Personalakten im Verteidigungsfall: Lukas Gruber rückt im Persoblogger die Personalabteilung in die Sicherheitsarchitektur — das ist unbequem, aber überfällig

von Gunnar Sohn
27. Mai 2026

Lukas Grubers Beitrag im Persoblogger trägt einen Titel, der in vielen Personalabteilungen noch fremd wirken dürfte: „Die neue Realität: Warum HR jetzt über Kriegstüchtigkeit sprechen muss.“ Der Text ist kein militärpolitischer Aufruf. Sein Wert liegt darin, den Verteidigungsfall aus der Perspektive der betrieblichen Arbeitsfähigkeit zu betrachten. Was geschieht mit Schichtplänen, Projekten, Lieferzusagen und kritischen Betriebsfunktionen, sobald Reservisten kurzfristig einberufen werden? Welche Schlüsselpersonen fehlen? Welche Anlagen stehen still, weil nur eine Person sie beherrscht? Welche Lieferketten reißen, weil Personalplanung bisher auf Effizienz gebaut wurde und kaum auf Ausfallfestigkeit?

Gruber zieht damit eine Debatte in den Betrieb, die häufig bei Bundeswehr, Rüstung, Nato-Zielen und Sondervermögen stehenbleibt. Seine These lautet: Verteidigungsfähigkeit beginnt auch im Personalmanagement. Unternehmen können sich nicht darauf verlassen, dass der Staat im Ernstfall Soldaten, Logistiker, IT-Fachleute, Elektroniker und Sanitätspersonal benötigt, ohne dass dies den Arbeitsmarkt und die Unternehmensorganisation berührt.

Die unsichtbare Reserve im Betrieb

Der Text gewinnt Nachrichtenwert an einer Zahl: Rund 860.000 Männer und Frauen in Deutschland gelten laut Gruber als Reservisten im wehrfähigen Alter. Viele Unternehmen wissen gar nicht, wer in der eigenen Belegschaft dazu gehört. Militärische Vorverwendungen verschwanden in Lebensläufen, weil sie lange keine betriebliche Relevanz hatten. Nun können sie zur Risikoinformation werden.

Das ist heikel, datenschutzsensibel und personalpolitisch anspruchsvoll. Gruber fordert daher kein Registrieren aus Neugier, sondern ein freiwilliges, rechtlich sauberes Skill-Mapping. Welche Bundeswehr-Qualifikationen gibt es im Unternehmen? Wer ist aktiv beordert? Wo bestehen personelle Engpässe? Welche „Single Points of Failure“ könnten den Betrieb treffen?

An dieser Stelle berührt der Beitrag das, was sonst gern abstrakt als Resilienz bezeichnet wird. Resilienz heißt im Unternehmen: keine Schlüsselfunktion darf allein an einer Person hängen. Wissen muss dokumentiert, Stellvertretung vorbereitet, Cross-Skilling organisiert, Tandems aufgebaut werden. Das klingt unspektakulär. Im Verteidigungsfall kann es über Produktionsfähigkeit, Versorgungssicherheit und Lieferketten entscheiden.

Effizienz wird zum Risiko

Gruber beschreibt einen kulturellen Bruch. Jahrzehntelang galt Redundanz in vielen Unternehmen als betriebswirtschaftlicher Makel. Lean Management, Just-in-Time, schlanke Personaldecken, maximale Auslastung: Diese Logik senkte Kosten und erhöhte Verwundbarkeit. In der Pandemie, in Lieferkettenkrisen und nun in der Sicherheitslage wird sichtbar, dass Effizienz ohne Reserve eine Schönwetterrechnung ist.

Sein Beitrag erinnert die Personalwirtschaft daran, dass sie nicht mehr allein über Recruiting, Retention, Employer Branding und Arbeitszeitmodelle sprechen kann. HR wird zur Sicherheitsfunktion. Wer weiß, welche Fähigkeiten im Betrieb kritisch sind, wer Vertretung organisiert, wer Krisenstäbe übt und Entscheidungswege verkürzt, schützt das Unternehmen und die Versorgungsketten, an denen andere hängen.

Die Brücke zu Bernd König

Hier trifft Grubers Text auf das Gespräch mit Bernd König, Geschäftsführer von Google Cloud Public Sector Deutschland, auf der AFCEA-Fachausstellung in Bonn. König führt die Debatte über das Projekt „Sicherheitsökosystem 2030“ auf eine operative Frage zurück: Was nicht geübt wird, funktioniert im Ernstfall nicht. Konzepte reichen nicht, sobald Meldeketten, Zuständigkeiten und Rückmeldungen unter Druck geraten.

König spricht über Cloud, Daten, künstliche Intelligenz und Bevölkerungsschutz, landet aber bei einer einfachen Disziplin: Übung. Deutschland sei gut im Ankündigen, schwach in der Umsetzung. Ein Warntag, der nur Checklisten abarbeitet, schafft keine Fähigkeit. Entscheidend sind Auftrag, Ausführung, Rückmeldung und überprüfbares Ergebnis.

