Am 4. Dezember setzt der Zukunft Personal Nachgefragt Day in der vierten Session seinen Fokus auf jene Unternehmen, die die deutsche Exportwirtschaft seit Jahrzehnten tragen und trotzdem kaum öffentliche Aufmerksamkeit bekommen: die Hidden Champions.
Karlheinz Schwuchow, Professor für Internationales Management und ausgewiesener Kenner mittelständischer Organisationsstrukturen, führt durch die Session – unterstützt durch pointierte O-Töne von Hermann Simon.
Diese Kombination ist ungewöhnlich und genau deshalb interessant: Schwuchow analysiert die systemischen Muster, Simon liefert die empirischen, globalen Tiefenbohrungen.
Was Hidden Champions heute wirklich herausfordert
Die Grundlage der Diskussion ist Simons nüchternes Befundbild:
Die demografische Lücke trifft Hidden Champions härter als Großunternehmen, weil viele von ihnen in ländlichen Regionen sitzen, während junge Fachkräfte zunehmend Ballungsräume bevorzugen.
Aber der demografische Wandel ist nur ein Teil der Geschichte.
Der andere – und viel größere – ist die Internationalisierung dieser Unternehmen, die das Personalmanagement völlig neu strukturiert.
Der regionale Kern – und warum er immer noch wirkt
Hidden Champions sollten nach Ansicht von Simon nicht versuchen, auf dem globalen Arbeitsmarkt mit Konzernen zu konkurrieren. Ihre Stärke liegt vor Ort: Heimatverbundenheit, Familienbetriebe, technologische Kompetenz – ein Gefüge, das Konzerne gar nicht bieten können.
Deshalb rät Simon zu einer konsequent regionalen Rekrutierungsstrategie:
- frühe Kontakte zu Schulen, Realschulen, Gymnasien
- Einladungen in den Betrieb, um „erste Bindungselemente“ zu setzen
- Praktika als Eintrittspunkt
- lokale Weiterbildungsangebote wie bei Multivac
- spezifische Qualifikationsprogramme (Beispiel: Chinesischkurse bei Groz-Beckert)
Schwuchow ordnet diese Empfehlungen in die langfristigen Erfolgsmuster der Hidden Champions ein: Kleine Schritte, früh beginnen, über Jahrzehnte denken.
Der internationale Hebel – und die unterschätzte Realität globaler Belegschaften
Einer der wichtigsten und meist überhörten Sätze von Simon lautet:
„Bereits seit 2010 haben die Hidden Champions im Schnitt mehr Mitarbeiter im Ausland als in Deutschland.“
Das ist mehr als eine statistische Fußnote – es beschreibt eine stille, aber grundlegende Verschiebung:
Der Mittelstand ist längst globaler als sein Ruf.
Simon liefert beeindruckende Zahlen und Beispiele:
- viele Hidden Champions besitzen 50 oder mehr Tochtergesellschaften weltweit
- ausländische Standorte werden gezielt als Ressource für Rekrutierung genutzt
- internationale Mitarbeitende werden für mehrere Jahre ins Hauptquartier geholt –
sowohl zur Schließung von Know-how-Lücken als auch zur Entwicklung künftiger Führungskräfte
Ein besonders markanter Punkt:
In China beschäftigen deutsche Unternehmen 1,1 Millionen Mitarbeiter – in den USA nur 318.000.
Diese Relation zeigt, wie stark die „faktische Globalisierung“ deutscher Mittelständler vorangeschritten ist – und wie sehr China als Arbeitsmarkt, Produktionsstandort und Talentquelle dominiert.
Simon nennt Taizhou/Taizang als Beispiel:
560 deutsche Unternehmen, darunter viele Hidden Champions, sind dort angesiedelt – samt deutschem Marktplatz, gewachsenen Arbeitsmarktstrukturen und funktionierenden Recruiting-Pipelines.
Schwuchow nutzt diese Daten, um ein zentrales Organisationsprinzip zu erläutern:
Hidden Champions entstehen nicht am Schreibtisch, sondern in Netzwerken, die vom Allgäu bis Zhejiang reichen.
Hochschulen, Fachhochschulen und der Vorteil des deutschen „Quader-Systems“
Simons drittes großes Argument:
Deutschland ist kein Land der Elite-Universitäten, sondern ein Land der breiten, soliden Exzellenz.
Er verweist auf Ralf Gomory (IBM), der das US-System als „Eiffelturm“ beschreibt: eine schmale Spitze, ein schwacher Durchschnitt.
Deutschland dagegen sei ein „Quader“ – weniger Glamour, aber viel Substanz.
Genau das nutzen Hidden Champions:
- Kooperationen mit Furtwangen, Coburg, Bayreuth
- regionale Fachhochschulen mit industrieller Nähe
- Labore, Maschinenparks, gemeinsame Entwicklungsprojekte
- Rekrutierung spezialisierter Absolventinnen und Absolventen
Schwuchow zeigt in der Session, dass dieses „breite“ System kein Nachteil ist, sondern die Grundlage der deutschen Mittelstandslandschaft.
Employer Branding – aber ohne die Fiktionen der Großunternehmen
Simon benennt den alten Widerspruch klar:
„Hidden“ sein ist gut für die Konzentration aufs Produkt, aber schlecht für den Arbeitsmarkt.
Deshalb lautet seine Empfehlung:
- sichtbar werden – aber gezielt
- regional statt national
- authentisch statt kampagnenhaft
- Forschungspartnerschaften statt Werbespots
Schwuchow nutzt diese Thesen, um HR eine Richtung zu geben:
Nicht „mehr Marketing“, sondern mehr Nähe. Nicht Lautstärke, sondern Kontinuität.
Was diese Session besonders macht
Es ist keine Debatte über Trends.
Es ist eine Standortbestimmung – für eine Unternehmensgruppe, die die deutsche Wirtschaft trägt, aber selten erklärt wird.
- Schwuchow strukturiert die Logik der Hidden Champions.
- Simon liefert die Rohdaten, Fallbeispiele und internationalen Kurven.
Gemeinsam zeichnen sie ein Bild von Unternehmen, die zwischen Allgäu und Shanghai operieren, regionale Verwurzelung mit globalem Fußabdruck verbinden und ihre Talente über Jahrzehnte aufbauen.
Eine seltene Gelegenheit, diese Perspektiven nebeneinander zu erleben – und das Personalmanagement dieser Unternehmen nicht als Randthema, sondern als strategische Grundlage zu begreifen. Soweit die Appetitmacher für die Session beim Zukunft Personal Nachgefragt Day auf der OEB in Berlin. Vormerken für Donnerstag, den 4. Dezember, um 15 Uhr.

1 Kommentar
Herr Schwuchow, ja, regionaler instead of global ist die Devise! Schulen anrufen, Praktika anbieten – klassisch Hidden Champion! Und die faktische Globalisierung, ja woanders arbeiten die Deutschen doch eh mehr! Der Quader-System-Humor ist auch gelungen. Aber genug geplaudert, wer braucht schon Talente, wenn man die Zahlen schön macht? 😉