Business Impact und „CEDO – Chefsache Digitale Transformation“ sowie auf it-zoom.de.

Daneben ist ihm auch die Perspektive des Endanwenders geläufig, unter anderem durch die Arbeit als Chefredakteur für die zwei Anwendermagazine „Word im Griff“ und „Excel im Griff“ (Trendverlag, Buggingen) sowie als Autor von zahlreichen Computerbüchern.

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