Man kennt das Schema. Es beginnt mit der Technikbejahung, endet aber im kulturpessimistischen Vorbehalt. Erst das Loblied auf die Produktivitätszuwächse – dann die düstere Wendung: Machtkonzentration, Enttäuschung, Kollateralschäden. Die Argumentation von Thomas Ramge und Viktor Mayer-Schönberger ist intelligent, historisch geschult, aber in ihrer Grundbewegung defensiv.
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Sie erzählen die Geschichte der Künstlichen Intelligenz als bürgerliches Drama – mit steilem Anfang und abruptem Rückzug. Der KI-Vormärz sei angebrochen, heißt es. Doch der Fortschritt drohe, wie 1848, zu scheitern. Und dann? Kommt der KI-Biedermeier. Zurück ins Private. Zurück in die Enttäuschung.
Das ist alles gut gemeint. Aber es ist auch bequem.
Denn wer sich auf die vermeintliche historische Parallele verlässt, wiederholt nicht die Geschichte – er verpasst ihre Gegenwart.
KI verändert nicht die Welt – sie verändert die Zugänge zur Welt
„KI baut keine Häuser gegen Wohnungsnot und saugt auch kein CO₂ aus der Atmosphäre“, schreiben die beiden Autoren. Das mag stimmen – aber es ist ein profanes Argument. Ein rhetorischer Trick, der das Werkzeug an seinen materiellen Folgen misst, nicht an seiner strukturellen Wirkkraft.
Ein Buch baut auch keine Häuser. Ein Internetzugang entfernt kein Methan. Und doch würde niemand bestreiten, dass sich durch den Zugang zu Wissen, zu Kommunikation, zu Kontext und Vernetzung Machtverhältnisse grundlegend verschieben.
Gerade in der Hyperpersonalisierung – Losgröße 1 auf allen Feldern, auch der Bildung – liegt eine revolutionäre Möglichkeit. Die große Transformation, die derzeit im Stillen geschieht, verändert nicht die physischen Güter, sondern die symbolische Architektur der Gesellschaft .
Nicht der Roboter ersetzt den Maurer. Aber der Algorithmus ersetzt die Personalakte. Er ersetzt das formalisierte Vorurteil, das den Sohn eines BVG-Fahrkartenverkäufers (weil dem Vater des Sohnes die Ausbildung in der Nazizeit verwehrt wurde) aus Neukölln aussortiert, bevor er überhaupt zum Gespräch eingeladen wird.
Machtverhältnisse sind nicht statisch – sie lassen sich umcodieren
Wenn man die Architektur der Möglichkeiten ernst nimmt – nicht nur der Produkte –, dann ist KI eben nicht nur ein Werkzeug der Mächtigen, sondern auch ein Hebel gegen deren Monopole. Wer das bestreitet, ignoriert die leise, aber spürbare Erosion der Lebenslauf-Monarchie.
Plötzlich tritt ein Talent auf den Plan, das nie in Salem war. Nie in Oxford. Vielleicht nicht einmal auf LinkedIn. Aber es kann. Es denkt. Es kombiniert. Und ein System, das endlich auf Können statt Konvention optimiert, wird diese Person finden – sofern wir es zulassen.
Die Technik ist nicht naiv – das sind ihre Kritiker
In meinem Umfeld werde ich für diese Haltung gelegentlich belächelt. Naiv sei das, heißt es. Die Hyper-Scaler hätten doch längst gewonnen. Die Maschinen sprächen nur die Sprache der Märkte, nicht der Menschen.
Aber genau das ist die eigentliche Naivität: Zu glauben, dass Technikentwicklungen immer nur das Bestehende verstärken. Die Geschichte der Medien zeigt das Gegenteil. Jede neue Codierung – vom Buchdruck bis zum Byte – war ein Risiko, aber auch ein Aufbruch. Ein Kontrollverlust für die Eliten, ein Erkenntnisgewinn für die Vielen.
KI ist kein Garant für Gerechtigkeit. Aber sie ist ein Werkzeug für jene, die bislang übersehen wurden. Und das ist kein Biedermeier. Das ist die Aufklärung in Code.
Die wahre Gefahr liegt im Rückzug – nicht im Zugriff
Wenn Ramge und Mayer-Schönberger vor der Enttäuschung warnen, warnen sie in Wirklichkeit vor der Hoffnung. Das ist der Reflex des intellektuellen Selbstschutzes. Wer enttäuscht werden könnte, hat vorher zu viel geglaubt – besser also, gleich skeptisch zu sein.
Doch das ist die Logik des bildungsbürgerlichen Rückzugs, nicht die der digitalen Aufklärung. Die wahre Gefahr liegt nicht in der Entgrenzung der KI – sondern in der Begrenzung ihrer Nutzung. In der Reproduktion alter Muster mit neuen Mitteln. In der vorsichtigen Verwaltung statt der mutigen Neuanordnung.
