Neue Studie: Die Resilienzmeister im deutschen Mittelstand

von Bernhard Steimel
10. Mai 2022

Als wir Ende letzten Jahres die Tiefeninterviews für unsere dritte Studie „Digitale Vorreiter im Mittelstand“ durchgeführt haben, befand sich die deutsche Wirtschaft auf Erholungskurs. Trotz Lieferengpässen, Chip-Mangel und steigenden Erzeugerpreisen gab es viel Zuversicht, die Auswirkungen der Pandemie bald hinter sich zu lassen. Dann kam der Ukraine-Konflikt. Die Folgen dieser geopolitischen „Zeitenwende“ sind noch nicht absehbar. Eins ist aber heute schon gewiss: Resilienz durch Digitalisierung ist überlebenswichtig.

Inhalt

Untersuchungsdesign und Befragungsteilnehmer

Die ersten beiden Studien „Digitale Dividende im Mittelstand“ (2018) und „Digitale Vorreiter im Mittelstand“ (2020) thematisierten vor allem den Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Geschäftserfolg und zeigen erfolgreiche Innovationsstrategien.

Jetzt haben wir den dritten Teil der Studienreihe mit dem Titel „Die Resilienzmeister“ veröffentlicht. Es geht darum, wie Unternehmen durch Digitalisierung widerstandsfähiger werden. Der Ukraine-Krieg hat nun die Relevanz von unternehmerischer Widerstandskraft noch mal drastisch verschärft.

Wir behandeln deshalb die Frage, mit welchen Erfolgsmustern die digitalen Vorreiter Krisen meistern, etwa die Corona-Pandemie und die neue Wirtschaftsrealität. Wir suchen nach den Resilienz-Meistern und ermitteln ihre Erfolgsfaktoren.

Aufbau der Studie "Die Resilienzmeister"

Was ist Resilienz bei Unternehmen?

In der Wirtschaft bedeutet Resilienz die Fähigkeit, Schocks besser als der Wettbewerb zu verarbeiten. Resiliente Unternehmen sind anpassungsfähiger. Sie sind in der Lage, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Gewinn zu erwirtschaften und danach in der Erholungsphase weiter zu wachsen. Es gilt die einfache Logik: Wer die Krise gut übersteht, wächst anschließend stärker.

"Kontinuierliche Anpassungsfähigkeit ist deshalb die Kernkompetenz, die in Unternehmen vom Management und von Mitarbeitern gefordert wird. Denn Anpassungsfähigkeit ist die Grundvoraussetzung, um die Resilienz des Unternehmens langfristig zu stärken.“

Prof. Dr. Jens Böcker, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, im Vorwort der Studie

Top-Entscheider und Digitalisierungsverantwortliche im Interview

Für die dritte Befragung „Digitale Vorreiter im Mittelstand” war es uns besonders wichtig, einen breiten Mix an Branchen, Unternehmensgrößen und Entscheidungsträgern abzubilden, um unter-schiedliche Blickwinkel auf unsere Fragstellungen zu erhalten:

Die Fallbeispiele aus der Studie
8 von 10 Befragungsteilnehmern gehören zu den Weltmarktführern sowie den Top 1.000 der deutschen Familienunternehmen. Dabei sind die bekannten Standorte der Hidden Champions stark vertreten: 85 Prozent der untersuchten Unternehmen kommen aus NRW, Bayern und Baden-Württemberg.

Später lesen? „Die Resilienzmeister im deutschen Mittelstand“ als kostenloses E-Book herunterladen.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick

Die Studie bietet ein spannendes Gesamtbild darüber, welche Rolle Resilienz aus Managementsicht spielt und welche Erfolgsfaktoren dazugehören. Aus den Gesprächen mit 54 Digitalisierungsverantwortlichen und mehr als 20 Fallstudien konnten wir fünf Kernergebnisse ableiten.

