Billigdrohnen, teure Antworten – warum Europas Mittelstand jetzt zur Schlüsselindustrie werden muss

von Gunnar Sohn
21. September 2025

Es ist eine absurde Gleichung, die Europa ins strategische Hintertreffen bringt: Eine russische Shahed-Drohne kostet 20.000 Euro. Ihre Abwehr durch westliche Luftverteidigung verschlingt mitunter eine Million pro Schuss. „Das steht in keinem Verhältnis“, sagt Christian Hummert, Forschungsdirektor der Cyberagentur, im Gespräch mit Sohn@Sohn-Adhoc. Der Krieg in der Ukraine habe die Spielregeln verändert: Wer mit einer Million-Euro-Rakete eine Billigdrohne vom Himmel holt, verliert nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch.

Die Kostenfalle der Abwehr

Dass Russland gezielt auf diese Asymmetrie setzt, ist kein Zufall. Angriffe mit Schwärmen von Drohnen haben die klassischen Kalkulationen von Luftverteidigung ins Wanken gebracht. Patrick Rose, ehemals Chief Scientist der US Navy, beschreibt das Dilemma so: „Teure Waffen, wenig Wirkung.“ Die Bundeswehr und die NATO seien im Denken des Kalten Krieges gefangen, mit Fokus auf Großsysteme wie Patriot, F-35 oder Eurofighter. Gegen eine Welle aus hunderten unbemannten Angreifern helfen solche Systeme nur bedingt – und ruinieren auf Dauer die Verteidigungsbudgets.

Von Symbolpolitik zur Industriepolitik

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat einen „Drohnenwall“ vorgeschlagen, der Europa an seiner Ostgrenze schützen soll. Doch die entscheidende Frage lautet: Woher sollen die Systeme kommen, die diese Aufgabe erfüllen – und wie finanzieren wir sie? Symbolpolitik ersetzt keine Industriepolitik. Für die Entscheider in der Wirtschaft heißt das: Europa muss nicht nur über Milliarden für Verteidigung sprechen, sondern über Fertigungstiefe, Zulieferketten und Innovationsökosysteme.

Mittelstand als Schlüsselakteur

Die Lösung liegt nicht allein bei den großen Rüstungskonzernen. Jonas Singer, Unternehmer und Host des „Defense Innovation Podcast“, bringt es prägnant auf den Punkt: „Nur wenn Primes, Hidden Champions und Start-ups zusammenarbeiten, entsteht Geschwindigkeit. 1+1 muss fünf ergeben, nicht zwei.“ Start-ups wie Helsing entwickeln KI-gestützte Abfangdrohnen, während Mittelständler wie Donaustahl Sprengköpfe fertigen, die gegnerische Drohnen beim Abschuss neutralisieren. Zulieferer aus der Automobilindustrie entdecken neue Märkte, weil ihre Präzisionstechnik plötzlich in der Verteidigung gefragt ist.

Für den Mittelstand eröffnet sich damit ein Feld von historischer Dimension: Wer heute seine Fertigungskapazitäten in Drohnen- oder Abwehrtechnologien investiert, wird Teil eines Wachstumsmarktes, der sich bis 2030 vervielfachen dürfte. Laut Singer hat die EU das Ziel, die Hälfte der Verteidigungsbeschaffung innerhalb Europas zu decken – ein Volumenwachstum von mehr als 800 Prozent in nur zehn Jahren.

Die Bürokratiefalle

Das Nadelöhr liegt in Berlin. Beschaffungsprozesse dauern Jahre, Innovationszyklen der Start-ups Wochen. „Wer nicht wöchentlich mit den Leuten in der Ukraine spricht, hat keine Ahnung, was passiert“, sagt Singer. Die ukrainische Drohnenindustrie habe in Rekordzeit gezeigt, was möglich ist: Abfangsysteme entstehen dort binnen weniger Monate, weil die Truppe direkt mit Start-ups kooperiert. In Deutschland hingegen verhindert das Kriegswaffenkontrollgesetz, dass Firmen auf Vorrat produzieren dürfen. Jeder Auftrag muss durch Ministerien und den Haushaltsausschuss.

Roderich Kiesewetter, CDU-Verteidigungspolitiker, fordert nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eine radikale Beschleunigung: Die Schwelle für Beschaffungsvorlagen solle von 25 auf mindestens 100 Millionen Euro steigen. Außerdem müsse die Trennung von Führungs- und Materialverantwortung aufgebrochen werden. Stefan Thumann, Gründer von Donaustahl, plädiert für „dynamische Aufträge“ und modulare Serien: vorproduzierte Hardware, die je nach Bedarf mit Software und Sensorik bestückt werden kann. Das senkt Kosten, beschleunigt Lieferungen und macht die Systeme anpassungsfähig.

Kapital freisetzen

Ein zweites Problem ist das Geld. ESG-Kriterien haben lange verhindert, dass institutionelle Investoren in Rüstungstechnologien anlegen. Inzwischen hat Brüssel nachjustiert: Verteidigung gilt als ethisch vertretbar, weil sie demokratische Systeme schützt. „Jeder staatliche Euro kann private Investitionen verzehnfachen“, sagt Singer. Banken und Rückversicherer müssten nun ihre Blockaden lösen, um Kapitalströme für europäische Sicherheitstechnologien zu öffnen. Für den Mittelstand eröffnet sich damit der Zugang zu einem bislang versperrten Finanzierungskanal.

Innovationszyklen statt Amtsstuben

Dass Zeit zum kritischen Faktor wird, zeigt die Front in der Ukraine. Dort ändern sich Software-Standards so schnell, dass Soldaten nach einem Heimaturlaub ihre Drohnenführung neu lernen müssen. Innovation in Echtzeit – ein Konzept, das in deutschen Amtsstuben kaum vorstellbar ist. Rose warnt: „Wenn wir unsere Innovationszyklen nicht verkürzen, zahlen wir doppelt – in Geld und in Sicherheit.“

Das bedeutet: Verteidigung darf nicht länger wie ein Großprojekt mit starren Budgets gedacht werden. Stattdessen braucht es agile Strukturen, in denen Mittelstand und Start-ups kleine Serien entwickeln, erproben und im Ernstfall skalieren.

Die neue industrielle Zeitenwende

Der Krieg der Drohnen zwingt Europa, Verteidigung neu zu denken – ökonomisch, industriell, politisch. Billige Angriffe dürfen nicht mit teuren Antworten gekontert werden. Die Lösung liegt im Mittelstand: in seiner Innovationskraft, Fertigungstiefe und Geschwindigkeit. Politik und Industrie müssen gemeinsam handeln – mit neuen Beschaffungswegen, angepassten Gesetzen und Kapital, das nicht länger blockiert wird.

Am Ende ist es eine schlichte Rechnung: Wer seine Sicherheit von Importen abhängig macht, verliert Souveränität. Wer aber den Mittelstand zur Rüstungskraft macht, gewinnt doppelt – ökonomisch und strategisch.

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