Ein symmetrischer Schock trifft die Weltwirtschaft

Ein symmetrischer Schock trifft die Weltwirtschaft

von Bernhard Steimel 14. Mai 2020

Die Corona-Krise ist für die ganze Welt ein gigantischer Schock, vergleichbar mit dem Einschlag eines riesigen Meteoriten. Die Folgen für Unternehmen sind extrem: Märkte brechen zusammen, Firmen verlieren Umsätze, die Mitarbeiter müssen in Kurzarbeit oder dürfen nur zu Hause arbeiten.

Die Seismographen des Einschlags

Der S&P500 am 15. März 2020

Nach dem „Corona-Einschlag“ Mitte März 2020 zeigten die Seismografen der Börse direkt und sehr deutlich seine verheerende Wirkung. Einen Monat nach dem Rekordhoch (13.795 Punkte) stürzte der DAX in nur einer Woche um gut 40 Prozent auf den Fünf-Jahres-Tiefststand von 8.396 Punkten. Nie zuvor in seiner Geschichte ging es für den deutschen Leitindex so schnell und drastisch bergab. Auch der Dow Jones stürzte um insgesamt 15 Prozent ab.

Ein Blick auf den S&P500 am 15. März 2020 zeigt die Spitzen der Wirtschaft überwiegend rot und röter – mit nur wenigen grünen Ausnahmen bei Digitalunternehmen. Zwar gab es in den Folgewochen eine kurze Erholung, doch die Börsenkurse sind auch weiterhin sehr volatil. Die gesamte wirtschaftliche Lage ist derart unsicher, dass eine nachhaltige Erholung im Moment unwahrscheinlich ist.

Konsumzurückhaltung und veränderte Mediennutzung

Die Unsicherheit wirkt sich auf das gesamte Wirtschaftsgeschehen aus. Hinzu kommen die Ausgangsbeschränkungen und der Lockdown vieler Branchen. Zwei Entwicklungen stechen heraus: Die Konsumenten halten sich stark zurück und die Mediennutzung hat sich enorm verändert.

Nachrichtenangebote aller Art, vor allem aber zu Corona, verzeichnen einen immensen Zulauf. So sind bei einigen Anbietern die Online-Zugriffe um 35 Prozent gestiegen. Da die Verbraucher den Großteil ihres Privatlebens in der Wohnung gestalten müssen, ist der Anteil des Videostreamings am Datenverkehr im Internet signifikant gestiegen. Nach Angaben einiger großer Provider belegten Videos zeitweise mehr als 70 Prozent der Kapazität.

Die Streaming-Anbieter mussten die Sendeauflösung verringern, um das Netz nicht über Gebühr zu belasten.

Die Unsicherheit über die Lage und die zukünftige Entwicklung ist groß. Laut einer Untersuchung von McKinsey machen sich mehr als die Hälfte der Deutschen Sorgen über die Länge der Pandemie, ihre Auswirkungen, die Entwicklung der Wirtschaft und die Sicherheit ihrer Familie. Die Folge: Viele halten sich mit dem Konsum zurück. Ein Drittel der von McKinsey befragten Personen wollen Ausgaben auf jeden Fall senken und gut die Hälfte erwägt dies zumindest.

Die Konsumfreude ist gesunken, mit zwei Ausnahmen: Lebensmittel und Heimunterhaltung (Quelle)

Praktisch alle Sektoren sind von dieser Konsumzurückhaltung betroffen, lediglich Lebensmittel werden verstärkt geordert sowie Heimunterhaltung à la Netflix. Nicht geändert hat sich eine Eigenheit des deutschen Marktes: Dinge des täglichen Bedarfs werden auch in der Krise vorzugsweise offline beschafft. Eine Analyse unterschiedlicher Produktkategorien ergab, dass lediglich Spielwaren und Unterhaltungsprodukte verstärkt online bestellt werden.

Der E-Commerce wächst in Deutschland langsamer als anderswo, doch die Corona-Krise brachte einen deutlichen Schub. So musste Amazon Deutschland seine Logistikprozesse ändern, um die stark angewachsenen Bestellungen zu erfüllen. Seltener gewünschte Produkte werden in der Auslieferung zurückgestellt, ein für Amazon sehr ungewöhnliches Vorgehen.

Besonders deutlich sichtbar ist dieser Online-Trend in China, das viel früher und stärker vom wirtschaftlichen Lockdown betroffen war. Trotz der im Vergleich mit Europa stärkeren Digitalisierung des Alltags ist das Interesse an Online-Dienstleistungen noch weiter gestiegen. So haben ein Drittel der Befragten in einer Studie der Brand-Agentur [m Studio erstmals Online-Lernkurse absolviert, ein Viertel erstmals Online-Entertainment (Streaming und Games) genutzt und fast 20 Prozent die Vor- teile des Online-Shoppings entdeckt.

Szenarien als Basis wirtschaftlicher Entscheidungen

Bereits diese Einblicke zeigen, dass die Corona-Krise eine Wirkung hat, die durchaus mit dem Einschlag eines Meteoriten verglichen werden kann. Sie ist noch nicht vorbei und wird nach aktuellem Wissensstand voraussichtlich das ganze Jahr 2020 mehr oder weniger stark bestimmen. Ob langfristig wirksame, strukturelle Schäden an der Wirtschaft entstehen, hängt im Wesentlichen von zwei Aspekten ab:

  • Erstens von den gesundheitspolitischen Maßnahmen zur Eindämmung von Covid 19, also der Länge des Lockdowns und der Ausgangsbeschränkungen.
  • Zweitens von den wirtschaftspolitischen Interventionen, mit denen die übelsten Folgen der Corona-Krise aufgefangen werden. Beides liegt für Unternehmen außerhalb ihrer Handlungsoptionen und sorgt für dauernde Unsicherheit.

