Warum Wasser ins Zentrum der Kreislaufwirtschaft rückt #ifat

von Gunnar Sohn
6. Mai 2026

Die BDE-Runde auf der IFAT zeigt: Kreislaufwirtschaft endet nicht bei Abfall, Recycling und Rezyklaten. Sie beginnt dort, wo Deutschland lange am wenigsten hingeschaut hat – beim Wasser.

Wer über Kreislaufwirtschaft spricht, denkt in Deutschland zuerst an Verpackungen, Kunststoffe, Schrott, Altpapier, Baustoffe. An Sortieranlagen, Ballenpressen, Recyclingquoten und die Frage, warum aus Abfall noch immer zu wenig Rohstoff wird. Wasser taucht in dieser Debatte meist am Rand auf. Es gilt als Daseinsvorsorge, als kommunale Aufgabe, als technisches Spezialfeld. Genau diese Einordnung gerät auf der IFAT in München ins Wanken.

In der Sohn@Sohn-Runde mit Sascha Roth, Bereichsleiter Biomasse, Elektronik, Textilien und Wasser beim BDE, und Thomas Beutel von Lutz-Jesco wurde sichtbar, dass Wasser längst Teil der großen Ressourcenfrage ist. Roth kommt aus einem Verband, der für viele noch immer mit Abfall, Recycling, Entsorgung, Remondis, Alba, Sortiertechnik und Kunststoffströmen verbunden wird. Doch der BDE trägt das Wasser inzwischen ausdrücklich in seiner Agenda. Das ist mehr als eine Erweiterung des Themenkatalogs. Es ist eine Korrektur der Kreislaufwirtschaftserzählung.

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Wasser wird nicht verbraucht, es wird gebraucht

Beutel setzt früh im Gespräch einen begrifflichen Haken. Wasser werde nicht verbraucht, es werde gebraucht. Kein Tropfen verschwinde von der Erde. Diese Feststellung klingt physikalisch selbstverständlich, politisch ist sie folgenreich. Denn sie verschiebt die Frage. Entscheidend ist nicht, ob Wasser nach der Nutzung noch existiert. Entscheidend ist, in welchem Zustand es zurückkehrt, welche Stoffe es aufgenommen hat, welche Energie für die Reinigung benötigt wird und ob es wieder nutzbar gemacht werden kann.

Damit wird Wasser zum Stoffstrom. Es trägt Arzneimittelrückstände, Mikroplastik, Düngemittel, Industriechemikalien, Nährstoffe, Wärme, Energiepotenziale. Es ist Träger von Risiken und Ressourcen zugleich. Wer Wasser nur als kommunale Dienstleistung begreift, unterschätzt seine Rolle in der Kreislaufwirtschaft.

Roth beschreibt diesen Zusammenhang aus Sicht des BDE. In Deutschland mache man sich über Wasser noch zu wenige Gedanken. Nach der Nutzung setze ein großer Prozess der Abwasserentsorgung ein, der Wasser im Kreislauf halten solle. Genau dort arbeiten auch private Unternehmen, die der Verband vertritt. Wasser wird damit zu einem Feld, in dem klassische Entsorgungswirtschaft, kommunale Infrastruktur, Umwelttechnik und Industriepolitik ineinandergreifen.

Die neue Last der Kläranlagen

Deutschland verfügt über eine starke Wassertechnik. Roth zeigt sich beeindruckt von dem, was Klärwerke leisten: Nährstoffe entfernen, Stoffe fällen, Belastungen reduzieren, Abwasser in hoher Qualität behandeln. Doch der technische Erfolg der Vergangenheit schützt nicht vor den Lasten der Zukunft.

Die Problemstoffe verändern sich. Eine alternde Gesellschaft verbraucht mehr Medikamente. Arzneimittelrückstände gelangen ins Abwasser. Hinzu kommen Mikroplastik, Spurenstoffe, Pestizide, Düngemittel und Stoffgruppen, die in klassischen Klärprozessen nicht ausreichend erfasst werden. Die Kläranlage wird zur letzten Instanz einer Produktwelt, die immer komplexer wird. Je mehr Chemie in Konsum, Medizin, Landwirtschaft und Industrie zirkuliert, desto größer wird der Druck auf die Wasseraufbereitung.

