Drehscheibe Deutschland, Angriffspunkt Europa: Was Bonn über Resilienz und Siegfähigkeit zeigt

von Gunnar Sohn
12. Mai 2026

Im ehemaligen Plenarsaal des Bundestages in Bonn wurde zur Eröffnung der AFCEA-Fachausstellung ein Ton angeschlagen, den man in Deutschland lange gemieden hat. Es ging nicht um abstrakte „Zeitenwenden“, nicht um wohlfeile Appelle an Technik und Beschaffung, sondern um die Frage, woran Verteidigungsfähigkeit im Ernstfall tatsächlich gemessen wird – und warum diese Frage nicht mehr allein militärisch beantwortet werden kann.

Fleischmanns Einstieg: Gesamtstaatlich heißt, die Schnittstellen zählen

Generalmajor Armin Fleischmann setzt den Rahmen früh und bewusst: Das Motto „Vernetzt denken und sicher handeln“ treffe den Kern der Zeit, weil Verteidigung „längst“ keine ausschließlich militärische Aufgabe mehr sei, sondern eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung – von kritischer Infrastruktur über Katastrophenschutz bis hin zu Industrie und Wissenschaft. Entscheidend ist, dass er diesen Satz nicht im Grundsätzlichen stehen lässt, sondern ihn in eine Art Praxisprüfung übersetzt. Fleischmann formuliert die Fragen, die in der Krise über Tempo oder Stillstand entscheiden: Wo entsteht heute ein gemeinsames Lagebild – und wo existieren mehrere nebeneinander? Wo reißen Entscheidungsketten an Länder- und Organisationsgrenzen? Was muss vor der Krise geklärt sein, damit in der Krise nicht improvisiert werden muss?

Das ist der Kern des „gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystems“: nicht ein neues Schaubild, sondern ein System, das an den Übergängen funktioniert. Fleischmann koppelt diese Fragen an eine konkrete Rückmelde-Schleife. Es gebe eine kurze Online-Umfrage für die Community, sagt er, der Zugang sei über die AFCEA-Website zu finden; es dauere nur wenige Minuten, liefere aber ein belastbares Bild aus der Praxis. Und: Die gebündelten Ergebnisse sollen im Oktober beim Bonner IT-Dialog vorgestellt werden.

Vollmers Befund: Wir leben im andauernden Konflikt – unterhalb der Kriegsschwelle

General a. D. Jörg Vollmer macht danach klar, warum diese „Systemfrage“ nicht theoretisch ist. Er zeichnet die strategische Lage als „dysfunktional“ und multipolar und beschreibt das, was viele Staaten inzwischen erleben, als andauernden Konflikt. Hybride Kriegführung, sagt er sinngemäß, nutzt „alle Möglichkeiten“, den Gegner noch unterhalb der Kriegsschwelle aus der Balance zu bringen. Russland tue das seit 2014 verstärkt. Ziel sei es, Einigkeit zu zerstören – in NATO und EU – und damit die Fähigkeit zur gemeinsamen Reaktion zu brechen.

Vollmer benennt Beispiele, die nicht mehr nach Zukunft klingen, sondern nach Gegenwart: Drohnen über europäischen Luftwaffenstützpunkten, die Überflutung von Webseiten und Servern, die Zunahme von Hackerangriffen, die Verbreitung von Narrativen und Desinformation. Er verweist auf großflächige GPS-Störungen und Spoofing im Ostseeraum – bis hin zu praktischen Problemen in der Luftfahrt. Und er nennt das Stören und Zerstören von Unterseekabeln als eine Form von „Seewerkskrieg“ gegen kritische Verbindungen. Das alles, so sein Punkt, passiert nicht „vor“ einem Konflikt – es ist bereits Teil der Führung geworden.

Damit verschiebt sich die operative Logik: Wenn der Raum hinter der Front nicht sicher ist, kommen Transporte, Versorgung und Verlegung nicht an. Das ist keine militärische Spezialfrage, sondern eine Abhängigkeit der gesamten Volkswirtschaft von funktionierenden Netzen.

