Dieter Wellershoffs Beitrag „Die Pflicht zu führen“ liest sich heute wie ein Text aus einer anderen politischen Temperaturzone. Er stammt aus dem Jahr 1999, aus dem Sammelband „Recht – Staat – Gesellschaft“, herausgegeben von Petra Kolmer und Harald Korten. Geschrieben hat ihn kein Karrierist des Managementjargons, kein Konferenzredner mit Folienästhetik, kein Ratgeberautor für situative Selbstoptimierung. Geschrieben hat ihn Admiral a. D. Dieter Wellershoff, früherer Generalinspekteur der Bundeswehr, ein Mann aus einer Welt, in der Führung mit Verantwortung, Risiko, Hierarchie, Zielklärung und möglichen Folgen verbunden ist.
Schon der Titel setzt eine Zumutung, die er selbst ernst nimmt: „Die Pflicht zu führen“. Führung erscheint bei Wellershoff nicht als Privileg. Sie ist Dienst. Sie ist Last. Sie ist Entscheidung unter Zeitdruck. Sie verlangt Urteilskraft. Sie fordert Rechenschaft. Sie berührt die Frage, ob ein Gemeinwesen in der Lage ist, sich in gefährlichen Lagen zu orientieren.
Der Text gewinnt heute eine neue Schärfe, weil Deutschland vor einer Neuvermessung seiner Sicherheitsarchitektur steht. Innere und äußere Sicherheit lassen sich kaum noch sauber trennen. Cyberangriffe, Desinformation, Sabotage, Spionage, organisierte Kriminalität, Angriffe auf kritische Infrastrukturen, politische Radikalisierung, Erpressbarkeit in Lieferketten, verwundbare Kommunikationsnetze, zivile Schutzlücken und militärische Abschreckung greifen ineinander. Der Staat, der diese Felder getrennt behandelt, verliert Zeit. Der Staat, der Zeit verliert, verliert Handlungsfähigkeit.
Wellershoffs Text liefert dafür keine technische Blaupause. Seine Bedeutung liegt tiefer. Er fragt nach der Fähigkeit des Gemeinwesens, Verantwortung zu übernehmen. Er zeigt, weshalb Führung in einer Demokratie nicht verdächtig gemacht werden darf, sobald sie an Recht, Kontrolle, Kompetenz und Gemeinwohl gebunden bleibt.
Das deutsche Unbehagen am Führen
Wellershoff beginnt mit der deutschen Empfindlichkeit gegenüber dem Führungsbegriff. Das ist kein rhetorischer Auftakt, es ist die Diagnose einer politischen Kultur. Die deutsche Geschichte hat den Begriff vergiftet. Demokratie wird häufig so verstanden, als müsse Führung möglichst unsichtbar werden. Selbstbestimmung wird gern als Abwehr jeder Leitung verstanden. Autorität gilt rasch als Restbestand vormoderner Verhältnisse.
Wellershoff nimmt diese Einwände ernst. Er geht ihnen nach, statt sie bequem zu übergehen. Er nennt die deutsche Geschichte, das Demokratieverständnis, das Ideal der Selbstbestimmung und den Mythos des Naturtalents als Ursachen einer Führungshemmung. Gerade daraus entsteht seine zentrale Frage: Was geschieht mit einem Gemeinwesen, das Führung braucht, aber Führung kaum noch auszusprechen wagt?
Diese Frage trifft den Kern der Gegenwart. Deutschland hat sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, Sicherheit arbeitsteilig, ressortförmig und ereignisgetrieben zu organisieren. Das Militär war für den äußeren Ernstfall zuständig. Polizei, Verfassungsschutz, Katastrophenschutz und Justiz bearbeiteten innere Gefahren. Behörden schützten jeweils ihre Zuständigkeiten. Unternehmen betrieben ihre Systeme. Kommunen sorgten für Daseinsvorsorge. Bürger erwarteten, dass im Ernstfall irgendwer zuständig sein werde.
