Sekundärrohstoffe werden zur Währungsreserve der Wirtschaft: Berlins Aktionsprogramm zur Kreislaufwirtschaft greift zu kurz, solange Normung, Haftung und Beschaffung nicht zur großen Reformagenda werden

von Gunnar Sohn
1. Juni 2026

Die Rohstofffrage kehrt mit Macht zurück. Sie kommt nicht als Nostalgie der Bergwerke, auch nicht als ökologisches Begleitprogramm, sie kommt als Prüfstein wirtschaftlicher Souveränität. Wer heute über Kreislaufwirtschaft spricht, spricht über Lieferketten, kritische Mineralien, Baurohstoffe, Wasser, Phosphor, Batterien, Kunststoffe, Textilien, öffentliche Beschaffung und technische Regeln. Die alte Semantik der Entsorgung reicht dafür nicht mehr aus. Sie beschreibt den Abtransport, aber nicht die Sicherung von Wert. Sie beschreibt das Ende eines Produkts, aber nicht den Wiederauftritt des Materials.

Das Aktionsprogramm der Bundesregierung zur Umsetzung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie markiert deshalb einen wichtigen politischen Moment. Berlin erkennt an, dass zirkuläres Wirtschaften zur Wettbewerbsfähigkeit, zur Senkung von Treibhausgasemissionen und zur Versorgungssicherheit beitragen soll. Es spricht von fragilen Lieferketten, protektionistischen Tendenzen, Rohstoffabhängigkeiten und einer notwendigen Verbindung von innovationsorientierter Umweltpolitik mit strategischer Wirtschaftspolitik. Damit verschiebt sich der Ton. Kreislaufwirtschaft verlässt die Zone der guten Absicht und betritt das Feld der nationalen Wirtschaftsstrategie.

Doch dieser Schritt bleibt unvollständig, solange die Bundesregierung Kreislaufwirtschaft vor allem über Förderprogramme, Plattformen und Verwaltungsprozesse organisiert. Die eigentliche Bewährungsprobe liegt an anderer Stelle: in Normen, Versicherbarkeit, Bilanzierung, Beschaffung, End-of-Waste-Regeln, technischen Standards und in der Fähigkeit, Sekundärrohstoffe als verlässliche Ware zu behandeln. Erst dann wird aus Abfall wieder Vermögen. Erst dann entsteht ein Markt.

Die Rohstoffreserve liegt längst im Land

Professor Henning Wilts vom Wuppertal Institut hat diese Verschiebung in mehreren Fachgesprächen und beim Green Monday in Bochum präzise gefasst. Deutschland sei gut darin, Abfälle zu erfassen, zu sortieren und zu entsorgen. Das bedeute noch lange keine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Die entscheidende Frage laute: Wie werden die Stoffe, die aus diesen Prozessen hervorgehen, wieder zur verlässlichen Grundlage von Produktion, Bau, Beschaffung und Investition?

Wilts verweist auf die niedrige deutsche Zirkularitätsrate von rund 13 Prozent. Die Zahl wirkt auf viele Bürger irritierend, weil sie aus ihrem Alltag andere Bilder kennen: Papiercontainer, Glascontainer, Gelbe Tonne, Pfandsysteme. Doch diese sichtbaren Alltagskreisläufe verdecken die großen Stoffströme. In Kunststoffen kriselt der Rezyklatmarkt. Im Bauwesen liegt die Zirkularität im Keller. Bei kritischen Rohstoffen ist der Beitrag des Recyclings zur Versorgungssicherheit noch viel zu gering. Während die Niederlande seit Jahren strategisch an der Reduktion des Primärrohstoffbedarfs arbeiten, fängt Deutschland mit der ressortübergreifenden Übersetzung dieser Aufgabe erst an.

Wilts’ Diagnose ist unbequem, weil sie die Debatte aus der Komfortzone holt. Kreislaufwirtschaft kann nicht mit ein paar Pilotprojekten, Rezyklatkampagnen oder Recyclingquoten erledigt werden. Sie verlangt eine Neuordnung von Verantwortlichkeiten. Rohstoffe, die bereits im Land verbaut, verlegt, verarbeitet, genutzt und gelagert sind, müssen als Teil einer nationalen Ressourcenbasis begriffen werden. Das anthropogene Lager, also die Summe der in Gebäuden, Anlagen, Infrastrukturen, Fahrzeugen, Geräten und Produkten gebundenen Materialien, wird zum strategischen Bestand. Nicht alles, was alt ist, ist Abfall. Vieles ist Kapital mit falschem Etikett.