Digitale Vorreiter im Mittelstand sind resilienter

Sie meistern die aktuelle Krisendynamik besser als die deutsche Wirtschaft insgesamt. Trotz Pandemie, Liefer- und Materialengpässen befinden sich 70% im wirtschaftlichen Aufschwung. Starkes Marktwachstum, solide Geschäftsmodelle und hohe Anpassungsfähigkeit liefern Rückenwind. Digitalisierung ist die notwendige Bedingung und bildet das Wachstumsfundament.

Nachhaltiger Bewusstseins-Wandel in der Chefetage

Neue agile Führungsprinzipien und verstärktes Datenbewusstsein bewirken Lernfähigkeit und sind Zeichen des Bewusstseinswandels der Geschäftsführungen. Digitale Customer Experience, Smart Products und digitale Geschäftsprozesse steigern Unternehmenswachstum, Wertbeitrag und Effizienz – ein Digitalisierungsschub bei allen Wertschöpfungstreibern. Innovationskultur, digitale Talente und skalierbare Plattformen sichern das digitale Fundament.

Digitale Vorreiter wachsen stärker als die Konkurrenz

Digitalisierung sichert Unternehmenswachstum

Digitalinvestitionen verbleiben auf hohem Niveau. Mit Erfolg: Denn sie verschaffen einen Vorsprung im Neukundengeschäft. Fast jedes 2. Unternehmen erzielt Wachstum durch digitale Geschäftsmodelle und jeder dritte Euro wird digital verdient. Ein gewünschter Nebeneffekt: Mit wachsenden Digitalinvestitionen steigt die Prozesseffizienz. Und die Aussichten sind positiv: Über 50% Wachstum bei digitalem Vertrieb werden bis 2025 erwartet.

Pandemie hat die Digitalisierung beschleunigt

80 Prozent beschleunigen die Digitalisierung. Dabei sind drei Transformationspfade erkennbar: „Digital Fortgeschrittene” konzentrieren sich auf Operational Excellence. So werden sie schneller, besser und effizienter. „Digitale Experten” konzentrieren sich auf Customer Experience und beschleunigen ihr Wachstum im Kundengeschäft. „Digitale Meister” transformieren das ganze Unternehmen. Das digitale Geschäft steht bei ihnen im Zentrum der Wertschöpfung.

Erfolge und Hindernisse in der Digitalisierung

Digitale Vorreiter empfehlen Strategie-Reset

Der Kulturwandel ist die Achillesferse und der größte Stolperstein der digitalen Transformation. Digitale Kollaboration ist das erfolgreichste Digital Invest. Der Top-Erfolgsfaktor sind Agile Methoden, der Top-Engpassfaktor Digitale Talente. Mit einem Strategie-Reset lässt sich der richtige Resilienz-Mix finden: Unternehmen müssen absichern, was bereits da ist, fördern, was wächst und schließlich nach neuen Märkten Ausschau halten.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie haben wir in einer Infografik aufbereitet, die Sie hier herunterladen können.

Fünf Erfolgsfaktoren für Resilienz

In den Transformationspfaden der Unternehmen sind Strategiemuster zu erkennen, aus denen sich fünf zentrale Resilienzfaktoren ableiten lassen: Handlungsschnelligkeit, Resonanzfähigkeit, Smartness und Entschlossenheit sowie der übergreifende Faktor Anpassungsfähigkeit.

Die Erfolgsformel der digitalen Vorreiter

Anpassungsfähigkeit

Der erste Faktor ist die Anpassungsfähigkeit. 87 Prozent der digitalen Vorreiter setzen auf agile Methoden. Agile Transformation schafft aus Sicht der Befragungsteilnehmer das Wachstumsfundament.

Beispiel Fressnapf:
Vom Versorger zum Umsorger werden
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Die Handelskette hat sich von der klassischen Hierarchie gelöst und eine Produkt- und Plattformorganisation aufgebaut. Dazu gehören auch agile Methoden und vollständig digitale Arbeitsplätze für alle 16.000 Angestellten – inklusive Mobile Work.

Handlungsschnelligkeit

Handlungsschnelligkeit ist der zweite Resilienzfaktor, den wir identifiziert haben. Prozessdigitalisierung erhöht die Geschwindigkeit und damit die Profitabilität. So hat ein Handelsunternehmen in nur 14 Tagen eine digitalen Vertriebslösung (Click & Collect) eingeführt, um trotz Lockdown die Kunden weiter bedienen zu können.

