Zwischen Firewall und Fairway: Resümee zur KOMI Zukunftswerkstatt in Stuttgart

von Gunnar Sohn
12. Februar 2026

Die Halle als Übersetzungsmaschine

Wer in Stuttgart an diesem Vormittag auf der KOMI-Zukunftswerkstatt lauschte, hörte zuerst das Programm als gesellschaftliche Zumutung: Cybersecurity nicht als Nerd-Hobby, sondern als Thema, das „volle Aufmerksamkeit“ verlangt. Dirk von Gehlen, SZ-Institut, machte gleich zu Beginn klar, weshalb man dafür besser sitzt als steht.

Damit war der Ton gesetzt: weniger Messe, mehr Lagebesprechung. Und doch blieb es eine Messe – Marktplatz, Partner, Demos, Gespräche. Eine Zukunftswerkstatt eben, die ausdrücklich Austausch „auf Augenhöhe“ suchte, adressiert an Mittelstand, öffentliche Hand, an jene, die Digitalisierung nicht in Manifesten, sondern in Ticketsystemen erleben.

Die Choreografie verriet die Absicht: nicht nur reden, sondern umsetzen; nicht nur Angst vor Angriffen, sondern Routinen dagegen. Und dazwischen, als Leerlaufbremse, Sport: erst der Torwart mit dem Schläger, dann das Putting-Green. Ein Tag, der sogar seine Metaphern in Bewegung setzt.

Souveränität – oder: das schöne Wort für Kontrolle

Hans-Wilhelm Dünn, Präsident des Cyber-Sicherheitsrats Deutschland e. V., war weniger Funktionär als Dolmetscher. Er beschrieb den alten Fehler der Branche: sich „auf Kongressen abfeiern“ – und danach geht die Entscheiderwelt heim und macht nichts. Übersetzen müsse man das Thema, politisch spielen, Regierungen erklären, warum es wichtig ist.

Souveränität, sagte er, sei per Definition die vollständige Beherrschung – und bezweifelte, ob man dort je ankommt; vielleicht solle man ehrlicher von Kontrolle reden. In dieser kleinen Verschiebung liegt bereits Netzpolitik: weniger Pathos, mehr Zuständigkeit; weniger Fahne, mehr Betrieb.

Phishing: die Büroklammer des Verbrechens

Danach kam die banale, robuste Realität: Social Engineering. Muhammed Güleryüz („Mo“) von Hornetsecurity nahm dem Publikum die Illusion, Awareness sei ein abgeschlossenes Projekt. Über ein Jahrzehnt Maßnahmen – und doch bleiben Phishing und Manipulation erfolgreich; die Qualität der Mails steige, KI beseitige Sprachbarrieren und Fehler, Spear-Phishing entstehe in Sekunden.

Die Zahlen, die er nannte, hatten das trockene Gewicht eines Protokolls: Aus einer Analyse von 72 Milliarden E-Mails stammten demnach 66 Prozent der entdeckten Angriffe aus dem Phishing-Milieu. Das ist keine neue Bedrohung – das ist die wiederkehrende Büroklammer des digitalen Alltags.

Der praktische Rat war entsprechend unheroisch: verifizieren, anrufen, Codewort vereinbaren – auch wegen Deepfakes. Nicht Technik als Rettung, sondern Gewohnheit als Geländer.

KI als Tröstung und Versuchung

In Stuttgart fiel zwischendurch kurz der Strom aus – und gerade deshalb wirkte das Konferenzmotto „Always on“ nicht wie Marketing, sondern wie die Grundforderung einer fragilen Moderne: Stabilität und Vertrauen sind „nicht verhandelbar“.

Mario Winter (Sophos) setzte auf Aufklärung statt Erlösung: KI als Allheilmittel – schon der Titel wurde als Provokation angeboten. Er erinnerte daran, dass KI nicht erst seit gestern „im Visier“ war; oft fehlte schlicht Rechenleistung. Und er sprach das aus, was in vielen Powerpoints nur als Fußnote existiert: Maschinen helfen – aber sie lullten auch ein.

Im Hintergrund stand eine zweite, fast zivilisatorische Mahnung, die an diesem Tag immer wieder anklingt: KI halluziniert; ohne prüfenden Menschen bleibt sie Risiko, nicht Schutz. Die Gegenseite, hieß es, arbeitet ebenfalls nicht vollautomatisch – auch dort sitzt jemand „hintendran“. Man teilt die Zukunft mit Angreifern, die dieselben Werkzeuge besitzen.

Live-Hacking: Pädagogik der Zumutung

Wer nach der Lunch-Trägheit wach werden wollte, bekam eine Live-Demonstration serviert: Chris Wojzechowski (AWARE7) zeigte, wie niedrigschwellig Angriffe funktionieren – „keine Theorie, keine Konjunktive“. Am Ende blieben zwei Lernziele hängen wie Post-its am Bildschirmrand: Updates/Backups – und Zwei-Faktor-Authentifizierung. So schlicht sieht Resilienz im Alltag aus, wenn man sie ernst nimmt.

