Manche Begriffe wirken im Moment ihrer Prägung wie akademische Etiketten – und werden wenige Jahre später dennoch zur Landkarte einer Epoche. „Ökonomische Sicherheitspolitik“ ist so ein Begriff. Er beschreibt nicht „ein bisschen mehr Resilienz“, sondern einen Perspektivwechsel: Wohlstand wird nicht länger primär als Ergebnis von Effizienz verstanden, sondern als Ergebnis von verwalteter Abhängigkeit – und als Fähigkeit, Abhängigkeiten im Ernstfall zu überleben, zu substituieren oder zu umgehen.
Dr. Christian Growitsch hat diese Denkfigur in der öffentlichen Debatte geschärft, als er – damals als Leiter des Fraunhofer-Zentrums IMW in Leipzig/Halle – die Komponenten einer ökonomischen Sicherheitsstrategie bündelte: Rohstoffversorgung, sichere Handelsrouten, mittelfristige Resilienz und vor allem technologische Souveränität als Bedingung, „produktionsfähig“, „lieferfähig“ und im äußersten Fall sogar „verteidigungsfähig“ zu bleiben. Genau diese Kette wird im Interview explizit so formuliert.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Auflösung der Eigenständigkeit des Fraunhofer IMW in Leipzig und Halle an der Saale wie ein institutioneller Kurzschluss: Ausgerechnet dort, wo Internationalisierung, Wissensökonomie und Transferkompetenz gebündelt waren, wurde ein eigenständiger Knotenpunkt gekappt – durch Teilbetriebsschließung und Integration verbliebener Bereiche in andere Fraunhofer-Strukturen. Man kann das „Restrukturierung“ nennen; in der Wirkung bleibt: Ein Themenfeld, das zur strategischen Leitfrage Europas wird, verliert eine profilierte, sichtbare Plattform.
Warum jetzt? Weil „Sicherheit“ in die Lieferkette gezogen ist
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell das, was man „Logistik“ nannte, zu „Stabilität“ wird: Nach Covid, dem Angriffskrieg gegen die Ukraine und nicht zuletzt den Angriffen auf Handelsrouten im Roten Meer wird Versorgungssicherheit zur kurzfristig preissetzenden Größe. Growitsch beschreibt das nüchtern: explodierende Preise, Versorgungskrisen, verlängerte Lieferwege – und damit die Notwendigkeit, Rohstoffe, Handelswege und Absatzmärkte als Sicherheitsfragen mitzudenken.
Das Gegenwartsbeispiel liefert Davos gleich mit: In diesen Tagen dominieren im Umfeld des Weltwirtschaftsforums erneut Zoll- und Vergeltungsdrohungen die transatlantische Debatte; europäische Spitzen reagieren mit dem Vokabular „fest, geschlossen, proportional“. Der Punkt ist nicht das jeweilige Detail. Der Punkt ist das Muster: Handel wird wieder als Druckmittel geführt – und damit rückt die Frage nach Verwundbarkeit automatisch in den Mittelpunkt wirtschaftspolitischer Vernunft.
Der Staat als Investor – nicht als Dauerlenker
Ökonomische Sicherheitspolitik kippt, wenn sie zur Generalvollmacht wird. Aber sie scheitert ebenso, wenn sie als moralischer Appell ohne Instrumentarium bleibt. Growitsch setzt hier einen klaren Akzent: Nicht antizyklische Nachfragepolitik ist der Kern, sondern eine zukunftsgerichtete, staatlich unterstützte Investitionspolitik – Infrastruktur, Bildung, Transformation und Sicherheitspolitik als neue Dimension des Investitionsstaats. pdf Growitsch ökonomische Sich…
Diese Logik ist anschlussfähig an die europäische Ebene: Mit der EU-Strategie von 2023 zur wirtschaftlichen Sicherheit und den Ausarbeitungen Ende 2025 (u. a. RESourceEU zur Sicherung kritischer Rohstoffe) wird Risikoreduktion ausdrücklich als Politikziel operationalisiert.
Kreislaufwirtschaft: Klimapolitik als Sicherheitsdividende
Die eleganteste Form von Souveränität ist nicht Abschottung, sondern Substitution. Knappheit erzwingt Ersatz; Ersatz erzeugt Innovation; Innovation reduziert Verwundbarkeit. Growitsch nennt die Kreislaufwirtschaft ein „hervorragendes Beispiel“ für ökonomische Sicherheitspolitik, weil sie Rohstoffe „im Kreis“ denkt, industrielle Symbiosen stärkt und damit Abhängigkeiten von Drittländern senkt – sinnvollerweise europaweit. Und da hat Deutschland mit einer mageren Kreislaufwirtschaftsquote von 13 Prozent Luft nach oben. Besonders bei Seltenen Erden und dergleichen.
RESourceEU folgt derselben Grundintuition: Diversifizierung, mehr europäische Produktion (primär/sekundär), mehr Resilienz gegen Versorgungsunterbrechungen.
