Airbus sieht Sicherheitslage als Systemfrage: Andreas Reinecke warnt auf der AFCEA-Fachausstellung vor isolierten Antworten auf hybride Bedrohungen — Cyberraum, Föderalismus und Zeitdruck bis 2029 rücken in den Mittelpunkt

von Gunnar Sohn
27. Mai 2026

Cyberraum verwischt die alten Grenzen

Airbus hält den Aufbau eines gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystems angesichts hybrider Bedrohungen für dringend erforderlich. Auf der AFCEA-Fachausstellung in Bonn sagte Andreas Reinecke von Airbus, die Sicherheitslandschaft habe sich in den vergangenen Jahren „komplexer, dynamischer, systemisch“ entwickelt. Besonders der Cyberraum zeige, wie schwer die Trennung zwischen militärischer und ziviler Zuständigkeit geworden sei. Es sei „unglaublich schwer zu greifen“, was dort noch militärisch und was bereits zivil sei. Daraus ergebe sich eine hybride Bedrohungslage, die mit getrennten Strukturen kaum noch beherrschbar sei.

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Reinecke sprach im Zusammenhang mit dem Untersuchungsprojekt zu einem gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystem, das auf der Fachausstellung diskutiert wurde. Für Airbus sei das Thema relevant, weil es die Grundlagen der eigenen Arbeit berühre. Militärische Lagebilder, digitale Kommunikation, Cyberabwehr, Plattformen, Sensorik und industrielle Fähigkeiten greifen in modernen Sicherheitslagen immer enger ineinander.

Der Föderalismus wird zum Belastungstest

Als besondere Schwierigkeit nannte Reinecke die deutsche Staatsorganisation. Die Bundesrepublik habe ein föderales System mit fragmentierten Entscheidungsstrukturen und verteilten Kompetenzen. In einer Lage, in der innere und äußere Sicherheit ineinander übergehen, könne diese Struktur koordinierte Reaktionen erschweren.

Der Hinweis trifft einen zentralen Punkt der deutschen Sicherheitsdebatte. Cyberangriffe, Drohnenvorfälle, Sabotage an kritischer Infrastruktur, Desinformation oder Angriffe auf Lieferketten halten sich nicht an Ressortgrenzen. Zuständig können Bundeswehr, Bundespolizei, Landespolizei, Verfassungsschutz, Kommunen, Betreiber kritischer Infrastruktur, Zivilschutz, Industrie und IT-Dienstleister zugleich sein. Gerade deshalb hält Reinecke den Ökosystem-Ansatz für plausibel.

Einzelne Beschaffungen reichen nicht aus

Reinecke warnte davor, auf die neue Bedrohungslage nur mit optimierten Einzellösungen zu reagieren. Systeme, die einzelne Organisationen beschaffen, oder einzelne organisatorische Entscheidungen würden der Komplexität nicht gerecht. Stattdessen brauche es ein orchestriertes Zusammenspiel vieler Akteure: große und kleine Unternehmen, militärische Stellen, innere Sicherheit, Zivilschutz und weitere Beteiligte.

Damit verschiebt sich der Blick von der Technikbeschaffung zur Systemfähigkeit. Airbus argumentiert aus einer industriellen Perspektive, doch die Folgerung ist politisch: Sicherheit entsteht nicht allein durch neue Plattformen, Sensoren oder IT-Lösungen. Entscheidend ist, ob diese Fähigkeiten in einer Lage gemeinsam wirken. Ein Lagebild, das nicht geteilt wird, bleibt begrenzt. Eine Cyberfähigkeit ohne eingebundene Betreiber kritischer Infrastruktur wirkt zu spät. Eine militärische Fähigkeit ohne zivile Schnittstellen verliert Geschwindigkeit.

2029 setzt den Takt

Der Zeithorizont bis 2029 wurde im Gespräch ausdrücklich angesprochen. Bis dahin sollen zentrale Hausaufgaben in Verteidigung und Sicherheitsarchitektur erledigt sein. Reinecke bezeichnete diesen Zeitplan als Herausforderung. Ob alles vollständig zu erreichen sei, könne er nicht beantworten. Die äußeren Umstände gäben das Tempo vor; Airbus werde seinen Beitrag leisten, damit man so weit komme, wie es notwendig sei.

Die Jahreszahl 2029 steht in der deutschen Sicherheitsdebatte inzwischen für erheblichen Handlungsdruck. Sie markiert keine ferne Reformperspektive, vielmehr eine knappe Frist für Beschaffung, Personal, digitale Infrastruktur, industrielle Skalierung und Koordination. Reineckes Hinweis zeigt, dass die Industrie den Zeitdruck wahrnimmt, aber auch die Grenzen bloßer Absichtserklärungen kennt.

An einen Tisch, bevor die Lage eskaliert

Ein zentrales Ziel der Studie sieht Reinecke darin, viele Akteure überhaupt miteinander ins Gespräch zu bringen. Er verweist auf Tiefeninterviews mit Beteiligten von der Bundespolizei über das Militär bis zum Landrat. Vieles müsse ineinandergreifen. Der Ansatz greife auf, was er zuvor beschrieben habe: Sicherheit lasse sich in der heutigen Lage nicht mehr isoliert als Polizeiaufgabe, militärische Aufgabe oder Feuerwehraufgabe betrachten.

Damit wird die Fachausstellung selbst zu einem Indikator der neuen Lage. Reinecke beschreibt sie als stark gewachsen und als Ort, an dem sich sicherheitsrelevante Akteure treffen. Die Welt warte nicht auf Deutschland, sagte er. Die AFCEA-Fachausstellung sei deshalb „the place to be“.

Airbus setzt auf Orchestrierung statt Zuständigkeitsdenken

Reineckes Aussagen fügen sich in eine breitere Debatte über gesamtstaatliche Sicherheit ein. Der Cyberraum zwingt zur Zusammenarbeit, weil er technische, militärische, wirtschaftliche und zivile Verwundbarkeiten verbindet. Der Föderalismus verlangt klare Schnittstellen, weil Zuständigkeiten im Ernstfall sonst Zeit kosten. Die Industrie wird zum Teil der Sicherheitsarchitektur, weil digitale Plattformen, Luft- und Raumfahrt, Kommunikation, Sensorik und Produktionsfähigkeit für moderne Verteidigung unverzichtbar sind.

Die Botschaft aus dem Airbus-Gespräch lautet: Deutschland braucht keine weitere Sammlung einzelner Sicherheitsinseln. Es braucht ein Zusammenspiel, das vor der Krise eingeübt ist. Bis 2029 bleibt dafür wenig Zeit.

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