Der Kreislaufwirtschaftsexperte Henning Wilts vom Wuppertal Institut fordert stärkere steuerliche, privatrechtliche und normative Impulse, um Sekundärrohstoffe in Deutschland breiter einzusetzen. Im Sohn@Sohn-Adhoc-Interview zur IFAT in München sagte Wilts, das deutsche Steuerrecht begünstige bislang eher das klassische lineare Neuwarengeschäft. Für zirkuläre Geschäftsmodelle wie Wiederverwendung, Refurbishing und den Einsatz von Rezyklaten gebe es kein echtes „Level Playing Field“.
Wilts sprach sich dafür aus, steuerliche Hemmnisse stärker in den Blick zu nehmen. Der Vorschlag, wiederverwendete Produkte oder den Einsatz von Rezyklaten über eine reduzierte oder entfallende Umsatzsteuer zu begünstigen, könne Unternehmen helfen, Investitionen über Pilotprojekte hinaus umzuschichten. Eine Änderung der europäischen Mehrwertsteuersystemrichtlinie sei politisch schwierig, müsse aber angegangen werden.
Neben steuerlichen Fragen sieht Wilts erhebliche Hürden im Privatrecht. Beim Einsatz von aufbereiteten Baustoffen oder Rezyklaten gebe es Unsicherheiten bei Haftung, Versicherung und Anerkennung. In der Praxis entstehe häufig ein Graubereich. Entscheidend sei die Frage, wann ein Stoff rechtlich nicht mehr als Abfall gelte und wieder wie ein Produkt gehandelt, transportiert und eingesetzt werden könne. Ohne einen funktionierenden Binnenmarkt für Sekundärrohstoffe bleibe recyceltes Material gegenüber Neuware benachteiligt.
Auch bei der technischen Normung sieht Wilts erheblichen Handlungsbedarf. In einer DIN-Normungsroadmap zur Kreislaufwirtschaft seien zahlreiche Lücken identifiziert worden. Nach seinen Angaben wurden in einem rund 300 Seiten umfassenden Bericht etwa 400 Normungsdefizite beschrieben. Die Industrie müsse diese Lücken mit angehen; zugleich brauche es einen politischen Impuls, um aus der Analyse in die Umsetzung zu kommen.
Wilts verwies zudem auf die strategische Bedeutung von Recycling für die Rohstoffversorgung. Kreislaufwirtschaft sei nicht nur Umweltpolitik, sondern auch eine Frage ökonomischer Sicherheit. Sekundärrohstoffe könnten Deutschland unabhängiger von Rohstoffpreisschwankungen und von Staaten machen, die Rohstoffe zunehmend als politisches Machtinstrument nutzten. Bislang werde in Rohstoffstrategien noch zu stark nach neuen Bergbauprojekten gesucht, während skalierbare Recyclingprojekte zu wenig Gewicht hätten.
Die Forderungen knüpfen an Debatten auf der IFAT an, wonach Umwelttechnologien zwar als globaler Wachstumsmarkt gelten, die Nachfrage nach recycelten Materialien aber vielfach hinter den Erwartungen zurückbleibt. Besonders die Kunststoffrecyclingbranche steht nach Wilts’ Einschätzung unter Druck, obwohl Mindestrezyklatquoten ab 2030 eigentlich eine verlässliche Nachfrage schaffen sollen.
Eine ähnliche strategische Bündelung fordert auch German Water Partnership für die Wasserwirtschaft. Geschäftsführer Boris Greifeneder und Thomas Beutel, Leiter des Regionalforums EECCA, verwiesen im Gespräch auf zahlreiche deutsche Aktivitäten im Ausland, etwa in Wasserdiplomatie, Entwicklungszusammenarbeit, Forschung und Außenwirtschaftsförderung. Diese folgten jedoch noch keiner gemeinsamen politischen Klammer. Der Verband fordert deshalb Wasserpartnerschaften nach dem Vorbild von Energie-, Rohstoff- oder Wasserstoffpartnerschaften, um Technologie, Forschung, Betreiberwissen, Capacity Building und Fachkräfteentwicklung für Partnerstaaten besser zusammenzuführen.