Diese Ordnung war bequem. Sie entsprach einer Zeit, in der viele Gefahren als getrennte Sachgebiete erschienen. Diese Zeit ist vorbei. Die neue Lage zwingt zur Verbindung. Ein Angriff auf Stromversorgung, Kliniken, Verkehrssteuerung, Satellitenkommunikation, Wasserwerke oder Verwaltungsnetze kann innere Ordnung und äußere Sicherheit zugleich treffen. Ein digitaler Angriff kann politische Folgen haben. Eine Desinformationskampagne kann Einsatzfähigkeit schwächen. Eine Sabotagehandlung kann Polizei, Nachrichtendienste, Bundeswehr, Unternehmen und Kommunen zugleich betreffen.
Wellershoffs Frage nach Führung wirkt hier wie ein Stresstest. Wer führt, sobald Zuständigkeiten ineinanderlaufen? Wer entscheidet, sobald Informationen unvollständig sind? Wer verantwortet Prioritäten, sobald Ressourcen begrenzt sind? Wer spricht zur Öffentlichkeit, ohne Panik zu erzeugen und ohne Lagebilder zu beschönigen? Wer hält durch, sobald Entscheidungen unpopulär werden?
Führung als soziale, fachliche und moralische Leistung
Wellershoff definiert Führung nicht aus Pose und Rang. Führung ist für ihn ein Prozess sozialen Handelns. Wille wird auf andere Menschen übertragen, um ein Ziel zu erreichen. Dieser Satz könnte grob klingen, doch Wellershoff bindet ihn sofort an Verfahren, Information, Legitimation, Verantwortung und ethische Maßstäbe. Führung ist kein bloßer Befehl. Sie ist eine anspruchsvolle Vermittlung von Ziel, Lage, Mitteln, Menschen und Folgen.
Er nennt fünf Felder, die Führung tragen: soziale Kompetenz, fachliches Können, Beherrschung von Methoden und Verfahren, Information der Öffentlichkeit, ethische Verantwortung. Diese Struktur ist auch für die Sicherheitsdebatte von heute brauchbar. Soziale Kompetenz verhindert, dass Führung zur bloßen Befehlsgeste verkommt. Fachliches Können schützt vor Dilettantismus. Methodenkompetenz sorgt für Planung, Lagebewertung und Kontrolle. Öffentlichkeit verhindert Arkanpolitik. Ethik bindet die Entscheidung an Maß und Recht.
Gerade innere und äußere Sicherheit verlangen diese Verbindung. Sicherheitsstaatliche Rhetorik ohne Ethik führt in gefährliche Nähe zur Exekutivselbstermächtigung. Ethische Beschwörung ohne fachliches Können bleibt folgenlos. Methoden ohne politische Verantwortung werden zu Verwaltungsroutine. Öffentlichkeit ohne Lagekenntnis erzeugt Theater. Fachwissen ohne Führung bleibt in Akten, Stäben und Zuständigkeitsgrenzen stecken.
Die neue Sicherheitslage braucht daher keine heroischen Gesten. Sie braucht verantwortliche Führungsarchitektur. Das klingt weniger spektakulär, ist aber anspruchsvoller. Der Staat muss in der Lage sein, Ressorts, Ebenen und Akteure zu verbinden, ohne die rechtsstaatliche Bindung preiszugeben. Er muss handeln können, bevor Schäden irreversibel werden. Er muss erklären können, weshalb Eingriffe notwendig sind. Er muss Fehler eingestehen können, ohne Autorität zu verlieren. Er muss üben, bevor der Ernstfall kommt.
Der Staat darf sich nicht in Verfahren verstecken
Wellershoffs Text ist auch eine Warnung vor der Flucht in Verfahren. Verfahren sind wichtig. Demokratie lebt von Verfahren. Rechtsstaatlichkeit braucht Verfahren. Doch Verfahren ersetzen keine Entscheidung. Ein Staat, der seine Verantwortung in Abstimmungsschleifen, Gremien, Ressortvorbehalte und Zuständigkeitsprüfungen auslagert, führt am Ende gar nicht mehr. Er lässt geschehen.
Das ist für die Sicherheitsarchitektur zentral. Innere und äußere Sicherheit werden heute häufig an den Rändern ihrer alten Zuständigkeiten herausgefordert. Hybride Bedrohungen halten sich nicht an Geschäftsverteilungspläne. Cyberangriffe fragen nicht, ob der Server kommunal, privat, militärisch oder ministeriell relevant ist. Desinformation wirkt quer durch Öffentlichkeit, Parteien, Medien, Verwaltung, Wissenschaft und Unternehmen. Sabotage kann im Hafen, im Rechenzentrum, am Kabel, in der Lieferkette, im Datenraum oder im Kopf stattfinden.
