In der Reflex-Publikation „Schutz und Sicherheit für Deutschland und Europa“ steht ein kurzer Beitrag von AFCEA Bonn, der mehr Gewicht hat als viele große Strategiereden. Generalmajor Armin Fleischmann, Vorsitzender von AFCEA Bonn, fasst darin die neue Sicherheitsfrage in einen Satz: „Sicherheit entsteht nicht in Silos.“ Entscheidend sei das abgestimmte Zusammenspiel vor, während und nach der Krise. Defence Tech, also sicherheits- und verteidigungsrelevante Technologie, wird dort als Teil staatlicher Handlungsfähigkeit beschrieben. Rollen, Fähigkeiten und Technologien müssten systemisch gekoppelt werden, damit Lageerkennung, Entscheidung und Handeln schneller funktionieren.
Dazu passt der Aufruf zur Online-Umfrage für das Untersuchungsprojekt zum gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystem. Wer aus Behörden, Industrie, kritischer Infrastruktur, Sicherheitsorganisationen, Forschung, Kommunen oder Technologie kommt, sollte sich beteiligen. Die Ergebnisse gehören in die Debatte des Bonner IT-Dialogs am 7. und 8. Oktober. Dort wird sich zeigen, ob aus dem Wort Sicherheitsökosystem ein Arbeitsbegriff für staatliche und industrielle Erneuerung werden kann.
Die Industrie wird zum Sicherheitsfaktor
Dr. Hans Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV), beschreibt in der Publikation den finanziellen und industriellen Kraftakt, der nun ansteht. Deutschland soll deutlich schneller als formal in der NATO zugesagt die Marke von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für direkte Verteidigungsausgaben erreichen. Der Verteidigungshaushalt soll von rund 53 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf ungefähr 153 Milliarden Euro im Jahr 2029 wachsen. 2029 wird damit zur Zielmarke für konventionelle Vollausrüstung europäischer NATO-Streitkräfte.
Interessant ist an Atzpodiens Beitrag weniger die Zahl selbst. Interessant ist der industrielle Unterbau. Die Verteidigungswirtschaft muss bekannte Produkte in viel höheren Stückzahlen liefern, Lieferketten erweitern, neue Zulieferer einbinden und zugleich Güter für ein verändertes Kriegsbild bereitstellen: elektronischer Kampf, Drohnen, unbemannte Luftfahrzeuge, weitreichende Wirkmittel, Luftabwehr. Der BDSV verweist auf „SVI-Connect“, eine Matchmaking-Plattform für Lieferketten. Sicherheitspolitik wird damit zur Frage industrieller Koordination.
Der Satz mit der größten Tragweite steht am Ende des BDSV-Textes: Rüstung für die Streitkräfte allein führt noch nicht zu umfassender Resilienz. Nötig sei auch die Härtung ziviler Einfallstore: Cybersicherheit, Energieversorgung, Logistik-Hubs, persönliche Durchhaltefähigkeit. Die Verteidigung des Landes beginnt damit nicht erst beim Waffensystem. Sie beginnt in Lieferketten, Häfen, Netzen, Werkhallen und Haushalten.
Drohnen brauchen Werkstoffe, Fabriken und Training
Die Beilage zeigt anschaulich, wie materiell die neue Sicherheitslage ist. Hochleistungsmaterialien wie Ultra-High-Molecular-Weight-Polyethylene, Kevlar, Carbon und Verbundwerkstoffe werden nicht als technische Nebensache behandelt. Sie bestimmen Schutz, Reichweite, Gewicht, Lebensdauer und Einsatzfähigkeit. Bei Drohnen, Flugzeugen, Fahrzeugen, Schutzwesten und Panzerungen entscheidet die Materialfrage über Beweglichkeit und Überleben.
Gerade Drohnen zeigen, wie schnell zivile Technologien militärische Bedeutung bekommen. Leichte Bauteile, additive Fertigung, Software, Sensorik und Kameras verändern die taktische Wirklichkeit. Der Beitrag zur Einsatzvorbereitung schildert Drohnenschwärme mit bis zu 1.000 Einheiten, First-Person-View-Drohnen, KI-Steuerung, Richtstörer, Jammer, Radar, Laser, Fangnetze und Abfangdrohnen. Entscheidend ist jedoch die menschliche Reaktion. Einsatzkräfte und Zivilisten müssen lernen, Drohnenlagen wahrzunehmen, zu priorisieren und unter Druck zu handeln.
Damit verschiebt sich die Beschaffungspolitik. Es reicht nicht, Systeme zu kaufen. Die Republik muss die Produktionsfähigkeit, die Ausbildung, die taktische Anwendung und die industrielle Wartung gleich mitdenken.
Jede Maschine trägt Verantwortung
Eine scheinbar kleine Passage über Presstechnik führt tief in die neue Verteidigungsökonomie. Stephanie Wickert, geschäftsführende Gesellschafterin von Wickert Maschinenbau, spricht von Anlagen, die individuell für Kunden entwickelt werden. „Jede Maschine ist ein Unikat“, heißt das Interview. Im Defence-Kontext geht es um Verbundwerkstoffe wie UHMWPE für Schutzwesten oder CFRTP für Flugzeugkomponenten. Von den Produkten, die mit solchen Pressen gefertigt werden, hängen Schutz und Leben der Einsatzkräfte ab.
