Das Lagebild braucht die zivile Republik: Der „Territorial Hub“ der Bundeswehr soll zeigen, was Deutschland im Ernstfall sieht, entscheidet und verbindet

von Team Redaktion
28. Mai 2026

Eine Plattform für die Gesamtverteidigung

Die Bundeswehr arbeitet mit dem Territorial Hub, kurz TerrHub, an einer digitalen Plattform für ein gemeinsames Lagebild der Gesamtverteidigung. Der Begriff klingt technisch. Gemeint ist eine Grundfrage staatlicher Handlungsfähigkeit: Wer weiß im Ernstfall, was in Deutschland geschieht, welche Kräfte verfügbar sind, welche Infrastruktur belastet wird und welche Entscheidung als Nächstes ansteht?

Der Hardthöhenkurier beschreibt den Territorial Hub als Führungsinformationssystem für den Nationalen Territorialen Befehlshaber. Das Lagebild soll die vernetzte und digitale Operations- und Einsatzführung stützen: für Deutschlands Rolle als Drehscheibe der Bündnisverteidigung, für Einsätze der Bundeswehr im Inland und für die territoriale Verteidigung als militärischen Teil einer gesamtstaatlichen Aufgabe.

Damit steht TerrHub an einer Schnittstelle, die Deutschland lange unterschätzt hat. Gesamtverteidigung bedeutet: Die Bundeswehr führt nicht allein. Sie ist auf Straßen, Schienen, Häfen, Flughäfen, Kliniken, Energieversorger, Telekommunikation, Rechenzentren, Polizei, Katastrophenschutz, Länder, Landkreise, Kommunen und private Betreiber angewiesen. Ein Lagebild ohne diese zivile Wirklichkeit wäre unvollständig.

Deutschland als Drehscheibe braucht Übersicht

Im Verteidigungsfall wäre Deutschland Transitland, Aufnahmeraum, Versorgungsraum und Schutzraum zugleich. Truppen und Material der Bündnispartner müssten durch Deutschland nach Osten verlegt werden. Verwundete kämen zurück. Brücken, Bahnhöfe, Häfen, Flughäfen, Krankenhäuser, Tanklager, digitale Netze und Stromversorgung würden Teil der Sicherheitslage.

Ein gemeinsames Lagebild muss daher mehr leisten als militärische Symbole auf einer Karte zu zeigen. Es muss erfassen, welche Brücke befahrbar ist, welche Bahnstrecke ausfällt, welche Klinik Kapazitäten hat, welche Landkreise überlastet sind, wo Kraftstoff fehlt, welche Logistikunternehmen fahren können, welche Funknetze funktionieren und welche Betreiber kritischer Infrastruktur eine Warnung melden.

Der Hardthöhenkurier nennt dafür hohe technische Anforderungen: ein sicherer Informationsraum für Daten mit unterschiedlichen Schutzbedarfen, ein durchgängiger Informations- und Kommunikationsverbund von der politischen Führung bis zu taktischen Einheiten, eine nationale Vernetzung militärischer und ziviler Führungssysteme sowie internationale Anschlussfähigkeit.

Der zivile Teil entscheidet über den Nutzen

Lisa-Martina Klein hat bei Security.Table den entscheidenden Punkt aufgegriffen: Der Erfolg von TerrHub hängt vom Mitwirken der zivilen Seite ab. Das deckt sich mit der Grundthese des Sicherheitsökosystems 2030. Die Bundeswehr kann die Plattform vorbereiten. Sie kann sichere Verbindungen bauen, militärische Führungslogik einbringen und erste Anwendungen erproben. Doch der größte Teil der Lage liegt außerhalb der Truppe.

Die zivile Seite besteht aus vielen unterschiedlichen Akteuren. Dazu gehören Landespolizeien, Bundespolizei, Feuerwehren, Technisches Hilfswerk, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Landkreise, Kommunen, Krankenhäuser, Strom- und Netzbetreiber, Bahn, Häfen, Logistikunternehmen, Telekommunikationsanbieter, Cloud-Dienstleister und Verwaltungen. Jeder Akteur besitzt eigene Daten, eigene Rechtsgrundlagen, eigene Meldewege, eigene IT-Systeme, eigene Prioritäten. TerrHub kann diese Vielfalt nicht einfach glätten. Es muss sie anschlussfähig machen.

