Regionale Resilienz – Warum die Ernährungswende eine Rohstoffstrategie ist

von Gunnar Sohn
14. August 2025

Es gibt Themen, die in der öffentlichen Wirtschaftsdiskussion selten zusammengedacht werden. „Rohstoffstrategie“ weckt Assoziationen an seltene Erden, Lithium, Gasleitungen und geopolitische Lieferketten. „Ernährungswende“ hingegen klingt nach Bio-Märkten, vegetarischen Rezeptheften und Regionalmärkten am Samstagvormittag. Doch im Kern geht es in beiden Debatten um dasselbe: Versorgungssicherheit, Resilienz und die Fähigkeit, in Krisenzeiten unabhängig zu handeln.

Friedrich Büse, Geschäftsführer der Irodima Holding, setzt hier an. Sein Ansatz hat wirtschaftspolitische Tragweite: Regionale, dezentral organisierte Lebensmittelproduktion ist nicht nur eine Frage des guten Geschmacks oder der Klimabilanz – sie ist Teil einer umfassenden Rohstoffstrategie.

Die Diagnose des Sachverständigenrates

Im Jahresgutachten 2022/23 formuliert der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung eine klare Botschaft: Deutschland und die EU müssen ihre Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen reduzieren. Die vorgeschlagene Doppelstrategie besteht aus kurzfristiger Resilienz – durch Diversifizierung, strategische Lagerhaltung und Krisenvorsorge – und langfristiger Unabhängigkeit durch Innovation, internationale Kooperation und Kreislaufwirtschaft.

Ob es um Lithium für Batterien, Phosphate für Düngemittel oder Metalle für die Energiewende geht – überall gilt: Globale Lieferketten sind störanfällig, Preise volatil, geopolitische Risiken real. Die Empfehlung lautet daher, Autarkiepotenziale zu nutzen und Dezentralität als strategische Reserve zu begreifen.

Büses Parallele zur Lebensmittelversorgung

Büse überträgt diese Logik auf den Ernährungssektor. Auch hier sind Rohstoffe – ob Getreide, Ölsaaten oder Eiweißpflanzen – oft von Importen abhängig. Die Globalisierung hat Lieferketten verlängert und komplexer gemacht, die Spezialisierung der Landwirtschaft ganze Regionen in Monokulturen gedrängt. In Krisen wie der Corona-Pandemie oder dem Ukraine-Krieg wurden diese Abhängigkeiten schmerzhaft sichtbar.

Seine Antwort: Regionale Wertschöpfungsketten, die Transportwege verkürzen, lokale Verarbeitungsstrukturen stärken und die Abhängigkeit von globalen Märkten verringern. Damit werden Lebensmittel nicht nur ökologisch nachhaltiger, sondern auch strategisch sicherer.

Kreislaufwirtschaft als verbindendes Prinzip

Hier berühren sich die Empfehlungen des Sachverständigenrates und Büses Positionen direkt: Beide setzen auf geschlossene Stoffkreisläufe. Im industriellen Kontext heißt das: Design-for-Recycling, Recyclingquoten erhöhen, Sekundärrohstoffmärkte entwickeln. Im Ernährungssektor bedeutet es: Lebensmittelverluste vermeiden, Nebenströme verwerten, Nährstoffkreisläufe schließen – etwa durch regionale Kompostierung und Rückführung in die Landwirtschaft.

Das Autarkie-Dilemma

Beide Ansätze stoßen jedoch auf das gleiche Problem: Autarkie ist kein Selbstzweck und oft teurer als internationale Beschaffung. Beim Recycling konkurrieren Sekundärrohstoffe mit günstigen Primärrohstoffen; bei Lebensmitteln stehen regionale Produkte im Preiswettbewerb mit globaler Massenware. Hier braucht es – darin sind sich Büse und der Sachverständigenrat einig – politische Rahmenbedingungen, die Resilienz honorieren und die kurzfristige Kostenperspektive durch eine langfristige Sicherheitslogik ergänzen.

Dezentralität als Sicherheitsarchitektur

Der wohl interessanteste gemeinsame Nenner liegt im Gedanken der Dezentralität. Für die Industrie heißt das: verteilte Lagerhaltung, regionale Lieferantennetze, flexible Produktionskapazitäten. Für die Ernährung bedeutet es: regionale Verarbeitung, handlungsfähige Kommunen und Landwirte, die nicht allein von Exportmärkten abhängen. In beiden Fällen entsteht eine Sicherheitsarchitektur, die Krisen nicht verhindern, aber ihre Folgen abfedern kann.

Ausblick – Green Monday in Bochum

Friedrich Büses Konzept einer Ernährungswende ist im Kern eine Anwendung der rohstoffpolitischen Empfehlungen des Sachverständigenrates – nur auf den Sektor, der jeden Tag über unsere Teller geht. Wer die strategische Bedeutung von Nahrungsmitteln so ernst nimmt wie die von Lithium oder Seltenen Erden, erkennt: Resilienz beginnt nicht im Containerhafen, sondern auf dem Acker vor der Stadt.

Am 15. September wird Büse beim 6. Green Monday meets Circularity im GLS WerkRaum Bochum darüber sprechen, wie regionale Ernährungssysteme Versorgungssicherheit, Klimaschutz und wirtschaftliche Unabhängigkeit verbinden können – und warum die Ernährungswende Teil einer nationalen Resilienzstrategie sein sollte.

Die Teilnahme am Green Monday ist kostenlos. Hier registrieren.

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