Hier reicht Koordination als Beschwörungswort nicht aus. Koordination braucht Führung. Führung braucht Mandat. Mandat braucht Kontrolle. Kontrolle braucht Transparenz. Transparenz braucht verständliche Kommunikation. Diese Kette ist politisch, rechtlich und organisatorisch aufzubauen.
Ein Staat, der sich neu positionieren will, muss daher mehr können als Programme ankündigen. Er braucht ein Lageverständnis, das innere und äußere Sicherheit zusammenführt. Er braucht Übungen, die Verwaltung, Polizei, Bundeswehr, Nachrichtendienste, Unternehmen, Kommunen und zivile Organisationen nicht isoliert trainieren. Er braucht Prioritäten für kritische Infrastruktur. Er braucht belastbare Kommunikationswege in Krisen. Er braucht Entscheidungsregeln für unklare Lagen. Er braucht politische Führung, die Verantwortung nicht erst übernimmt, sobald die Lage dramatisch eskaliert.
Wellershoff hätte diese Fragen wohl nicht als Modeproblem behandelt. Für ihn wäre entscheidend gewesen, ob Führungspersonen wissen, was sie tun, ob sie die Lage verstehen, ob sie ihre Leute befähigen, ob sie die Öffentlichkeit ernst nehmen und ob sie für Folgen einstehen.
Demokratie braucht Autorität mit Grenze
Der heikelste Punkt liegt im Verhältnis von Führung und Demokratie. In Deutschland wird Führung oft als Gegenteil demokratischer Kultur missverstanden. Wellershoff widerspricht diesem Reflex. Demokratie braucht Führung, weil sie handlungsfähig bleiben muss. Sie braucht zugleich Begrenzung, Kontrolle, Recht, Verantwortlichkeit und öffentliche Rechenschaft.
Das ist die Formel, die für innere und äußere Sicherheit heute leitend sein müsste. Der Staat darf angesichts realer Gefahren nicht in Lähmung geraten. Er darf Gefahren auch nicht zum Blankoscheck für Machtverdichtung machen. Sicherheitsfähigkeit und Freiheitsbindung gehören zusammen. Wer die Freiheit schützen will, muss handlungsfähig sein. Wer Handlungsfähigkeit herstellt, muss sich rechtsstaatlich binden lassen.
Diese Balance ist anspruchsvoll, weil sie gegen zwei populäre Verführungen steht. Die eine Verführung heißt Verharmlosung. Sie tut so, als seien hybride Angriffe, Spionage, Sabotage, Cyberkriminalität und militärische Bedrohung bloß Themen für Fachkreise. Die andere Verführung heißt Sicherheitsrausch. Sie verwandelt jede Gefahr in den Ruf nach maximaler Exekutive. Beide Wege führen in die Irre. Der erste macht verwundbar. Der zweite beschädigt die Ordnung, die geschützt werden soll.
Wellershoffs Führungsbegriff kann hier disziplinieren. Führung heißt bei ihm nicht Durchregieren. Führung heißt Zielbildung, Kompetenz, Kommunikation, Verantwortung, Maß. Daraus folgt eine Sicherheitsstrategie, die weder naiv noch autoritär sein darf. Sie muss Bürger ernst nehmen. Sie muss Zumutungen erklären. Sie muss Freiheitsrechte achten. Sie muss Krisen aushalten. Sie muss die Streitkräfte in eine gesamtstaatliche Sicherheitsordnung einbinden, ohne militärische Logik auf das gesamte Gemeinwesen zu übertragen.
Äußere Sicherheit beginnt im Inneren
Die alte Trennung zwischen äußerer und innerer Sicherheit war nie vollkommen sauber, doch sie wirkte lange ordnend. Heute ist sie für viele Lagen zu grob. Äußere Sicherheit beginnt im Inneren, sobald Infrastruktur, gesellschaftliche Resilienz, Informationsräume, Versorgungssysteme und politische Entscheidungsfähigkeit angegriffen werden können. Innere Sicherheit reicht nach außen, sobald organisierte Kriminalität, Nachrichtendienste, Terrornetzwerke, digitale Angriffswerkzeuge und geopolitische Interessen ineinander greifen.
