Raus aus dem Büro, ab ins Innovation Lab

von Bernhard Steimel 26. Februar 2018

Ein Auszug aus dem neuen Praxisleitfaden „Internet der Dinge“, der kostenlos zum Download zur Verfügung steht.


Viele Unternehmen nutzen zur Entwicklung von smarten Produkten und Services externe Innovationswerkstätten oder Digital Labs. Sie binden stärker als bisher die Organisation mitsamt der Stakeholder und Mitarbeiter ein. Darüber hinaus geht es hier um den Kontakt mit oder den Aufbau von Startups. Statt sich mit den Kunden in abgeschottete Entwicklungszentren für Innovationen zurückzuziehen, bauen die Unternehmen Netzwerkstrukturen und Ecosysteme.

Die Unternehmensberatung Hyve aus München ist besonders aktiv bei sogenannter Open Innovation, die Innovationsprozesse über eine Plattform für externe Innovatoren wie beispielsweise Stakeholder oder Kunden öffnet. Unter anderem empfiehlt sie Unternehmen in der digitalen Transformation und auf der Suche nach einem digitalen Geschäftsmodell Innovation Labs, um sich für eine gewisse Zeit mit digitaler Innovation zu beschäftigen.

Grundsätzlich bedeutet dies: Ein Team zieht sich von der normalen täglichen Arbeit zurück und kommt für sechs bis zwölf Wochen in das Lab innerhalb der Geschäftsräume von Hyve. Auf der Reise der Innovation probieren die Berater mit dem Kundenteam Methoden und neue Formate aus und lernen das Projektmanagement in einer agilen Vorgehensweise. Dabei ist es wichtig, die Schnittstelle zum Unternehmen sicherzustellen, damit die Erfahrungen aus dem Lab in die Organisation zurückfließen und das Top-Management eingebunden ist.

Raus aus dem Büro, ab ins Innovation Lab

„In einigen Formaten ist es zwingend vorgesehen, dass ein Vorstand einmal pro Woche ins Lab kommt, sein Jackett vor der Tür auszieht, die Ärmel hochkrempelt und mitarbeitet.“ (Giordano Koch von Hyve im Smarter Service Talk)

Der Innovationsprozess in einem Lab

Ein Lab braucht relativ viel Vorlaufzeit. Die Berater müssen das Top-Management involvieren und die richtigen Fragestellungen finden. Die Teammitglieder müssen freigestellt werden und auch die richtigen Skills mitbringen. Denn es sollten vor allem die Mitarbeiter weitergebildet werden, die die Organisation in diesen Formaten auch voranbringen können. Der Prozess selbst ist ein Dreiklang aus Learn, Ideate und Prototype.

Dies entspricht den Kerndisziplinen der Innovation. Wichtig sind die in der Abbildung im unteren Bereich dargestellten blauen Pfeile. Hier geht es neben dem Projektmanagement um die Datenperspektive. Von der ersten bis zur dritten Phase müssen die Kundenbedürfnisse beachtet werden und zudem muss es eine datengetriebene Validierung geben. Auch wenn es weitergeht in die Innovation-Factory, in die Vorentwicklung und tatsächliche Umsetzung, bleibt diese Datenperspektive wichtig.

Gleiches gilt für die Digitalperspektive: Es macht keinen Sinn, ein physikalisches Produkt zu entwickeln und einen digitalen Layer darauf zu setzen. Umgekehrt macht es auch keinen Sinn, ein digitales Produkt oder einen Service zu entwickeln und sich erst später um die Hardware zu kümmern. Stattdessen geht es um integriertes Denken und darum, die User Journey durchgängig zu designen.

Es ist eine Herausforderung für Unternehmen, neben dem physischen Produkt und der digitalen Innovation auch über ein neues Business-Modell nachzudenken. Während der Entwicklung eines Smart Services muss ständig geprüft werden, welche Auswirkungen es auf den Service, die App und das physische Produkt hat. Der Prozess wird dadurch komplex und auch fragil.