Die Bundesregierung nähert sich diesem Gedanken. Das Aktionsprogramm verweist auf die nationale Rohstoffstrategie, den europäischen Critical Raw Materials Act und einen regierungsinternen Aktionsplan zur Weiterentwicklung der Rohstoffpolitik. Neben Lagerhaltung und heimischem Bergbau soll Kreislaufwirtschaft zur dauerhaften Sicherung der Versorgung beitragen. Genau hier liegt der Hebel: Sekundärrohstoffe sind keine ökologische Dekoration. Sie sind Teil der wirtschaftlichen Sicherheitsarchitektur.

Das Aktionsprogramm hat die Richtung erkannt

Das Berliner Papier enthält wichtige Bausteine. Eine Umsetzungsplattform soll zentrale Akteure einbinden, Prioritäten setzen und Maßnahmen begleiten. Investitionen in Kreislaufwirtschaft sollen über ein Förderprogramm „Zukunft Kreislaufwirtschaft“ im Klima- und Transformationsfonds unterstützt werden. Rund 260 Millionen Euro sind in den kommenden Jahren vorgesehen, hinzu kommen weitere Mittel zur Investitionsförderung für die Jahre 2027 bis 2030. Pilotanlagen, Demonstrationsvorhaben, Recycling von Batterien, Windkraftanlagen, Photovoltaik-Modulen, Textilien und kritischen Rohstoffen sollen gefördert werden. Die KfW soll stärker als Investitionsbank und Wagniskapitalgeberin auftreten.

Auch die öffentliche Beschaffung bekommt endlich die Rolle, die ihr seit Jahren zugeschrieben wird. Der Staat kauft im dreistelligen Milliardenbereich ein. Er könnte Märkte öffnen, Standards setzen und Planungssicherheit schaffen. Das Aktionsprogramm will den Einsatz von Sekundärrohstoffen im öffentlichen Bausektor steigern, das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen weiterentwickeln und zirkuläre Kriterien wie Rückbaufähigkeit, Reparierbarkeit, Wiederverwendbarkeit und Recyclingfähigkeit stärker in die Bedarfsermittlung und Planung bringen. Für Möbel und IT-Geräte sollen Leitfäden für gebrauchte und wiederaufgearbeitete Produkte entstehen.

Die Digitalisierungsinitiative ist ebenfalls ein tragender Teil des Programms. Digitale Produktpässe, Datenökosysteme, KI-Anwendungen, digitale Zwillinge, interoperable Systeme, Manufacturing X und GreenTech-Innovationsprojekte sollen Stoffkreisläufe messbar machen. Wer Kreislaufwirtschaft ernst nimmt, braucht Daten über Herkunft, Zusammensetzung, Nutzung, Reparaturfähigkeit, Schadstofffreiheit und Wiederverwendungspotenzial. Ohne diese Informationen bleibt jedes Material ein Verdachtsfall.

Auch das Kreislaufwirtschaftsrecht soll weiterentwickelt werden. Das Programm nennt die Stärkung des Vorrangs für Sekundärrohstoffe, bessere Vollzugstauglichkeit, Digitalisierung von Verwaltungsverfahren, die Novelle der Ersatzbaustoffverordnung und die Begleitung der Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm. Dazu kommen Maßnahmen zur Produktverantwortung, zur Stärkung von Kunststoffrezyklaten, zum Umgang mit Lithium-Batterien, zur internationalen Kooperation und zur Nutzung erneuerbarer Ressourcen. All das ist richtig. Doch es bleibt ein Programm der Ermöglichung. Noch ist es kein Programm des Marktdurchbruchs.

Die fehlende Grammatik der Märkte

Die große Schwäche der Kreislaufwirtschaft liegt nicht zuerst im Mangel an Ideen. Auf der IFAT war zu sehen, wie viele Technologien längst verfügbar sind: Sortiertechnik, Wasseraufbereitung, Membranverfahren, Ionentauscher, Dosiertechnik, digitale Erfassungssysteme, KI-gestützte Analyse, neue Recyclingverfahren. Wilts sprach von einer eigentümlichen Nervosität. Einerseits gilt Umwelttechnik weltweit als Wachstumsmarkt. Andererseits fehlt vielfach die Nachfrage. Wer kauft die Rezyklate? Wer setzt sie in großen Mengen ein? Wer garantiert Qualität? Wer trägt das Haftungsrisiko? Wer versichert ein Gebäude, in dem wiederverwendete Bauteile eingesetzt werden? Wer prüft die Spezifikationen? Wer übernimmt den Vollzug?

