Warum die Ukraine zeigt, dass Wasserpolitik längst Sicherheits- und Industriepolitik ist #Ifat

von Gunnar Sohn
5. Mai 2026

Die deutsche Wirtschaftsdebatte kennt ihre Lieblingsrohstoffe. Seltene Erden, Lithium, Halbleiter, Energie, Daten. Um sie kreisen Strategiepapiere, Gipfel, Förderprogramme und Sonntagsreden. Wasser erscheint in dieser Rangordnung meist erst, wenn es fehlt, verschmutzt ist oder als Flut zu viel davon kommt. Diese politische Gewohnheit ist gefährlich. Denn kein Rechenzentrum, keine Batteriezellfertigung, keine Chipfabrik, keine Pharmaanlage und keine Lebensmittelproduktion funktionieren ohne verlässliches Wasser.

Auf der IFAT in München wurde diese Verschiebung im Gespräch mit Boris Greifeneder, Geschäftsführer von German Water Partnership, und Thomas Beutel, Leiter des Regionalforums EECCA, besonders greifbar. Wer mit ihnen über Wasser spricht, landet schnell bei Krieg, Zivilschutz, Außenwirtschaft und industrieller Resilienz. Die alte Trennung zwischen Trinkwasser, Abwasser, Entwicklungshilfe und Sicherheitspolitik hält der Wirklichkeit nicht mehr stand.

Die Ukraine macht Infrastruktur sichtbar

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat gezeigt, wie verletzlich moderne Gesellschaften sind, wenn ihre Versorgungsnetze angegriffen werden. Strom, Wärme, Wasser: Was im Frieden selbstverständlich wirkt, wird im Krieg zur täglichen Überlebensfrage.

Thomas Beutel beschreibt, wie Mitglieder von German Water Partnership mobile Wasserwerke in die Ukraine geliefert haben, „ins Kriegsgebiet hinein“, an Orte, an denen die Wasserversorgung zerstört war. Unternehmen hätten ihre Kompetenzen zusammengeführt und gemeinsam Anlagen gebaut. Für Beutel war das „ein echtes Erfolgskonzept“. Hinter dieser nüchternen Formulierung steht ein neues Kapitel europäischer Wasserpolitik: Versorgungssicherheit entsteht nicht mehr nur durch große Netze und stationäre Anlagen. Sie braucht mobile, autarke und schnell einsetzbare Systeme.

Die Anforderungen sind hoch. Ein mobiles Wasserwerk in einem Kriegsgebiet muss mit wechselnder Rohwasserqualität umgehen. Es braucht eigene Stromversorgung. Es darf nicht darauf angewiesen sein, permanent online gewartet zu werden. Beutel verweist darauf, dass heute fast alles digital laufe, Wartung ebenso wie Service. Im Kriegsgebiet gehe das nicht. Anlagen müssten autark arbeiten und dürften nicht leicht ortbar sein. Die Technologie, die im zivilen Betrieb Effizienz verspricht, kann unter Beschuss zum Risiko werden.

Wenn Wasser zur körperlichen Last wird

Die härteste Beschreibung der Krise ist keine technische. Beutel spricht von Rentnerinnen und Rentnern, die in Hochhäusern leben und ihr tägliches Wasser zum Waschen und Kochen neun Etagen nach oben tragen müssen. In Deutschland genügt eine Handbewegung am Wasserhahn. In der Ukraine wird Wasser zur Last, die auf Schultern, Rücken und Treppen verteilt wird.

Darin liegt die eigentliche Definition kritischer Infrastruktur. Sie ist nicht kritisch, weil sie in einem Gesetz so genannt wird. Sie ist kritisch, weil ihr Ausfall den Alltag sofort zerlegt. Wasser ist dabei radikaler als viele andere Ressourcen. Man kann Produktion verschieben, Daten umleiten, Strom zeitweise ersetzen. Trinkwasser lässt sich nicht vertagen.

Was Deutschland aus der Ukraine lernen muss

Die Erfahrungen in der Ukraine wirken zurück nach Deutschland. Beutel verweist auf Lücken in der Wasserversorgung für Krisenzeiten. Das Technische Hilfswerk könne überbrücken, wie im Ahrtal. Auch die Bundeswehr verfüge über Trinkwassereinheiten. Doch diese Einheiten ziehen mit der Truppe weiter. Wenn die Truppe weiterzieht, kann ein Ort ohne Trinkwasser zurückbleiben. Aus seiner Sicht müssen die Konzepte überdacht werden.