Das verlangt eine neue Staatskunst. Sie beginnt nicht mit martialischer Sprache. Sie beginnt mit der Fähigkeit, Abhängigkeiten zu erkennen. Welche Systeme müssen unter Stress weiterlaufen? Welche Kommunikationswege funktionieren bei Stromausfall? Welche Behörden können in Krisen entscheiden? Welche Datenbestände sind unverzichtbar? Welche privaten Betreiber tragen öffentliche Sicherheitsrelevanz? Welche Fähigkeiten fehlen bei Bundeswehr, Polizei, Katastrophenschutz, Verwaltung, Justiz und Nachrichtendiensten? Welche Gesetze behindern notwendige Kooperation? Welche Freiheitsrechte brauchen präzisere Schutzmechanismen, damit Sicherheitsmaßnahmen nicht entgleiten?
Diese Fragen sind unbequem, weil sie zeigen, dass Sicherheit keine Ressortware ist. Sie betrifft Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Doch daraus folgt keine allgemeine Militarisierung des Zivilen. Es folgt die Pflicht, Verantwortungsräume klar zu ordnen. Wer zuständig ist, muss befähigt sein. Wer befähigt ist, muss kontrolliert werden. Wer kontrolliert wird, muss handlungsfähig bleiben.
Wellershoff spricht von Zielorientierung, Menschenorientierung, Eigenwohlorientierung, Überzeugen, Vertrauen, Autorität, Können und Verantwortung. Übertragen auf die Sicherheitslage heißt das: Der Staat muss Ziele benennen, Menschen mitnehmen, Interessen offenlegen, Vertrauen verdienen, Autorität durch Kompetenz gewinnen, Können aufbauen und Verantwortung übernehmen.
Die Öffentlichkeit als Sicherheitsfaktor
Ein besonders aktueller Teil von Wellershoffs Führungsverständnis betrifft die Information der Öffentlichkeit. In informationsoffenen Gesellschaften findet Führung unter Beobachtung statt. Geheimhaltung mag in bestimmten Lagen nötig sein. Dauerhafte Intransparenz zerstört Vertrauen. Wer Bürger nur beruhigen will, ohne sie ernsthaft zu informieren, unterschätzt die politische Reife einer Gesellschaft und überschätzt die Steuerbarkeit öffentlicher Kommunikation.
Innere und äußere Sicherheit brauchen daher eine neue Sprache. Sie darf Gefahren nicht verniedlichen. Sie darf sie nicht dramatisieren. Sie muss erklären, was auf dem Spiel steht. Sie muss sagen, welche Vorsorge erwartet wird. Sie muss Verantwortlichkeiten sichtbar machen. Sie muss Unsicherheit aushalten. Gerade in Krisen entscheidet sich, ob Führung glaubwürdig ist.
Die Versuchung zur Beschwichtigung ist groß. Niemand will Angst erzeugen. Doch eine demokratische Sicherheitskultur kann auf informierte Bürger nicht verzichten. Bevölkerungsschutz, Cybersicherheit, Verteidigungsfähigkeit, Krisenvorsorge, Schutz kritischer Infrastruktur und politische Resilienz leben von Mitwissen. Ohne Öffentlichkeit entsteht ein Staat, der im Ernstfall plötzlich Gehorsam erwartet, nachdem er jahrelang Bequemlichkeit versprochen hat.
Wellershoffs Gedanke der Führung als gegenseitiger Information ist hier entscheidend. Führung ist keine Einbahnstraße. Wer führt, muss hören können. Er muss Lagebilder aus der Fläche aufnehmen. Kommunen, Unternehmen, Sicherheitsbehörden, Wissenschaft, Medien und Zivilgesellschaft besitzen jeweils Teilwissen. Der Staat muss dieses Wissen verbinden. Daraus entsteht kein basisdemokratisches Krisenorakel. Daraus entsteht bessere Führung.
