„Wenn nicht jetzt, wann dann?“ – Der Green Monday macht Druck für eine Kreislaufwirtschaft mit Verfassungsrang

von Team Redaktion
17. September 2025

Die Botschaft aus Bochum war eindeutig: Die Kreislaufwirtschaft darf kein Recycling-Appendix der Abfallverordnung bleiben. Was wir brauchen, ist ein Wirtschaftsmodell der Zukunft – verankert im Kanzleramt, getragen von neuen Allianzen aus Mittelstand, Finanzwirtschaft, Industrie und Zivilgesellschaft. Der Green Monday in den Räumen der GLS Bank wurde zur Bühne einer politischen und ökonomischen Neujustierung.

Der Green Monday als wirtschaftspolitisches Labor

Es ist ein Satz, der hängen bleibt. „Kreislaufwirtschaft gehört ins Kanzleramt – nicht in eine Abteilung 17c“, sagte Prof. Dr. Henning Wilts vom Wuppertal Institut. Was wie eine polemische Spitze klingt, ist in Wahrheit der zentrale Nerv einer tiefgreifenden Systemkritik: Deutschland könne zwar „Entsorgung“, so Wilts, aber keine echte Kreislaufwirtschaft. Warum? Weil die lineare Logik – von der Extraktion bis zur Deponie – tief in Politik, Verwaltung und industriellem Denken verankert sei. „Rückführung ist dort keine Grundannahme, sondern nachgelagerte Optimierung.“ Ein institutioneller blinder Fleck, der längst nicht mehr zeitgemäß sei.

Der Green Monday, organisiert vom Smarter-Service-Institut, wird zur Korrektur dieser Blindheit: Er ist Labor, Lautsprecher und Lobby zugleich. In den Räumen der GLS Bank trafen sich Vertreter:innen von Banken, Start-ups, Industrieunternehmen, Verbänden und Wissenschaft – um nichts Geringeres als die nächste Phase des Wirtschaftens zu skizzieren. Nicht als akademische Übung, sondern als politische Agenda.

„Wirtschaften in Verbundenheit“: Das neue Paradigma

Anja Sigismund, Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE), stellte klar: „Wir brauchen keine Strategiepapiere mehr – wir brauchen Umsetzungswillen.“ In Brüssel, Berlin, aber auch in den kommunalen Vergabestellen. Ihr Sofortprogramm umfasst neun konkrete Hebel – von der stärkeren Einbindung der Bauwirtschaft (Recyclingquote dort: beschämende 4 %) über neue Kriterien bei der öffentlichen Beschaffung bis hin zu regulatorischen Rahmenbedingungen, die den Markt für hochwertige Rezyklate stabilisieren. Sigismund sprach von „zirkulären Leitmärkten“, die analog zu den Erneuerbaren ein eigenes Marktdesign bräuchten.

Die GLS Bank sieht sich hier nicht nur als Finanzierer, sondern als „Teil der zukunftskünstlerischen Bewegung“ . Nicht nur Kapital sei entscheidend, sondern auch der kulturelle Wandel: „Wir wollen nicht bloß weniger schädlich wirtschaften. Wir wollen regenerativ denken – ökologisch und sozial“, so Aysel Osmanoglu, GLS-Vorstand. Das sei keine Frage des Idealismus, sondern der ökonomischen Intelligenz.

Preise lügen – und müssen politisch berichtigt werden

Der Unternehmer Lars Baumgürtel (ZinQ) brachte es auf den Punkt: „Preise sind keine Naturgesetze – sie sind Konventionen.“ Und diese Konventionen seien derzeit systematisch falsch. Die betriebswirtschaftliche Kalkulation endet an der Werkspforte, cradle-to-gate – anstatt cradle-to-cradle zu denken. Das führe dazu, dass zirkuläre Produkte zwar ökologisch überlegen seien, aber durch externe Effekte preislich benachteiligt werden. Seine Forderung: Ein zirkuläres Emissionshandelssystem, das nicht nur CO₂ in der Produktion, sondern auch in der Nutzung und im End-of-Life abbildet. „Wir brauchen Märkte für Restwerte, nicht für Einmalnutzung.“

Die soziale Frage der Zirkularität

Doch der Green Monday thematisierte nicht nur Marktversagen, sondern auch soziale Schieflagen. „Zirkularität ist nichts für Eliten“, so Sigismund. Der „Reparaturbonus“ in Thüringen habe gezeigt, dass einfache Instrumente große Wirkung entfalten können. Auch das Start-up traceless aus Hamburg, das biobasierte Kunststoffe entwickelt, wurde als Beispiel für eine gelungene Innovationsförderung genannt. „Solche Unternehmen brauchen kein Mitleid, sondern klare Skalierungsbedingungen – am besten über ein zirkuläres EEG“, forderte Sigismund. 40 Millionen Euro stehen im Haushaltsentwurf 2026 für Circular Economy bereit – zu wenig, wenn man die Dimension der Aufgabe betrachtet.

Design for Circularity: Der Stoff, aus dem die Transformation ist

Am Ende war es Wilts, der noch einmal den kulturellen Rahmen weit spannte: „Was wir brauchen, ist Zukunftskunst – eine neue Erzählung vom Wirtschaften.“ Dabei gehe es nicht um das Ende des Kapitalismus, sondern um seine evolutionäre Weiterentwicklung. Kreislaufwirtschaft müsse zur politischen Infrastruktur einer resilienten Republik werden. Nicht als Nische, sondern als Norm. Nicht als Kostenfaktor, sondern als Werttreiber.

Ausblick: Circularity als Staatsräson

Der Green Monday war mehr als ein Panel – er war ein Weckruf. An Politik, Verwaltung, Finanzwirtschaft und Industrie. Die Fragen sind gestellt, die Programme liegen auf dem Tisch, das Personal ist bereit. Es fehlt nur noch der politische Wille, Kreislaufwirtschaft zur Staatsräson zu machen. Wenn nicht jetzt, wann dann?

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