Die „IT-Alltagsapokalypse“ und die Kunst, Arbeit verschwinden zu lassen

Am Nachmittag wurde das große Thema in die Infrastruktur übersetzt. Extreme Networks sprach über Automatisierung, KI-gestützte Plattformen, Fachkräftemangel – und taufte die Dauerprobleme im Betrieb auf einen Namen, der zugleich ironisch und exakt wirkt: „die sechs Reiter der IT-Alltagsapokalypse“. Dazu gehört auch der Satz, der in deutschen Rechenzentren älter wird als Hardware: „Das haben wir immer schon so gemacht.“

Der Kern dieser Vorträge war weniger „neues Netzwerk“ als neues Tempo: Was beim Smartphone ein Download in Minuten ist, dauert im Unternehmen Monate oder Quartale. Automatisierung soll nicht glänzen, sondern Zeit zurückgeben.

Dell setzte noch einen Akzent: Werkzeuge seien zweitrangig, entscheidend seien Daten – vor allem unstrukturierte; und ohne Partner gelinge Skalierung kaum. Eine nüchterne, fast politische Einsicht: digitale Macht entsteht selten allein, sie entsteht in Lieferketten, Standards, Validierungen, Abhängigkeiten. pdf omi Zukunftswerkstatt umfas…

Drosiba: Sicherheit als Grenzbegriff

Als der Tag sich dem Abend näherte, bekam das Wort „Sicherheit“ eine zweite Herkunft. Dirk von Gehlen erzählte, er habe „Drosiba“ gelernt – Sicherheit auf Lettisch – und kündigte die Justizministerin von Lettland an: Inese Lībiņa-Egnere, in Freiburg ausgebildet, deutschsprachig, politisch geschult in der Nähe einer anderen Realität.

Ihre Perspektive verschob die Achse: Vertrauen, sagte sie, werde durch vier Dinge geprägt – digitale Regierungen, Schutz und Nutzung von Daten, Recht als Ermöglicher, verantwortungsvoller KI-Einsatz. Das solle als System funktionieren, nicht als Sammlung von Projekten. Und sie beschrieb den leisen Wandel weg vom Dokument hin zum datenorientierten Denken: Beim lettischen Unternehmensregister gehe es nicht mehr um Formulare, sondern um Daten; Abgleich mit anderen Systemen, automatisierte Entscheidungen, schnelle Verfahren, höhere Datenqualität.

Dieser Punkt ist netzpolitisch im strengsten Sinn: Wo Systeme konsistent, transparent und sicher sind, wächst Vertrauen – nicht, weil Menschen plötzlich technikgläubig werden, sondern weil Reibung verschwindet und Verlässlichkeit sichtbar wird. Lettland und Deutschland, so Lībiņa-Egnere, könnten voneinander lernen, ohne zu kopieren: Ideen müssten in den eigenen Rechts- und Kulturkontext übersetzt werden.

Sogar die Justiz lässt sich als Prozess neu denken: nicht als „IT-Werkzeug“, sondern als Zusammenspiel von Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichten, Notaren, Anwälten – weg vom fragmentierten Dokumentaustausch hin zu einem sicheren datengetriebenen Verfahrenszyklus. Das ist Verwaltung als Logistik der Wahrheit. pdf Interview mit der Ministeri…

Und dann, fast beiläufig, der geopolitische Unterton: Lettland als EU- und NATO-Außengrenze, Sicherheit nicht nur digital, auch physisch; dazu die Sorge vor Desinformation rund um Wahlen. Wer „Augen zumacht“, helfe sich nicht weiter. Sicherheit, sagte sie später, bedeute im Alltag auch: Strom, Telefon, nicht sabotierte Netzwerke. Das ist die Entromantisierung der Debatte – und ihr Ernstfall.

Mut zur Lücke als Regierungsprogramm

Zum Ausklang dankten die Organisatoren – und formulierten, was als heimliches Motto über dem Tag stand: „einfach mal machen“, „Mut zur Lücke“, auch den Mut haben, Fehler zu machen. Nicht als Ausrede, sondern als Arbeitsweise in einer Lage, die keinen Perfektionismus belohnt, sondern Tempo und Lernfähigkeit.

So bleibt als Resümee eine eigentümliche, produktive Spannung: Zwischen Vision und Betrieb, zwischen „Souveränität“ und Kontrolle, zwischen KI-Versprechen und menschlicher Verifikation, zwischen Eishockeyschläger und E-Akte. Die Zukunftswerkstatt wirkte an ihren besten Stellen wie eine Übersetzungsagentur: Sie verwandelte Angst in Handgriff, Technik in Politik, Verwaltung in Datenfluss – und das große Wort „Vertrauen“ in eine schlichte Frage: Funktioniert es morgen früh auch noch?

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