Maß, Tapferkeit und Gemeinwohl
Am Ende seines Beitrags stellt Wellershoff klassische Fragen: Ist es klug? Ist es gerecht? Ist es tapfer? Habe ich das rechte Maß gefunden? Diene ich mit meinem Verhalten dem Gemeinwohl? Diese Fragen wirken im Zeitalter sicherheitspolitischer Strategiepapiere fast fremd. Genau darin liegt ihr Wert.
Klugheit schützt vor Aktionismus. Gerechtigkeit schützt vor willkürlicher Lastenverteilung. Tapferkeit schützt vor Feigheit im Amt. Maß schützt vor Überreaktion. Gemeinwohl schützt vor Karrierepolitik, Ressortegoismus und taktischer Symbolik.
Für die Neuordnung innerer und äußerer Sicherheit heißt das: Klug ist, Verwundbarkeiten anzuerkennen, bevor sie ausgenutzt werden. Gerecht ist, Lasten, Pflichten und Schutz nicht nach Lautstärke einzelner Gruppen zu verteilen. Tapfer ist, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Maßvoll ist, Sicherheitsinstrumente präzise zu begrenzen. Gemeinwohlorientiert ist, den Schutz der Freiheit nicht gegen die Freiheit auszuspielen.
Wellershoffs Text führt damit in die Mitte der Staatsfrage zurück. Sicherheit ist kein technisches Ressortproblem. Sie ist ein Test politischer Ordnung. Ein Staat, der nicht schützen kann, verliert Vertrauen. Ein Staat, der nur noch schützen will, verliert Freiheit. Zwischen beiden Abgründen braucht es Führung.
Der Schutz der Freiheit verlangt Führung
Dieter Wellershoff erinnert am Ende seines Beitrags an Hans Michael Baumgartners Gedanken zum Staatszweck: Schutz der Freiheit als Autonomie und Sicherung der Freiheit als äußerer Handlungsraum. Dieser Satz verbindet den Admiral mit dem Philosophen. Er gibt der Sicherheitsfrage ihre politische Würde.
Innere und äußere Sicherheit dürfen nicht als Sonderbereiche behandelt werden, die irgendwo zwischen Polizei, Militär, Nachrichtendiensten und Katastrophenschutz erledigt werden. Sie berühren den Kern des Staates. Der Staat ist rechtfertigungspflichtig, weil er Macht ausübt. Er ist zugleich schutzpflichtig, weil Freiheit ohne Sicherheit leerläuft. Diese Doppelbindung ist schwer. Sie verlangt politische Reife.
Deutschland muss sich in dieser Doppelbindung neu positionieren. Es braucht keine Sicherheitsromantik. Es braucht keine Rhetorik der Härte um ihrer selbst willen. Es braucht einen Staat, der führen kann, weil er weiß, was er schützen will. Einen Staat, der seine Bürger nicht als Publikum behandelt. Einen Staat, der äußere Bedrohungen, innere Verwundbarkeiten und zivile Resilienz zusammendenkt. Einen Staat, der Entscheidungsfähigkeit übt, bevor der Ernstfall sie erzwingt.
Wellershoff hat 1999 nicht über die heutige Lage geschrieben. Doch sein Text trifft ihre Voraussetzungen. Führung ist Pflicht, sobald Freiheit, Recht und Gemeinwesen auf dem Spiel stehen. Diese Pflicht darf in einer Demokratie weder dämonisiert noch romantisiert werden. Sie muss gelernt, kontrolliert, eingeübt und getragen werden.
Eine späte Erinnerung an Harald Korten
Der Beitrag steht in einem Band, den Petra Kolmer und Harald Korten herausgegeben haben. Für mich ist diese Tatsache mehr als bibliographische Information. Harald war mein Freund, mein Nachbar, ein begnadeter Redner, ein philosophischer Kopf von großer Lebendigkeit. Er starb 2017. Der Band „Recht – Staat – Gesellschaft“ gehört zu den sichtbaren Spuren seines Denkraums, seiner Nähe zu Hans Michael Baumgartner, seiner Arbeit an den Grundfragen des Politischen. Wer Wellershoffs „Pflicht zu führen“ heute liest, liest auch ein Stück jener Bonner philosophischen Welt, in der Harald Korten lebte und arbeitete. Solche Spuren verdienen Bewahrung.