Bei Kunststoffen zeigt sich das Dilemma in besonderer Härte. Mindestrezyklatquoten ab 2030 können Nachfrage schaffen, doch viele Recycler müssen vorher überleben. Wenn die europäische Nachfrage nach Kunststoffen insgesamt schwächelt, wird Rezyklat zum ersten Streichposten. Neuware hat etablierte Lieferketten, vertraute Spezifikationen, eingespielte Verträge, klare Normen. Rezyklate tragen Zusatzkosten, die in keiner Preisliste stehen: Prüfung, Dokumentation, juristische Absicherung, Qualitätssicherung, Verhandlung mit vielen kleinen Anbietern.

Wilts nennt genau diese verdeckten Transaktionskosten als Kernproblem. Der Materialpreis ist nur ein Teil der Rechnung. Teurer wird es dort, wo jedes Unternehmen neu klären muss, ob ein Rezyklat die Spezifikation erfüllt, ob die Qualität gleichbleibend ist, ob der Lieferant belastbar zertifiziert ist und ob der Anwalt am Ende eine vertragssichere Formulierung findet. Standards würden diese Kosten senken. Normen würden Vertrauen schaffen. Verlässliche technische Regeln würden Rezyklate von der Ausnahme in die Routine holen.

Hier muss Berlin über das Aktionsprogramm hinausdenken. Es reicht nicht, digitale Produktpässe zu fördern, wenn die technischen Regeln für ihre praktische Verwendung fehlen. Es reicht nicht, Beschaffung zu ermuntern, wenn Vergabestellen im Zweifel den sichersten Weg wählen und Neuware bevorzugen. Es reicht nicht, Fördermittel anzukündigen, wenn Haftungsfragen im Gebäudesektor ungelöst bleiben. Die Regierung muss die Marktgrammatik ändern.

Wasser zeigt den unterschätzten Weg

Die Gespräche auf der IFAT mit Thomas Beutel von Lutz-Jesco und Sascha Roth vom BDE führen in ein Politikfeld, das für die Kreislaufwirtschaft lehrreicher ist als manche Strategiekommission: Wasser. Der Erfolg der Wasserwirtschaft beruhe wesentlich auf technischer Selbstverwaltung. Wenig starre Detailgesetzgebung, viele fachlich ausgehandelte technische Regeln. Normen legen fest, wie Anlagen sicher funktionieren, welche Aufbereitungsstoffe eingesetzt werden, welche Bauteile notwendig sind, wie Vakuumsysteme bei Chlorgasanlagen aufgebaut sein müssen, wie Sicherheitsventile, Überströmventile und Verfahren ineinandergreifen. Normenausschüsse prüfen ihre Regeln regelmäßig, arbeiten mit Herstellern, Anwendern, Behörden, Berufsgenossenschaften, Prüfern und Sachverständigen. Das Verfahren ist mühsam, fachlich, konsensorientiert. Sein Ergebnis ist Vertrauen.

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Beutel nannte die Chlorgasnorm DIN 19606 als Beispiel. Dort werden Vakuumanlagen so definiert, dass Chlorgas nicht austreten kann. Bauteile und Sicherheitsmechanismen sind beschrieben. Der Standard hat praktische Wirkung. Chlorgasunfälle sind selten geworden; oft handle es sich bei vermeintlichen Chlorgasunfällen um das falsche Vermischen von Säuren und Laugen. Technische Regeln schaffen keine Utopie. Sie reduzieren Risiken.

Für die Kreislaufwirtschaft ist dieses Modell deshalb so wichtig, weil es einen Weg aus dem Gegensatz von Überregulierung und Regelarmut zeigt. Der Staat formuliert Schutz- und Qualitätsziele. Die Fachwelt übersetzt sie in anerkannte Regeln der Technik. Behörden bleiben beteiligt, etwa Gesundheitsämter, Umweltbundesamt oder Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Doch die operative Intelligenz liegt näher an der Praxis.