Das ist ein anderer Blick auf Rüstung. Nicht allein der Panzer, die Drohne oder das Flugzeug sind sicherheitsrelevant. Auch die Presse, die Software, der Datensatz, die Materialprüfung, die Anschlussfähigkeit an IT-Systeme und Maschinenparks gehören zur Verteidigungsfähigkeit. Die Fabrik wird zum Teil der Sicherheitsarchitektur.
Der Orbit als verwundbares Rückgrat
Der Beitrag zur Satellitenkommunikation öffnet eine zweite Front: den Orbit. Multi-Domain-Operations verlangen Kommunikation, Navigation, Frühwarnung und Lagebilder über Land, See, Luft, Cyberraum und Weltraum hinweg. Satelliten verbinden Datenquellen, Einsatzräume und Führungsstrukturen. Zugleich entsteht eine empfindliche Abhängigkeit. Die NATO besitzt nur wenige eigene Satelliten und greift auf Fähigkeiten der Mitgliedstaaten zurück; die USA leisten mit mehr als 1.400 Satelliten den größten Beitrag.
Die Publikation beschreibt auch die politische Seite dieser Abhängigkeit. Satellitendaten können Druckmittel werden. Kommunikation aus dem Orbit kann gestört werden. Russland prüft nach NATO-Erkenntnissen die Möglichkeit, Atomwaffen im Weltraum zu platzieren; eine nukleare Explosion im Orbit würde große Teile der Satelliteninfrastruktur zerstören und den Weltraum in ein Trümmerfeld verwandeln.
Europäische Weltraumfähigkeit ist deshalb kein Prestigeprojekt. Sie entscheidet, ob Europa im Ernstfall sehen, sprechen, navigieren und führen kann.
Berlin zeigt die Verwundbarkeit des Alltags
Besonders instruktiv ist der IABG-Beitrag von Dr. Wolfgang Hackenberg zur kritischen Infrastruktur. Ausgangspunkt ist der Anschlag auf die Stromversorgung, der im Winter Haushalte im Südwesten Berlins tagelang vom Netz trennte. Hackenberg weitet den Blick: Staatliche Akteure könnten gezielt Verwundbarkeiten westlicher Infrastrukturen ausloten, etwa durch beschädigte Internetkabel, Drohnenüberflüge oder Sabotageakte. Deutschland wäre im Ernstfall Logistikdrehscheibe. Das KRITIS-Dachgesetz verlangt seit dem 16. März 2026 Resilienz kritischer Anlagen.
Hackenbergs Kernfrage lautet: Was ist eigentlich die Bedrohung? Seine Antwort: Ziel ist die Funktionsfähigkeit Deutschlands. Fällt der Strom aus, stocken Zahlungsverkehr, Internet und Mobilfunk. Kraftwerke und Logistikknoten hängen aneinander. Physische und digitale Angriffe greifen ineinander. Entscheidend ist die Geschwindigkeit, mit der aus einzelnen Störungen ein systemischer Ausfall wird.
Das ist ein anderer Begriff von Schutz. Es geht nicht um den Zaun um die Anlage. Es geht um die Frage, ob ein System nach einem Angriff weiterarbeitet, sich erholt und den Dominoeffekt stoppt. Hackenberg fordert realistische Simulationen und Tests, die physische und digitale Risiken gemeinsam betrachten: Cyberangriffe auf IT und operative Technik, Angriffe mit unbemannten Systemen, Störungen in abhängigen Netzen.
Der Staat muss aus Technik Wirkung machen
Aus der Beilage entsteht ein klares Bild: Die Sicherheitslage wird technologischer, industrieller und ziviler zugleich. Defence Tech hilft nur, falls es in Verfahren, Ausbildung, Lieferketten, Lagebilder und Verantwortlichkeiten eingebettet ist. Ein Satellit ohne souveräne Nutzung bleibt Abhängigkeit. Eine Drohne ohne Training bleibt Risiko. Ein Hochleistungswerkstoff ohne skalierbare Produktion bleibt Versprechen. Eine Spezialmaschine ohne Cyberschutz bleibt Angriffsfläche. Ein KRITIS-Gesetz ohne Simulation bleibt Papier.
Genau deshalb ist der AFCEA-Aufruf zur Online-Umfrage so wichtig. Die neue Sicherheitsfrage lässt sich nicht allein aus Ministerien beantworten. Sie liegt in Unternehmen, Leitstellen, Werken, Häfen, Kliniken, Rechenzentren, Zulieferbetrieben und Kommunen. Wer dort arbeitet, kennt die Stellen, an denen ein System trägt oder bricht.
Der Bonner IT-Dialog am 7. und 8. Oktober sollte diese Erfahrungen nach vorne holen. Die Beilage zeigt die Bausteine: Defence Tech, BDSV-Industriepolitik, Werkstoffe, Drohnenabwehr, Satellitenkommunikation, KRITIS-Resilienz, Presstechnik, digitale und physische Sicherheit. Die offene Aufgabe liegt in der Verbindung dieser Bausteine. Deutschland hat lange über Ausstattung gesprochen. Jetzt geht es um Wirksamkeit.