Die Lehre aus der Ukraine: Nicht „durchhalten“, sondern schnell beenden

Vollmer spricht über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, aber er nutzt ihn nicht als Folie für moralische Erbauung, sondern für eine strategische Lehre. Er sagt ausdrücklich, die Ukraine sei nicht die Blaupause für das, was Deutschland und Europa anstreben dürften. Der Satz, der hängen bleibt, lautet sinngemäß: Wir werden nicht „fünf Jahre durchhalten“. Entscheidend sei, den Krieg, wenn er komme, „schnell und erfolgreich zu beenden“. Das sei die Erkenntnis.

Das ist die Brücke zu seinem zentralen Begriff: Verteidigungsfähigkeit bedeute, „abschreckungs- und siegfähig“ zu sein. Vollmer wendet sich gegen die Vorstellung, Drohnenabwehr sei „erfolgreich“, wenn sie den Angriff nur abfedert. Sie sei ein Teil, aber nicht das Ziel. Ziel sei eine rasche Entscheidung – und zwar in einem Krieg, der in allen Dimensionen geführt werde. Und er macht den entscheidenden Anschluss an Fleischmanns Rahmen: Das sei am Ende „auch eine gesamtstaatliche Aufgabe“ und nur gesamtstaatlich zu lösen.

Deutschland als „Drehscheibe“: Logistik ist Verteidigung – und Verwundbarkeit

Vollmer beschreibt Deutschlands Rolle im Bündnis mit einem Begriff, der in Militärkreisen längst geläufig ist, politisch aber oft wie eine Randnotiz behandelt wird: Deutschland ist die „berühmte Drehscheibe“. Versorgung, Verlegung, Durchmarsch – egal ob nach Norden, Nordosten oder Südosten – laufen durch das Land.

Er macht daraus eine Sequenz, die man eher aus Operationsplänen als aus öffentlichen Reden kennt. Monate vor einer Eskalation beginnen politische Entscheidungen, dann laufen Transportbewegungen an – zunächst West–Ost. Kommen amerikanische Kräfte hinzu, braucht es erst Entscheidungen in Washington, dann Verlegung über den Atlantik, Entladung und Durchtransport. Bricht der Krieg aus, drehen sich die Bewegungen: Verwundete, Flüchtlinge, Rücktransporte, Wiederauffüllung. Am Ende laufen die Ströme in beide Richtungen gleichzeitig.

Und dann kommt der Teil, der den Nachrichtenwert für den zivilen Raum hat: Die „Drehscheibe“ hängt an Infrastruktur. Vollmer spricht über Straßen und Brücken – und daran, dass man seit Jahren weiß, wie viele Brücken saniert werden müssten. Er beschreibt, was es operativ heißt, wenn Tonnagegrenzen, Umleitungen und fehlende Redundanz auf schwere Militärtransporte treffen. Er zieht die Linie weiter zu Stromnetzen, zu den Erfahrungen lokaler Ausfälle, zur Frage der Sanitätsversorgung und zu Engpässen, die schon in kleinen Maßstäben sichtbar wurden. Seine Botschaft: Wenn die Hinterlandinfrastruktur nicht trägt, trägt auch die Bündnisverteidigung nicht.

„Informationsüberlegenheit“ ist keine IT-Vokabel, sondern Führungsfähigkeit

Bemerkenswert ist, wie Vollmer das klassische militärische Dreieck formuliert: Informationsüberlegenheit, daraus Führungsüberlegenheit, daraus Wirkungsüberlegenheit. Er sagt zugleich, dieses Prinzip sei nicht nur militärisch relevant. Es lasse sich auf andere Bereiche übertragen, weil ohne Informationsüberlegenheit die Zuordnung von Maßnahmen, die Attribution und damit die belastbare Entscheidung nicht möglich seien. Erst wenn das gelingt, kann Wirkung entstehen – im Militär kinetisch, im Zivilbereich durch Schutz, Koordination, Wiederherstellung.

Damit wird klar, warum Fleischmanns insistierende Fragen nach Lagebild und Entscheidungsketten so zentral sind: Ohne geteilte Wahrheit, ohne verbindliche Kopplung, ohne Tempo bleibt „Vernetzung“ Dekoration.

