Die sicherheitspolitische Zeitenwende stellt die Bundeswehr vor fundamentale Fragen: Wie kann sie kriegstüchtig und zukunftsfähig werden in einer Welt, die gleichzeitig strategische Weitsicht und taktische Flexibilität erfordert? Im Mittelpunkt steht das Spannungsfeld zwischen Planung, Strategie und Taktik – vom langfristigen Entwurf bis zum Handeln im Gefecht. Drei Denktraditionen bieten wertvolle Orientierung: der preußische Reformgeist eines Gerhard von Scharnhorst, das chinesische Konzept Moulüe (Supraplanung) und Carl von Clausewitz’ Einsichten in die Unberechenbarkeit des Krieges. Aus diesen Quellen lassen sich konkrete Impulse für Entscheidungsträger in Bundeswehr und Sicherheitsindustrie gewinnen, um starre Strukturen aufzubrechen, visionär zu planen und doch realistisch zu bleiben.
Scharnhorsts Reformgeist: Radikale Erneuerung wagen
Nach der Niederlage von 1806 führte General Gerhard von Scharnhorst die „Mutter aller Armeereformen“ durch, die die preußische Armee grundlegend vom Kopf auf die Füße stellte. Er brach verkrustete Strukturen auf – schaffte Adelsprivilegien in der Offizierslaufbahn ab, etablierte eine allgemeine Wehrpflicht und gründete die Kriegsakademie zur professionellen Ausbildung. Scharnhorsts Reformen zielten darauf ab, eine kriegstüchtige Armee zu formen, die mit moderner Organisation und motivierter Truppe gegen Napoleon bestehen konnte. Sönke Neitzel mahnt in seinem Essay „Mehr Scharnhorst wagen“, erschienen in der FAZ, genau diese Radikalität heute wieder an: Die Bundeswehr brauche mutige Veränderungen ohne Denkverbote, anstatt sich im Klein-Klein zu verzetteln. Doch derzeit scheuen offenbar viele Verantwortungsträger zu tiefgreifende Reformen – zu viel Veränderung gelte ihnen als eher schädlich. Dies lähmt die Erneuerung. So wurde zuletzt bei der angekündigten Streitkräftereform im März 2024 manches verwässert; zentrale Dysfunktionen, speziell im Heer, blieben bestehen. Die kalte Mobilmachungsfähigkeit („Kaltstartfähigkeit“) wird so kaum verbessert, und aus dem Krieg in der Ukraine wurden bisher keine konsequenten konzeptionellen Lehren gezogen. Scharnhorsts Vermächtnis lehrt hingegen, dass nur ein entschlossener Reformschritt – ein „großer Wurf“ – eine marode Streitmacht binnen weniger Jahre in eine schlagkräftige Truppe verwandeln kann. Entscheidungsträger sollten den Reformgeist Scharnhorsts internalisieren: kein Tabu bei Strukturanpassungen, Verschlankung von Stäben, Förderung von Führungskompentenz und eine Personalstrategie, die genügend einsatzbereite Soldaten bereitstellt. So fordert Neitzel etwa, als wichtigste Entscheidung die Grundlagen für eine Wiedereinführung der Wehr- oder Dienstpflicht zu legen, um den Personalmangel zu beheben. Kurz: Mehr Scharnhorst zu wagen bedeutet, jetzt die Voraussetzung für eine resiliente, kampfbereite Bundeswehr der Zukunft zu schaffen – auch wenn das etablierte Denkgewohnheiten schmerzlich in Frage stellt.
Supraplanung (Moulüe): Visionäre Planungskultur
Während Scharnhorst pragmatische Reformen umsetzte, eröffnet der Blick nach China eine Planungskultur, die in anderen Zeithorizonten und Denkkategorien operiert. Der Sinologe Harro von Senger beschreibt mit Moulüe (谋略, Móulüè) ein Konzept der Supraplanung – eine Ebene über der herkömmlichen Strategie. Im chinesischen Verständnis steht Moulüe tatsächlich oberhalb der Strategie; es bezeichnet einen Planungsansatz, der extrem langfristig denkt und sowohl reguläre als auch unorthodoxe Methoden einbezieht. Westlichen Sprachen fehlt ein entsprechender Begriff, weshalb Senger den Neologismus Supraplanung geprägt hat. Supraplanung bedeutet Weitblick und List: Sie blickt gleichsam von oben auf das Yin und Yang der Problemlösungen – die „weiße“ Seite der transparent-regulären Methoden und die „schwarze“ Seite der intransparent-überraschenden Ansätze – und integriert beide souverän. Diese ganzheitliche Denkweise oszilliert ständig zwischen normalen und normabweichenden (aber legalen) Lösungswegen. Im Gegensatz dazu konzentriert sich westliche Planung meist auf den „weißen“ Bereich: Man verlässt sich auf lineare Analysen, Game-Theory-Modelle und kurzfristige Prognosen. Strategeme – also listenreiche Täuschungsmanöver – werden im Westen zwar genutzt, aber oft nur intuitiv und unsystematisch, während eine umfassende Theorie der listigen Kriegskunst fehlt.
