Die gemeinsame Pressekonferenz von KfW Research und ZEW Mannheim zur Digitalisierung im deutschen Mittelstand sendet ein klares wirtschaftspolitisches Signal: Die Produktivitätslücke zwischen digitalen Vorreitern und Nachzüglern wächst – und sie dürfte sich im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz weiter vergrößern, wenn die Investitionen in Digitalisierung und KI nicht deutlich zunehmen. Zugleich machen die präsentierten Befunde deutlich, dass der Mittelstand nicht nur unter zu geringen Technologieausgaben leidet, sondern auch unter Defiziten bei digitalen Kompetenzen und den Folgen einer alternden Unternehmerschaft.
KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher verwies darauf, dass das Produktivitätswachstum in Deutschland seit Jahren sinkt, während die Digitalisierungsaktivitäten im Mittelstand zuletzt deutlich an Schwung verloren haben. Der Anteil der Unternehmen mit abgeschlossenen Digitalisierungsvorhaben sank zuletzt auf 30 Prozent, die gesamten Digitalisierungsausgaben fielen auf 23,8 Milliarden Euro. Gleichzeitig konzentrieren sich die Aktivitäten stark auf größere und bereits fortgeschrittene Unternehmen.
ZEW-Professorin Irene Bertschek unterstrich den engen Zusammenhang zwischen digitalem Kapitalstock und Produktivität. Bereits eine Erhöhung des digitalen Kapitalstocks um zehn Prozent geht im Durchschnitt mit einer um 0,159 Prozent höheren Produktivität einher. Bei den bereits am stärksten digitalisierten Unternehmen steigt dieser Effekt auf 0,808 Prozent. Digitalisierung hilft zudem beim Aufschließen zu den produktivsten Unternehmen der jeweiligen Branche – allerdings vor allem dort, wo bereits ein substanzieller Grundstock an digitalem Kapital vorhanden ist.
Mit Blick auf die Frage, ob Ausbildung und Kooperationen mit Start-ups ausreichen, um die Investitionen in Digitalisierung und KI nachhaltig zu steigern, machte Bertschek im Pressegespräch deutlich, dass diese Instrumente allein nicht genügen. Wörtlich sagte sie: „Das sind ja auch begleitende Maßnahmen. Also das heißt, das Wichtigste ist wirklich, sind die Investitionen in die Technologie.“ Zugleich warnte sie davor, dass sich die Produktivitätslücke durch KI weiter vergrößern könne: „Wenn dann dieser große Bulk an wenig Digitalisierten, an Nachzüglern, praktisch nicht nachkommen, dann wird sich die Lücke weiter vergrößern.“ Bertschek betonte zugleich, dass Investitionen nur dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn auch Kompetenzen, Prozesse und Organisation mitwachsen.
Auch Dirk Schumacher griff diese Sorge auf und verwies auf die wirtschaftspolitische Tragweite des Themas. Zwar könne KI die Unterschiede zwischen Unternehmen vergrößern, wenn nur die ohnehin starken Vorreiter die Technologie konsequent nutzen. Zugleich sei aber auch ein anderes Szenario denkbar. Schumacher sagte, entscheidend sei, „wie wird der Zugang zu diesen Foundational Models sein“. Wenn Unternehmen breit und bezahlbar auf leistungsfähige Basismodelle zugreifen und daraus anwendungsnahe Lösungen entwickeln könnten, sei auch eine breite Produktivitätssteigerung möglich. Wenn dagegen hohe Zugangshürden und erhebliche Kosten entstünden, „dann ist das ein ganz anderer Pfad“.
Schumacher verwies zudem auf ein strukturelles Hemmnis, das in der Digitaldebatte häufig unterschätzt wird: die Überalterung der Unternehmerschaft und das Nachfolgeproblem. Es sei „ein empirischer Fakt“, dass die Investitionstätigkeit darunter leide. Die Alterung der Unternehmerschaft werde „at the margin wahrscheinlich auch zu weniger Digitalisierungsaktivitäten führen“. Gerade deshalb sei dies jedoch kein Argument, bei der Digitalisierung nachzulassen – im Gegenteil.
Wie stark höhere Investitionen bereits heute wirken können, zeigen auch Aussagen aus der aktuellen Zukunftsmacher-Studie zu digitalen Vorreitern und Hidden Champions im Mittelstand. Dort heißt es, dass im Durchschnitt rund 30 Prozent des Investitionsbudgets in Digitalisierung fließen und bereits jeder fünfte Digitalisierungs-Euro für KI reserviert wird. Die befragten Unternehmen berichten von messbaren Effizienz- und Produktivitätsgewinnen.
So warnt EDAG: „Wer nicht integriert, verliert Wettbewerbsfähigkeit.“ Internorm betont: „Nicht Visionen zählen, sondern pragmatische Use Cases.“ MIWE beschreibt KI als Hebel für Effizienz, Resilienz und Zukunftsfähigkeit. Und ACO verweist auf den Zusammenhang zwischen Technologie und Demografie mit dem Satz: „KI ersetzt keine Jobs – sie verhindert, dass uns Know-how verloren geht.“ Diese Aussagen unterstreichen, dass KI im industriellen Mittelstand längst keine Zukunftsmusik mehr ist, sondern zu einem zentralen Investitions- und Wettbewerbsfaktor geworden ist.
Die wirtschaftspolitische Konsequenz aus den Befunden von KfW, ZEW und den Stimmen der digitalen Vorreiter ist eindeutig: Deutschland braucht nicht weniger Kompetenzpolitik, sondern mehr Investitionspolitik. Ausbildung, Weiterbildung und Start-up-Kooperationen bleiben wichtige Voraussetzungen. Sie ersetzen jedoch nicht den systematischen Aufbau von digitalem Kapital, Dateninfrastrukturen und KI-Anwendungen. Ohne stärkere Investitionsanreize, bessere Finanzierungsbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen, mehr Unterstützung bei der Unternehmensnachfolge und einen breiten Zugang zu KI-Infrastruktur droht Künstliche Intelligenz vom Produktivitätstreiber zum Beschleuniger der Spaltung im Mittelstand zu werden.
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