Der Standard entscheidet über den Rohstoff

von Team Redaktion
11. Mai 2026

Andreas Bruckschen, neuer Hauptgeschäftsführer des BDE, sieht Normung als Voraussetzung dafür, Rezyklate in industrielle Wertschöpfungsketten zu bringen. Auf der IFAT verdichtet sich daraus eine größere wirtschaftspolitische Frage: Kann Deutschland Kreislaufwirtschaft so organisieren, dass aus Abfall verlässliche Rohstoffversorgung wird?

Die Kreislaufwirtschaft leidet nicht an zu wenig Bekenntnissen. Sie leidet an zu wenig Anschlussfähigkeit. Der Satz klingt technischer, als er gemeint ist. Er beschreibt ein wirtschaftliches Grundproblem. Ein Sekundärrohstoff ist erst dann ein Rohstoff, wenn er von der Industrie ohne Sonderbehandlung, ohne zusätzliche Absicherungsrunden und ohne juristische Verrenkungen eingesetzt werden kann. Solange Qualität, Herkunft, Spezifikation, Prüfung, Haftung und Datenlage unklar bleiben, bleibt Rezyklat ein Versprechen. Der Markt kauft dann weiter Primärware, weil Primärware in der Regel bekannt, normiert, versicherbar und lieferfähig ist.

Auf der IFAT in München wurde diese Wahrheit in vielen Gesprächen sichtbar. Bei Henning Wilts vom Wuppertal Institut, bei Thomas Beutel von Lutz-Jesco, in der BDE-Runde zur Wasserwirtschaft und auch in der Normungsperspektive von Dr. Andreas Bruckschen, der in München auf der Mitgliederversammlung des BDE vom Präsidium zum Hauptgeschäftsführer bestellt wurde. Bruckschen ist kein Theoretiker der Normung. Er spricht aus Sicht eines Verbandes, der die Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft organisiert und seit Jahrzehnten in Normungsprozessen mitarbeitet.

Sein Leitsatz aus einem DIN-Interview ist auf den ersten Blick unspektakulär: „Bei DIN begeistert mich das Engagement aller Beteiligten in der industriellen Wertschöpfungskette.“ Dahinter steht eine politische Botschaft. Kreislaufwirtschaft entsteht nicht durch eine einzelne Branche. Sie entsteht durch Verständigung entlang der Kette: Hersteller, Recycler, Anlagenbetreiber, Prüfer, Händler, Anwender, Behörden, Zertifizierer, Versicherer. Ohne gemeinsame technische Sprache bleibt jeder Stoffstrom ein Einzelfall. Bruckschen bringt es im selben Gespräch auf die Formel, dass Normen die Zusammenarbeit stärken und innovative Lösungen entlang aller Stoffströme in der Circular Economy ermöglichen sollen.

Die Quote ist noch kein Markt

Deutschland hat die Kreislaufwirtschaft lange über Sammelsysteme, Quoten und Entsorgungspflichten gedacht. Das war notwendig. Es hat Abfälle sichtbar gemacht, Stoffströme erfasst, Recyclinginfrastrukturen aufgebaut. Doch der nächste Schritt ist schwieriger. Rezyklate müssen nicht nur gesammelt und aufbereitet werden. Sie müssen in industrielle Produktion zurückfinden.

Bruckschen beschreibt diese Verschiebung am Beispiel Kunststoffe. Schon in den neunziger Jahren habe der „Grüne Punkt“ das Recycling von Kunststoffverpackungen vorangebracht. Heute gehe es darum, Rezyklate flächendeckend in den Markt zu bringen, „entlang von Leitplanken, auf die sich die gesamte Wertschöpfungskette verständigt hat“. Genau diese Verständigung ist der Kern der Normung. Sie legt nicht nur technische Mindestanforderungen fest. Sie macht Vertrauen handelbar.

Eine Recyclingquote kann Nachfrage auf dem Papier schaffen. Sie kann Unternehmen verpflichten, bestimmte Mengen einzusetzen. Sie löst aber nicht automatisch die Frage, ob ein Material verlässlich genug ist, um in sicherheitsrelevanten oder qualitätskritischen Anwendungen genutzt zu werden. Bruckschen nennt im DIN-Interview das Beispiel Automobilbau. Wenn Hersteller sicherheitsrelevante Bauteile wie Stoßstangen aus Kunststoffrezyklat einsetzen, werde das schon aus Haftungsgründen ohne Normung kaum gehen.