Grubers HR-Audit der Wehrfähigkeit folgt dieser Logik. Es genügt nicht, Personalrisiken zu kennen. Man muss sie durchspielen. Was passiert, sobald zwei IT-Spezialisten, ein Elektroniker und die erfahrenste Logistikerin gleichzeitig ausfallen? Wer entscheidet am ersten Tag? Welche Kunden werden informiert? Welche Anlagen laufen weiter? Welche Aufgaben werden gestoppt? Welche externen Partner springen ein? Wer besitzt die Befugnis, Prioritäten zu setzen?

Ahrtal als Warnung vor der gerissenen Kette

König verweist im AFCEA-Gespräch auf das Ahrtal. Dort lag das Problem nicht einfach in fehlender Technik. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe habe die Lage durchaus erkannt. Die Brüche lagen in der Meldekette zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Daten wurden nicht rechtzeitig in Handlung übersetzt.

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Grubers Beitrag lässt sich als betriebliche Variante dieser Ahrtal-Lehre lesen. Auch im Unternehmen kann Information vorhanden sein, ohne Wirkung zu entfalten. Vielleicht weiß HR, dass ein Mitarbeiter Reservist ist. Vielleicht weiß die Produktion, dass eine Anlage nur von zwei Personen beherrscht wird. Vielleicht weiß die Geschäftsführung, dass ein Standort von wenigen Logistikfachkräften abhängt. Aus Wissen wird erst Sicherheit, sobald daraus Vorsorge, Übung und Entscheidung entstehen.

Meldeblock, Bleistift und Personalreserve

Im Gespräch mit König geht es auch um analoge Rückfallebenen. Kurbelradio, Megafon, Meldeblock und Bleistift können im Strom- oder Netzausfall wichtiger werden als jedes Dashboard. Der Bleistift schreibe auch auf nassem Papier.

Für HR heißt die analoge Rückfallebene: Wer kann was, auch ohne Systemzugriff? Wo liegen Notfalllisten? Welche Telefonnummern funktionieren, falls Kollaborationstools ausfallen? Welche Schichtpläne lassen sich auf Papier führen? Welche Führungskräfte wissen, welche Beschäftigten kritische Fähigkeiten besitzen? Welche Betriebsvereinbarungen und Rechtsgrundlagen gelten in außergewöhnlichen Lagen?

Die Personalabteilung muss nicht militarisiert werden. Sie muss krisenfähiger werden. Grubers Text trifft den Punkt, weil er die Sicherheitslage aus der Welt der großen Systeme in die alltägliche Unternehmensführung holt.

Die offene Flanke des Beitrags

Thematisch muss das Ganze ausgeweitet werden: Ein Cyberangriff, eine Pandemie, ein Stromausfall, ein Ausfall des öffentlichen Nahverkehrs, eine Evakuierung, ein Angriff auf kritische Infrastruktur oder eine Desinformationslage können ähnliche Personaleffekte auslösen. Die eigentliche Kategorie heißt nicht Wehrpflicht allein. Sie heißt Verfügbarkeit kritischer Fähigkeiten unter Stress.

Hier müsste die HR-Debatte breiter werden. Unternehmen brauchen ein Personal-Lagebild ihrer kritischen Funktionen. Es sollte nicht nur Reservisten erfassen, sondern alle Rollen, ohne die Betrieb, Sicherheit, IT, Logistik, Produktion, Kommunikation und Führung schnell ausfallen. Dazu gehören auch Menschen mit Führungsverantwortung, informellem Wissen und lokalen Netzwerken.

HR gehört in das Sicherheitsökosystem

Grubers Text verdient Aufmerksamkeit, weil er eine Lücke benennt, die in vielen Sicherheitsdebatten unterschätzt wird. Das „Sicherheitsökosystem 2030“ wird ohne Unternehmen nicht funktionieren. Unternehmen sind nicht nur Lieferanten, Betreiber, Arbeitgeber oder Steuerzahler. Sie sind Träger von Fähigkeiten, die im Ernstfall fehlen können oder gebraucht werden.

Bernd Königs Lehre aus Bonn und Grubers Persoblogger-Beitrag führen zusammen: Aus Konzepten muss Übung werden. Aus Daten muss Handlung werden. Aus Zuständigkeit muss Verantwortung werden. Aus Personalplanung muss Krisenfähigkeit werden.

Die Personalabteilung war lange ein Ort der Beschäftigtenbindung, Vergütung, Entwicklung und Kulturarbeit. In der neuen Sicherheitslage kommt eine Aufgabe hinzu: Sie muss wissen, welche Fähigkeiten das Unternehmen am Leben halten. Und sie muss vorbereiten, dass diese Fähigkeiten auch dann verfügbar bleiben, wenn der Staat selbst auf Menschen zugreift, die gestern noch im Projektplan standen.

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