Gerade für die deutsche Sicherheitsplanung könnte die Supraplanung inspirierend sein. Visionäre Planungskultur heißt, über den Tageshorizont hinauszuschauen – in Jahrzehnten, ja Jahrhunderten zu denken. China plant seine Entwicklungsschritte mit Hundert-Jahre-Zielen, während westliche Demokratien meist in Vier-Jahres-Wahlzyklen taktieren. Supraplanung lehrt, schon in Friedenszeiten die Voraussetzungen für den Sieg zu legen, idealerweise ohne Kampf. Für die Bundeswehr bedeutet dies zum einen, langfristige Bedrohungsanalysen zu betreiben und innovative Fähigkeiten frühzeitig aufzubauen, bevor die nächste Konfliktwelle hereinbricht. Zum anderen bedeutet es, unkonventionelle Denkansätze zu fördern – Kreativität, Täuschung, indirekte Ansätze – um mögliche Gegner zu überraschen.
Die Thukydides-Falle vermeiden
Eine Moulüe-Mentalität in der Planung könnte etwa helfen, nicht in die vielzitierte „Thukydides-Falle“ zu tappen. Diese beschreibt das historische Muster, dass eine aufstrebende Macht und eine etablierte Großmacht fast zwangsläufig in einen Konflikt geraten, weil die eine den Status quo verteidigt und die andere ihn herausfordert. Eine Supraplanungsperspektive erlaubt es, diese Logik der Unausweichlichkeit zu durchbrechen: durch weitsichtige Strategien, die Bündnisse stärken, Gegner abschrecken und langfristig die Eskalationskosten so hoch setzen, dass Krieg unattraktiv wird.
Das Prinzip der Moulüe setzt hier auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen: statt direkter Konfrontation frühzeitig Verflechtungen schaffen, strategische Allianzen pflegen und durch technologische sowie diplomatische Signale den potenziellen Gegner davon überzeugen, dass jeder Angriff langfristig mehr Verluste als Gewinne bringt. Kurz gesagt: Supraplanung verwandelt die Falle in eine Vermeidungsstrategie – und macht aus drohenden Konfrontationen ein gestaltetes Umfeld, in dem Stabilität und Abschreckung Hand in Hand gehen.
Clausewitz und Auftragstaktik: Strategie in der unplanbaren Welt
So wertvoll visionäre Planung ist, im Krieg prallen Pläne bekanntlich auf die Wirklichkeit – und selten überleben sie unbeschadet die erste Feindberührung. Hier mahnt Carl von Clausewitz’ Vermächtnis zur Ernüchterung. Krieg ist für Clausewitz kein berechenbares Schachspiel, sondern ein Bereich der Ungewissheit, des Zufalls und der Reibung. „Everything is very simple in war, but the simplest thing is difficult“ – alles im Krieg ist einfach, aber selbst das Einfache ist ungeheuer schwierig. Mit diesem berühmten Diktum beschreibt Clausewitz, wie unzählige kleine Hindernisse die Umsetzung jedes Plans erschweren: Marschstraßen erweisen sich als unpassierbar, Befehle gehen verloren, Technik versagt, Wetter und Erschöpfung bremsen den Vormarsch. Aus dieser Summe unvorhersehbarer Faktoren entsteht das, was Clausewitz die Reibung nennt – jener Wirkungsmechanismus, „der den realen Krieg vom Krieg auf dem Papier unterscheidet“. Kein Stabskonzept, wie ausgefeilt auch immer, entgeht der Realität des Zufalls: „Aktivität im Kriege ist Bewegung im widerstehenden Medium“, veranschaulicht Clausewitz; selbst ein einfacher Befehl stoße in der Praxis auf zahllose Widerstände. Die Folgerung für Strategen ist eindeutig: Pläne müssen flexibel und Führung muss agil sein. Anstatt auf detaillierten Drehbüchern zu beharren, sollten Militärs robuste Rahmenpläne schmieden, die Anpassung zulassen, und Führungsstrukturen schaffen, die auf Unvorhergesehenes reagieren können.