Dieser Satz sollte in den Ministerien größer gelesen werden. Er sagt: Der Weg vom Abfall zum Rohstoff führt nicht zuerst über Moral. Er führt über Spezifikation.

Die Lehre der Pandemie

Bruckschen verbindet Normung mit Versorgungssicherheit. Die Corona-Krise habe weltweite Lieferketten unterbrochen und damit die Kreislaufwirtschaft wichtiger gemacht, weil Rohstoffe im eigenen Land gesichert werden müssten. Die Pandemie habe den Bedarf der Industrie an nachhaltigen Lösungen beschleunigt. Gleichzeitig sei die Bedeutung der Normung gestiegen.

Das ist die ökonomische Neubewertung der Kreislaufwirtschaft. Sie ist nicht mehr nur Umweltpolitik. Sie ist Rohstoffpolitik unter unsicheren Bedingungen. Wer sich auf globale Primärrohstoffströme verlässt, hängt an Preisen, Häfen, geopolitischen Konflikten, Exportbeschränkungen und industriellen Kapazitäten anderer Staaten. Sekundärrohstoffe liegen dagegen bereits im Land: in Verpackungen, Fahrzeugen, Gebäuden, Batterien, Maschinen, Elektrogeräten, Textilien und industriellen Restströmen.

Doch diese heimische Rohstoffreserve bleibt wertlos, wenn sie technisch nicht anschlussfähig ist. Ohne Normung kein Markt. Ohne Markt keine Investitionen. Ohne Investitionen keine Kreislaufwirtschaft.

Die verborgenen Kosten des Unklaren

Henning Wilts hat auf der IFAT denselben Zusammenhang aus einer anderen Richtung beschrieben. Bei der DIN-Normungsroadmap Circular Economy seien nach seiner Darstellung zahlreiche Lücken sichtbar geworden. Er sprach von rund 1200 beteiligten Akteuren, einem umfangreichen Bericht und Hunderten Normungsdefiziten. Entscheidend ist für Wilts die Kostenstruktur: Der Preis des Materials ist oft nicht das größte Problem. Teuer wird der Einsatz von Rezyklaten dort, wo Unternehmen erst prüfen, verhandeln, juristisch absichern und intern freigeben müssen, ob ein Material den eigenen Anforderungen genügt.

Das sind Transaktionskosten. In klassischen Märkten bleiben sie oft unsichtbar. In der Kreislaufwirtschaft entscheiden sie über Erfolg oder Misserfolg. Ein Kunststoffrezyklat, dessen Qualität schwankt, dessen Datenlage unklar ist und dessen Einsatz im Schadensfall Haftungsfragen auslöst, ist für viele Einkäufer kein Rohstoff, sondern ein Risiko. Neuware gewinnt dann nicht, weil sie ökologisch besser wäre. Sie gewinnt, weil sie einfacher ist.

Die DIN SPEC 91446, an der Bruckschen mitgearbeitet hat, setzt genau dort an: bei der Klassifizierung von Kunststoffrezyklaten durch Datenqualitätslevels für Verwendung und internetbasierten Handel. Das klingt nach Spezialistenprosa. Tatsächlich ist es eine Voraussetzung dafür, dass Rezyklate digital handelbar werden. Wer Material online kaufen und verkaufen will, braucht Daten, die vergleichbar und belastbar sind. Wer Kreislaufwirtschaft digitalisieren will, muss zuerst die Begriffe, Klassen und Nachweise standardisieren.

Normung als Infrastruktur der Zusammenarbeit

Bruckschen warnt im DIN-Interview vor einer zu akademischen oder zu politischen Normungsarbeit. Wichtig sei der Dialog mit allen Beteiligten der Wertschöpfungskette, damit maximale Praxistauglichkeit erreicht werde. Es gehe nicht darum, partikulare Interessen durchzusetzen, sondern Lösungen zu entwickeln, mit denen Unternehmen in der Praxis arbeiten können.

Das ist ein wichtiger Maßstab. Normung darf nicht zum Ersatzparlament werden, in dem Interessengruppen ihre politischen Niederlagen technisch nachholen. Sie muss die Sprache der Praxis sprechen. Eine Norm, die im Betrieb nicht funktioniert, hilft niemandem. Eine Norm, die den Recycler überfordert, den Hersteller nicht überzeugt oder den Anwender nicht absichert, erzeugt neue Bürokratie.

