Am Anfang steht eine Zahl, und aus der Zahl wird ein Versprechen. Eine Stunde pro Woche, heißt es, und schon rückt der Wohlstand näher: mehr Arbeitszeit, mehr Leistung, mehr Wachstum. Markus Söder rechnet es auf dem politischen Aschermittwoch herunter bis auf die Minuten pro Tag, als ließe sich Produktivität wie Kleingeld zählen. Friedrich Merz und seine Mitstreiter liefern den passenden moralischen Resonanzraum dazu – mal als Klage über „zu viele Kranke“, mal als Verdacht auf „zu wenig Arbeit“, mal als Appell an eine Nation, die angeblich verlernt habe, sich anzustrengen.
Das Erstaunliche ist nicht, dass solche Sätze im Wahlkampf fallen. Erstaunlich ist, wie beharrlich sich Politik an eine Gleichung klammert, die aus einer anderen Epoche stammt: Zeit gleich Wertschöpfung. Diese Gleichung war schon im Industriezeitalter nur näherungsweise wahr. In einer Wirtschaft, deren dominantes Merkmal Volatilität heißt – schwankende Nachfrage, fragile Lieferketten, kurzfristige Ausfälle, hektische Peaks –, wird sie zur riskanten Fiktion.
In der ZPNachgefragtWeek hat Guido Zander, der seit Jahren Arbeitszeitmodelle in Unternehmen seziert, diese Fiktion nicht mit Empörung, sondern mit Mechanik entzaubert. Sein Punkt ist schlicht: Wer pauschal „eine Stunde mehr“ fordert, redet über Moral – und ignoriert die Betriebswirtschaft.
Statistik wird zur Charakterprüfung
Die Debatte schiebt sich gern auf einer zweiten Schiene voran: Deutschland sei „zu oft krank“. In diesem Satz liegt bereits eine Unterstellung: Krankheit wird nicht als biologische und soziale Realität gelesen, sondern als Indiz mangelnder Disziplin. Die telefonische Krankschreibung dient als Symbol – ein modernes Requisit, das sich ideal eignet, um Kontrollverlust zu behaupten.
Zander setzt dort an, wo politische Erzählungen gewöhnlich ungern beginnen: bei der Messung. Die Kurven, die als Beweis für den moralischen Verfall herangezogen werden, sind nicht nur eine Abbildung von Wirklichkeit, sie sind auch ein Ergebnis veränderter Erfassung. Elektronische Übermittlungen machen sichtbar, was vorher in der Praxis „unterging“ – nicht, weil Menschen plötzlich anders wären, sondern weil Systeme anders messen. Wer daraus einen Kulturkampf gegen „die Kranken“ macht, verwechselt das neue Scheinwerferlicht mit einer neuen Inszenierung. Es ist die alte Versuchung, aus Statistik eine Charakterprüfung zu bauen.
Solche Versuchungen haben politische Vorteile. Sie liefern ein Feindbild, das weich ist: nicht eine Branche, nicht ein Gesetz, nicht eine Struktur, sondern „die Leute“. Und sie eröffnen den Weg zur nächsten Parole: Wenn die Leute das Problem sind, dann muss man sie härter anpacken.
Der moralische Zugriff auf Teilzeit
Ähnlich funktioniert die Rede von „Lifestyle-Teilzeit“. Der Begriff klingt wie ein Etikett aus der Disziplinierungsabteilung: als hätten sich Beschäftigte in eine komfortable Nische zurückgezogen, während draußen der Standort friert. In Wahrheit ist Teilzeit ein Gemisch aus Lebensläufen, Belastungen und Arbeitsorganisation. Sie ist eine Antwort auf Schichtarbeit, auf Pflege, auf Studium, auf körperliche und psychische Erschöpfung – und, nicht zu unterschätzen, eine Folge davon, dass mehr Frauen erwerbstätig sind als früher. Wer diese Vielfalt in ein Wort pressen will, drückt nicht nur die Realität platt, er macht sie politisch verfügbar: Ein Etikett genügt, und schon lässt sich eine Gruppe zurechtweisen.