Aus TerrHub wird RessüLa

Das Projekt ist nicht bei einem Demonstrator stehengeblieben. Defence Network beschreibt, dass der Territorial Hub in ein Forschungs- und Technologievorhaben mit dem Namen Ressortübergreifendes Lagebild überführt wird. Die Kurzform lautet RessüLa. Gemeint ist ein Lagebild, das über Ministerien, Behörden und Organisationsgrenzen hinweg funktionieren soll. Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr sowie das Planungsamt der Bundeswehr arbeiten an Verstetigung und Weiterentwicklung für künftige Bedarfsträger.

Dieser Übergang ist politisch wichtig. Ein Demonstrator zeigt, dass eine Idee technisch möglich sein kann. Ein dauerhaftes Vorhaben muss zeigen, ob daraus Verfahren, Zuständigkeiten, Finanzierung, Betrieb, Sicherheit, Übungen und Alltagspraxis werden. RessüLa steht damit für die nächste Stufe: vom digitalen Vorzeigeprojekt zur Arbeitsform der Gesamtverteidigung.

Daten müssen Grenzen überwinden, ohne Schutz zu verlieren

Ein Kernproblem liegt in der sicheren Weitergabe von Informationen. Manche Daten sind öffentlich, andere vertraulich, manche geheim. Militärische Informationen können andere Schutzgrade haben als kommunale Daten, Polizeimeldungen, Betreiberinformationen oder Lageeinschätzungen eines Energieunternehmens.

Defence Network beschreibt dafür die Bedeutung sicherer Datenübergänge zwischen unterschiedlichen Schutz- und Geheimhaltungsbereichen. Das englische Fachwort dafür lautet Cross Domain Solutions. Gemeint sind technische Lösungen, die Daten zwischen getrennten Netzen und Organisationen sicher übertragen können. Infodas ist nach den Berichten für solche sicheren Übertragungen zuständig; Traversals liefert lagebezogene Daten. Beide Unternehmen sind am TerrHub-Projekt beteiligt.

Das klingt nach Spezialtechnik. Tatsächlich berührt es den Kern staatlicher Führung. Ein Lagebild darf sensible Daten nicht unkontrolliert verbreiten. Es darf Informationen aber auch nicht in Schutzräumen einsperren, bis sie zu spät kommen. Die Kunst liegt in der kontrollierten Durchlässigkeit.

Bechtle, Infodas und Traversals zeigen die industrielle Seite

Neben der Bundeswehr treten Industriepartner auf. Nach den vorliegenden Informationen sind Infodas und Traversals am Projekt beteiligt. Infodas bringt Lösungen für sichere Datenübertragung zwischen unterschiedlich geschützten Netzen ein. Traversals unterstützt mit sicherheitsrelevanten Daten für aktuelle Lageeinschätzungen.

Bechtle wird im Umfeld des Vorhabens ebenfalls genannt. Das verweist auf eine weitere Dimension: Gesamtverteidigung entsteht nicht allein in Behörden. Sie braucht IT-Dienstleister, Cyber-Spezialisten, Datenanbieter, Integratoren, Cloud- und Infrastrukturkompetenz. Der Staat bleibt verantwortlich. Doch er kann ein solches System nicht ohne industrielle Fähigkeiten aufbauen.

Gerade deshalb muss früh geklärt werden, wer welche Rolle übernimmt. Wer betreibt? Wer integriert? Wer haftet? Wer pflegt Daten? Wer schützt Netze? Wer entscheidet über Aktualität und Qualität? Wer hat im Krisenfall Vorrang?

Das Kanzleramt als möglicher Knoten

Die Führungsakademie der Bundeswehr hat im Zusammenhang mit Gesamtverteidigung eine weitergehende institutionelle Architektur beschrieben. Die Führungsakademie bildet militärische Spitzenführungskräfte aus. In einem Lehrgang zur Gesamtverteidigung wurde vorgeschlagen, eine Operationszentrale Deutschland im Operativen Führungskommando der Bundeswehr einzurichten. Das Operative Führungskommando ist seit Oktober 2024 für den militärischen Anteil der Gesamtverteidigung zuständig. Zugleich wurde ein Ständiger Stab für Nationale Resilienz, Sicherheit und Verteidigung im Bundeskanzleramt vorgeschlagen.

Dieser Vorschlag ist deshalb wichtig, weil Gesamtverteidigung politische Koordination braucht. Die Bundeswehr kann ihren militärischen Anteil führen. Doch Polizei, Katastrophenschutz, Länder, Kommunen, Wirtschaft, Bevölkerungsschutz und Betreiber kritischer Infrastruktur folgen anderen Regeln. Ein Lagebild, das all diese Akteure verbindet, braucht einen Ort, an dem politische Verantwortung zusammenläuft.

