Daten, Mut und Geschwindigkeit – Ein sicherheitspolitischer Exkurs über die Ukraine als Ort gelebter Innovation

von Bernhard Steimel
28. Mai 2025

„Herr Bundeskanzler, wenn Sie uns helfen wollen – dann tun Sie es bitte doppelt so schnell. Und mit doppelter Entschlossenheit.“
Oleksii Teplukhin, ukrainischer Unternehmer und Gründer eines sicherheitskritischen Daten-Startups, spricht diesen Satz leise, aber bestimmt – im Smarter-Service-Interview auf dem AFCEA-Anwenderforum im World Conference Center Bonn. Er wirkt nicht fordernd, sondern präzise. Was er meint: Zwei Dinge, die im Krieg entscheidender sind als jede Formulierung in Regierungspapieren – Tempo und Verfügbarkeit.

Gemeint ist dabei nicht nur die zugesagte Lieferung von Funkmasten für den Wiederaufbau digitaler Infrastruktur in der Ukraine – sondern ein strategisches Verständnis. Eines, das Europa und insbesondere Deutschland bislang nur bruchstückhaft entwickelt hat. Wenn digitale Kommunikation das Rückgrat des ukrainischen Widerstands ist, so Teplukhin, dann ist jeder Tag Verzögerung ein Angriff auf die Resilienz.

Seine Botschaft an Bundeskanzler Friedrich Merz ist unmissverständlich: Wer nicht nur helfen, sondern wirken will, muss erkennen, dass moderne Verteidigung nicht mit Versprechen beginnt, sondern mit operativer Architektur. Und dass digitale Unterstützung nicht an dem gemessen wird, was angekündigt ist – sondern an dem, was auf dem Gefechtsfeld ankommt.

Krieg als Innovationsmotor – die Ukraine als Labor der Wirklichkeit

Teplukhins Unternehmen steht exemplarisch für eine ukrainische Start-up-Kultur, die unter dem Druck des russischen Angriffskriegs nicht kollabiert ist, sondern radikal beschleunigt wurde. Seine Plattform für militärische Datenverarbeitung folgt keinem akademischen Schema, sondern einem operativen Imperativ: ingest, transform, analyze, operate. Also: Daten erfassen, strukturieren, analysieren – und vor allem: nutzbar machen.

Es ist diese letzte Phase, in der sich zeigt, wie weit die Ukraine der westlichen Welt voraus ist. Denn was in deutschen Behörden und Verwaltungen Jahre dauert, wird in Kiew in Stunden realisiert. Das System, das Teplukhin beschreibt, wurde in nur zehn Stunden nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms zu einem zivilen Rettungswerkzeug umfunktioniert. Über Telegram gesammelte Hilferufe – über 10.000 an der Zahl – wurden in kürzester Zeit zu 700 konkreten Einsatzpunkten kartiert und an Rettungsteams weitergeleitet. Ohne Lenkungsausschuss. Ohne Referatsabstimmung. Ohne Ministeriumspapier.

Wenn alles zur Datenquelle wird

Die wahre Dimension dieses technologischen Vorsprungs liegt in der Fähigkeit zur semantischen Strukturierung eines maximal fragmentierten Informationsraums. Satellitendaten, Drohnenbilder, Audio- und Funksignale, Social-Media-Beiträge, offene Quellen – alles wird erfasst, etikettiert, in Kontext gesetzt. Es ist die Ontologie des modernen Krieges: Everything is intelligence. Jeder Datenpunkt ist potenziell kriegsentscheidend, wenn man ihn schnell genug verarbeitet.

Dabei kommt auch künstliche Intelligenz zum Einsatz – nicht als Allheilmittel, sondern als präzises Werkzeug zur Optimierung einzelner Schritte. Teplukhin sieht KI nicht als Ersatz menschlicher Urteilsfähigkeit, sondern als Verstärker strukturierter Prozesse. Die letzte Meile, so sagt er, wird immer noch vom Menschen gegangen.

Innovation ist keine Option, sondern eine Überlebensform

Was die Ukraine vormacht, ist mehr als ein digitaler Kraftakt. Es ist eine politische Herausforderung an all jene Demokratien, die ihre Verteidigungsfähigkeit in Planungsstäben und Regelwerken verstecken. Die Geschwindigkeit, mit der ukrainische Entwickler auf reale Bedrohungslagen reagieren, verweist auf einen Mindset, der in weiten Teilen Europas verloren gegangen ist: Innovation nicht als Dekoration, sondern als Reaktion.

Der westliche Diskurs um „digitale Souveränität“ wirkt aus dieser Perspektive wie ein Verwaltungsakt. Denn während in Berlin darüber diskutiert wird, ob amerikanische Clouds sicher genug sind, zeigen ukrainische Teams, was digitale Resilienz bedeutet: Nicht nur Redundanz, sondern Reaktionsfähigkeit. Nicht Hochverfügbarkeit, sondern Situationsverfügbarkeit.

Politische Konsequenz: Tempo schlägt Technik

Teplukhins Satz in Richtung Berlin war keine Polemik, sondern eine strategische Diagnose: Was zählt, ist nicht nur die Qualität der Hilfe, sondern die Geschwindigkeit ihrer Verfügbarkeit. In einem Krieg, der permanent durch Sensorik, Aufklärung, Echtzeitdaten und Koordinationsfähigkeit entschieden wird, ist jede Minute ein Wert.

Daraus folgt: Bereit sein bedeutet heute nicht mehr nur aufrüsten, sondern verstehen. Verstehen, wie kritische Infrastrukturen funktionieren, welche Schnittstellen nötig sind, wie Prozesse ohne Reibung in Systeme übergehen. Die Ukraine weiß das. Sie lebt es. Europa täte gut daran, zuzuhören. Und zu handeln.

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