Es war ein Satz, der wie ein Stein ins Wasser fiel: Die Deutschen würden zu wenig“ arbeiten, erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz. In einer Zeit, in der Krankenkassen von Rekorden bei Fehlzeiten berichten und psychische Erkrankungen explodieren, wirkt dieser Satz wie eine Zumutung. Nicht, weil Produktivität kein legitimes Anliegen wäre, sondern weil er den falschen Adressaten trifft.
Moral statt Realität
Volker Nürnberg, Mitglied der Ethikkommission des Bundesgesundheitsministeriums, widersprach in der Livesendung Zukunft Personal Nachgefragt deutlich: „Burnout ist längst die Pandemie der modernen Gesellschaft. Wer den Beschäftigten Faulheit vorwirft, verkennt die Realität.“ Nürnberg erinnert daran, dass Wartezeiten auf einen Therapieplatz inzwischen bis zu acht Monate dauern. Wer in diesem Umfeld den Menschen mangelnden Fleiß attestiert, verwechselt Ursache und Symptom.
Sein Befund: Gesundheit ist die Grundlage für Produktivität. Genau daran mangelt es. Die Belegschaften verschleißen sich, die Fehlzeiten steigen – nicht, weil die Menschen „zu wenig arbeiten“ wollen, sondern weil sie zu oft unter Bedingungen arbeiten, die sie krank machen.
Das Paradox des Arbeitsmarkts
Wolfgang Brickwedde hielt dem Kanzler ein anderes Bild entgegen: „Mehr Arbeitstage ergeben nicht automatisch mehr Produktivität.“ Pilotprojekte zur Vier-Tage-Woche zeigen höhere Leistung und größere Arbeitgeberattraktivität. Firmen, die das Modell testen, werden mit Bewerbungen überflutet.
Gleichzeitig beschrieb Brickwedde ein Paradox, das tiefer reicht als jede Stundenrechnung: Deutschland hat rund drei Millionen Arbeitslose – und gleichzeitig Hunderttausende unbesetzte Stellen. Akademiker sind nahezu in Vollbeschäftigung, während einfache Tätigkeiten kaum noch nachgefragt werden. Fachkräftemangel hier, Überangebot dort.
Das ist kein Beweis für Faulheit, sondern für eine strukturelle Schieflage. Der Kanzlersatz verdeckt diese Bruchlinie, anstatt sie zu adressieren.
Ein historischer Rückfall
Die Forderung nach mehr Arbeitsstunden erinnert an eine Logik des Industriezeitalters: mehr Zeit, mehr Output. Doch in einer wissensintensiven, digitalisierten Ökonomie entscheidet nicht die Quantität, sondern die Qualität der Bedingungen. Kreativität, Innovation, Resilienz – sie entstehen nicht durch Überstunden, sondern durch gesunde, motivierende Strukturen.
Produktivität neu denken
Die Merz-Debatte zeigt: Politik versucht, komplexe Strukturprobleme mit moralischen Kategorien zu beantworten. Aber es geht nicht um Fleiß oder Faulheit. Es geht darum, Arbeit so zu organisieren, dass Menschen gesund bleiben, leistungsfähig sind und Lust auf Leistung entwickeln.
Die eigentliche Frage lautet: Wie überwinden wir das Paradox von Millionen Arbeitslosen und gleichzeitig unbesetzten Stellen? Wer weiter nur über Stunden spricht, verpasst die eigentliche Herausforderung – und riskiert, dass Deutschland im globalen Wettbewerb nicht an zu wenig, sondern an falsch verstandener Arbeit scheitert.
Wir vertiefen das Thema auf der Fachmesse Zukunft Personal Europe in Köln vom 9. bis 11. September.