Trotzdem müssen Unternehmen jetzt Entscheidungen treffen, um ihre wirtschaftliche Basis zu erhalten und sich für den „Wiederaufbau“ nach der Krise zu rüsten. Eine wichtige Grundlage für diese wirtschaftlichen Entscheidungen sind Szenarien.

Die Analyse erfordert einen Blick auf Tiefe, Dauer und Erholungsmuster der Krise

Entscheidend für solche Analysen sind Tiefe und Dauer des Einschlags sowie die Art der Erholung. Dazu müssen verschiedene Indikatoren herangezogen und dauerhaft überwacht werden. Beispiele sind die Anzahl der gemeldeten Kurzarbeiter, der Investitionsgüter-Index, die Volatilität im Aktien- markt und die Erfahrungen von Volkswirtschaften, die von der Pandemie besonders frühzeitig betroffen waren – allen voran China.

Bei wirtschaftlichen Krisen gehen die Ökonomen von drei verschiedenen Szenarien aus. Das V-Szenario bedeutet: tiefer Einschlag, schnelle Erholung. Beim U-Szenario folgt auf die länger dauernde Wirtschaftskrise eine mehr oder weniger starke Erholung mit Erreichen des alten Niveaus. Das L-Szenario ist das negative: Die Wirtschaft erholt sich über einen langen Zeitraum nicht und bleibt auf einem sehr niedrigen Niveau.

Viele Analysten attestieren China ein V-Szenario. Die Volksrepublik hat ungefähr 2,5 Monate gebraucht, um die Wirtschaft wieder zu stabilisieren und einen großen Teil der Einschränkungen abzuschaffen. Doch allzu viel Optimismus verbietet sich, denn auch in China gab es einen enormen wirtschaftlichen Schaden. Außerdem hat es mit dem Neustart seiner Wirtschaft begonnen, als die bisher üblichen Exportkunden vom Corona-Einschlag getroffen waren.

Das Sondergutachten der Wirtschaftsweisen vom 30. März 2020 prognostiziert für Deutschland einen V-Verlauf, doch es wirkt angesichts der aktuellen Entwicklungen zu optimistisch. So ist für Deutschland eher ein U-Szenario mit einer vergleichsweise breiten zeitlichen Streckung bis in den Herbst 2020 realistisch.

Erst wenn die Neuinfektionsraten gering sind, kann die Wirtschaft neu starten (Quelle)

Wir stehen vor einer ungewöhnlich starken Rezession

Best-Case-Szenarien sind in Krisensituationen nicht hilfreich und erweisen sich häufig als Wunschdenken. Der Schweregrad der Rezession ist eine Funktion der Dauer des Lockdowns: Je länger die Einschränkungen andauern, desto dramatischer sind die wirtschaftlichen Auswirkungen.

Umsätze drohen massiv einzubrechen

Bundesweit befinden sich Unternehmen in einer kritischen Lage. Für eine Reihe von Betrieben stellt sich bereits jetzt die Existenzfrage. Für das Gesamtjahr 2020 rechnen nach einer DIHK Blitzumfrage von Ende März mehr als 80 Prozent der Unternehmen mit Umsatzeinbrüchen. Mehr als jedes vierte Unternehmen geht sogar davon aus, in diesem Jahr Umsatzrückgänge von mehr als 50 Prozent beklagen zu müssen.

Die Dramatik der Krise zeigt sich daran, dass vier von zehn Unternehmen schon jetzt über Liquiditätsengpässe berichten und sich bereits Ende März 18 Prozent der Unternehmen angesichts der Corona-Krise von einer Insolvenz bedroht fühlen.

Kurz: Ausmaß und Geschwindigkeit des wirtschaftlichen Zusammenbruchs sind beispiellos. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht vom stärksten wirtschaftlichen Abschwung seit der großen Depression 1929/30 aus.

Die globale Wirtschaft wird nach seiner Analyse 2020 um drei Prozent schrumpfen. In den Industriestaaten soll die Schrumpfung sogar mehr als sechs Prozent betragen. Zum Vergleich: Die Finanzkrise 2008/09 hat die Wirtschaft des gesamten Planeten um lediglich 0,1 Prozent schrumpfen lassen.

Immerhin gibt der IWF für das Jahr 2021 eine leicht optimistische Prognose ab. Das globale Wachstum werde dann 5,8 Prozent betragen – sofern die Pandemie in der zweiten Jahreshälfte 2020 erfolgreich eingedämmt wird und die politischen Maßnahmen zur Stützung der Wirtschaft wirksam sind. Trotzdem wird weltweit ein erheblicher Wohlstandsverlust entstehen. Der IWF geht für 2020/21 von neun Billionen Dollar aus, mehr als die Wirtschaftskraft Japans und Deutschlands zusammen. (Quelle)

80 Prozent der deutschen Unternehmen erwarten Umsatzverluste (Quelle)

Das ist ein Auszug aus unserer neue Studie: Trendbook Smarter Enterprise – X-Mal schneller aus der Krise. Die Studie steht ab sofort zum Download bereit.

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