Im Bonner Plenarsaal reichte ein Satz, um die Blickrichtung des Abends zu verschieben: „Wir befinden uns tatsächlich in einem Gefechtsfeld.“ Gemeint war nicht das Meer, nicht die Ostflanke, nicht einmal der Cyberraum – gemeint war der Orbit. Generalmajor Michael Traut, Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr, sprach in der „Digital Defence Debate“ über Multi-Domain Operations, über Lagebilder, über Wirkungsketten. Doch zuerst sprach er über den Raum, in dem diese Ketten beginnen.
Moderiert wurde die Runde von Valerie Lünsmann und Yuliya Maltseva aus dem Netzwerk der AFCEA Emerging Leaders. Auf dem Podium saßen neben Traut Brigadegeneral Frank Endler (Programme Director ACE, NATO), Dr. Stefanie Schrader (Chief Innovation Manager, Hensoldt) und Fregattenkapitän Dirk Oliver Jankowski aus dem Referat Operationalisierung MDO im BMVg (SKI 2). Der Titel „Vom Lagebild zur Wirkungskette“ klang nach Managementformel. Der Inhalt war ein Lagebericht über Verwundbarkeit.
Die Angriffsformen im Orbit sind längst erprobt
Traut rückte den Weltraum aus der Komfortzone der reinen Unterstützungslogik. Jahrzehntelang habe man Satelliten als „Augen, Ohren und Kommunikation“ genutzt. Inzwischen laufe „jeden Tag“ Bedrohung im Weltraum, „jeden Tag“ liefen Weltraumoperationen gegen eigene Systeme. Daraus folge eine doppelte militärische Aufgabe: eigene Weltraumsysteme schützen und verteidigen – und einem Gegner die Nutzung verwehren, wenn diese Nutzung gegen das Bündnis gerichtet ist.
Wer bei Weltraumabwehr an Science-Fiction denkt, bekam in wenigen Sätzen ein realistisches Arsenal präsentiert: Ausspähen, Verfolgen, Annähern, Ankoppeln, Abschleppen, Manipulieren. Dazu die Fähigkeit, Satelliten vom Boden aus zu zerstören – und die langfristige Wirkung des dabei entstehenden Trümmerfelds, das nicht „gleich runterfällt“, sondern Jahre und Jahrzehnte bleibt. Traut verwies auf die internationale Praxis: Die USA sprechen von „Space is a warfighting domain“. In Bonn war das keine Übernahme eines amerikanischen Schlagworts, es war die Konsequenz aus konkreten Angriffstechniken.
Damit änderte sich die Logik des gesamten Panels. Wenn der Orbit Teil der Gefechtsführung ist, dann beginnt Multi-Domain nicht beim Funkgerät im Gefechtsstand, sondern beim Zugriff auf Sensorik, Kommunikation und Navigation – und bei der Frage, ob diese Grundlagen im Konfliktfall verfügbar bleiben.
KI und Cloud: Die Verteidigung der Datenverfügbarkeit
Brigadegeneral Frank Endler zog die Verbindung vom Weltraum in die nächste Ebene der Debatte: Daten. Er nannte „KI und Cloud“ neue Grundpfeiler der Verteidigungsfähigkeit im Bündnis und machte klar, dass sich das Thema nicht auf Technik reduzieren lässt; es umfasst Verfahren und Kultur. Entscheidend sei, dass die Verfügbarkeit von Daten im Bündnis inzwischen als „absolut elementare Angelegenheit“ adressiert werde – bis hin zu klaren Vorgaben für die nächsten Jahre.
Als Referenz diente der Blick in aktuelle Kriege: Datenfusion als Voraussetzung, um aus Informationsüberfluss eine militärisch verwertbare Lage zu erzeugen. In diesem Kontext erwähnte Endler ein multinationales NATO-Programm, das bis 2029 Cloud-Fähigkeiten bereitstellen soll – eine Zeitschiene, die in militärischen IT-Projekten als knapp kalkuliert gilt.
Die politische Botschaft dahinter ist hart: Wer Daten nicht teilen kann, führt nicht. Wer Daten nicht schützen kann, verliert Souveränität, bevor der Gegner überhaupt sichtbar wird. Und wer Daten nicht in Tempo in Wirkung überführt, bleibt beim Lagebild stehen.
„MDO beginnt am Sensor“ – und endet nicht beim Produkt
Dr. Stefanie Schrader brachte die industrielle Perspektive hinein: Multi-Domain beginnt nicht „erst im Führungsstand“, es beginnt „am Sensor“. Diese Verschiebung ist technisch und organisatorisch zugleich: mehr Sensorik, mehr Kontext in den Daten, bessere Verzahnung von Sensoren, Plattformen und operativen Anforderungen. Die Debatte über offene Schnittstellen und modulare Systeme ist dabei kein Nebenthema, sie entscheidet über Integrationsfähigkeit im Bündnis.
Schraders Argument läuft auf eine Zumutung hinaus: Wer Innovation als Produkt versteht, kommt zu spät. Wer Innovation als Anschlussfähigkeit in Systemen versteht, schafft die Voraussetzung, damit MDO nicht an proprietären Grenzen zerbricht.
Tempo schlägt Vollständigkeit
Fregattenkapitän Dirk Oliver Jankowski zog die Linie vom Lagebild zur Entscheidung. Sein Schwerpunkt war nicht Technikromantik, sondern Führungsrealismus: In dynamischen Lagen wird es das vollständige Lagebild oft nicht geben. Dann entscheidet, ob militärische Führung bereit ist, mit „80-Prozent-Lösungen“ zu arbeiten, wenn sie verfügbar und nutzbar sind. MDO erscheint damit als Führungsaufgabe unter Unsicherheit – schneller entscheiden, schneller wirken, ohne sich in Perfektionsansprüchen zu verfangen.
Das ist die eigentliche Agenda-Setting-Leistung solcher Panels: Sie verschieben Multi-Domain weg von der Folienästhetik und hin zur Frage, welche Entscheidungsregeln und welches Beschaffungs- und Integrationsverhalten in einem Bündnis nötig sind, das sich auf zeitkritische Konflikte einstellen muss.
Die Brücke nach Bonn: Sicherheitsarchitektur ohne Verbindungen
Wer die Paneldiskussion ernst nimmt, landet zwangsläufig bei dieser Systemfrage. Der Orbit ist Gefechtsfeld. Daten sind operative Voraussetzung. Sensorik, Cloud, KI und Führung bilden eine Wirkungskette. In Deutschland scheitern Wirkungsketten erfahrungsgemäß dort, wo Zuständigkeiten enden. Genau diese Bruchstellen will die Untersuchung sichtbar machen – und sie bleibt auf Beteiligung angewiesen. Die Online-Umfrage ist über die AFCEA-Website zu finden.