Roth sieht darin eine der zentralen Aufgaben der kommenden Jahre. Europäische Vorgaben erhöhen den Druck zusätzlich. Die vierte Reinigungsstufe, die Entfernung von Mikroschadstoffen und die Diskussion über neue Finanzierungspfade zwingen Kommunen und Betreiber zu Investitionen. Die Herausforderung für Gebietskörperschaften nennt Roth exorbitant. Viele Kommunen haben knappe Haushalte, alternde Anlagen und Fachkräfteprobleme. Gleichzeitig ist Wasser Daseinsvorsorge. Man kann nicht aussetzen, verschieben, abwarten.

Der Cappuccino und die Verhältnismäßigkeit

Die Debatte über Kosten wird in Deutschland schnell absolut. Alles ist zu teuer, alles überfordert Kommunen, alles bedroht Gebührenzahler. Beutel bringt eine andere Perspektive ein. Bei der vierten Reinigungsstufe müsse man die Verhältnismäßigkeit betrachten. Auf den einzelnen Haushalt heruntergerechnet könne es um Beträge gehen, die eher einer Tasse Cappuccino im Monat oder Halbjahr entsprächen.

Das ist keine Verharmlosung kommunaler Investitionslasten. Es ist der Versuch, Kosten und Nutzen in eine realistische Relation zu bringen. Was lässt sich aus dem Wasser entfernen? Welche Umweltentlastung entsteht? Welche Schäden werden vermieden? Welche Gesundheits- und Ökosystemrisiken sinken? Wer die Kosten nur als Gebührensteigerung betrachtet, sieht nur die Rechnung. Wer sie als Investition in Wasserqualität, Gesundheit und Ressourcensicherung betrachtet, erkennt den wirtschaftlichen Sinn.

Gerade hier braucht die Wasserpolitik eine bessere Sprache. Sie darf Kosten nicht verstecken. Sie muss erklären, was technische Aufrüstung leistet. Sie muss zeigen, dass sauberes Wasser nicht kostenlos ist, billiges Wasser aber sehr teuer werden kann, wenn Folgeschäden erst später sichtbar werden.

Produzentenverantwortung erreicht das Wasser

Die vielleicht wichtigste Brücke zur klassischen Kreislaufwirtschaft liegt in der Produzentenverantwortung. Roth verweist auf Erfahrungen aus der Abfallwirtschaft. Wer Produkte in Verkehr bringt, muss stärker an den Folgekosten beteiligt werden. Gebührenfinanzierte Systeme allein erzeugen zu wenig Lenkungswirkung. Erst wenn Hersteller Verantwortung tragen, entstehen Anreize, Stoffe, Inhaltsstoffe und Produktdesign zu verändern.

Auf das Wasser übertragen heißt das: Die Folgekosten von Arzneimittelrückständen, Kosmetikstoffen, Pestiziden oder anderen problematischen Einträgen dürfen nicht allein bei Kommunen und Gebührenzahlern landen. Wer Stoffe in Umlauf bringt, die später aufwendig aus dem Wasser entfernt werden müssen, gehört in die Verantwortungskette.

Roth will die Debatte nicht bei der Pharmaindustrie stoppen. Auch Pestizide und weitere Stoffgruppen könnten einbezogen werden. Voraussetzung sei eine gute Datengrundlage. Das ist entscheidend. Produzentenverantwortung darf nicht zur pauschalen Strafabgabe werden. Sie muss auf nachvollziehbaren Stoffströmen, Belastungen und Kosten beruhen. Doch das Prinzip ist klar: Wer Belastungen verursacht, darf nicht erwarten, dass die kommunale Kläranlage zum kostenlosen Reparaturbetrieb der Produktwelt wird.

Beutel unterstützt diese Logik. Am Ende zahle zwar häufig der Verbraucher, weil Kosten in Produkte eingepreist werden. Doch die Verschiebung sei gerecht. Sie zwingt Produzenten, über Inhaltsstoffe, Substitution und Folgewirkungen nachzudenken. Genau diese Lenkungswirkung braucht die Wasserwirtschaft.

Public-Private-Partnership ohne Privatisierungspanik

Bei Wasser flammt schnell ein Reflex auf: Wer private Beteiligung erwähnt, steht unter Privatisierungsverdacht. Roth zieht hier eine klare Linie. Es gehe nicht darum, Wasserressourcen zu privatisieren. Es gehe um Management, Betriebskompetenz, technische Unterstützung und Partnerschaft mit der kommunalen Daseinsvorsorge.

