Mehr Nachhaltigkeit wagen. Das Zielbild des Wirtschaftsministeriums

von Ingo Steinhaus
24. März 2022

Technologieführerschaft bei CO2-neutralen Produktionsverfahren und klimafreundlichen Produkten zu ermöglichen, muss im Fokus der Wirtschaftspolitik stehen, sagt Dr. Philipp Steinberg, Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik und Koordinator für Nachhaltigkeit im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK). Dafür ist ein klarer Ordnungsrahmen notwendig.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem „Trendbook Nachhaltigkeit mit Digitalisierung“. Einen Überblick über den Inhalt gibt der Artikel Nachhaltigkeit mit Digitalisierung beschleunigen. Sie können das Trendbook außerdem direkt kostenlos herunterladen.

Der Koalitionsvertrag hat den Titel „Mehr Fortschritt wagen”: Welche Schritte sind im Sinne einer nachhaltigen, digitalen Transformation der deutschen Wirtschaft in den nächsten fünf bis zehn Jahren erforderlich?

Um die doppelte Transformation in Richtung Nachhaltigkeit und Digitalisierung erfolgreich zu meistern, brauchen wir eine Wirtschaftspolitik, die es den Unternehmen ermöglicht, innovativ und zukunftsfähig zu bleiben und ihre Stärken weiter auszubauen. Im Fokus steht dabei die Technologieführerschaft in CO2-neutralen Produktionsverfahren und klimafreundlichen Produkten. Wenn wir die Transformation vorantreiben, kommt das dem globalen Klimaschutz zugute und stärkt zugleich Deutschland für die nächsten Jahrzehnte.

Die deutschen Unternehmen sind dafür grundsätz­lich schon sehr gut aufgestellt. Sie haben die Herausforderung der Transformation erkannt. Sie brauchen aber einen klaren und verlässlichen Ordnungsrahmen für Planungssicherheit im Trans­formationsprozess; schließlich sind sie es, die den ganz überwiegenden Teil der Investitionen tätigen.

"Die deutschen Unternehmen sind grundsätz­lich schon sehr gut aufgestellt. Sie haben die Herausforderung der Transformation erkannt.“

Dr. Philipp Steinberg, Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik und Koordinator für Nachhaltigkeit im BMWK

Wo nötig, flankiert der Staat die Transformation, zum Beispiel bei der Kreislaufwirtschaft oder mit Förderprogrammen wie im Gründungsbereich. Dringender Handlungsbedarf besteht aber auch bei den öffentlichen Investitionen sowie der Anreizung privater Investitionen. Hier wird der neue Klima- und Transformationsfonds, der maßgeblich vom BMWK verwaltet wird, mit einem breiten Instrumen­tarium im großen Umfang Zukunfts- und Transformationsinvestitionen ermöglichen.

Daneben müssen wir die Rahmenbedingungen insbesondere für Startups und die digitale Wirtschaft weiter verbessern. Dazu werden wir die Mitarbeiterkapitalbeteiligung noch attraktiver machen, den 10-Milliarden-Euro-Zukunftsfonds weiter ausrollen und auch die steuerlichen Rahmenbedingungen durch Stärkung der Verlustverrechnungsmöglichkei­ten und der kompletten steuerlichen Freistellung der Rentenversicherungsbeiträge verbessern. Ferner müssen wir den Ordnungsrahmen für die Plattformökonomie weiter optimieren, um Wettbewerb und Innovationsfähigkeit sicherzustellen – hier werden wir als für die Wettbewerbspolitik federfüh­rendes Ressort in Kürze Vorschläge vorlegen.

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Im Koalitionsvertrag wird unter anderem die Förderung von digitalen Zwillingen in Aussicht gestellt, um Produktionsabläufe oder den Kundenservice zu verbessern sowie Ressourcen und Betriebskosten zu sparen. Welche konkreten Investitionsfördermaßnahmen wären hier denkbar?

Die Plattform Industrie 4.0 hat mit dem digitalen Zwilling eine wichtige Basistechnologie für die nachhaltige Industrie 4.0 entwickelt und erfolgreich in die internationale Normung eingebracht. Als virtuelles Abbild einer Hard- oder Softwarekompo­nente in der Produktion birgt der digitale Zwilling vielfältige Möglichkeiten zur Optimierung von Produktionsprozessen und somit auch zur Einspa­rung von Ressourcen. Als eines der Leitungsorgane der Plattform Industrie 4.0 unterstützt das BMWK diese Aktivitäten wesentlich.

Um den digitalen Zwilling zügig Realität werden zu lassen, brauchen wir mehr Investitionen in anwen­dungsorientierte Forschung und Entwicklung sowie eine bessere Koordination von unterschiedlichen Anwendungsfällen und Demonstratoren zur Testung der Verfahren, zum Beispiel über die Industrial Digital Twin Association (IDTA).

Einige vielversprechende Demonstrationen mit Potenzial zur Einsparung von Ressourcen werden bereits über die Plattform Industrie 4.0 erprobt, etwa beim Reporting von CO2-Emissionen. Hier hilft der digitale Zwilling bei der Erfassung von CO2-Emis­sionen in Produktionsprozessen. Auf dieser Basis könnten künftig produktspezifische CO2-Fußabdrucke berechnet werden.

