Die Innovationskrise Deutschlands ist nicht nur ökonomisch messbar – sie ist kulturell, psychologisch und institutionell tief verankert. Die doppelte S-Kurve, wie sie im Konzept technologischer Entwicklung skizziert wird, beschreibt nicht nur den Aufstieg und Reifegrad von Technologien, sondern auch den Punkt, an dem Systeme sich entscheiden müssen: Weiter optimieren oder neu kombinieren?
Dirk Specht benennt zwei intellektuelle Fehlentwicklungen, die diesen Punkt regelmäßig verschlafen lassen: lineare Fortschreibung und kontraproduktiver Perfektionismus. Der erste Fehler besteht darin, exponentielle Effekte in der Anfangsphase neuer Technologien nicht zu erkennen – weil sie sich zunächst unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bewegen. Man nennt sie dann gerne „zu teuer“, „nicht skalierbar“ oder schlicht „unsinnig“. Die zweite Infektion greift, wenn neue Technologien reifen und das Potenzial entfalten, bestehende Systeme zu überholen – dann nämlich fordert das Beharrungssystem 100-prozentige Zielerreichung nach alten Maßstäben: Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit, Perfektion. Und erklärt sie damit für gescheitert, bevor sie sich entfalten können. – egal, ob man Startups aufkauft oder nicht.
Ein Substitutionspunkt, der politisch nie kommt
Die doppelte S-Kurve ist kein Naturgesetz, sondern ein Möglichkeitsraum. Doch in Deutschland scheitert der Übergang von der alten zur neuen Kurve regelmäßig. Die technologische Substitution wird entweder verschleppt oder gar nicht erst angestrebt. Die Reaktionen gleichen dabei einem Theaterstück in drei Akten: Erst Ignoranz („Braucht niemand“), dann Verwunderung („Das kam überraschend“) und schließlich Defensive („Aber wir machen das jetzt auch – nur eben besser“).
Dabei liegt die Ursache tiefer. In den Köpfen vieler Führungskräfte– ob in Ministerien, Konzernen oder Wissenschaftsgremien – dominiert immer noch ein industriekapitalistisches Weltbild. Es ist ein Denken in Aggregaten, Maschinenparks, Fertigungstiefe. Doch wie Werner Abelshauser schon vor zwei Jahrzehnten analysierte, liegt die reale ökonomische Dynamik längst in nachindustriellen Wertschöpfungsketten: in Wissen, Netzwerken, Software, Immaterialität.
Industrielle Nostalgie als Innovationsbremse
Die S-Kurve ist auch ein psychologisches Modell. Denn wie Wilhelm Röpke schon 1932 feststellte: Wirtschaft ist immer auch Stimmungswirtschaft. In Aufschwüngen glauben die Massen an ewiges Wachstum, in Krisen an den Weltuntergang. In Deutschland jedoch wird die Zukunft nicht gefürchtet – sie wird als Zumutung betrachtet. E-Mobilität, KI, Netzökonomie – alles, was nicht greifbar, mechanisch, fertig kalkuliert ist, löst Abwehrreflexe aus. Das nenne ich die „Dampfmaschinen-Ideologie der liebwertesten Industrie-Gichtlinge“ – eine Mischung aus Planungsphantasie und Technikangst.
Das zeigt sich auch im Umgang mit Infrastrukturprojekten, Energieversorgung oder Bildungspolitik. Investitionen in KI, Universitäten oder Start-ups werden als „unwirtschaftlich“ abgeschmettert, solange der Return on Investment nicht nach drei Quartalen messbar ist. Die Zukunft wird mit Excel-Blättern beurteilt – von Beamten, Lobbyisten und Verbandsfunktionären, die ihre politische Relevanz aus einem Industriezeitalter schöpfen, das längst Geschichte ist.
Vom MP3-Syndrom zur Netzökonomie
Was bleibt, ist eine makroökonomische Leere. Der Fokus auf „Wachstum“, „Beschäftigung“ und „Exporte“ wirkt wie aus der Zeit gefallen. Denn Wachstum entsteht nicht mehr aus verlängerten Werkbänken, sondern aus geistiger Kühnheit – aus der Fähigkeit, neue Kombinationen zu denken, wie es Joseph Schumpeter beschrieben hat. Doch seine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung wird in Deutschland weitgehend ignoriert, wie Röpke und Stiller feststellen. Schumpeter wusste: Entwicklung entsteht im Innern, endogen, nicht durch Subventionen, sondern durch kreative Zerstörung – und durch Unternehmer, die neue Märkte erschließen, nicht nur bestehende verteidigen.
Doch diese Unternehmer fehlen. Was wir stattdessen haben, sind Digital-Labs mit Hipster-Deko, aber ohne Entscheidungskompetenz. Innovationsrhetorik als Feigenblatt für Effizienzprogramme. Die Ideen dürfen sprießen – solange sie keine Machtfrage stellen. Wenn’s ernst wird, schlägt der Controlling-Hammer zu.
Das Erbe der Routinemaschine
Die S-Kurve endet in der Sackgasse, wenn niemand mehr bereit ist, ins Risiko zu gehen. Der deutsche Kapitalismus produziert immer weniger Unternehmer und immer mehr Manager. Das Risiko wird ausgelagert – in Start-ups, nach China, in politische Förderprogramme. Die Innovationsfunktion wird so zur Abwicklungsabteilung.
Dabei zeigt die Geschichte: Die großen Unternehmer der zweiten industriellen Revolution – Siemens, Oetker, Rathenau – waren nicht Effizienzoptimierer, sondern Sinnstifter. Sie schufen soziale Institutionen, übernahmen Verantwortung, und entwickelten ihre Unternehmen nicht entlang von KPIs, sondern aus innerer Überzeugung. Was uns heute fehlt, ist genau diese Haltung: die Bereitschaft, neue Pfade zu betreten, ohne Garantie auf Perfektion.
Deutschland braucht eine S-Kurven-Wirtschaftspolitik
Was tun? Wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die den Übergang zwischen den S-Kurven nicht nur erkennt, sondern fördert. Die Bereitschaft zum Scheitern institutionalisiert. Die Reibung akzeptiert. Die Irritation zum Prinzip macht. Kurz: Wir brauchen eine Ökonomie der Entwicklung.
Dazu müssen wir das Narrativ ändern. Weg vom Bild der „Re-Industrialisierung“, hin zur Idee einer „Wissensgesellschaft in Bewegung“. Nicht lineare Fortschreibung, sondern serielle Neukombination. Nicht 100-Prozent-Lösungen, sondern 1000 Ideen. Nicht Perfektion, sondern Evolution. Das ist der Punkt, an dem wir aus der alten Kurve springen – oder in ihr steckenbleiben.
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