Gute Normung reduziert Komplexität. Sie zwingt Branchen, sich auf gemeinsame Begriffe, Messmethoden, Datenfelder und Qualitätsstufen zu verständigen. Sie macht aus Misstrauen überprüfbare Verfahren. Genau deshalb ist sie für die Kreislaufwirtschaft so wichtig. Denn eine zirkuläre Ökonomie braucht mehr Abstimmung als eine lineare. In der linearen Welt genügt es oft, Rohstoffe einzukaufen, zu verarbeiten und Abfall auszulagern. In der zirkulären Welt muss jeder Schritt den nächsten ermöglichen: Design, Nutzung, Rücknahme, Sortierung, Aufbereitung, Prüfung, Wiedereinsatz.

Die Normungsroadmap als politischer Arbeitsauftrag

Die Normungsroadmap Circular Economy von DIN, DKE und VDI beschreibt den Status quo der Normung, Anforderungen und Handlungsbedarfe für sieben Schwerpunktthemen. Sie nennt unter anderem Elektrotechnik und IKT, Batterien, Verpackungen, Kunststoffe, Textilien sowie Bauwerke und Kommunen. Hinzu kommen Querschnittsthemen wie Nachhaltigkeitsbewertung, Lebensdauerverlängerung, digitaler Produktpass, End of Waste und Recyclingfähigkeit. Nach Angaben von DIN wurden mehr als 200 Normungsbedarfe identifiziert.

Der politische Wert dieser Roadmap liegt gerade in ihrer Unscheinbarkeit. Sie ist kein Wahlkampftext, kein Förderprogramm, kein Manifest. Sie ist ein Arbeitsplan für die industrielle Übersetzung der Kreislaufwirtschaft. Wer ernsthaft will, dass Sekundärrohstoffe Märkte erreichen, muss solche Roadmaps finanzieren, beschleunigen und institutionell absichern.

Bruckschen sieht in der Roadmap auch einen Beitrag zu gelebter Produktverantwortung. Hersteller und Recycler dächten unterschiedlich, ob bei Batterien, Textilien, Verpackungen oder Elektrogeräten. Deshalb müsse Recyclingfähigkeit von Anfang an in Produkten mitgedacht werden. Die Digitalisierung werde dabei eine wichtige Rolle spielen.

Damit öffnet sich ein zweites Feld. Normung betrifft nicht nur das Material am Ende des Lebenszyklus. Sie muss viel früher ansetzen: beim Produktdesign, bei Materialkombinationen, bei Demontagefähigkeit, bei Datenstrukturen, bei Reparatur, bei Wiederverwendung und bei digitalen Produktpässen. Kreislaufwirtschaft beginnt nicht an der Sortieranlage. Sie beginnt in der Entwicklungsabteilung.

Kleine Unternehmen gehören in die Normung

Ein Problem spricht Bruckschen offen an: Normungsarbeit lohnt sich, kostet aber Zeit und Personal. Gerade kleine Unternehmen, Start-ups und Mittelständler könnten sich schwer tun, weil sie qualifizierte Mitarbeiter mit spezifischem Fachwissen bräuchten. Genau diese Fachleute und kleinen Unternehmen seien aber für erfolgreiche Normungsarbeit notwendig.

Das ist mehr als ein organisatorischer Hinweis. Es ist eine Gerechtigkeitsfrage der technischen Regelsetzung. Wenn nur große Unternehmen Zeit und Ressourcen für Normung haben, prägen sie den Standard. Das kann sinnvoll sein, weil sie industrielle Skalierung kennen. Es kann aber auch dazu führen, dass junge Verfahren, spezialisierte Recycler oder mittelständische Anlagenbauer zu spät gehört werden.

Wenn Deutschland Kreislaufwirtschaft als Industriepolitik versteht, muss es die Teilnahme an Normungsprozessen erleichtern. Fachliche Mitarbeit sollte nicht am Kalender oder am Budget kleiner Unternehmen scheitern. Denkbar wären Fördermittel für Normungsbeteiligung, digitale Arbeitsformate mit klarer Begrenzung, schnellere Verfahren für Spezifikationen, offene Datenräume und eine stärkere Einbindung von Prüfinstituten und Fachhochschulen. Normung ist kein Ehrenamt nebenbei, wenn sie über industrielle Märkte entscheidet.