Damit wird die Ukraine zum Stresstest deutscher Vorsorge. Was dort unter Kriegsbedingungen improvisiert werden muss, gehört hierzulande in die Planung von Zivilschutz, Katastrophenschutz, Bundeswehr, Kommunen, Betreibern und Industrie. Wassersicherheit ist kein Spezialgebiet einzelner Behörden. Sie gehört in die gesamtstaatliche Sicherheitsarchitektur.

Beutel berichtet von Netzwerken mit Bundeswehr, THW, Umweltbehörden und weiteren Beteiligten. Die Erfahrungen mit mobilen Wasserwerken aus der Ukraine wolle man erhalten und in Deutschland nutzbar machen. Die Finanzierung bleibt schwierig. Seine Formulierung ist trocken: Wach sei man, nun fehle noch jemand mit Geld.

German Water Partnership als außenpolitischer Akteur

German Water Partnership ist kein klassischer sicherheitspolitischer Akteur. Der Verband unterstützt die Auslandsaktivitäten seiner knapp 300 Mitglieder aus der deutschen Wasserwirtschaft. Doch genau darin liegt seine neue Relevanz. Wasserinfrastruktur ist in vielen Regionen nicht mehr nur Entwicklungsaufgabe oder Exportchance. Sie ist Stabilitätsfaktor.

Das Regionalforum EECCA richtet den Blick auf Südost- und Osteuropa, den Kaukasus und Zentralasien. Dort geht es um Kontakte zu Institutionen und Unternehmen, um Reisen, Konferenzen, Messen und die Geschäftsanbahnung für deutsche Unternehmen. In der Ukraine entstanden Formate der Soforthilfe. In Kasachstan werden Kläranlagenprojekte vorbereitet. In Zentralasien und im Kaukasus verbinden sich Wasserstress, Modernisierungsbedarf, Stadtentwicklung und geopolitische Interessen.

Greifeneder beschreibt den Ansatz als praxisnah und mittelständisch. German Water Partnership sei kein Großkonzern, der eine Einheitslösung anbiete. Man gehe vor Ort, baue Vertrauen auf, prüfe die Möglichkeiten der Menschen und Betreiber, die Anlagen später effizient betreiben müssen. Das klingt leise, ist aber entscheidend. Infrastruktur scheitert selten an der Eröffnung. Sie scheitert am Betrieb.

Deutschland kann Wasser, aber zu verstreut

Greifeneder sieht eine deutsche Stärke, die politisch nicht ausreichend gebündelt ist. Die Bundesregierung unterhält zahlreiche Aktivitäten im Ausland: Wasserdiplomatie, Entwicklungszusammenarbeit, Forschung, Außenwirtschaftsförderung, Markterschließung. Doch es fehlt ein gemeinsamer Rahmen, ein Angebot, das Deutschland Partnerstaaten geschlossen machen kann. Für Energie, Rohstoffe, Wasserstoff und Gesundheit gibt es Partnerschaftsformate. Wasser braucht eine vergleichbare Form.

Dieser Vorschlag ist mehr als Verbandsinteresse. Er beschreibt eine Lücke deutscher Außenwirtschaftspolitik. Die Wasserwirtschaft verfügt über Betreiberwissen, Verfahrenstechnik, Forschung, Pumpen, Armaturen, Messtechnik, Leckageortung, mobile Anlagen, Energieeffizienz und Betriebserfahrung. Diese Fähigkeiten sind international gefragt. Doch ohne politische Bündelung bleiben sie zu oft Einzelangebote.

Beutel spricht aus Sicht der Industrie ungeduldiger. Bei Projekten wie New Tashkent wolle man nicht warten. Man gehe gemeinsam mit Betreibern und Unternehmen voran. Die politische Offenheit sei vorhanden, die Gespräche liefen. Das Tempo sei aus Sicht der Unternehmen zu langsam.

Warum Wasser neben seltene Erden gehört

Die deutsche Wirtschaftspolitik hat gelernt, Abhängigkeiten bei Rohstoffen und Energie ernster zu nehmen. Sie diskutiert Lithium, Seltene Erden, Halbleiter, Gas, Wasserstoff und Batterien. Wasser gehört in diese Reihe. Nicht weil es selten im geologischen Sinn wäre. Es ist knapp im ökonomisch entscheidenden Sinn: am richtigen Ort, in der richtigen Qualität, zur richtigen Zeit, mit der richtigen Infrastruktur.

Greifeneder arbeitet genau an diesem Perspektivwechsel. Wasser sei zu lange als Trinkwasser- und Abwasserthema behandelt worden. Tatsächlich sei es ein Wirtschaftsfaktor, ein Produktionsfaktor, eine Grundlage für Wachstum. Halbleiterproduktion, Batteriezellfertigung, Rechenzentren und andere Zukunftsindustrien seien wasserintensiv.