Der Mensch bleibt das Maß – aber die Maschine ist das Werkzeug
Am Ende entscheidet sich alles an der Frage: Wer darf KI benutzen – und zu welchem Zweck? Die Machtfrage ist real. Aber sie ist offen. KI ist nicht der neue Monarch – sie ist das Werkzeug, das auch den Söhnen und Töchtern des Proletariats den Zugang zu neuen Räumen eröffnet. Nicht automatisch. Nicht risikolos. Aber grundsätzlich möglich.
Und das allein ist schon ein Fortschritt, der den Rückzug ins Private absurd erscheinen lässt.
Die Maschinen verstehen vielleicht noch nicht, was wir sind. Aber sie könnten uns helfen, das zu erkennen, was wir übersehen haben: einander.
Auf dem Foto: Der Vater des Sohnes – von den Nazis verfolgt und mit Berufsverbot belegt. Nach 1945 ohne Schulbildung an den Start gegangen, in Schweden bei Pflegeeltern wieder auf die Beine gekommen. Boxer, Kämpfer und großes Vorbild für den Autor.

2 Kommentare
Ein Vormärz mutlose Tech – Optimisten und alternde Boomer
Wenn man nicht selbst schon ein alter Boomer wäre, möchte man Ihnen zurufen: Geht nicht mit den gesellschaftlichen Verhältnissen tanzen, geht sterben! Die sanfte KI-Revolution (Siehe das Manifest von Sam Altman zur „Gentle Singularity“) als Neuauflage des 19. Jahrhunderts, samt „bürgerlicher Ermächtigung“ und – natürlich – unvermeidlichem Rückzug ins Private – mehr Erschlaffung geht nicht! Und das, zwar historisch bewandert, stilvoll formuliert, aber leider völlig neben der Spur.
Nicht alles, was historisch klingt, ist historisch richtig.
1848 war kein Fortschritt, sondern eine Kapitulation.
Und wer in Sam Altman nur den Maschinen-Kant fürs digitale Biedermeier sieht, hat wohl überlesen, dass wir nicht über Dampfmaschinen reden – sondern über agentische Intelligenzsysteme, die das Betriebssystem von Wirtschaft und Gesellschaft neu schreiben könnten – wenn man sie denn ließe.
Wenn es ein Vorbild gibt, dann nicht Frankfurt 1848, sondern Lissabon 1974:
Die Nelkenrevolution – organisiert von jungen, militärisch ausgebildeten KI-Systemen (pardon: linken, in den Kolonialkriegen geschulten Offizieren aus den unteren Schichten des portugiesischen Ständestaates Capitaes) – hat in 48 Stunden ein ganzes Regime hinweggefegt und ein Regional-Gesellschaft zum aufblühen gebracht.
Ohne bürgerliche Sonntagsrede. Ohne Technikpessimismus im Maßanzug. Es braucht genau diesen progressiven Ansatz, um die digitale Renaissance Europas zu gestalten. Nicht nur die Technik muss sich entwickeln, sondern auch die Gesellschaft und ihre Institutionen!
Starker Wurf – und bitter nötig.
Der Rückzug ins Private, wie ihn Ramge und Mayer-Schönberger skizzieren, wirkt weniger wie historischer Realismus als wie die feuilletonistische Form von Erschöpfung.
Dass ausgerechnet der Vormärz als Analogie herhalten muss, ist fast tragikomisch:
Eine Epoche, in der Kommunikation, Wissenschaft und industrielle Infrastruktur explodierten, wird umgedeutet zur bürgerlichen Müdigkeit. Dabei war genau diese Zeit der Vorlauf für das, was später den deutschen Erfindungs- und Maschinengeist ausmachte – nicht im Pathos, sondern in der Praxis.
Und zur sanften Singularität von Sam Altman: Wer KI zur Fortschrittsverheißung erklärt, aber gleichzeitig in der Strukturkritik verstummt, reproduziert nur das technoide Mantra der Governance-Lethargie.
Deshalb: Ja zur Lissabon-Metapher!
Denn wenn etwas fehlt, dann der Mut zur institutionellen Rebellion. Nicht der nächste Narrativwechsel, sondern eine politische Sprengung von Zugangsbarrieren, fossilen Machtlogiken und bürokratischen Bremszonen.
KI kann das Betriebssystem der Gesellschaft neu schreiben.
Aber nicht mit der Ästhetik des FAZ-Salons. Sondern mit der Unruhe der Nelkenrevolution.
Danke für die Klarstellung. Der Vormärz war nie das Problem. Die falsche Lesart ist es.