Baustelle als Betriebsmodell: Was Jule Jankowski auf der Zukunft Personal Süd über Zynismus, KI-Glauben und die verlorene Kunst des klaren Sprechens sichtbar macht

von Gunnar Sohn
29. April 2026

Stuttgart spricht längst selbst

Wer in diesen Tagen durch Stuttgart fährt, braucht keine Einführungsfolie. Die Stadt erledigt das allein. Kräne, Sperrungen, offene Straßen, Umleitungen, Provisorien. Eine Region, die jahrzehntelang aus industrieller Kraft lebte, arbeitet sich durch ihre eigene Neuordnung. Genau dort setzt Jule Jankowski im Messe-TV-Gespräch auf der Zukunft Personal Süd an. Sie betrachtet die Veranstaltung nicht als isoliertes Branchentreffen, sie liest den Ort mit. Stuttgart wird bei ihr zum Bild einer Arbeitswelt, die unter laufendem Betrieb umgebaut wird, ohne daß das Ziel schon sauber gezeichnet wäre.

Das ist mehr als eine hübsche Metapher. Viel zu oft werden Fachmessen behandelt, als hingen sie außerhalb der Wirklichkeit. Ein paar Bühnen, ein paar Panels, ein paar Trends, etwas Networking, fertig ist der Jahreskalender der Profession. Jankowski widerspricht dieser Event-Routine. Sie sieht, daß die großen Konflikte des Arbeitsmarkts längst in den Hallen angekommen sind: Entlassungen, Fachkräftemangel, Arbeitgebermarke, KI, People Analytics, öffentliche Unsicherheit, private Erschöpfung. Nichts davon steht ordentlich nebeneinander. Alles greift ineinander.

Wenn Employer Branding zur Beleidigung wird

Am schärfsten wird das Gespräch dort, wo Jankowski über Employer Branding spricht. Das Wort selbst klingt schon nach kontrollierter Attraktivität, nach gut ausgeleuchteter Arbeitgeberliebe, nach jener Kommunikationszone, in der Unternehmen sich als freundliche Lebensräume ausstellen. Auf der Zukunft Personal Süd wurde nun die härtere Frage verhandelt: Was bleibt von dieser freundlichen Kulisse, wenn ein Unternehmen zehntausende Menschen entläßt? Wozu taugt die schöne Marke, wenn Werkstore schließen und ganze Regionen den Atem anhalten?

Jankowski trifft den Punkt, an dem Sprache kippt. Sobald Unternehmen in solchen Situationen mit den alten Formeln hantieren, wird Kommunikation zur Kränkung. Dann heißt Entlassung plötzlich „Fitmachen für die Zukunft“, Kahlschlag wird „Reorganisation“, und die Betroffenen sollen noch Verständnis für den schönen Tonfall aufbringen. Genau das nennt sie zynisch. Zu Recht. Der Zynismus moderner Unternehmenssprache liegt ja nicht in ihrer Härte. Er liegt in ihrer freundlichen Vernebelung. Sie will beruhigen und beleidigt dabei die Intelligenz ihres Publikums.

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Umso bemerkenswerter fand Jankowski den Auftritt von ZF. Dort wurde die Härte nicht semantisch weichgekocht. Es wurde gesagt, daß Entlassungen hart sind. Hart für das Unternehmen, hart für die Menschen. Kein therapeutischer Zuckerguß, keine Euphemismen. Das ist ein Unterschied im Menschenbild. Wer so spricht, traut den eigenen Beschäftigten und der Öffentlichkeit Urteilsfähigkeit zu.

Zwei Wahrheiten gleichzeitig

Eine der klügsten Beobachtungen des Gesprächs betrifft die Gleichzeitigkeit von Layoffs und Fachkräftemangel. Auf der einen Seite Massenabbau in der Autoindustrie und bei ihren Zulieferern. Auf der anderen Seite Branchen, die händeringend Leute suchen. Zwei gegensätzliche Bewegungen laufen parallel, ohne sich gegenseitig aufzuheben. Genau darin steckt die Nervosität der Gegenwart. Es gibt nicht den einen Arbeitsmarkt, der alles erklärt. Es gibt viele Märkte, viele Engpässe, viele Abstürze, viele Fluchtbewegungen.

