Es ist ein Lehrstück in strategischer Blindheit: Während in der Ukraine Drohnen-„Küchen“ im Wochenrhythmus neue Modelle entwickeln, halten wir in Deutschland an behäbigen Beschaffungszyklen fest. Die Folge: Wir schauen zu, wie andere die Standards setzen – und kaufen später teuer nach. Benjamin Wolba, Organisator der European Defense Tech Hackathons, hat im Smarter-Service-Talk die Diagnose gestellt – und gleich das Therapieprogramm mitgeliefert.
Bewusstsein schaffen: Drohnenkrieg ist Realität – auch für uns
Politische Führung in Berlin und Brüssel muss anerkennen, dass die Zukunft der Kriegsführung nicht primär von Panzern, Fregatten und Kampfflugzeugen geprägt sein wird, sondern von unbemannten, skalierbaren und kosteneffizienten Systemen – zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Das bedeutet: Verteidigungshaushalte müssen nicht nur wachsen, sondern in ihrer Struktur umgeschichtet werden. Wolbas Vorschlag: Mindestens 10 % des Budgets gezielt in unbemannte Systeme investieren.
Beschaffung beschleunigen: Von der Ausschreibung zur Lieferung in Monaten – nicht in Jahrzehnten
Das bestehende europäische Beschaffungswesen ist nicht kriegstauglich. Wer heute in Berlin ein unbemanntes System beauftragt, darf froh sein, wenn es vor 2030 einsatzbereit ist. Die Ukraine beschafft in Wochen – und lebt. Deutschland diskutiert in Jahren – und schaut zu.
Wolbas Forderung: Agile Beschaffungswege nach Vorbild der „Drone Coalition“ (geführt von UK, Niederlande, auch Deutschland dabei) mit klaren Mengenzielen. Beispiel: „Wir beschaffen 10 Millionen Drohnen bis 2027“ – und sichern so Skalierung, Produktionsstraßen und Arbeitsplätze.
Markt schaffen: Aufträge statt nur Fördergelder
Investoren steigen nur ein, wenn der Staat als Erstkunde auftritt. Startups wie Helsing oder Quantum Systems brauchen keine symbolischen Innovationspreise, sondern verbindliche Abnahmegarantien. Das heißt: Der Staat muss vom passiven Geldgeber zum aktiven Auftraggeber werden – mit Serienbestellungen, nicht nur Pilotprojekten.
NATO und EU: Von der Absichtserklärung zum operativen Netzwerk
Wolba denkt pan-europäisch: ein bottom-up Innovationsnetzwerk, das Talente, Startups, Investoren und Militärs zusammenbringt. Ziel: Verteidigungsfähigkeiten unabhängig von US-Industrie aufbauen, Standards harmonisieren, Beschaffung gemeinsam denken.
Die NATO-Programme DIANA und die EU-Initiativen (EUDIS) müssen hier in die Skalierung gehen – weg von Bürokratie, hin zu dezentralen Produktionsclustern.
Lehren aus der Ukraine: Lernen, bevor wir gezwungen werden zu lernen
Die Ukraine ist heute das inoffizielle R&D-Labor für moderne Kriegsführung. Wer dort nicht testet, lernt zu spät. Deutschland, NATO und EU sollten strukturierte Austauschprogramme mit ukrainischen Startups schaffen, um Technik und Taktik in Friedenszeiten zu adaptieren – bevor der Ernstfall die Lernkurve diktiert. Die Verteidigungsökonomie des 21. Jahrhunderts ist nicht nur eine Frage des Budgets, sondern der Geschwindigkeit, der Dezentralisierung und der Fähigkeit, den Markt für Innovationen zu schaffen. Hackathons sind dabei nicht nettes Beiwerk, sondern ein strategisches Werkzeug, um Talente, Technologien und Taktiken in Rekordzeit zu verbinden.
Wer heute nicht handelt, wird morgen nicht mehr handeln können – weil er längst aus dem Spiel genommen wurde.
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