Bonn als Ort: Sicherheit ist Bundespolitik – aber sie beginnt in der Fläche

In dieses Bild passt das Grußwort des Bonner Oberbürgermeisters. Er benennt Bonn als Standort sicherheitsrelevanter Bundesbehörden wie des BSI, der Bundesbeauftragten für den Datenschutz und der Informationsfreiheit sowie des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Er verortet zudem die Bundeswehr als großen Arbeitgeber und als historisch wie organisatorisch verankerten Teil der Stadt. Damit wird Bonn in dieser Eröffnung nicht Staffage, sondern ein Hinweis auf die föderale Realität: Krisen werden nicht in Organigrammen gelöst, sondern in Zuständigkeitsräumen – und am Ende in Kommunen, Leitstellen, regionalen Netzen.

2029: Eine Zahl ist nur nützlich, wenn man sich an ihr ausrichtet

In der Diskussion kommt die Jahreszahl 2029 auf. Vollmer erklärt, wie diese Zahl zustande kommt: abgeleitet aus russischer Rüstungsproduktion, dem Anteil, der nicht mehr an die Front geht, sondern in den Aufbau neuer Verbände fließt, und aus Rekrutierungszahlen. Er sagt zugleich etwas, das politisch entscheidend ist: Es sei gut, eine Zahl in den Raum zu setzen – dann müsse man sich aber daran orientieren und „alles tun“, damit der Eintritt dieser Lage verhindert werde.

Hier berührt die Debatte unmittelbar die Frage nach Handlungsfähigkeit. Vollmer kritisiert, dass Strategien oft in längere Horizonte ausweichen, obwohl eine frühe Warnmarke gesetzt ist. Der Subtext lautet: Wer Zeit als Variable unterschätzt, verliert schon vor dem ersten Schuss.

Der Anschluss: Warum der Praxischeck zum Sicherheitsökosystem 2030 notwendig ist

Genau an dieser Stelle wird Fleischmanns angekündigter Praxischeck plausibel. In der Vorstudie zum GSÖ-2030-Rahmen wird Zeit als „entscheidende Systemvariable“ beschrieben: Krisen treten nicht sequenziell auf, sondern gleichzeitig; die OODA-Schleife schrumpfe von Stunden auf Minuten; ohne gemeinsame Lagebilder, standardisierte Schnittstellen und klare Eskalationslogiken improvisierten BOS „heroisch“, weil die Kopplungen fehlten.

Die Vorstudie formuliert dafür ein digitales Rückgrat mit analogem Fallback – ausdrücklich nicht als Technikfetisch, sondern als Ermöglichungsschicht für Lage, Entscheidung, Koordination, Schutz und Wiederherstellung. Sirenen, Kurbelradio, Papierkarten, Notbetriebsverfahren werden dabei nicht nostalgisch verstanden, sondern als Resilienzanforderung gegen Netzausfall.

Das passt zu dem, was Bonn an diesem Vormittag in zugespitzter Form zeigt: Vollmer liefert den militärischen Maßstab („abschreckungs- und siegfähig“), die Logistikrealität der „Drehscheibe Deutschland“ und die Konsequenz, dass äußere und innere Sicherheit nicht mehr zu trennen sind. Fleischmann liefert die organisatorische Übersetzung: ein Sicherheitsökosystem, das die Schnittstellen prüft, die Melde- und Entscheidungsketten belastbar macht und die Ergebnisse transparent zurückspielt – im Oktober auf dem Bonner IT-Dialog.

Das ist der Punkt, an dem „Siegfähigkeit“ aufhört, ein militärisches Schlagwort zu sein. Sie wird zur Systemfrage: Kann Deutschland als Transit- und Logistikraum funktionieren, wenn gleichzeitig Netze angegriffen, Infrastrukturen gestört und Narrative gedreht werden? Bonn hat darauf keine fertige Antwort geliefert – aber etwas, das in Deutschland selten ist: eine klare Diagnose und einen Mechanismus, sie in handlungsfähige Architektur zu übersetzen.

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