Wasser zeigt, wie Vertrauen entsteht

Die Wasserwirtschaft liefert ein starkes Beispiel für den Nutzen technischer Regeln. Thomas Beutel von Lutz-Jesco beschreibt den Wassersektor als System mit vergleichsweise wenigen Gesetzen und vielen Normen. Der Staat setzt Schutzziele, Fachgremien konkretisieren die Technik, Behörden überwachen. Normen wie die DIN 19606 für Chlorgasanlagen definieren sicherheitstechnische Anforderungen präzise. Gesundheitsämter, Umweltbundesamt, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Hersteller, Anwender und Sachverständige wirken an Regelwerken mit.

Der Erfolg zeigt sich im Alltag: Menschen trinken Leitungswasser, ohne es zu prüfen. Dieses Vertrauen entsteht nicht durch politische Ansprache. Es entsteht durch technische Regeln, Überwachung und ein System, das Normen regelmäßig überprüft und anpassen kann.

Für die Kreislaufwirtschaft ist das Vorbild lehrreich, aber nicht eins zu eins übertragbar. Wasser ist stark reguliert, kommunal verankert und lebensnotwendig. Sekundärrohstoffmärkte sind heterogener, internationaler, materialtechnisch vielfältiger. Gerade deshalb braucht es dort noch mehr Normungsarbeit, nicht weniger. Kunststoffe, Metalle, Batterien, Textilien, Bauabfälle und Elektronik folgen unterschiedlichen technischen Logiken. Ohne gemeinsame Daten- und Qualitätsstandards zerfällt die Kreislaufwirtschaft in Einzelmärkte.

Die BDE-Perspektive auf Wasser und Stoffströme

Auch die BDE-Runde auf der IFAT zur Wasserwirtschaft passt in diese Logik. Sascha Roth, Bereichsleiter Biomasse, Elektronik, Textilien und Wasser beim BDE, und Thomas Beutel diskutierten Wasser als Teil der Kreislaufwirtschaft. Wasser wird nicht verbraucht, es wird gebraucht, aufbereitet und wiedergeführt. Es transportiert Spurenstoffe, Mikroverunreinigungen, Nährstoffe und Energie. Es ist Daseinsvorsorge, aber auch Stoffstrom und Produktionsvoraussetzung.

Wenn Roth Produzentenverantwortung, Public-Private-Partnerships, Wasserwiederverwendung und Phosphorrückgewinnung adressiert, geht es ebenfalls um Kooperation entlang von Ketten. Wer Stoffe in Verkehr bringt, muss ihre Folgen im Wasserkreislauf mitdenken. Wer Klärschlamm als Rohstoffquelle nutzen will, braucht Verfahren, Qualitätsnachweise und Märkte. Wer Wasser wiederverwenden will, braucht hygienische und technische Standards.

Auch hier gilt: Ohne Normung bleiben politische Forderungen schwer vollziehbar. Die vierte Reinigungsstufe, Spurenstoffentfernung, Phosphorrückgewinnung, Wasserwiederverwendung, digitale Überwachung und Energieeffizienz brauchen Regeln, die technische Qualität sichern und Investitionen planbar machen.

Europa braucht einen Binnenmarkt für Sekundärrohstoffe

Bruckschens Hinweis auf Lieferketten und Wilts’ Argument der Rohstoffsicherheit führen zur europäischen Ebene. Der Binnenmarkt funktioniert für Neuware viel besser als für recycelte Materialien. Sekundärrohstoffe stoßen auf unterschiedliche Abfallende-Regeln, unterschiedliche Behördenpraxis, unterschiedliche Zertifikate und fehlende Harmonisierung. Das ist ein Standortnachteil.

Europa diskutiert Rohstoffpartnerschaften, neue Minen, kritische Rohstoffe und strategische Reserven. All das kann notwendig sein. Doch die Rohstoffreserve im eigenen Wirtschaftsraum bleibt untergenutzt, solange Sekundärmaterialien nicht grenzüberschreitend handelbar sind. Ein europäischer Binnenmarkt für Rezyklate braucht gemeinsame Qualitätsklassen, digitale Nachweise, Abfallende-Kriterien, Prüfverfahren und Mindestdaten.