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Wasser bleibt öffentliche Verantwortung. Doch öffentliche Verantwortung verlangt nicht, dass jede technische Leistung, jede Spezialkompetenz, jedes Betriebsmodell allein kommunal erbracht wird. Die Herausforderungen sind zu groß: Fachkräftemangel, alternde Belegschaften, komplexere Technik, neue EU-Vorgaben, steigende Energiepreise, Investitionsbedarf.

Private Unternehmen können Spezialisten bereitstellen, Anlagen betreiben, technische Innovationen skalieren, Effizienzpotenziale heben. Konzessionsmodelle, Betreibermodelle und andere Formen öffentlich-privater Kooperation können Kommunen entlasten, wenn sie sauber geregelt sind. Roth beschreibt private Anbieter als Partner der kommunalen Daseinsvorsorge. Das ist der richtige Rahmen. Kein Ausverkauf, keine Ideologie, vielmehr Arbeitsteilung.

Technik entscheidet über den Ressourcenkreislauf

Beutel nennt die technischen Bausteine: Filtertechnik, Membrantechnik, Ionentauscher, Dosiertechnik. Das klingt nach Komponenten, doch es geht um die Leistungsfähigkeit des gesamten Systems. Mikroverunreinigungen lassen sich nicht durch politische Beschlüsse entfernen. Sie brauchen Verfahren, Messung, Dosierung, Betriebserfahrung und Wartung.

Deutschland hat hier eine industrielle Stärke. Trotz vergleichsweise guter Wasserverfügbarkeit ist eine leistungsfähige Wassertechnik entstanden. Sie wird in Regionen gebraucht, in denen Wasser knapper, verschmutzter oder klimatisch stärker belastet ist. Forschung in Deutschland kann daher internationale Wirkung entfalten. Wasseraufbereitung ist nicht nur Umwelttechnik für den eigenen Markt. Sie ist Exportfähigkeit, Standortvorteil und Teil einer globalen Anpassungsökonomie.

Die industrielle Anwendung bleibt ein großes Feld. Papierfabriken, Lebensmittelindustrie, Chemie, Textil, Metallverarbeitung: Überall entstehen Wasserströme, die gereinigt, geführt, teilweise wiederverwendet werden müssen. Beutel verweist darauf, dass Industrieabwässer heute in vielen Bereichen bereits deutlich sauberer sind als früher. Doch höhere Wiederverwendungsquoten bleiben möglich. Selbst im Schwimmbadbereich werde Spülwasser aufbereitet und zu großen Teilen wieder genutzt. Kleine technische Fortschritte summieren sich zu Ressourceneffizienz.

Normung als Infrastruktur der Innovation

Ein zweiter Schwerpunkt der Runde war die technische Normung. Beutel sieht in der technischen Selbstverwaltung ein zentrales Instrument, um Wasserqualität und Innovation zusammenzubringen. Der Staat solle Ziele formulieren, Fachleute sollten die technischen Antworten über Regeln und Normen entwickeln. Normung dürfe nicht unter dem Schlagwort Deregulierung pauschal zurückgefahren werden.

Dieser Gedanke reicht über Wasser hinaus. In vielen Umweltbereichen blockieren nicht fehlende Ziele, vielmehr fehlende anerkannte technische Wege. Recycling, Rezyklateinsatz, Wiederverwendung, Wasserwiederverwendung, Phosphorrückgewinnung: Überall braucht es Standards, die Vertrauen schaffen. Normen können definieren, was Qualität bedeutet, wie geprüft wird, welche Verfahren anerkannt sind und wie Haftungsrisiken sinken.

Roth reagiert differenziert. Wasser sei stark durch Normung geprägt, das liefere Orientierung. Bei anderen Stoffströmen müsse man kontextabhängig prüfen, welche Standards geeignet seien. Diese Vorsicht ist richtig. Kreislaufwirtschaft besteht nicht aus einem einzigen Material. Kunststoff, Biomasse, Textilien, Elektronik, Bauabfälle, Klärschlamm und Wasser folgen unterschiedlichen technischen Logiken. Doch der Grundsatz bleibt: Ohne verlässliche Standards bleibt Kreislaufwirtschaft teure Einzelfallarbeit.