Das macht fast jede einfache Erzählung unbrauchbar. Wer nur von Krise redet, unterschlägt die Knappheit. Wer nur von Chancen redet, unterschlägt den Abbau. Der Satz „Wer wenig hat, muß mehr denken“, den Jankowski in Stuttgart an mehreren Beispielen festmacht, trifft daher weit mehr als eine betriebliche Mangellage. Er beschreibt den geistigen Zustand einer Ökonomie, in der Sicherheiten dünner, Ressourcen knapper und Gewißheiten poröser geworden sind. Reflexion ist unter diesen Bedingungen kein Luxus. Sie ist eine Überlebensform.

Die alten Zukunftsmaschinen

An dieser Stelle lohnt der Blick zurück. Im Buch „Schöne Neue Arbeitswelt“, erschienen zur Ausstellung im Bonner LVR-Landesmuseum, tauchen Bilder auf, die heute fast unheimlich modern wirken. Da ist das „100pferde-Büro“ von Fritz Zielesch aus dem Jahr 1926: eine frühe Konferenzphantasie, in der Filialleiter in Köln, New York, Genua, Tokio und Amsterdam über eine technische Schaltzentrale zusammengeschlossen sind. Kommunikation erscheint als Sieg über Raum und Zeit, als Aufhebung der Distanz, als Triumph des Apparats über die Mühsal der Welt. Wer diese Zeichnung heute betrachtet, denkt unwillkürlich an Videokonferenzen, Plattformarbeit und an die alte Managersehnsucht, Entfernung möge kein Widerstand mehr sein.

Daneben die großen Maschinenutopien der Zwischenkriegszeit: Hanns Günthers Buch „Automaten. Die Befreiung des Menschen durch die Maschine“, der Maschinenmensch aus „Metropolis“, der Mensch als durchorganisierter „Industriepalast“, mit Leitungen, Organen, Funktionen, als wäre der Körper bereits eine Fabrik mit Innenarchitektur. Diese Bilder sind keine musealen Kuriositäten. Sie sind der historische Vorlauf jener technischen Erlösungsphantasien, die heute im KI-Diskurs wiederkehren. Damals versprach die Maschine Befreiung von Mühsal und körperlicher Last. Heute verspricht das System Befreiung von Überforderung, Unsicherheit und Urteilsanstrengung. Die Verpackung hat sich geändert. Die Sehnsucht ist geblieben.

KI als neue Frömmigkeit

Jankowski tritt in Stuttgart nicht als Technikskeptikerin auf. Genau das macht ihre Position interessant. Sie sagt nicht: Finger weg. Sie sagt: Denkt nach. Auch die Bewerberseite, so ihre Beobachtung, arbeitet längst mit KI. Man müsse sich eher wundern, wenn sie es nicht tut. Darin liegt kein blinder Fortschrittsglaube. Darin steckt nur die Einsicht, daß Werkzeuge heute Teil der Lage sind. Der Punkt ist ein anderer: Wer sie gedankenlos nutzt, beleidigt die Intelligenz seines Gegenübers. Wer sie klug nutzt, erweitert seinen Spielraum.

Hier beginnt die eigentliche Gefahr des KI-Glaubens. Nicht darin, daß Maschinen plötzlich magisch alles übernehmen. Gefährlich wird die Vorstellung, man könne sich die Anstrengung des Urteilens sparen. KI verdichtet, sortiert, strukturiert. Genau diese Verdichtung greift aber schon vor. Sie nimmt eine Vorentscheidung vor, häufig leise, häufig mit dem Charme technischer Plausibilität. Wer das nicht merkt, gibt die Deutungshoheit ab, bevor überhaupt jemand beschlossen hat, etwas abzugeben.

Die alten Maschinenutopien glaubten an Befreiung durch Apparate. Der neue KI-Optimismus glaubt an Entlastung durch Systeme. In beiden Fällen zeigt sich dieselbe Versuchung: Man verwechselt Unterstützung mit Erlösung.