DIN, DKE und VDI haben mit der Normungsroadmap den technischen Suchraum geöffnet. Der BDE bringt die Branchenperspektive ein. Die Politik muss daraus einen Handlungsrahmen machen. Der geplante europäische Circular Economy Act sollte daran gemessen werden, ob er die Marktfähigkeit von Sekundärrohstoffen verbessert. Nicht durch immer neue Zielzahlen, sondern durch Regeln, die Handel und Einsatz erleichtern.

Normung ist keine Bremse, wenn sie beweglich bleibt

Natürlich kann Normung Innovation auch bremsen. Ein Standard, der zu früh festgelegt wird, kann Alternativen verdrängen. Ein Verfahren, das zu langsam aktualisiert wird, kann hinter der Technik zurückbleiben. Diese Gefahr ist real. Sie darf aber nicht zur falschen Schlussfolgerung führen, Normung zu schwächen.

Die bessere Antwort liegt in dynamischer Normung. Technische Regeln müssen stabil genug sein, um Vertrauen zu schaffen, und beweglich genug, um Fortschritt aufzunehmen. DIN SPECs, Vornormen, digitale Konsultationen, Reallabore, schnellere Updatezyklen und standardisierte Datenmodelle können dabei helfen. Wer Standards übererfüllt, sollte in öffentlicher Beschaffung, Zertifizierung und Zulassung Vorteile erhalten. Normung muss Mindestqualität sichern, darf aber nicht zur Obergrenze werden.

Bruckschens Gedanke der Praxistauglichkeit ist hier entscheidend. Normen müssen Unternehmen helfen, nicht sie lähmen. Sie müssen Zusammenarbeit erleichtern, nicht zusätzlichen Aufwand erzeugen. Sie müssen Stoffströme anschlussfähig machen, nicht Verfahren konservieren.

Die neue Aufgabe des BDE

Mit der Bestellung Bruckschens zum Hauptgeschäftsführer rückt beim BDE eine Normungsperspektive stärker ins Zentrum, die für die Branche strategisch ist. Der Verband vertritt nach eigenen Angaben rund 750 Unternehmen und verfügt über ein Büro in Brüssel. Er sitzt damit an einer Schnittstelle, die für die Kreislaufwirtschaft entscheidend wird: zwischen nationaler Umsetzung, europäischer Gesetzgebung, industrieller Praxis und technischer Standardisierung.

Der BDE kann hier mehr sein als Interessenvertretung. Er kann Übersetzer zwischen Stoffstromrealität und Normungsprozess werden. Er kann dafür sorgen, dass Recycler, Sortierer, Anlagenbauer, Wasserunternehmen, Logistiker und Aufbereiter ihre technischen Erfahrungen in Standards einbringen. Er kann die Politik daran erinnern, dass Kreislaufwirtschaft nicht durch Zielbilder entsteht, sondern durch Spezifikationen, Märkte und Investitionen.

Vom Abfallrecht zur Rohstoffordnung

Die eigentliche Verschiebung liegt darin, dass Kreislaufwirtschaft aus dem Abfallrecht herauswächst. Sie bleibt ohne Entsorgung nicht denkbar. Doch ihr wirtschaftlicher Wert entsteht erst, wenn Sekundärmaterialien wieder Rohstoffstatus erreichen. Dazu braucht es Steuerrecht, Privatrecht, Abfallende-Regeln, digitale Produktpässe, Produzentenverantwortung und Normung.

Normung ist dabei der verbindende Mechanismus. Sie übersetzt politische Ziele in technische Handhabbarkeit. Sie bringt die Wertschöpfungskette an einen Tisch. Sie senkt Transaktionskosten. Sie schafft Vertrauen. Sie macht aus einem Stoffstrom einen Markt.

Bruckschens Satz über das Engagement aller Beteiligten in der industriellen Wertschöpfungskette beschreibt deshalb nicht nur eine persönliche Erfahrung bei DIN. Er beschreibt die Bedingung der Kreislaufwirtschaft. Ohne diese Zusammenarbeit bleibt Recycling ein Entsorgungsprozess. Mit ihr kann aus Sekundärmaterial industrielle Wertschöpfung werden.

Deutschland sucht Rohstoffsicherheit oft in der Ferne. Ein Teil davon liegt längst im eigenen Land. Der Weg dorthin führt über Normen.

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