Wer auf den Zukunft-Personal-Messen durch die Hallen läuft – ob in Hamburg, Stuttgart oder Köln – hört zuverlässig dieselben großen Vokabeln: Fachkräftemangel, Employer Branding, Lernkultur, Transformation. Alles richtig. Nur wird ein Hebel dabei immer noch unterschätzt, obwohl er im Alltag über Produktivität, Bindung und sogar über Kosten entscheidet: der Raum.
Samir Ayoub, CEO von designfunktion, argumentiert seit Jahren dagegen an – zuletzt im Smarter-Service-Talk zur Raumgestaltung und schon im vergangenen Jahr in München, auf der Personalmesse. Seine Botschaft ist unbequem, weil sie zwei Gewissheiten gleichzeitig angreift: erstens die Illusion, man könne Kultur ohne Infrastruktur verändern, und zweitens das verbreitete Gefühl, Raumgestaltung sei Luxus. Ayoub dreht das um: Der Raum ist kein „Nice-to-have“. Er ist eine strategische Ressource – und betriebswirtschaftlich oft ein unterschätzter Kosten- und Leistungshebel.
Raum ist nicht Kulisse – Raum ist Betriebssystem
Ayoub beschreibt Arbeitsumgebungen nicht als Möbel- oder Technikfrage, sondern als Systemintegration: Medientechnik, Akustik, Licht und Innenarchitektur müssen „ein Ganzes“ werden, damit am Ende „gute Arbeitsrahmenbedingungen“ und „gute Arbeitsergebnisse“ herauskommen. Das ist der entscheidende Satz, weil er das Denken verschiebt: Weg von Einzelgewerken, hin zu einem Betriebssystem für Zusammenarbeit. pdfSamirRaumgestaltung
Damit ist auch klar, warum so viele Umbauten scheitern. Wer nur neue Displays montiert oder nur neue Sofaecken aufstellt, baut häufig am Problem vorbei. Denn die Qualität von Zusammenarbeit entsteht an Schnittstellen: Blickachsen, Sprachverständlichkeit, Bedienlogik, Lichtführung – plus der stillen Psychologie im Raum: Wer darf wo sitzen? Wer fühlt sich gesehen? Wer wird überhört?
Ayoub nennt das ausdrücklich kein „Rocket Science“. Es gebe eine Handvoll Regeln und Fragen, die man konsequent stellen müsse – und dann werde aus dem Besprechungsraum ein Ort, an dem Entscheidungen und Begegnung möglich werden. pdfSamirRaumgestaltungpdfSamirRaumgestaltung
Die Zahl, die weh tut: 50 bis 75 Prozent Nachholbedarf
Wenn man ihn nach dem Reifegrad fragt, wird Ayoub bemerkenswert konkret. „Pi mal Daumen“ würden 50 bis 75 Prozent der Organisationen Nachholbedarf haben, um „auf ein gutes Niveau“ zu kommen – nicht High-End, aber solide. Und: Dafür müssten sie investieren.
Das ist keine Dramatisierung, sondern passt zu dem, was viele Beschäftigte täglich erleben: Räume, in denen man hinten schlecht hört. Präsentationen, die hinten nicht lesbar sind. Meetings, die in Technik- und Lichtproblemen versanden. Oder Flächen, die zwar teuer sind, aber kaum genutzt werden – weil niemand „Bock“ hat, in leere, öde Geschosse zu kommen.
Ayoub verbindet diese Diagnose mit einem ökonomischen Argument, das in HR-Kreisen oft zu wenig offensiv gespielt wird: Der Business Case liegt nicht zuerst in schöneren Möbeln, sondern in besserer Flächennutzung. Wer Arbeitswelt neu vermisst, kann oft Fläche reduzieren und die Einsparungen in Qualität und Kultur reinvestieren. Das ist die eigentliche Provokation: Raumgestaltung ist nicht automatisch „mehr Kosten“, sondern häufig Umschichtung – weg von Leerstand, hin zu Wirksamkeit.