Das verändert die Rangordnung der Industriepolitik. Wer eine Chipfabrik ansiedeln will, muss Wasserverfügbarkeit und Abwasserbehandlung mitdenken. Wer Rechenzentren baut, muss Kühlung und regionale Nutzungskonkurrenzen ernst nehmen. Wer Batteriezellen fördert, muss Prozesswasser, Aufbereitung und Genehmigungsfähigkeit einplanen. Wasser ist nicht die Begleitbedingung von Wachstum. Es ist eine seiner Voraussetzungen.

Raus aus der CSR-Ecke

Greifeneder will Wasser aus dem Bereich der bloßen Nachhaltigkeitskommunikation herausholen. Es geht nicht um Imagepflege. Es geht um die Verlässlichkeit von Produktion. Deutschland kann über Resilienz nicht glaubwürdig sprechen, wenn Wasser dabei nachgeordnet bleibt.

Gerade im Außenhandel wird das sichtbar. In vielen Partnerländern entscheidet Wasser über industrielle Entwicklung, Landwirtschaft, Stadtwachstum und soziale Stabilität. Deutsche Wassertechnik kann dort Märkte erschließen und zugleich Versorgungssicherheit stärken. Doch dafür braucht sie mehr als Messekontakte. Sie braucht Partnerschaften, Finanzierung, Betreiberwissen, Ausbildungsprogramme und politische Rückendeckung.

Die EECCA-Arbeit zeigt, wie eine solche Verbindung aussehen kann. In der Ukraine geht es um akute Versorgung. In Kasachstan um Kläranlagen. In Zentralasien um Wasserstress und Modernisierung. In Südosteuropa und im Kaukasus um Infrastruktur, Standards und Vertrauen. Überall stellt sich dieselbe Frage: Wer bringt Technik, Betrieb, Finanzierung und lokale Realität zusammen?

Sicherheitspolitik beginnt am Wasserhahn

Die sicherheitspolitische Dimension von Wasser bleibt in Deutschland unterentwickelt. Die Debatte über Verteidigungsfähigkeit konzentriert sich auf militärische Ausrüstung. Die Debatte über wirtschaftliche Sicherheit konzentriert sich auf Energie, Rohstoffe und Lieferketten. Doch ein Land, das seine Wasserversorgung in Krisen nicht robust organisieren kann, ist nicht resilient.

Wasser verbindet zivile und militärische Logik. Es betrifft Städte, Krankenhäuser, Kasernen, Industrieparks, Landwirtschaft, Einsatzkräfte und Zivilbevölkerung. Mobile Wasserwerke, autarke Energieversorgung, geschützte Steuerungssysteme, analoge Betriebsfähigkeit, Ersatzteile, geschultes Personal und Betreiberpartnerschaften gehören deshalb in die Sicherheitsplanung.

Die Ukraine hat diese Lektion unter brutalsten Bedingungen geliefert. Deutschland sollte sie nicht erst dann ernst nehmen, wenn eine Flut, ein Cyberangriff, eine Sabotage oder ein großflächiger Stromausfall die eigene Verwundbarkeit offenlegt.

Eine Strategie für den unterschätzten Produktionsfaktor

Die IFAT in München untermauert, dass die deutsche Wasserwirtschaft die technischen Antworten in vielen Bereichen bereits hat. Sie verfügt über mittelständische Spezialisten, Betreiberwissen, internationale Erfahrung und Verbandsstrukturen wie German Water Partnership. Was fehlt, ist eine politische Strategie, die Wasser neben Energie, Rohstoffen, Daten und Halbleitern als kritischen Produktionsfaktor behandelt.

Wasserpartnerschaften wären ein Anfang. Sie könnten Forschung, Technologie, Capacity Building, Fachkräfteentwicklung, Außenwirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit verbinden. Sie könnten Partnerstaaten ein deutsches Angebot machen, das mehr ist als eine Summe einzelner Projekte. Sie könnten die Stärke der Hidden Champions mit der Glaubwürdigkeit öffentlicher Institutionen verbinden.

Die Ukraine zeigt die Dringlichkeit. Die EECCA-Region zeigt den geopolitischen Raum. Die deutsche Industrie zeigt die Fähigkeit. Die Politik muss daraus eine Form machen.

Wasser ist nicht erst wichtig, wenn es fehlt. Es ist die Voraussetzung dafür, dass Staaten stabil bleiben, Volkswirtschaften wachsen und Industrie funktionieren kann. Genau deshalb gehört es ins Zentrum der Sicherheits- und Wirtschaftspolitik.

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