Beispiel WKW:
Digitaler Zwilling als Produktivitäts-Booster
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Die Entwicklung eines digitalen Zwillings muss kein Aufwand sein. Der Autozulieferer WKW hat ihn in neun Monaten geschaffen. Er verringert mit Data Analytics die Stillstandzeiten und senkt die CO2-Emissionen.

Resonanzfähigkeit

Ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor in der Krise ist die Resonanzfähigkeit. Digitale Customer Experience sichert das Bestandsgeschäft. E-Commerce machte das Einkaufen sicherer. Digitale Messen haben geholfen, den Neukunden-Kontakt aufrecht zu erhalten. Die Befragungsteilnehmer sehen ein hohes Wachstumspotential bei digitalem Vertrieb, mehr als 50 Prozent bis 2025.

Beispiel dm:
Resonanzkörper sein. Dialogische Unternehmenskultur hilft
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Das zur Unternehmenskultur gehörige Interesse an Menschen brachte die Frage auf: Was können wir tun, damit sich die Menschen sicherer fühlen? Deshalb hat das Unternehmen in sehr kurzer Zeit etwa 500 Schnelltest-Center eingerichtet.

Smartness

Resilienzfaktor Nummer 4 ist Smartness. Damit sind vor allem digitale Geschäftsmodelle gemeint, die neue Wertschöpfung bringen. Besonders erfolgreich sind Unternehmen, die digitale Geschäftsmodelle nah am Kerngeschäft entwickeln. Insgesamt wird ein zweistelliger Anstieg bei smarten Produkten & Services bis 2025 erwartet.

Beispiel BPW:
Smarte Transformation im Lager
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Das digitale Ersatzteilgeschäft ist ein neues Geschäftsmodell, das auf einem Lager-Container basiert, der bei den Kunden aufgebaut wird. Die Mitarbeiter entnehmen die benötigten Teile; sie werden automatisch erfasst, abgerechnet und nachbestellt.

Entschlossenheit

Das fünfte Element ist Entschlossenheit. Das ist der unternehmerische Mut, alte Zöpfe abzuschneiden und mit Konsequenz neue Wege einzuschlagen. Trotz Krise hat kaum ein resilientes Unternehmen seine Investitionen in die Digitalisierung reduziert. Jedes dritte Unternehmen investiert über 50% in die Digitalisierung. Digitale Diversifikation führt zu nachhaltigem Wachstum. Jeder dritte Euro wird digital verdient.

Beispiel Phoenix Contact:
Nachhaltigkeit und Digitalisierung
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Das Unternehmen hat sich bereits vor Jahren ohne Blick auf die Wettbewerber umorientiert und ist auf die Suche nach neuen Geschäftsfeldern gegangen. Eine Konsequenz: Es ist in die Elektromobilität eingestiegen und inzwischen Weltmarktführer für Ladetechnik.

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Der richtige Resilienz-Mix

Für mehr Resilienz müssen die Unternehmen Handlungsfelder priorisieren und sich auf die richtigen Maßnahmen fokussieren. Dabei hilft das Drei-Horizonte-Modell. Aus ihm lässt sich folgendes ableiten: Die Unternehmen müssen zuerst absichern, was bereits da ist. Dann müssen sie fördern, was wächst und schließlich nach neuen Märkten Ausschau halten.

Der richtige Resilienz-Mix bringt wirtschaftlichen Erfolg

Die einfachste Regel für das Setzen von Prioritäten ist die 60:30:10-Regel, die Investitionen, Ressourcen und Personal auf unterschiedliche Maßnahmenbündel aufteilt:

  • 60% – Mit Digital-Marketing & Vertriebspraktiken das Bestandsgeschäft absichern.
  • 30% – Mit Investitionen in digitale Geschäftsmodelle nah am Kerngeschäft Wachstum fördern.
  • 10% – Neue Märkte mit digitaler Diversifikation erschließen.

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