Phosphor ist der Rohstoff im Klärschlamm

Am Ende der BDE-Perspektive steht ein Thema, das Kreislaufwirtschaft und Wasser besonders deutlich verbindet: Phosphorrückgewinnung aus Klärschlämmen. Roth fordert klare Vorgaben und warnt vor erneuten Fristverschiebungen. Die Pflicht zur Phosphorrückgewinnung soll ab 2029 greifen. Der Markt brauche Planungssicherheit. Technologieanbieter seien dabei, hochzuskalieren. Wer jetzt wieder über Verschiebungen rede, beschädige Investitionen.

Phosphor zeigt exemplarisch, was Kreislaufwirtschaft leisten kann. Ein Nährstoff, der im Abwasser landet, wird nicht einfach entsorgt. Er wird zurückgewonnen und erneut nutzbar gemacht. Das reduziert Abhängigkeiten, senkt Umweltbelastungen und stärkt Ressourcensicherheit. Doch auch hier gilt: Ohne klare Fristen, technische Standards und tragfähige Geschäftsmodelle bleibt die Rückgewinnung ein Versprechen.

Energieeffizienz entscheidet über kommunale Haushalte

Kläranlagen sind energieintensive Infrastrukturen. Für Kommunen ist die Energierechnung ein großer Posten. Roth sieht Energieeffizienz und Energieneutralität daher als zentrale Zukunftsaufgaben. Wer Kläranlagen effizienter macht, verbessert nicht nur die Umweltbilanz. Er entlastet kommunale Haushalte.

Damit wird Wasserpolitik auch Finanzpolitik. Jede Kilowattstunde, die in der Abwasserbehandlung eingespart oder selbst erzeugt wird, stärkt die Kommune. Biogas, Abwasserwärme, effizientere Pumpen, bessere Steuerung, Lastmanagement, Prozessoptimierung: Die Kläranlage wird zu einem Ort, an dem Energie-, Wasser- und Kreislaufpolitik zusammenlaufen.

Die neue Kreislaufwirtschaft ist nass

Die BDE-Runde auf der IFAT zeigt eine Verschiebung, die in der öffentlichen Debatte noch nicht angekommen ist. Kreislaufwirtschaft ist nicht nur trockenes Materialmanagement. Sie ist auch Wasserwirtschaft. Sie handelt von Stoffen im Wasser, von Nährstoffen im Klärschlamm, von Energie in Anlagen, von Chemikalien in Produkten, von Verantwortung entlang ganzer Wertschöpfungsketten.

Das verändert auch die Rolle des BDE. Der Verband kommt aus der Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft. Doch wenn Kreislaufwirtschaft ernst genommen wird, muss sie Wasser einschließen. Abfall, Wasser, Energie, Biomasse, Elektronik, Textilien und industrielle Stoffströme sind nicht getrennte Welten. Sie sind verschiedene Aggregatzustände derselben Ressourcenfrage.

Was die Politik jetzt tun muss

Die politische Agenda, die aus der Runde entsteht, ist klar. Produzentenverantwortung muss im Wassersektor ernster genommen werden. Die vierte Reinigungsstufe braucht eine faire Finanzierung und eine nüchterne Kostendebatte. Wasserwiederverwendung muss aus der Nische heraus, besonders für Stadtbegrünung und trockener werdende Regionen. Phosphorrückgewinnung braucht verlässliche Fristen. Public-Private-Partnerships sollten ohne Privatisierungsreflex geprüft werden. Normung und technische Selbstverwaltung müssen als Werkzeuge der Deregulierung verstanden werden, nicht als Ballast.

Die Bundesregierung könnte aus dieser Agenda mehr machen als eine weitere Wasserstrategie. Sie könnte Wasser als Kern der Kreislaufwirtschaft behandeln. Als Standortfaktor. Als Exportfeld. Als kommunale Überlebensfrage. Als Rohstoffstrom.

Wasser wird nicht verbraucht. Es wird gebraucht, belastet, gereinigt, geführt, erwärmt, gekühlt, zurückgewonnen. Die Wirtschaft der Zukunft entscheidet sich auch daran, wie gut dieser Kreislauf funktioniert. Die IFAT zeigt, dass die Technik vorhanden ist. Nun muss die Politik den Rahmen so setzen, dass aus Verfahren Routine wird, aus Pilotprojekten Märkte und aus Wasserpolitik echte Kreislaufwirtschaft.

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