Die Operationszentrale Deutschland könnte die Arbeit der militärischen und zivilen Akteure bündeln. Der Stab im Kanzleramt könnte verbindliche Meldewege, einheitliche Kommunikation und Personalsteuerung unterstützen.

Kommunikation gehört zum Lagebild

Ein Lagebild endet nicht bei Entscheidungsträgern. Es muss die Bevölkerung erreichen. Die Führungsakademie empfiehlt robuste Informationskanäle, die auch bei Stromausfall funktionieren: Warn-Apps, Radio und Lautsprecherwagen. Hinzu kommt eine ressortübergreifende Kommunikationsstrategie, also eine abgestimmte Kommunikation über Ministerien, Behörden und staatliche Ebenen hinweg.

Das ist für TerrHub zentral. Eine Karte, ein Dashboard oder eine Datenplattform helfen wenig, falls Bürgerinnen und Bürger nicht wissen, was sie tun sollen. Desinformation, Panik, Gerüchte und widersprüchliche Anweisungen können eine Lage verschärfen. Ein gemeinsames Lagebild muss daher in klare Warnungen, Anweisungen und Erklärungen übersetzt werden.

Hier beginnt das Thema Bevölkerungsschutz. Ein Stromausfall, eine Evakuierung, eine Sabotage an einer Bahntrasse oder ein Cyberangriff auf ein Krankenhaus verlangen nicht nur Daten. Sie verlangen verständliche Kommunikation, lokale Ansprechpartner und geübtes Verhalten.

Personal wird selbst zur Lageinformation

Gesamtverteidigung braucht Menschen. Die Führungsakademie weist darauf hin, dass im Ernstfall nicht nur Soldatinnen und Soldaten gebraucht werden. Auch Sanitäter, Techniker, Freiwillige und Fachkräfte in Betrieben werden benötigt. Schwierig wird es, wenn eine Person gleichzeitig bei der Freiwilligen Feuerwehr, beim Deutschen Roten Kreuz und in einem wichtigen Unternehmen gebraucht wird.

Daraus folgt eine unbequeme Aufgabe: Fähigkeiten, Zugehörigkeiten und Verfügbarkeiten müssen erfasst werden. Die Führungsakademie schlägt dafür digitale Werkzeuge mit künstlicher Intelligenz und Simulationen vor. Sie sollen helfen, solche Überschneidungen sichtbar zu machen und Engpässe zu erkennen.

Damit wird Personal Teil des Lagebilds. Nicht als abstrakte Zahl, sondern als konkrete Fähigkeit: Wer kann eine Brücke prüfen? Wer kann ein Krankenhaus technisch stabil halten? Wer fährt Gefahrgut? Wer repariert Netze? Wer führt eine Feuerwehr? Wer ist zugleich Reservist und Schlüsselperson in einem Betrieb?

Diese Fragen sind heikel. Sie berühren Datenschutz, Arbeitsrecht, Wehrrecht und persönliche Freiheit. Gerade deshalb müssen sie vor der Krise geregelt werden.

Internationale Anschlussfähigkeit entscheidet mit

Deutschland handelt nicht allein. Defence Network beschreibt Federated Mission Networking, ein multinationales Standardisierungsrahmenwerk für militärische Führungsfähigkeit. Auf Deutsch: Es geht um gemeinsame technische und operative Standards, damit Streitkräfte verbündeter Staaten vom ersten Tag an miteinander kommunizieren und führen können. Das Konzept entstand aus Erfahrungen des Afghan Mission Network. Deutschland gehört bei diesen Standards zur Spitzengruppe und unterstützt auch andere Nationen.

Für TerrHub bedeutet das: Das deutsche Lagebild muss innen zivil-militärisch funktionieren und außen mit Partnern der Nordatlantischen Allianz sprechen können. Die Nordatlantische Allianz ist das Verteidigungsbündnis, das meist mit der Abkürzung NATO bezeichnet wird. Deutschlands Rolle als Drehscheibe der Bündnisverteidigung verlangt beide Fähigkeiten.

Ein rein nationales Lagebild wäre zu klein. Ein rein militärisches Lagebild wäre zu eng. Ein rein technisches Lagebild wäre zu wirkungsschwach.

Übung macht aus Plattformen Fähigkeit

Die Führungsakademie beschreibt Übungen als Rückgrat funktionierender Gesamtverteidigung. Dabei geht es um Szenarien wie den Ausfall des Mobilfunknetzes, zerstörte Brücken oder Angriffe auf Trinkwasserversorgung. Bundeswehr, Polizei, Rettungsdienste, Energieversorger, IT-Spezialisten, Logistikunternehmen und Supermärkte sollen solche Lagen gemeinsam durchspielen.

