Jonas Rashedi spricht in seinem Podcast mit Bernhard Steimel vom Smarter Service Institut über künstliche Intelligenz im deutschen Mittelstand: über 50 Gespräche, 60 Stunden Interviewmaterial, ein seit Jahren verwendetes Reifegradmodell und über die Frage, weshalb manche Unternehmen aus der neuen Technik bereits Ertrag ziehen, während andere noch an Vorführstücken und Genehmigungsrunden hängen. Der Befund ist knapp: Bei der künstlichen Intelligenz steht ein großer Teil der Wirtschaft dort, wo er vor Jahren bei der Digitalisierung stand – am Anfang einer Entwicklung, die diesmal weniger Geduld mit Nachzüglern haben wird.
Das ist der Kern. Nicht die Apparatur ist das Ereignis, auch nicht die neue Sprache, die sich wie ein Staubfilm über Sitzungen, Studien und Kongresse legt. Das Ereignis besteht darin, dass die alte deutsche Firma noch einmal vor eine Frage gestellt wird, der sie seit Jahren ausweicht: Kann sie sich verwandeln, bevor der Markt sie verwandelt?
Der Mittelstand besitzt Erfahrung, aber Erfahrung schützt nicht vor Blindheit
Die deutsche Wirtschaft hat lange von einer eigentümlichen Tugend gelebt. Sie konnte verbessern, verfeinern, verdichten. Sie konnte aus dem Vorhandenen mehr machen, als andere darin sahen. Der Mittelstand war nie nur eine Größenklasse; er war eine Lebensform der Ökonomie. Eigentum und Verantwortung, Werkstatt und Weltmarkt, Provinz und Präzision gingen in ihm eine Verbindung ein, die viele Länder bewunderten und nur wenige nachahmen konnten.
Doch jede Tugend hat ihren Schatten. Aus Genauigkeit kann Langsamkeit werden, aus Verantwortung Zögern, aus Bindung Verhaftung. Die künstliche Intelligenz trifft diese Schattenseite mit großer Härte. Sie automatisiert nicht nur den Handgriff. Sie tastet das Urteil an, die Vorarbeit des Entschlusses, die Zusammenfassung, die Prüfung, die Ordnung des Materials. Was früher Fleiß hieß, erscheint plötzlich als Rechenaufgabe. Was früher Erfahrung hieß, muss beweisen, dass es mehr ist als Erinnerung.
Die erste Stufe macht Arbeit leichter, aber noch kein Unternehmen besser
Steimels Dreiteilung beschreibt keine technische Leiter, auf der man bequem eine Stufe nach der anderen nimmt. Sie beschreibt eine künftige Ordnung der Unternehmen. Auf der ersten Stufe wird künstliche Intelligenz einem bestehenden Verfahren beigegeben. Der Verkäufer lässt ein Gespräch zusammenfassen. Der Kundendienst erhält Formulierungshilfe. Das Marketing gewinnt Tempo. Der Sachbearbeiter bekommt einen Gehilfen, der nie schläft und nie über Routine klagt.
Das ist hilfreich, bisweilen gewinnbringend. Aber es bleibt die Renovierung eines Hauses, dessen Grundriss aus einer anderen Zeit stammt. Die Räume werden heller, die Wege bleiben alt. Viele Firmen werden diesen Zustand für Fortschritt halten. Sie werden kürzere Protokolle, glattere Schreiben und schnellere Antworten vorweisen. Doch eine beschleunigte Gewohnheit ist noch keine neue Wertschöpfung.
Die zweite Stufe richtet über die alte Firma
Auf der zweiten Stufe wird nicht mehr ein altes Verfahren beschleunigt. Das Verfahren selbst gerät vor Gericht. Weshalb wandert ein Angebot durch mehrere Hände? Weshalb wird Wissen erst erzeugt, dann abgelegt, dann gesucht, dann neu erzeugt? Weshalb liegen Daten in Systemen, die einander so fremd sind wie Nachbarhäuser ohne Türen? Weshalb gilt in vielen Firmen noch immer die Anwesenheit eines Menschen als Beweis für Sorgfalt, auch dort, wo sie nur die Langsamkeit beglaubigt?