Beutel formulierte den Kern mit großer Klarheit: Der Staat könne technische Dynamik oft schlechter regeln, weil er weniger flexibel sei. Normung sei näher am Fortschritt. Wer Gesetze mit unrealistischen Quoten oder allzu groben Vorgaben überfrachtet, erzeugt Vollzugsprobleme. Wer technische Regeln mit Sachverständigen, Anwendern, Herstellern und Behörden entwickelt, kann Qualität sichern und Anpassung ermöglichen.

Sascha Roth vom BDE ergänzte die wasserwirtschaftliche Perspektive um die Produzentenverantwortung. Mikroverunreinigungen, Spurenstoffe, Arzneimittelrückstände, Pestizide, Mikroplastik und Düngemittel stellen Kläranlagen vor neue Aufgaben. Die vierte Reinigungsstufe, Filtertechnik, Membrantechnik, Ionentauscher und präzise Dosiertechnik können viel leisten. Doch die Kosten landen schnell bei Kommunen und Gebührenzahlern. Roth fordert deshalb, jene stärker an den Folgekosten zu beteiligen, die Stoffe in den Wasserkreislauf einbringen. Die Logik ist aus der Abfallwirtschaft vertraut: Wer Produkte in Verkehr bringt, trägt Verantwortung für ihre Folgen.

Diese Verbindung aus technischer Normung, Produzentenverantwortung und Public-Private-Partnerships könnte zum Vorbild für andere Kreislauffelder werden. Roth betonte, dass es bei Partnerschaften mit privaten Betreibern nicht um die Privatisierung der Wasserressourcen gehe. Es geht um Betriebskompetenz, Spezialwissen, Skalierung und Unterstützung der kommunalen Daseinsvorsorge. Viele Kommunen stehen unter finanziellem Druck, viele Fachkräfte gehen in den Ruhestand, technische Anforderungen steigen. Wer hier nur auf kommunale Alleinverantwortung setzt, überfordert die Praxis.

Der Gebäudesektor als Prüfstand der Regierungspolitik

Im Gebäudesektor entscheidet sich, ob das Aktionsprogramm zur Realität wird. Kein anderer Bereich zeigt so deutlich, wie weit Erkenntnis und Umsetzung auseinanderliegen. Das Bauwesen bindet enorme Mengen an Material, verursacht hohe Emissionen und produziert große Abfallströme. Während Verpackungen im öffentlichen Bewusstsein dominieren, bleiben Beton, Stahl, Glas, Dämmstoffe, Fenster, Türen, Leitungen, Böden und technische Anlagen weitgehend unterhalb der politischen Wahrnehmung.

Gerade hier liegen die größten Reserven. Doch die Hindernisse sitzen tief. Wiederverwendete Baustoffe gelten häufig als Risiko. Versicherer fragen nach Garantien. Planer fürchten Haftung. Bauherren brauchen Rechtssicherheit. Normen bevorzugen bekannte Neuware. Bilanzielle Restwerte verschwinden. Das Handelsrecht behandelt gebrauchte Materialien oft nicht als Vermögen, das in einem zweiten Lebenszyklus neu bewertet werden kann. Die Folge ist grotesk: Ökologisch vernünftige Wiederverwendung wirkt betriebswirtschaftlich verdächtig.

Die Vorschläge aus den Green-Monday-Debatten greifen deshalb tiefer als das Aktionsprogramm. Öffentliche Beschaffung muss zirkuläre Kriterien nicht bloß erwähnen, sie muss sie rechtssicher gewichten. Das HGB braucht eine Öffnung für den Ressourcenwert gebrauchter Materialien. Versicherer benötigen Standards und gegebenenfalls staatlich flankierte Modelle, um Rückbaustoffe abzusichern. Digitale Materialpässe müssen Herkunft, Qualität, Schadstofffreiheit und Kreislauffähigkeit dokumentieren. Regionale Kompetenzzentren könnten Kommunen und Mittelstand bei Ausschreibung, Bewertung, Recht und Technik unterstützen.

Das Aktionsprogramm erkennt den Bau als Handlungsfeld. Es will das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen fortentwickeln, Materialfußabdrücke messbarer machen, Rückbaufähigkeit und Wiederverwendbarkeit in die Planung bringen und die Ersatzbaustoffverordnung novellieren. Doch die politische Energie muss größer werden. Der Staat baut, saniert, bestellt, mietet und finanziert in gewaltigem Umfang. Seine Beschaffung kann den Markt für Sekundärrohstoffe öffnen. Ohne diesen Nachfragehebel bleiben viele Anbieter im Vorraum der Transformation stecken.