Vom Meetingraum zum Entscheidungsraum: die Stellschrauben heißen Akustik, Licht, Blick
Im Smarter-Service-Talk arbeitet Ayoub die Stellschrauben so herunter, wie man sie in Projekten tatsächlich vorfindet: Schallbedingungen, Akustik, Beleuchtung – „da sind viele Stellschrauben zu bewegen“, sagt er. Und ja: Dafür braucht es Spezialisten, aber auch Standards, die man mit klarem Blick sofort besser machen kann.
Ein Beispiel ist so banal, dass es genau deshalb überall passiert: Gegenlicht. Fenster im Rücken ist Hauptfehler Nummer eins. Das ist ein Stückchen Physik, wird aber inflationär oft falsch gemacht – und dann wundern sich alle, warum Menschen im Videobild dunkel aussehen.
Der Punkt ist nicht das Videobild. Der Punkt ist die Logik dahinter: In der Wissensarbeit zählt Wirkung. Wer schlecht sichtbar ist, wird weniger eingebunden, weniger ernst genommen, weniger erinnert. Licht ist damit keine Stimmung, sondern Teil der Machtverteilung im Gespräch.
Dazu kommt die Frage der Augenhöhe – nicht als Etikette, sondern als Mechanik von Aufmerksamkeit. Ayoub empfiehlt für zugeschaltete Personen: Kamera auf Augenhöhe, Blick in die Kamera, ruhiges Umfeld. Sonst wirkt man trotz kluger Inhalte wie jemand, der „nebenbei“ teilnimmt.
Nicht nur hybrid: Präsentationsräume, Townhalls, Workshops – jeder Modus braucht andere Räume
Wichtig: Ayoub reduziert Raumfragen nicht auf Hybrid-Meetings. Er macht ausdrücklich den Schritt „mal die Ebene hybride Meetings verlassen“ – hin zu Präsentationsräumen, in denen „in den hinteren Reihen“ Zuhören und Erkennen funktionieren muss. Das hänge zusammen mit Audio, Akustik, Bildschirmgrößen, Möblierung und Distanzen. Wer dort schludert, verliert nicht nur Zeit, sondern auch Inhalt: Wenn Informationen nicht ankommen, ist das Meeting als Investition abgeschrieben.
Dann werden die Unterschiede zwischen Arbeitsszenarien entscheidend: frontale Präsentation versus agile Workshops. Wer kollaborativ arbeitet, mit wechselnden Inhalten, mit Bewegung im Raum, braucht andere Setups als bei einer klassischen Folienabfolge. Ayoub sagt klar: Verschiedene Anwendungen brauchen verschiedene Raumszenarien – und das kann andere Möblierung, andere Mikrofonie, andere Lichtführung, andere akustische Komponenten bedeuten. pdfSamirRaumgestaltung
Besonders instruktiv ist sein Blick auf Townhalls und große Konferenzsäle: Dort geht es nicht primär um „Dämmung“, sondern um Sprachtransport „sauber bis hinten“ – möglicherweise sogar mit weniger absorbierenden Oberflächen, damit Sprache trägt. Das widerspricht dem reflexhaften „Alles dämmen“, zeigt aber: Akustik ist Zielarbeit, kein Dogma.
Der unterschätzte KPI: „Es hat sich gelohnt“
Ayoub misst Räume nicht an Designpreisen, sondern an einem Satz, den man nach Meetings viel zu selten hört: „Es hat sich gelohnt.“ Er will, dass Teilnehmende aus einem Meeting herausgehen und sagen können: Ich habe etwas erfahren, gelernt, mich stärker verbunden – mit Menschen oder mit der Sache. Er befürchtet, dass viele das heute nicht mit Ja beantworten können. Und er setzt die Ursache nicht zuerst bei den Menschen, sondern beim Setting: Technik und Raum hätten „großen Einfluss“.
Das ist im Kern eine wirtschaftliche Perspektive: Meetings sind Investitionen in Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist knapp. Wenn Räume Aufmerksamkeit vernichten – durch schlechte Akustik, falsches Licht, zähe Bedienlogik, unklare Zonen – dann ist das eine stille Renditebremse. Der Raum frisst Produktivität, ohne dass es in der GuV eine eigene Zeile dafür gibt.
