Es gibt eine bemerkenswerte Stelle im neuen KfW-Gründungsmonitor. Sie stammt nicht aus den Zahlenkolonnen, sondern aus dem Mund des Chefvolkswirts. In deutschen Schulbüchern, so sagt Dr. Dirk Schumacher, werde Gründung „nicht als Chance, sondern als Risiko“ behandelt. Es sei ein Bias, tief verankert. Man spricht dort von Umverteilung, aber nicht von Aufbruch. Von Kuchenstücken, nicht vom Rezept.
Man muss das ernst nehmen. Denn wer verstehen will, warum Deutschland der Gründergeist abhandengekommen ist, sollte weniger auf die Steuerlast und mehr auf das Curriculum blicken. Dieses Land hat sich über Jahrzehnte eine Mentalität der Selbstverkleinerung antrainiert – ein ökonomisches Weltbild, das den Status quo schützt und die Innovation fürchtet. Nicht aus Bosheit, sondern aus pädagogischer Gewohnheit. Wo nichts wachsen soll, muss auch nichts scheitern dürfen.
Die Gründungszahlen sind entsprechend: leichter Anstieg, vor allem im Nebenerwerb. Vollerwerbsgründungen? Stagnation. Übernahmen bestehender Betriebe? Seltenheit. Stattdessen: Mini-Gründungen, digitale Dienstleistungen, Mikrofinanzierung mit Eigenmitteln. Man vermeidet die Bank. Man bleibt klein. Man bleibt sicher.
Der Preis dafür ist hoch: Es ist nicht nur eine Frage der ökonomischen Dynamik. Es ist eine Frage des Selbstbilds. Denn in einer Gesellschaft, die das Gründen als exotisch, gar als verdächtig betrachtet, wird die Selbstständigkeit zur Ausnahmeerfahrung. Sie wird nicht gedacht, nicht erträumt, nicht gewagt. Und irgendwann gar nicht mehr erlernt.
Es ist kein Zufall, dass viele junge Menschen ihre ersten unternehmerischen Erfahrungen auf YouTube machen – mit Coaching-Videos, Krypto-Mythen oder Drop-Shipping-Versprechen. Denn im offiziellen Bildungskanon kommt Gründen schlicht nicht vor. Die Folge: Eine ganze Generation lernt nicht die Ökonomie der Verantwortung, sondern die Illusion des schnellen Geldes.
Das ist kein individuelles Versagen – das ist ein bildungspolitischer Skandal.
Deutschland hat den Gründergeist nicht verloren. Es hat ihn nie vermittelt.
Es geht hier nicht um mehr Start-ups oder weniger Bürokratie. Es geht um ein kulturelles Umdenken. Um ein neues Verständnis von Freiheit und Risiko. Um die Fähigkeit, das Leben selbst zu gestalten – nicht nur zu verwalten.
Gründen ist kein technisches Detail. Es ist ein demokratischer Akt.
Solange die Selbstständigkeit als Sonderweg erscheint, nicht als ökonomische Option, bleibt der Gründergeist ein Randphänomen. Solange im Unterricht von Umverteilung statt von Innovation die Rede ist, wird der Kuchen zwar verteilt – aber nicht gebacken. Dabei liegt die Bedeutung der Gründungstätigkeit auf der Hand. Jeder Mittelständler, jede industrielle Erfolgsgeschichte beginnt mit dem Akt der Selbstständigkeit. „Jedes erfolgreiche Unternehmen wurde irgendwann mal gegründet“, sagt der KfW-Chefvolkswirt. Doch eben dieser Anfang – das eigentliche Wagnis, das Aufbrechen ins Offene – wird in der deutschen Gesellschaft nicht als Möglichkeit gedacht, sondern als Risiko gemieden.
Siehe auch meinen Bericht auf ichsagmal.com