Normung als Entbürokratisierung mit Fachverstand

Das Wort Normung klingt nach Staub, Aktenordnern und Ausschüssen. In Wahrheit entscheidet es über Geschwindigkeit. Ein Binnenmarkt für Sekundärrohstoffe entsteht nicht durch Appelle. Er entsteht durch gemeinsame Qualitätsklassen, Prüfverfahren, Dokumentationsstandards, digitale Schnittstellen und anerkannte Regeln. Ohne Normung bleibt jeder Stoff ein Einzelfall. Mit Normung wird er handelbar.

Wilts verweist auf die DIN-Normungsroadmap zur Kreislaufwirtschaft, an der rund 1200 Akteure beteiligt waren und in der Hunderte Normungsdefizite identifiziert wurden. Die Liste zeigt den Kern des Problems: Deutschland hat viele Technologien, aber zu wenige gemeinsame Regeln für ihre Skalierung. Die Wirtschaft fordert Planungssicherheit. Der Staat fordert Investitionen. Beide Seiten brauchen den dritten Faktor: technische Verständigung.

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Das Modell der Wasserwirtschaft kann hier helfen. Gesetze sollten Ziele setzen, Schutzinteressen definieren und Missbrauch verhindern. Die praktische Ausgestaltung sollte stärker über technische Selbstverwaltung laufen, eingebettet in demokratische Kontrolle und behördliche Mitwirkung. Sachverständige, Prüfer, Hersteller, Anwender, Kommunen, Umweltbehörden und Wissenschaft müssen gemeinsam festlegen, wann Sekundärrohstoffe gleichwertig einsetzbar sind, wie Qualität nachgewiesen wird, welche Prüfintervalle gelten und wie digitale Produktpässe in der Praxis funktionieren.

Technische Selbstverwaltung ist kein Rückzug des Staates. Sie ist eine andere Form staatlicher Intelligenz. Sie entlastet Gesetzgeber und Verwaltung dort, wo technische Details zu schnell wechseln. Sie stärkt die Verantwortung der Branchen. Sie zwingt Akteure, sich auf überprüfbare Regeln zu einigen. Sie schafft die Voraussetzung für Investitionen.

Steuerrecht, Haftung und Restwert gehören in die Reform

Ein weiterer blinder Fleck liegt im Steuerrecht. Wilts weist darauf hin, dass zirkuläre Geschäftsmodelle heute kein faires Spielfeld haben. Das Steuerrecht begünstigt vielfach lineare Neubeschaffung. Wer repariert, wiederverwendet, refurbished oder Rezyklate einsetzt, kämpft gegen Routinen, Abschreibungslogiken und Preisnachteile. Eine steuerliche Entlastung für Wiederverwendung, Reparatur und Einsatz von Rezyklaten wäre ein klares Signal. Die Mehrwertsteuerfrage ist europarechtlich komplex, doch Komplexität darf nicht zur Ausrede werden.

Auch die Haftungsfrage muss aus der Grauzone. Wer im Bau Rezyklate oder wiederverwendete Bauteile einsetzt, darf nicht darauf angewiesen sein, dass ein mutiger Planer, ein verständiger Versicherer und ein risikobereiter Bauherr zufällig zusammenfinden. Der Staat kann hier Standards, Musterverträge, Prüfregeln, Versicherungsmodelle und Bürgschaftsinstrumente anstoßen. Ein Material, das technisch geeignet ist, darf nicht an institutioneller Angst scheitern.

Der Restwert verdient ebenfalls eine Reform. Wenn ein Bauteil nach dem Rückbau noch nutzbar ist, muss seine ökonomische Bewertung möglich werden. Eine Tür, ein Fenster, ein Stahlträger oder eine Fassadenkomponente verliert nicht automatisch seine Funktion, nur weil ein Gebäude abgerissen wird. Der Ressourcenwert muss bilanziell sichtbar werden. Was die Buchhaltung auf null setzt, verschwindet oft auch aus der Investitionslogik.