Kultur im Raum: Warum „Sharing 1.0“ teuer ist
Der zweite Strang in Ayoub-Interviews führt in die Unternehmenskultur. Er kritisiert das, was man „Desk Sharing“ nennt, aber oft als reine Verknappung betrieben wird: weniger Tische, gleiche Räume, schlechtere Stimmung. Ayoub nennt das „Sharing 1.0“ – eine Defizitlogik, die alte Kultur konserviert und neue Konflikte produziert.
Sein Gegenmodell ist konsequent: Wenn Fläche reduziert wird, muss Qualität steigen – mit anderen Raumangeboten (kleine Besprechungsräume für zwei bis vier Personen, Rückzugsorte für Calls, fokussierte Zonen, agile Workshopräume mit beweglicher Einrichtung, beschreibbaren Wänden, passenden Tools). Und: Es braucht Spielregeln. Räume plus Regeln prägen Verhalten – und damit Kultur.
Das ist die Verbindung zur Zukunft-Personal-Welt: HR spricht über Kultur, Führung und Bindung. Ayoub zeigt, wie schnell Kultur an Raumdetails scheitert – oder durch sie gestärkt wird.
Führung als Störsender oder Verstärker
Ayoub bringt das Thema Führung radikal auf den Punkt: Räume senden Botschaften – und Führung verstärkt oder zerstört sie mit kleinen Sätzen. Wenn ein Chef an einer Sofaecke vorbeigeht und dort sitzende Mitarbeitende mit einem Spruch wie „Na, nichts zu tun?“ kommentiert, ist die Zone tot. Nicht, weil das Sofa falsch war, sondern weil das Signal falsch war. Transformation kippt dann nicht an der Technik, sondern an Kommunikation.
Deshalb passt Ayoub so gut auf die großen HR-Bühnen: Er zwingt die Debatte weg von Wohlfühlarchitektur hin zur Frage, welche Verhaltensmuster Unternehmen wirklich wollen – und was sie räumlich dafür tun.
Warum das auf der Zukunft Personal nicht nur „Workplace“-Thema ist
Zukunft Personal ist People-Business. Genau deshalb ist Raum ein Kernthema – ob man es mag oder nicht. Denn:
- Recruiting: Raum ist erlebte Arbeitgebermarke, nicht Broschüre.
- Produktivität: Raum ist ein Multiplikator für Fokus und Zusammenarbeit.
- Lernen: Lernräume sind nicht Möbel, sondern didaktische Infrastruktur. Ayoub spricht explizit von Arbeits- und Lernräumen der Zukunft. pdfSamirRaumgestaltung
- Gesundheit: Akustik und Licht sind Dauerstressoren – oder Entlastungen.
- Kultur: Raum ist gelebte Hierarchie – oder gelebte Augenhöhe.
Darum wirkt Ayoub in diesem Messekosmos wie ein ökonomischer Stachel: Er macht aus dem „Arbeitsplatz“ wieder ein Thema der Ressourcenallokation. Wer Flächen falsch plant, verbrennt Geld. Wer Räume falsch gestaltet, verbrennt Aufmerksamkeit. Wer Raum und Regeln klug kombiniert, baut Entscheidungskraft.
Drei Sätze, die man sich für 2026 notieren kann
- Räume sind Systeme: Medientechnik, Akustik, Licht, Innenarchitektur müssen zusammen gedacht werden.
- Der Standard ist zu oft zu niedrig: 50 bis 75 Prozent Nachholbedarf sind eine Ansage.
- Der KPI ist das Meeting-Ergebnisgefühl: „Es hat sich gelohnt“ – alles andere ist Beschäftigungstherapie.
Und damit zurück zu den Hallen in Hamburg, Stuttgart und Köln: Der nächste Technologiesprung kommt garantiert. Die nächste Kulturinitiative auch. Nur wird beides verpuffen, wenn die Orte, an denen Menschen zusammenkommen, weiterhin so gebaut sind, als sei Zusammenarbeit Nebensache.
Siehe dazu:
Die Stunde der Betriebsfähigkeit – Ausblick auf die KOMI-Zukunftswerkstatt am 5. Februar in Stuttgart