Für TerrHub ist das entscheidend. Datenflüsse, Zugriffsrechte und Meldewege müssen unter Druck geprüft werden. Wer nur im Konferenzraum zeigt, dass ein System Daten anzeigen kann, weiß noch nicht, ob es im Krisenbetrieb trägt. Geübt werden muss, wer meldet, wer prüft, wer entscheidet, wer widerspricht, wer korrigiert und wer die Bevölkerung informiert.

Ein Lagebild ist erst dann brauchbar, wenn Menschen es im Ernstfall bedienen, verstehen und in Handlung übersetzen können.

Der Alltag ist der eigentliche Gegner

Die größte Hürde liegt vermutlich im normalen Betrieb. Im Alltag arbeiten Behörden, Betreiber, Kommunen und Unternehmen nach ihren eigenen Routinen. Daten werden für eigene Zwecke gepflegt, Meldewege folgen eingefahrenen Linien, Zuständigkeiten schützen vor Überforderung. Gesamtverteidigung verlangt jedoch, dass diese Routinen im Krisenfall sofort anschlussfähig werden.

Dafür muss im Frieden entschieden werden, welche Daten relevant sind, welche Schnittstellen genutzt werden, welche Schutzgrade gelten, welche Ansprechpartner erreichbar sein müssen und welche Übungen verpflichtend werden. Wer diese Fragen erst in der Krise klärt, verliert Zeit.

TerrHub kann helfen, diese Fragen sichtbar zu machen. Es kann zeigen, wo Daten fehlen, wo Systeme nicht sprechen, wo Zuständigkeiten kollidieren, wo zivile Akteure zu spät eingebunden werden. Der technische Aufbau wird so zu einem Test für die politische Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Aus Lagebild muss Lagefähigkeit werden

Der Territorial Hub wird nur dann bedeutsam, wenn aus dem Lagebild echte Lagefähigkeit entsteht. Lagefähigkeit heißt: Deutschland erkennt schneller, entscheidet klarer, koordiniert besser, warnt verständlicher und handelt wirksamer.

Dazu braucht es Technik. Es braucht sichere Datenräume, Informationsschutz, internationale Standards und industrielle Partner. Es braucht auch etwas, das schwerer zu beschaffen ist: Vertrauen zwischen militärischen und zivilen Akteuren, geübte Verfahren, klare Verantwortung, belastbare Kommunikation und den Willen, die zivile Republik nicht erst am Ende anzuschließen.

Die Bundeswehr baut mit TerrHub an einem wichtigen Knoten für die Gesamtverteidigung. Der Nutzen entscheidet sich in Landratsämtern, Kliniken, Leitstellen, Häfen, Polizeidienststellen, Rechenzentren, Energieversorgern, Logistikunternehmen und Ministerien. Dort liegt die Wirklichkeit, die das Lagebild braucht.

Der Bonner IT-Dialog macht aus der Lagebild-Frage eine Arbeitsagenda

Der nächste Prüfpunkt für diese Debatte ist der Bonner IT-Dialog am 7. und 8. Oktober 2026 im Hotel Maritim Bonn. Das Programm zeigt, wie eng TerrHub, Operationsplan Deutschland, gesamtgesellschaftliche Resilienz, Zivilschutz, Länderperspektive, Industrie und Bevölkerungsschutz inzwischen zusammenrücken. Generalmajor Armin Fleischmann eröffnet die Veranstaltung für AFCEA Bonn, Ministerin Mona Neubaur sendet eine Videobotschaft, am ersten Tag geht es um die militärische Perspektive gesamtgesellschaftlicher Resilienz, die Rolle der Bundeswehr im Kontext des Operationsplans Deutschland und die Sicht des Landes Nordrhein-Westfalen mit Staatssekretär Paul Frederik Höller. Um 16.30 Uhr wird die Studie „Sicherheitsökosystem 2030“ vorgestellt; Bernhard Steimel moderiert das Panel mit Bernd König von Google Cloud Public Sector, Norbert Ahrend von Arvato Systems und Thomas Tschersich von der Deutschen Telekom. Der zweite Tag rückt Katastrophenschutz, kommunale Zusammenarbeit und Zivilschutz in den Vordergrund, unter anderem mit Kathrin Stolzenburg vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Damit bekommt die Frage, die TerrHub aufwirft, eine öffentliche Bühne: Wie wird aus militärischer Führungsfähigkeit, ziviler Infrastruktur, industrieller Kompetenz, Bevölkerungsschutz und politischer Koordination ein gemeinsames Lage- und Handlungssystem?

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