An dieser Stelle wird künstliche Intelligenz gefährlich für Gewohnheiten. Sie fragt nicht nach Organigrammen. Sie fragt nach Ergebnissen. Sie interessiert sich nicht für den überlieferten Weg einer Akte, den Stolz einer Abteilung, die Eitelkeit eines Verfahrens. Sie legt frei, was Unternehmen oft lieber verdecken: dass ihre größte Verschwendung nicht in der Fabrikhalle entsteht, vielmehr in der schlecht geordneten Wissensarbeit.
Die dritte Stufe stellt ganze Geschäftsmodelle unter Anklage
Die dritte Stufe ist die Zumutung. Dort entstehen Geschäftsmodelle, die mit sehr wenig menschlicher Arbeit wachsen. Das klingt wie eine Provokation aus dem kalten Labor der Gegenwart. In Wahrheit ist es die alte kapitalistische Frage in neuer Gestalt: Welche Arbeit bleibt, sobald Wiederholung billig wird?
Eine Agentur, die früher Wochen für eine einfache Internetseite berechnete, sieht sich plötzlich einem Einzelnen gegenüber, der mit Sprachmodell und Baukasten binnen Tagen liefert. Ein Kundendienst, der Rückstände verwaltet, konkurriert mit einer Maschine, die Vorgänge erkennt, sortiert und erledigt. Ein Maschinenbauer, der Daten als Nebenprodukt behandelt, trifft auf einen Wettbewerber, der aus ihnen Wartung, Vorhersage, Ersatzteilgeschäft und Kundenbindung gewinnt.
Die neue Trennlinie verläuft zwischen Wandel und Verwaltung
Darum ist dieses Gespräch wirtschaftspolitisch interessanter, als sein lockerer Ton zunächst vermuten lässt. Es verhandelt nicht die Zukunft der Bürosoftware. Es verhandelt die neue Trennlinie der deutschen Industrie. Sie wird nicht einfach zwischen großen und kleinen Firmen verlaufen, auch nicht zwischen Stadt und Land, alter und neuer Ökonomie. Sie wird zwischen Unternehmen verlaufen, die ihre eigene Form verändern können, und solchen, die nur neue Werkzeuge in alte Formen pressen.
Die Gefahr der ersten Stufe liegt in ihrem Erfolg. Gerade weil künstliche Intelligenz im Alltag schnell hilft, verführt sie zur Verwechslung von Erleichterung und Erneuerung. Eine Zusammenfassung ist noch kein besserer Vertrieb. Ein Textentwurf ist noch kein neues Geschäftsmodell. Ein Hilfsprogramm im Kundendienst ist noch kein anderes Verständnis von Service. Viele Unternehmen werden an kleinen Verbesserungen berauscht sein und darüber die große Umbauarbeit versäumen. Sie werden sich modern vorkommen, weil die Oberfläche glänzt, während darunter die alten Leitungen rosten.
Deutschland hat die Digitalisierung oft als Oberflächenarbeit missverstanden
Deutschland kennt diese Geschichte. Die Digitalisierung wurde zu oft als Frage der Oberfläche verstanden. Man baute Portale, führte neue Systeme ein, erfand Zuständigkeiten und feierte Pilotversuche. Doch der tiefere Umbau blieb häufig aus. Daten wurden gesammelt, aber nicht beherrscht. Prozesse wurden beschrieben, aber nicht neu gedacht. Verantwortung wurde verteilt, bis sie unauffindbar war. Nun kehrt diese Geschichte wieder, nur mit höherer Geschwindigkeit und geringerer Nachsicht.
Der Staat sollte daraus lernen. Er darf künstliche Intelligenz nicht behandeln wie ein fremdes Tier, das man erst nach langen Gutachten aus dem Käfig lässt. Regeln sind nötig; ohne Vertrauen wird die Technik nicht tragen. Aber eine Ordnung, die jede Erprobung in Furcht vor dem Fehler erstickt, schützt nicht die Gesellschaft, sie schützt den Rückstand. Der Staat, der der Wirtschaft Tempo abverlangt, muss selbst beweisen, dass große Organisationen lernen können. Register, Genehmigungen, Beschaffung, Schulen, Kliniken, Gerichte – überall zeigt sich, ob die öffentliche Hand die neue Zeit nur kommentiert oder an sich selbst erprobt.