Zander insistiert auf einer Frage, die in Debatten selten auftaucht, weil sie die moralische Bühne zerstört: Was ist daran eigentlich „Lifestyle“ – und was daran schlicht Lebensrealität? Wer 40 Jahre Schichtdienst hinter sich hat, wer in der Pflege die Belastung nicht mehr „hochfahren“ kann, wer neben dem Studium arbeitet, um überhaupt studieren zu können, ist nicht Teil einer Wohlfühlbewegung. Er ist Teil einer Gesellschaft, die versucht, Arbeit und Leben unter neuen Bedingungen zu arrangieren.
Daraus folgt aber noch nichts für die Kernfrage. Selbst wenn man behauptet, es brauche „mehr Arbeit“: Welche Arbeit, wann, wo, wozu – und zu welchen Kosten?
Die Zusatzstunde als betriebswirtschaftlicher Kurzschluss
Hier beginnt Zanders eigentliches Argument. Und hier wird es für alle interessant, die sich gern als wirtschaftsfreundlich verstehen.
Viele Betriebe arbeiten nicht in glatten, gleichmäßigen Kurven. Sie arbeiten in Wellen. Saisonal, zyklisch, abhängig von Aufträgen, Material, Märkten. In der Industrie kommen starre Schichtpläne hinzu: Menschen sind da, ob die Maschine läuft oder nicht. Wenn weniger zu tun ist, entsteht Leerlauf. Wenn später mehr zu tun ist, entsteht Mehrarbeit – häufig mit Zuschlägen. Das System bezahlt dieselbe Kapazität dann doppelt: einmal als Leerstunde, einmal als Überstunde.
Wer nun pauschal eine zusätzliche Stunde fordert, erhöht die bezahlte Kapazität – aber er erhöht nicht automatisch die nutzbare Kapazität. Im Gegenteil: In einer Phase niedriger Auslastung wächst die Zeit, die bezahlt wird, ohne wertschöpfend eingesetzt zu werden. Das ist keine Kleinigkeit, das ist ein Strukturfehler: Fixkosten steigen, ohne dass Output sicher mitsteigt.
Zander hat dafür ein einfaches Bild gewählt: ein Jahr mit Phasen unterdurchschnittlicher, normaler und überdurchschnittlicher Auslastung. Schon im Ausgangszustand bezahlt der Betrieb Stunden, die er nicht nutzen kann, und kauft später teure Mehrarbeit hinzu. Mit der pauschalen Zusatzstunde verschiebt sich das Verhältnis weiter zu Ungunsten des Unternehmens: mehr bezahlte Jahresarbeitszeit, mehr „Luft“ im System, weniger Steuerbarkeit.

Das ist der Punkt, an dem „Pro Wirtschaft“ kippt. Denn unternehmerische Rationalität fragt nicht, wie viele Stunden irgendwo im Land theoretisch anfallen könnten, sondern wie viel wertschöpfende Zeit tatsächlich realisiert wird. Die Zusatzstunde ist eine Wette darauf, dass jede Stunde immer gebraucht wird. Wer heute noch so wettet, glaubt entweder an das Comeback der Wirtschaftswunderzeit – oder er betrachtet Betriebe als moralische Anstalten, nicht als adaptive Systeme.
Produktivität ist nicht linear, Belastung erst recht nicht
Der nächste Denkfehler ist der Apfelpflücker-Reflex: Wenn einer in einer Stunde fünfzig Äpfel pflückt, dann pflückt er in neun Stunden eben mehr. Aber moderne Arbeit, gerade in Schichtsystemen, folgt keiner simplen Multiplikation. Die Grenzproduktivität sinkt; Fehlerquoten steigen; Gesundheit leidet; Ausfälle nehmen zu. Zander verweist auf die empirische Erfahrung, dass lange Arbeitszeiten in bestimmten Settings – besonders in der Schicht – nicht nur „anstrengender“, sondern volks- und betriebswirtschaftlich teuer werden können, weil sie Fehlzeiten und Belastungsfolgen verstärken.