Hier knüpft die deutsche Tradition der Auftragstaktik an. Auftragstaktik – geprägt im 19. Jahrhundert unter Moltke dem Älteren, im Geiste Clausewitz’ – bedeutet, dass höhere Führungsebenen nur Was und Wozu vorgeben (den Auftrag und die Absicht), aber das Wie den Unterführern überlassen. Diese dezentrale Führungskultur baut auf Vertrauen, Selbstständigkeit und dem Verständnis gemeinsamer Ziele. Sie ist die organisatorische Antwort auf Clausewitz’sche Friktion: Weil im Gefecht kein Plan 1:1 Bestand hat, müssen die vor Ort befindlichen Führer entscheiden können, um auf veränderte Lagen schnell zu reagieren. Auftragstaktik hat die deutsche Militärkultur lange ausgezeichnet und gilt als Erfolgsrezept für dynamische Schlachtenführung. Allerdings stellt sich die Frage, ob dieses Prinzip in der modernen High-Tech-Gefechtsfeld-Umgebung gewahrt bleibt. Digitale Kommunikation und Echtzeit-Feeds ermöglichen es heutigen Stäben, bis in den Zugtrupp hineinzuwirken – doch ist das wünschenswert? Clausewitz würde warnen, dass zentralisierte Mikroführung angesichts der Kriegsunklarheit fatal sein kann: Ein entferntes Hauptquartier sieht vielleicht Drohnenbilder, aber spürt nicht das Chaos am Boden. Die Führungskunst besteht darin, trotz neuer Technologiemöglichkeiten maßzuhalten – also die Übersicht der höheren Ebene zu nutzen, um den Gesamtrahmen zu stecken, dabei aber die Initiative der Taktik nicht zu ersticken. Auftragstaktik erfordert auch im 21. Jahrhundert eine Kultur des Vertrauens: Vorgesetzte müssen lernen, loszulassen, und Unterführer müssen gelernt haben, Verantwortung klug zu tragen. Nur so verbindet man strategische Absicht mit taktischer Agilität.
Technologie und Taktik: Drohnenkrieg als Herausforderung und Chance
Keine Entwicklung verdeutlicht die Wechselwirkung von Planung, Strategie und Taktik so wie die Drohnenkriegsführung. Unbemannte Systeme – aus der Luft, am Boden, zur See oder im Cyberraum – verändern die Art, wie Kriege geplant und geführt werden. Technologische Entwicklungen können den Charakter der Kriegführung revolutionieren, wie einst die Einführung des Flugzeugs. Sönke Neitzel und Frank Leidenberger weisen darauf hin, dass eine Bundeswehr ohne bewaffnete Drohnen heute so anachronistisch wäre, als hätte das Kaiserreich seinerzeit bewaffnete Flugzeuge abgelehnt. Tatsächlich zeigt der Krieg in der Ukraine, wie Drohnen Einsatzgrundsätze auf den Kopf stellen: Kleine Einheiten können mittels Drohne Artillerie zielsicher lenken, Aufklärung in Echtzeit erhalten oder selbst Präzisionsschläge durchführen – Fähigkeiten, die früher nur großen Verbänden vorbehalten waren. Damit bieten Drohnen die Chance, Auftragstaktik zu stärken, indem sie Vor-Ort-Kommandeuren Augen und Reichweite geben, um im Sinne der Auftragserfüllung eigenständig zu handeln. Ein infanteristischer Zug mit Drohne kann heute Aufgaben erfüllen, die einst ein ganzes Bataillon erforderten, wenn er im Rahmen der Absicht kreativ handelt.
Gleichzeitig bergen diese Technologien die Gefahr des Paradigmenwechsels in der Führung: Permanente Vernetzung kann zur Versuchung führen, von oben jedes Gefecht zu steuern – der sogenannte „Tablet-General“, der am Bildschirm bis ins letzte Geschehen hineinregiert. Hier ist Weitsicht gefragt, um Technologie richtig in die Führungsphilosophie zu integrieren. Eine kriegstüchtige Bundeswehr der Zukunft muss digitale Vernetzung so nutzen, dass sie Führung verbessert, ohne Eigeninitiative zu lähmen. Das bedeutet zum Beispiel, klare Kommunikations- und Eskalationsregeln aufzustellen: Welche Entscheidungen müssen nach oben, welche bleiben unten? Es bedeutet auch, technische Ausbildung mit Auftragstaktik-Prinzipien zu verzahnen – die Drohne als Werkzeug des Zugführers, nicht als Überwachungsleine des Generals. Darüber hinaus erfordert der technologische Wandel strukturelle Reformen: Innovationskultur und Kooperation mit der Sicherheitsindustrie sind Schlüssel. Neitzel und Leidenberger fordern ein innovatives Zusammenwirken von Rüstungsindustrie, Start-ups, Forschungseinrichtungen und Bundeswehr, um neue Technologien schnell nutzbar zu machen. Wenn beschaffungsbürokratische Hürden fallen und kreative Köpfe – auch aus der Truppe – Gehör finden, kann die Bundeswehr auf technologischem Gebiet sprunghafte Fortschritte erzielen. Der Drohnenkrieg mahnt insgesamt: Planung darf nicht im Beharren auf Altbewährtem bestehen, sondern muss offen für disruptive Veränderungen sein. Wer jetzt die Weichen für autonome Systeme, Künstliche Intelligenz und Cyber-Abwehr stellt, verschafft der Truppe morgen taktische Vorteile. Doch auch hier gilt: Technik ist nur so gut wie die Strategie dahinter. Das Prinzip der Supraplanung könnte dabei helfen, Technologie unkonventionell einzusetzen – etwa durch Täuschung (Decoys, elektronische Irreführung) oder asymmetrische Anwendungen, die ein Gegner nicht antizipiert.