Berlins Programm braucht eine zweite Stufe

Das Aktionsprogramm der Bundesregierung ist ein notwendiger Anfang. Es bündelt Maßnahmen, nennt Förderlinien, adressiert Beschaffung, Digitalisierung, kritische Rohstoffe, Lithium-Batterien, Produktverantwortung, Kunststoffrezyklate, EU-Recht, internationale Kooperation und biogene Ressourcen. Seine strategische Sprache ist weiter als frühere Umweltpapiere. Der Bezug zu Versorgungssicherheit, Resilienz und Rohstoffpolitik verdient Anerkennung.

Doch der entscheidende Test beginnt jetzt. Eine Umsetzungsplattform darf kein Debattierformat werden. Sie braucht Stoffstrom-Missionen, klare Verantwortlichkeiten, Fristen und messbare Fortschritte. Kunststoffrezyklate benötigen ein faires Spielfeld gegen Neuware und falsch deklarierte Importe. Baurohstoffe brauchen Normen, Versicherbarkeit und Beschaffungsdruck. Wasser braucht Produzentenverantwortung für Spurenstoffe und Investitionspfade für Kläranlagen. Phosphor aus Klärschlamm braucht verlässliche Fristen und marktfähige Verfahren. Batterien brauchen Pfandsysteme, Kennzeichnung und Brandschutzfonds. Digitale Produktpässe brauchen Normung, Datenschutz, Interoperabilität und KMU-Tauglichkeit.

Die Bundesregierung sollte ihr Aktionsprogramm deshalb um eine Normungs- und Marktöffnungsagenda erweitern. Dazu gehört ein beschleunigtes Programm zur Schließung der Normungslücken für Sekundärrohstoffe. Dazu gehört eine Taskforce aus Umweltbundesamt, DIN, DKE, DERA, KfW, Bauwirtschaft, Entsorgungswirtschaft, Versicherern, Kommunen und Sachverständigen. Dazu gehört eine Reformagenda für End-of-Waste, Haftung, Bilanzierung, öffentliche Beschaffung und steuerliche Anreize. Dazu gehört die Frage, wie technische Selbstverwaltung dort institutionalisiert werden kann, wo Verwaltung allein zu langsam wäre.

Die neue Ressourcensouveränität beginnt im Bestand

Die kommenden Jahre entscheiden darüber, ob Kreislaufwirtschaft in Deutschland ein Förderthema bleibt oder zur wirtschaftspolitischen Routine wird. Die Rohstoffe liegen nicht nur in Minen, Häfen und Lieferverträgen. Sie liegen in Gebäuden, Klärschlämmen, Altgeräten, Batterien, Textilien, Kunststoffen, Windkraftanlagen, Photovoltaik-Modulen, Fahrzeugen und kommunalen Infrastrukturen. Man muss sie finden, erfassen, bewerten, normieren, versichern, beschaffen und einsetzen.

Der Staat kann diesen Prozess nicht allein verwalten. Die Wirtschaft kann ihn nicht allein finanzieren. Die Kommunen können ihn nicht allein tragen. Die Wissenschaft kann ihn nicht allein erklären. Es braucht eine neue Arbeitsteilung zwischen Politik, Fachinstitutionen, Normung, privaten Betreibern, öffentlicher Beschaffung, Kapitalgebern und Produzentenverantwortung.

Die Wasserwirtschaft zeigt, wie Vertrauen in technische Systeme entstehen kann. Lutz-Jesco und Thomas Beutel führen vor, dass hochwertige Standards nicht aus Paragrafenflut wachsen, vielmehr aus fachlicher Verantwortung, überprüften Normen und anerkannten Regeln der Technik. Sascha Roth zeigt, dass Produzentenverantwortung auch im Wasserkreislauf politisch relevant wird. Henning Wilts zeigt, dass die Kreislaufwirtschaft an Transaktionskosten, fehlenden Märkten, Normungslücken und Rohstoffabhängigkeiten hängt. Das Aktionsprogramm zeigt, dass Berlin die Richtung erkennt.

Jetzt braucht die Regierung den Mut zur zweiten Übersetzung: aus Strategie muss Marktfähigkeit werden. Aus Sekundärrohstoffen müssen vertrauenswürdige Güter werden. Aus Beschaffung muss Nachfrage werden. Aus Normung muss Entbürokratisierung mit Sachverstand werden. Aus Rohstoffpolitik muss eine Politik des Bestands werden. Deutschland hat genug Stoffe. Es fehlt die Ordnung, sie wieder wertvoll zu machen.

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