Die gegenwärtige Debatte über Rüstung, Beschaffung und Innovation in Deutschland krankt an einem fundamentalen Missverständnis: Dass Verteidigung eine Frage der Ausgabenhöhe sei. Tatsächlich ist sie eine Frage der Struktur, der Geschwindigkeit – und der politischen Imagination.
Die Bundesrepublik hat sich zu lange darauf verlassen, dass andere für sie die strategischen Sicherheiten garantieren. Der Schock kam nicht mit den Panzern Putins, sondern mit dem Twitter-Account Donald Trumps. Als der damalige Präsident offen mit einem Austritt aus der NATO spielte, wurde deutlich: Die nukleare Schutzmacht USA ist nicht selbstverständlich – sie ist kontingent, politisch launenhaft und von inneramerikanischen Machtverschiebungen abhängig. Dass diese Phase nun mit Blick auf eine zweite Trump-Kandidatur wieder akut wird, verstärkt nur, was längst hätte Konsequenzen haben müssen: Europa muss verteidigungsfähig werden. Aus eigener Kraft.
Strategische Autonomie ohne industrielle Basis ist eine Illusion
In der Folge der „Zeitenwende“-Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz wurde viel über 100 Milliarden Euro gesprochen. Über Sondervermögen, über Großprojekte wie den F-35, über sichtbare Symbolik. Wenig jedoch über die unsichtbare Architektur der Sicherheit: Sensorik, Drohnen, Cybersysteme, KI-basierte Lagebilder. Oder über die Notwendigkeit, das Beschaffungswesen von Grund auf neu zu denken. Die industrielle Basis der europäischen Verteidigung ist derzeit abhängig – zu über 80 Prozent stammen die militärischen Beschaffungsgüter der EU aus Drittstaaten. Zwei Drittel davon aus den USA. Wer sich das bei Energieversorgung nicht mehr leisten will, sollte bei Verteidigung ebenfalls nicht naiv bleiben.
Dual Use: Deutschlands vergessene Stärke
Jonas Singer, Unternehmer, Forscher und Experte für Verteidigungsinnovation, bringt es auf den Punkt: Das größte ungenutzte Potenzial liegt in der zivilen Wirtschaft – im Mittelstand, bei den Hidden Champions, bei Hightech-Startups, die eigentlich für die Automobil-, Halbleiter- oder Maschinenbaubranche entwickeln. Dual-Use-Technologien – also Anwendungen, die zivil wie militärisch relevant sind – werden in Deutschland immer noch mit moralischer Vorsicht behandelt. Dabei war das Internet selbst ein Dual-Use-Projekt. Heute behindern Zivilklauseln, Bankenvorbehalte und ESG-Richtlinien nicht nur das Wachstum, sondern unsere nationale Sicherheitsfähigkeit.
Produktion ohne Lagerhaltung – ein deutscher Sonderweg
Besonders dramatisch ist die Lage im Bereich der Produktion: In Deutschland ist es praktisch unmöglich, Waffen oder Munition „auf Halde“ zu produzieren, solange kein konkreter Abnahmevertrag existiert. Unternehmen können nicht investieren, obwohl der politische Wille zur Aufrüstung beteuert wird. Es fehlt an gesetzlichen Grundlagen für krisenfeste Lagerhaltung. Das bedeutet: Selbst wenn politische Entscheidungen getroffen werden, kommt die Wirkung verzögert oder gar nicht beim Militär an. In einem Szenario beschleunigter Konflikte ist das sicherheitspolitisch fahrlässig.
Dezentralisierung statt BAAINBw-Monopol
Ein weiterer Systemfehler liegt in der Zentralisierung der Beschaffung. Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) ist in seiner jetzigen Struktur überfordert mit der Realität moderner Konflikte. Singer plädiert für eine Dezentralisierung: Einheiten müssten in die Lage versetzt werden, kleinere Kontingente eigenständig zu testen, zu beschaffen und iterativ weiterzuentwickeln. „Wir sind nicht mehr im Frieden – aber auch nicht im Krieg. Wir sind irgendwo dazwischen. Und dafür ist unser System nicht gebaut“, sagt Singer.
Die Ukraine als Realitätsschock
Was derzeit an der ukrainischen Frontlinie passiert, ist nicht nur ein Krieg, sondern ein Innovationslabor in Echtzeit. Neue Technologien entstehen dort im Rhythmus von Wochen, nicht Jahren. Innovationszyklen von zwei bis zwölf Wochen, statt von zwei bis zwölf Jahren. Europäische Beschaffungssysteme können damit nicht Schritt halten. Und während die USA ihre Startup-Szene längst systematisch mit DARPA-Strukturen in das Verteidigungssystem einbinden, verharrt Europa in Bürokratie und Zuständigkeitsritualen.
Kapitalmarkt bleibt Risiko-Faktor
Ein weiteres Hindernis liegt im Finanzsektor: Banken verweigern Dual-Use-Startups teilweise die Kontoeröffnung. Rückversicherer und institutionelle Investoren sind zurückhaltend. Singer verweist auf den sogenannten Crowding-in-Effekt: Jeder Euro staatlicher Investition kann privates Kapital mobilisieren – aber nur, wenn politisch und kommunikativ die Richtung klar ist. Verteidigung muss als legitimes Feld für verantwortungsvolle Innovation anerkannt werden. Das ist kein „militärisch-industrieller Komplex“, sondern realistische Souveränitätsvorsorge.
Was jetzt zu tun ist
Dual Use enttabuisieren – durch klare gesetzliche Rahmenbedingungen, steuerliche Anreize und politische Kommunikation.
Beschaffung dezentralisieren – um Geschwindigkeit, Praxisnähe und Innovation zu fördern.
Technologietransfer systematisieren – zwischen Forschung, Mittelstand und Verteidigung.
Finanzierungsinstrumente aufbauen, die privates Kapital aktivieren, statt es zu verschrecken.
Europa als Produktionsstandort stärken – mit konkreten Zielvorgaben für Eigenanteile bei Beschaffungen.
Keine Zeit für Bedenkenträgerei
Jonas Singer bringt es auf die denkbar knappste Formel: „Wir haben keine Zeit mehr.“ Wer Souveränität will, muss handeln – nicht nur mit Milliarden, sondern mit Systemveränderung. Die Bundesregierung steht vor der historischen Aufgabe, das Fundament einer wehrhaften Demokratie im 21. Jahrhundert nicht nur finanziell, sondern strukturell neu zu bauen. Es wird sich zeigen, ob sie dazu bereit ist.
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