Urteilskraft fällt nicht an

Darum gehört zu den stärksten Sätzen des Gesprächs Jankowskis Beharren auf Urteilskraft, Zweifel und Lernen. Diese Begriffe wirken fast altmodisch. Gerade deshalb sind sie so wichtig. Die Gegenwart redet lieber über Skills, als stünden menschliche Fähigkeiten ordentlich beschriftet in einer Werkzeugkiste. Ein wenig Future Skill hier, etwas Empathie dort, dazu Data Literacy und schon scheint der Mensch von morgen vollständig zusammengesteckt. Jankowski traut dieser Sprache nicht. Sie weiß, daß Kritikfähigkeit, Selbstreflexion und Widerspruch nicht automatisch mitwachsen. Sie müssen geschützt, geübt und institutionell ermöglicht werden.

Damit rührt sie an einen neuralgischen Punkt des HR-Diskurses. Viele Personalabteilungen lieben das Menschliche, solange es ohne Zahlen auskommt. Kaum taucht das Wort Daten im Titel auf, sinkt das Interesse. Data Analytics, People Analytics, Statistik – alles gilt schnell als trocken, verstaubt, unerquicklich im alten Sinn des Wortes, als mathematische Schikane der Gegenwart. Genau diese Scheu hält Jankowski für ein Problem. Nicht weil Zahlen so aufregend wären. Sie sind es meist nicht. Entscheidend ist, worauf sie verweisen. Eine Kennzahl ist nicht die Hauptsache. Hauptsache ist, was sie repräsentiert. Wer diese Repräsentation nicht lesen kann, gibt Deutungshoheit ab – an Berater, Dashboards oder die nächste KI.

Die Arbeitswelt als Feuilletonstoff

Was macht aus Jule Jankowski eine Arbeitsfeuilletonistin? Nicht, daß sie über Arbeit spricht. Das tun viele. Interessant wird ihre Perspektive, weil sie Arbeitswelt, Wissenschaft und Kulturkritik zusammenbindet. Sie achtet auf Tonlagen, nicht nur auf Inhalte. Sie erkennt im Baustellenbild Stuttgarts ein Organisationsmodell. Sie hört im Employer Branding den Ton des Zynismus mit. Sie nimmt in der KI-Debatte nicht bloß Innovation wahr, sondern eine Versuchung zur geistigen Bequemlichkeit. Und sie weiß, daß Daten ohne Deutung nutzlos bleiben wie Sonntagsreden ohne Wirklichkeit.

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Der Zug dieser Beobachtungen ist essayistisch im besten Sinn. Der Apparat verspricht Ordnung und produziert Schrott. Die Utopie verspricht Befreiung und endet in einer Konferenzmaschine. Die PR verspricht Glaubwürdigkeit und spricht in Nebel. Die KI verspricht Effizienz und macht die Frage nach Urteilskraft dringlicher. Und ausgerechnet in einer Messehalle, zwischen Roll-ups, Panels und Selfiewünschen an der Bühne, steht jemand und sagt den einfachsten, schwierigsten Satz der Gegenwart: Mehr Real Talk.

Mehr Wirklichkeit wagen

Dieser Wunsch richtet sich gegen eine ganze Infrastruktur des Ausweichens. Gegen die Beratungsprosa, die jede Zumutung in Prozesssprache verwandelt. Gegen die Managementfrömmigkeit, die Technik mit Entlastung verwechselt. Gegen eine Personalwelt, die sich beim Wort Daten wegduckt. Gegen die Gewohnheit, Widerspruch als Störung zu behandeln.

Stuttgart hat dafür das passende Bühnenbild geliefert. Außen Baustelle, innen Baustelle. Außen die Region im Umbau, innen die Arbeitswelt im Umbau. Dazwischen eine Messe, die an manchen Stellen mehr erzählt hat, als ihre eigene Inszenierung ahnte. Jule Jankowski hat diese Erzählung freigelegt. Nicht mit Alarmismus, nicht mit Eventsprech, nicht mit jenem leeren Optimismus, der in der deutschen Gegenwart noch jede Bruchstelle mit etwas Zukunftspathos tapezieren möchte.

Am Ende bleibt eine Einsicht, die größer ist als diese zwei Messetage. Zukunft braucht keine Euphemismen. Zukunft braucht eine Sprache, die den Kontakt zur Wirklichkeit aushält. Real Talk.

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