Deep Tech als Souveränitätsmaschine – aber nur mit Transfer
Hier liegt Europas häufigster Denkfehler: Forschung wird mit Stärke verwechselt, obwohl Stärke erst dort beginnt, wo Forschung skaliert. Growitsch benennt das Problem ohne Umschweife: Deutschland (und Europa) habe hervorragende Technologieentwicklung, müsse aber schneller und erfolgreicher in die Kommerzialisierung kommen – durch das Zusammentreffen von Technologie, unternehmerischem Wagemut und einem Kapitalmarkt, der die Mittel bereitstellt; Scheitern dürfe kein Stigma sein.
Diese Transferlogik erklärt auch, warum die Schließung/Entkernung des IMW nicht nur regionalpolitisch ärgerlich, sondern strategisch riskant wirkt: In der Welt der Geoökonomie wird Time-to-Market zur Sicherheitsvariable. Wer Patente „im Regal“ liegen lässt, importiert am Ende nicht nur Produkte, sondern Abhängigkeiten. Und genau diese Schnittstelle – Transferinstitution, Inkubator, Kommerzialisierungsplattform – war ein Teil des Selbstverständnisses am Standort.
Die Bitburger Zuspitzung: Sicherheit als Leitprinzip – und die Rechtsstaatsfrage
Damit ist der Bogen zu den 69. Bitburger Gesprächen (15.–16. Januar 2026, Mainz) geschlagen: „Öffentliche Sicherheit als Leitprinzip des internationalen Wirtschaftsrechts – Überforderung oder angemessene Indienstnahme der Wirtschaft zur Erfüllung hoheitlicher Aufgaben?“
Die Tagung setzt den Finger auf die eigentliche Sollbruchstelle: Wenn Sicherheit vor Wirtschaftlichkeit geht, was bleibt dann vom liberalen Versprechen grenzüberschreitender Märkte – und welche Rolle bleibt Unternehmen? Es ist die juristische Übersetzung dessen, was ökonomische Sicherheitspolitik praktisch erzwingt: mehr Eingriffe, mehr Kontrollen, mehr Ausnahmen – aber auch mehr Bedarf an Kriterien, Verfahren, Grenzen.
Der FAZ-Bericht über die Tagung verdichtet diese Lage in Formulierungen, die hängen bleiben: Die „wirtschaftsliberale Weltordnung“ komme „nicht wieder“; „wirtschaftliche Sicherheit“ werde als „nationale Sicherheit“ gelesen; Geoökonomie stelle Fragen nach Demokratie, Kontrolle und WTO-Kompatibilität.
Die Pointe der Bitburger Fragestellung ist dabei nicht, Sicherheit zu bestreiten, sondern sie rechtsstaatlich zu bändigen. Denn sobald Sicherheitsargumente zur Abkürzung demokratischer Kontrolle werden, verwandelt sich notwendige Vorsorge in politische Bequemlichkeit – und am Ende in Willkür. Gerade in einer Welt, in der Zölle und Notstandslogik wieder zur Routine werden können, ist prozedurale Disziplin keine Pedanterie, sondern Schutzsystem.
Drei Szenarien – und ein europäisches „A+B“-Problem
Ökonomische Sicherheitspolitik ist keine Weltanschauung, sondern ein Umgang mit Wahrscheinlichkeiten.
Szenario A: Kooperative Risikoreduktion
Diversifizierung, Partnerschaften, Vorräte, Standards, Transferpolitik – bei prinzipieller Offenheit. Das entspricht dem europäischen Leitbild, Risiken zu mindern, ohne das System zu zerbrechen.
Szenario B: Blockbildung mit Regeln
Friendshoring, Investitionsprüfungen, Exportkontrollen, strategische Industriepolitik. Mehr Stabilität, aber auch mehr Reibung und höhere Kosten.
Szenario C: Weaponisation als Normalzustand
Zölle, Sanktionen, Datenzugang, Finanzkanäle werden zur dauerhaften Drohkulisse; „Ausnahmen“ ersetzen Regeln. Die aktuelle Davos-Debatte über erneute Eskalationsspiralen zeigt, wie schnell dieses Szenario Nähe gewinnt.
Europa wird nicht wählen können, ob A oder B – sondern muss A+B bauen, um C abzuwehren, ohne selbst C zu werden.
Sicherheitspolitik ja – aber mit Leitplanken
Die Verbindungslinie ist damit klar: Growitsch liefert das wirtschaftspolitische Koordinatensystem (Abhängigkeiten, Souveränität, Kreislauf, Transfer, Investitionsstaat); die Bitburger Gespräche liefern das juristische Geländer (Grenzen der Indienstnahme, Grenzen von Ausnahmen, Grenzen exekutiver Abkürzungen).
Und genau deshalb wirkt es so widersinnig, wenn ausgerechnet Institutionen, die an der Schnittstelle von Internationalisierung, Wissensökonomie und Technologietransfer gearbeitet haben, organisatorisch entkernt werden – während die Weltpolitik ihre Themenliste übernimmt.
Ökonomische Sicherheitspolitik ist in dieser Lesart weder Protektionismus noch Planwirtschaft. Sie ist die Disziplin, Abhängigkeiten zu erkennen, Substitution zu ermöglichen, Innovation zu skalieren – und dabei die Regeln so zu setzen, dass „Sicherheit“ nicht zur Allzweckwaffe wird, die am Ende die eigene Ordnung trifft.