Impulse für eine kluge Bundeswehr
Aus der Verknüpfung von Scharnhorst, Supraplanung und Clausewitz ergeben sich klare Handlungsimpulse.
Erstens muss die Bundeswehr Strukturen radikal entrümpeln und reformieren, auch gegen interne Widerstände – ganz im Sinne Scharnhorsts. Es reicht nicht, kleinteilige Verbesserungen im Verborgenen umzusetzen; nötig ist ein sichtbarer großer Schritt, der Dysfunktionalitäten beseitigt und die Truppe vom Support bis zur Spitze auf Kampffähigkeit trimmt. Dazu gehört eine straffere Kommandostruktur, Verschlankung von Stäben und Beschleunigung von Entscheidungswegen.
Zweitens braucht es eine veränderte Planungskultur nach dem Vorbild der Supraplanung: Weg von Kurzfristorientierung und Schema F, hin zu kreativem Vorausdenken. Die Bundeswehr sollte strategische Vorausschau betreiben, Szenarien für die nächsten Jahrzehnte entwickeln und dabei auch unorthodoxe Ansätze würdigen. Das könnte bedeuten, vermehrt Experten für Cyberkrieg, Weltraumverteidigung oder Einflussoperationen einzubinden – Bereiche, die in klassischen Planspielen oft unterbelichtet sind.
Drittens gilt es, die Clausewitz’sche Realismusschule ernst zu nehmen: Ausbildung und Übungen müssen die Friktion und das Chaos simulieren, damit Offiziere lernen, unter unklaren Bedingungen zu entscheiden. Krieg lässt sich nicht durchchecklisten; daher sollten Übungen weniger auf Skripttreue, sondern auf Improvisationsfähigkeit abzielen.
Viertens: Auftragstaktik stärken – als gelebte Führungskultur vom Gefechtsstand bis ins Gefecht. Die Balance zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung muss immer wieder justiert werden, besonders da neue Technologien verführen, alles zentral lösen zu wollen. Hier kann man an der Ausbildungsschraube drehen: Junge Offiziere früh zur Selbstständigkeit erziehen, aber auch hohe Dienstgrade im „Nicht-Einmischen“ schulen, um unnötige Eingriffe zu vermeiden.
Schließlich fünftens: Technologische Erneuerung entschlossen vorantreiben, aber stets strategisch unterfüttern. Ob Drohnen, KI oder neue Panzerplattformen – sie müssen in ein Gesamtkonzept eingebettet sein, das der Landes- und Bündnisverteidigung dient. Die Bundeswehr sollte sich als lernende Organisation verstehen, die flexibel neue Kriegslektionen integriert – sei es aus der Ukraine, aus eigenen Manövern oder aus der langen Geschichte der Kriegskunst.
Scharnhorsts Reformmut, die Weitsicht der Supraplanung und Clausewitz’ Realitätssinn sind keine Gegensätze, sondern sich ergänzende Prinzipien. Zusammen gedacht, weisen sie den Weg zu einer Bundeswehr, die planvoll handelt, ohne in Plansucht zu verfallen; die strategisch denkt, ohne die Bodenhaftung zu verlieren; die taktisch agil bleibt, ohne kopflos zu improvisieren. Für die sicherheitspolitischen Entscheidungsträger lautet der Auftrag, diese Lehren in die Tat umzusetzen. Deutschlands Militär kann kriegstüchtig und zukunftsfähig werden – wenn es den Mut hat, mehr Scharnhorst zu wagen, die Horizonte der Supraplanung zu erkunden und im Nebel des Krieges à la Clausewitz einen klaren Kopf zu bewahren. Damit leistet dieser Essay einen Beitrag zum sicherheitspolitischen Diskurs: als Aufruf, Tradition mit Innovation zu verbinden, um der Bundeswehr die Schlagkraft und Flexibilität zu geben, die die unsichere Welt von morgen erfordert.