Politisch wird daraus eine unbequeme Wahrheit: Man kann Arbeitszeit nicht beliebig erhöhen, ohne Folgekosten zu erzeugen. Wer die Zusatzstunde fordert, aber über Gesundheit, Erholung und Schichtverträglichkeit schweigt, betreibt keine Wirtschaftspolitik, sondern Symbolpolitik.
Der eigentliche Engpass heißt Flexibilität
Damit rückt das Thema an seinen Kern: Die entscheidende Ressource ist nicht „mehr Zeit“, sondern Flexibilität – nach oben und nach unten. Die Zusatzstunde liefert nur eine Richtung: mehr. Sie erweitert die Optionen des Betriebs nicht, sie erhöht seine Verpflichtungen.
Zanders Gegenmodell ist kein Wohlfühlprogramm, sondern harte Kostenlogik: Investitionen in Flexibilisierung können Leerlauf reduzieren, Zuschlagsspitzen glätten, Kapazität passgenauer zum Bedarf bringen. Zeitkonten, variable Wochen, klug gestaltete Teilzeit – all das sind Hebel, die in volatilen Umfeldern die gleiche Jahresarbeitszeit produktiver machen. Wer stattdessen die Wochenarbeitszeit pauschal anhebt, behandelt das Symptom „Stress im System“ mit einem Mittel, das den Stress oft vergrößert.
Und hier liegt die politische Ironie: Ausgerechnet jene, die sich am lautesten „mittelstandsfreundlich“ nennen, empfehlen ein Instrument, das in vielen mittelständischen Produktions- und Dienstleistungsstrukturen betriebswirtschaftlich unerquicklich ist: Es macht Planung schwerer, Kosten starrer, Fehlsteuerung wahrscheinlicher.
Kontrollpolitik statt Modernisierung
Warum wird diese Debatte trotzdem so geführt? Zander deutet an, was man in der politischen Analyse nicht ignorieren darf: Es geht auch um Macht und Kontrolle. Wer Arbeit über Anwesenheit definiert, wer Arbeitszeit als moralische Währung behandelt, wer Teilzeit als Verdacht formuliert, signalisiert eine Weltordnung: oben wird festgelegt, unten wird geliefert. Dass gleichzeitig alte Rollenmuster aufscheinen – wer darf reduzieren, wer gilt als verdächtig –, ist kein Zufall, sondern Teil derselben Regression: Man möchte die Unübersichtlichkeit der Gegenwart durch klare Befehle beruhigen.
Doch die Gegenwart lässt sich nicht beruhigen, indem man sie anschreit. Volatilität verschwindet nicht, wenn man sie ignoriert. Betriebe werden nicht resilient, weil man Beschäftigten eine Stunde auflädt.
Was wirklich „wirtschaftsfreundlich“ wäre
Wirtschaftspolitik, die sich diesen Namen verdient, würde anders ansetzen: nicht bei pauschaler Mehrarbeit, sondern bei Rahmenbedingungen, die Flexibilität ermöglichen, ohne Schutz zu schleifen. Das Arbeitszeitrecht muss realistischer werden, ohne die Gesundheit preiszugeben. Tarifparteien müssen Spielräume gestalten können, weil Branchen unterschiedlich funktionieren. Kinderbetreuung, steuerliche Fehlanreize, Führungsqualität und konsequentes Vorgehen gegen Missbrauch sind wirksamere Stellschrauben als kollektive Strafübungen.
Die Zusatzstunde, so wie sie Söder, Merz und andere ins Schaufenster stellen, ist dagegen ein politischer Placeboeffekt: sichtbar, leicht erklärbar, moralisch aufgeladen – und im betrieblichen Alltag oft kostentreibend.
Am Ende steht eine einfache Diagnose, die man nicht in Bierzeltrhetorik übersetzen kann: Deutschland hat kein Arbeitszeitproblem, sondern ein Organisationsproblem. Wer das ignoriert, verkauft eine Stunde als Lösung – und produziert womöglich genau das, was er zu bekämpfen behauptet: höhere Kosten, mehr Ausfälle, weniger Wettbewerbsfähigkeit.
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