Häufig ist nicht die Technik unreif, vielmehr der Betrieb
Auch den Unternehmen wird die beliebte Ausrede genommen, die Technik sei noch nicht reif. Häufig ist nicht die Technik unreif, vielmehr der Betrieb. Seine Daten sind unvollständig, seine Abläufe undurchsichtig, seine Verantwortungsketten zu lang, seine Führung zu abwartend. Man möchte Ertrag, ohne die Voraussetzungen zu schaffen. Man möchte die Maschine rechnen lassen, ohne ihr lesbares Material zu geben. Das ist, als verlange man von einem Orchester Musik, nachdem man die Noten in verschiedene Archive gesperrt hat.
Der Mensch verschwindet dabei nicht. Aber er verliert das Recht, seine bloße Anwesenheit als Wert auszugeben. Was bleibt, ist Urteil. Der Mensch muss prüfen, widersprechen, entscheiden, gewichten, haften. Er muss wissen, wann die Maschine nur gefällig klingt, wann sie Wirklichkeit ordnet und wann sie Wahrscheinlichkeit mit Wahrheit verwechselt. Die neue Arbeitswelt wird nicht menschenleer sein. Sie wird nur unbarmherziger unterscheiden zwischen Arbeit, die Denken verlangt, und Arbeit, die jahrzehntelang nur deshalb als Denken erschien, weil kein Apparat sie billiger erledigen konnte.
Der Rohstoff des Mittelstands liegt in Werkhallen, Akten und Köpfen
Für den Mittelstand ist das eine Kränkung und eine Chance. Die Kränkung liegt darin, dass Herkunft nicht schützt. Auch ein berühmter Name, eine gute Beziehung zum Kunden, eine lange Werksgeschichte und eine tüchtige Belegschaft ersetzen keine Wandlungsfähigkeit. Die Chance liegt darin, dass viele mittelständische Firmen über etwas verfügen, das große Technologiekonzerne nicht kaufen können: tiefes Wissen über reale Probleme. Sie kennen Material, Maschine, Kunde, Verschleiß, Ausnahme, Störung. In diesem Wissen liegt der eigentliche Rohstoff. Aber er muss aus Köpfen, Ordnern, E-Mails und getrennten Systemen herausgelöst und in eine Form gebracht werden, in der er wirken kann.
Die kommenden Jahre werden deshalb keine freundliche Fortschrittsgeschichte. Sie werden eine Scheidung bringen. Auf der einen Seite stehen Unternehmen, die künstliche Intelligenz als Anlass nehmen, ihre Wertschöpfung neu zu ordnen. Auf der anderen Seite stehen jene, die das Neue in die Vitrinen des Alten stellen. Die einen werden Arbeit anders verteilen, Entscheidungen beschleunigen, Wissen verfügbar machen und Erträge messen. Die anderen werden Leitlinien schreiben, Plattformen einkaufen, Schulungen veranstalten und sich wundern, weshalb die Wirkung ausbleibt.
Wohlstand entsteht künftig aus der Beherrschung des Wissens
Die Frage, die Rashedi und Steimel verhandeln, ist größer als die Mode der Stunde. Sie lautet, ob Deutschland noch jene praktische Energie besitzt, die eine Technik nicht bewundert, nicht fürchtet, nicht zerredet, vielmehr in Wert verwandelt. Der Mittelstand hat einst gezeigt, dass Wohlstand aus Beherrschung entsteht: aus der Beherrschung des Werkstoffs, der Maschine, des Verfahrens, der Qualität. Nun kommt eine weitere Beherrschung hinzu: die des Wissens, das in Daten, Sprache, Bildern, Akten, Vorgängen und Entscheidungen liegt.
Wer diese Beherrschung gewinnt, wird wachsen. Wer sie verfehlt, wird nicht sofort verschwinden. Er wird zunächst nur teurer, langsamer, blinder. Dann wird er abhängig. Und irgendwann wird er erklären, die Zeiten hätten sich gegen ihn gewandt. In Wahrheit haben sich die Zeiten selten gegen jemanden gewandt, ohne vorher anzuklopfen. Künstliche Intelligenz klopft nicht leise.