Welche unternehmerischen Chancen bieten sich aus Ihrer Sicht im CleanTech, Closed Loop Manufacturing und in der Kreislaufwirtschaft für die deutsche Wirtschaft?

Das Thema Nachhaltigkeit bietet hier enormes Potenzial; in diesem Bereich werden viele neue digitale Geschäftsmodelle entwickelt. Sie können dazu beitragen, den Kostenfaktor der Nachhaltigkeit zu senken und machen nachhaltige Produkte und Produktionsprozesse auf diese Weise zugänglicher und steigern zugleich die Transparenz.

Das gilt zum Beispiel bei der Kreislaufwirtschaft: Zirkuläre und servicebasierte Geschäftsmodelle bzw. Geschäftsmuster lassen sich oft überhaupt erst durch die Digitalisierung wirtschaftlich umsetzen. Aktuelle Diskussionen in Expertenkreisen der Platt­form Industrie 4.0 fassen das gut zusammen: Im klassischen Produktgeschäft sichern möglichst große Produktionsmengen Marktanteile und erlauben es, Größeneffekte zu nutzen. 

Dies kann aber Überpro­duktion und Unterauslastung zur Folge haben. In servicebasierten Geschäftsmodellen geht es dagegen darum, ein Produkt zu pflegen, hoch auszulasten und zu aktualisieren. Im Ergebnis stehen Service-Ketten rund um Pflege und Optimierung industrieller Dienstleistungen und es kann ein größerer Teil des entstehenden Wertbeitrags abgeschöpft werden. Die Optimierung des Nutzungsprozesses spart Rohstoffe, Bauteile und Komponenten und trägt damit zur Ressourcenschonung bei.

"Das Thema Nachhaltigkeit bietet enormes Potenzial; in diesem Bereich werden viele neue digitale Geschäftsmodelle entwickelt.“

Dr. Philipp Steinberg, Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik und Koordinator für Nachhaltigkeit im BMWK

Ein weiteres Beispiel aus der Kreislaufwirtschaft: Nachhaltige Lösungen scheitern oft an zu kleinen Märkten. Digitale Marktplätze können diese Situa­tion verändern. Im fragmentierten Abfall/Recy­cling-Markt helfen B2B-Plattformen bei der Vernet­zung. Auch kleinere und mittlere Unternehmen können am Geschäft teilnehmen, etwa weil ein aufwändiger Vertrieb entfällt. 

Unterm Strich profitie­ren alle Marktteilnehmer von der erhöhten Markt­transparenz. Rezyklate werden auch für klassische Abnehmer aus Bereichen wie Verpackung, Automobil oder Bau eine ernsthafte Alternative. Ein stabiler Markt zieht auch Investoren an, wodurch wiederum Kapazitäten in Forschung und Entwicklung zur weiteren Prozessoptimierung und technologischen Weiterentwicklung aufgebaut werden können.

Mit dem Catena-X Automotive Network fördert das BMWK bereits ein digitales Netzwerk. Dabei geht es um den Datenaustausch zwischen großen Playern und kleinen und mittleren Unternehmen in der Automobilindustrie. Ziel ist ein durchgängiger Datenaustausch für alle Teilnehmer der automobilen Wertschöpfungskette. Das kommt letztlich der Nachhaltigkeit und der Wettbewerbsfähigkeit des Automobilmarktes zugute.

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Wie führen Nachhaltigkeit und Digitalisierung zu mehr (digitaler) Teilhabe und Stakeholder-Orientie­rung in den Unternehmen? Welche Unternehmen sind für Sie Vorreiter?

Ich sehe Digitalisierung und Nachhaltigkeit auf jeden Fall als Chance für die Stakeholder-Orientierung. Mittels Digitalisierung lässt sich wie bereits beschrieben die Transparenz der Nachhaltigkeitsbe­richterstattung erheblich steigern. Daraus ergeben sich auch neue Möglichkeiten zur Mitwirkung der Stakeholder – innerhalb und außerhalb der Unterneh­men. Die Diskussion von Nachhaltigkeitsthemen gewinnt damit weiter an Dynamik und wird auf eine breitere Basis gestellt.

Gleichzeitig müssen sich die Unternehmen aber auch auf neue Berichtspflichten einstellen – etwa durch die derzeit in der Abstimmung befindliche EU-Richtli­nie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD). Hier werden bis voraussichtlich Oktober 2022 neue, EU-weite Standards ausgearbeitet. Auch das Taxono­mie-Projekt der EU zur Klassifizierung der ökologi­schen Komponente der Nachhaltigkeit wird die Berichtstätigkeit beeinflussen, indem es neue Anfor­derungen stellt und so die Transparenz steigert.

Bereits heute unterliegen gewisse große Unterneh­men von öffentlichem Interesse einer Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Darüber hinaus gibt es jedoch auch zahlreiche kleine und mittelstän­dische Unternehmen, die freiwillig Nachhaltigkeits­berichte erstellen, um dem Informationsinteresse von Kunden und Investoren zu entsprechen. Die Abstim­mung zur CSRD bietet da eine Chance zur Vereinheit­lichung der Standards.

Wie zufrieden sind Sie mit den bisherigen Rahmenbedingungen für die nachhaltige, digitale Transformation der deutschen Wirtschaft? Was würden Sie anders machen? Welche Instrumente sind ihrer Meinung nach am besten dafür geeignet? Schreiben Sie uns oder hinterlassen Sie einen Kommentar.

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