Orbit im Fadenkreuz

von Team Redaktion
1. Oktober 2025

Europa steht an einem Scheideweg, der zugleich industriell wie sicherheitspolitisch ist. Der BDI-Weltraumkongress hat es schonungslos offengelegt: Wir verlieren Zeit, Marktanteile, Souveränität. Während die USA und China ihre Umlaufbahnen abstecken, verharrt Europa in einem riskanten Schwebezustand.

Josef Aschbacher, Generaldirektor der ESA, brachte es nüchtern auf den Punkt: Der europäische Anteil an der weltweiten Raumfahrtwirtschaft ist in wenigen Jahren von 15 auf 10 Prozent gesunken. Kein Einbruch über Nacht, sondern das stille Resultat mangelnden Tempos, fehlender Investitionskraft, fragmentierter Strukturen. Michael Schöllhorn von Airbus übersetzte dies in sicherheitspolitische Klarheit: Wer die Satelliten nicht schützt, verliert seine Handlungsfähigkeit am Boden. Space Superiority ist nicht bloß ein technisches Schlagwort, sie ist das Rückgrat moderner Verteidigung.

Boris Pistorius, Verteidigungsminister, hat erkannt, dass der Orbit längst Kriegsgebiet ist. Er spricht von 35 Milliarden Euro bis 2030 für Weltraumfähigkeiten, von neuen Satellitenkonstellationen, von Laser-Wirkmitteln und Responsive Space. Das ist ambitioniert – und doch nur der Anfang. Denn es bleibt die offene Frage: Ist Deutschland bereit, Weltraum als strategische Domäne zu denken – und zu handeln, bevor andere die Spielregeln diktieren?

Ökonomisch warnte Roland-Bergers Stefan Schaible, dass Europa ohne massiven Kapitalschub in den kommenden Jahren auf den Status eines Nischenanbieters zurückfallen wird. Zwei Billionen Euro wird der globale Markt bald umfassen, doch Europa riskiert, nur Zaungast zu sein. Die Diagnose ist eindeutig: Es fehlt nicht an Ingenieurskunst, sondern an Finanzkraft, an Risikobereitschaft, an politischem Willen.

Peter Leibinger vom BDI sprach vom „neuen Betriebssystem“ für die Industrie, das Raumfahrt bieten könnte: vernetzt, schnell, unternehmerisch. Und Dorothee Bär forderte, Deutschland müsse endlich aus der Komfortzone des Mittelmaßes heraustreten.

Doch zwischen Pathos und Zahlen klafft eine Lücke: Die strategische Ordnung fehlt. Der Orbit ist kein Abenteuerspielplatz, er ist die nächste geopolitische Front. Wer hier zögert, wird abhängig – technologisch, wirtschaftlich, militärisch.

Europa muss deshalb zweierlei leisten:

  1. Eine Sicherheitsarchitektur des Orbits – mit klaren Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten, mit robusten Allianzen, mit Regeln, die nicht nur auf Papier stehen.
  2. Eine industrielle Agenda – die Mittelstand, Start-ups und Konzerne verbindet, die Kapital mobilisiert und das Risiko akzeptiert, das Fortschritt verlangt.

Es ist diese Doppelbewegung, die über die Zukunft entscheidet: Wohlstand und Sicherheit, Markt und Macht. Der BDI-Kongress war eine Bestandsaufnahme. Aber er darf nicht Endpunkt sein, sondern Startbahn.


Wir zünden die zweite Stufe der Debatte:
Am Dienstag, 7. Oktober, sprechen Bernhard Steimel und Gunnar Sohn im Smarter Service Talk über die Lehren aus dem BDI-Weltraumkongress.

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