Im Prozess ist es deshalb Pflicht, die Methoden sauber einzusetzen. Die Kür ist eine sinnvolle Verknüpfung von Querschnittsfunktionen wie Data, Digital, Design, Business-Model und Kundenperspektive. Diese Perspektiven müssen das Endprodukt befruchten. Das Business-Modell darf am Ende kein Show-Stopper oder gar Totschlagargument sein. Umgekehrt darf ein interessantes Geschäftsszenario nicht in einem langweiligen Produkt enden. Alle Dimensionen müssen im Entwicklungsprozess immer wieder abgestimmt und getestet werden. So kann das Unternehmen sicherstellen, dass Veränderungen beispielsweise im Business-Case auch in den digitalen oder physischen Layer eingebracht werden.

„Das ist für ein Unternehmen die neue Waffe nach dem Schwert. Wenn es die Digitalisierung beherrscht und nicht zu einer Quersubvention verkommen lässt, hat es seine neue Waffe im Kontext von Innovation identifiziert. Dann kann es mit neuen Produkten und Services letztlich auch Geld verdienen.“ (Giordano Koch von Hyve im Smarter Service Talk)

Die Entwicklungsprozesse sind besonders erfolgreich, wenn sowohl das Top-Management als auch Kollegen der Teammitglieder in Ideation und Testing eingebunden sind. Wird das richtige Thema mit den richtigen Leuten verknüpft und am Ende die Perspektive mit dem Management, können hervorragende Smart Services entstehen.

Ein Beispiel: Pro Team konnte Hyve in Workshop-Formaten mit Hypo- Vereinsbank (HVB)-Mitarbeitern und externen Anwendern 20 bis 30 Grobkonzepte und daraus zwei bis drei Prototypen entwickeln. Am Ende wurde darüber diskutiert, wie viele Ressourcen die HVB zur Verfügung hat, um die Ideen umzusetzen – ein Luxusproblem. Zahlreiche Unternehmen sind froh, wenn sie auch nur eine Idee umsetzen können. Durch das Startup-nahe Denken haben einige Mitarbeiter aus den Teams in der Bank alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit die in den Labs entstandenen „Babys“ tatsächlich zu Produkten heranwachsen.

Emotionstelefone aus der Denkwerkstatt

Denkwerk zählt zu den führenden Digitalagenturen Deutschlands und beschäftigt sich bereits seit Jahren mit dem Thema Internet of Things. In ihrer Denkwerkstatt kann die Agentur jede Hardware selbst herstellen, die sie für ihre Digitalideen braucht, die aber oft nicht auf dem Markt angeboten werden. Wie in einer klassischen Abteilung für Forschung und Entwicklung agiert das Unternehmen ohne Kundenauftrag. Es handelt sich dabei im Grunde um interne Trainings, um zukünftige Dinge vorausdenken zu können. „Wenn IoT auch im B2C-Umfeld massentauglich geworden ist, wollen wir nicht erst anfangen nachzudenken, sondern schon einen Schritt weiter sein“, kommentiert Marco Zingler, der Geschäftsführer der Digitalagentur Denkwerk.

Weil die Mitarbeiter von Denkwerk häufig miteinander telefonieren und sich per Videokonferenz verbinden, kamen sie auf die Idee, ein spezielles Konferenztelefon zu bauen: den Teye. Er kann zu den Worten, die er hört beziehungsweise überträgt, das passende Gesicht als Emoticon darstellen. Das gelingt über eine eingebaute Spracherkennung. Die Schlüsselworte sind bestimmten Stimmungen zugeordnet und die wiederum entscheiden über das Gesicht von Teye – das dann ähnlich aussieht wie ein Emoticon bei WhatsApp. Das Gerät ermöglicht eine emotionale Kommunikation ohne Bildübertragung. Zugleich ist das Telefon aus Holz mit einer sehr schönen Oberfläche ausgestattet. Als Denkwerk sein Konferenztelefon im Internet vorstellte und den Source Code veröffentlichte, kamen sehr viele Anfragen von Interessenten, die den Teye kaufen wollten. Obwohl es für die Agentur ein reines Forschungs- und Entwicklungsprojekt war, ist das Unternehmen in Gesprächen mit einer Firma aus Indonesien, die eine Serienproduktion erwägt.

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