Die Punkte müssen ein Bild ergeben: Winfried Felser, das Kompetenznetz Marine und Clayton Christensen zeigen, was dem deutschen Sicherheitsökosystem noch fehlt

von Gunnar Sohn
7. Juni 2026

Bremerhaven war früher dran

Manche Ideen kommen zu früh und wirken später wie Warnungen aus einer überhörten Zukunft. Anfang der 2000er Jahre arbeitete die deutsche Marine an einem Problem, das heute unter dem Begriff Sicherheitsökosystem 2030 wiederkehrt: Wie findet eine Organisation ihre verstreute Intelligenz? Wie verbindet sie Experten, Dokumente, Erfahrungswissen, Einsatzroutinen, Technologie und Partner zu einer Fähigkeit, die schneller lernt als die Lage sich verändert?

Der Fachbeitrag von Arnd Kah, Axel Seemann und Frank Strewinsky über netzwerkbasierte Kompetenzentwicklung in der deutschen Marine liest sich aus heutiger Sicht wie eine Vorstudie zur Gesamtverteidigung. Die Marine stand vor neuen Bedrohungen, internationalen Krisen, terroristischen Szenarien, schwer kalkulierbaren Konflikten. Die Antwort war kein weiteres Organigramm. Die Antwort hieß Kompetenznetz Marine: Experten identifizieren, Wissen vernetzen, Kompetenzzentren bilden, Projekte aus Aufgaben heraus organisieren, implizites Erfahrungswissen aus den Köpfen der Fachleute nutzbar machen. Darin steckt die alte, noch immer unerledigte deutsche Sicherheitsfrage: Wir besitzen Kompetenz. Wir verteilen sie nur schlecht.

Pointillismus als maritime Strategielehre

Winfried Felser hat den Pointillismus als Bild für die maritime Industrie von einem Admiral übernommen. Der Vergleich ist zu gut, um ihn in der Kunstgeschichte liegenzulassen. Georges Seurat, Paul Signac, Henri-Edmond Cross und Maximilien Luce setzten ihre Bilder aus einzelnen Farbpunkten. Aus nächster Nähe sah man Partikel. Aus der Entfernung entstand Form. Das Bild lebte aus Abstand, Kontrast, Beziehung und Wahrnehmung.

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Auf die maritime Sicherheits- und Verteidigungsindustrie übertragen heißt das: Werften, Häfen, Reeder, Marine, Zulieferer, Forschung, Sensorik, Logistik, Cyberabwehr, Kommunikation, Ausbildung, Reservisten, Küstenländer, Bundeswehr, Polizei, Zoll, Energieversorger, Kabelbetreiber, Satellitendaten, Rechenzentren. Jeder Punkt ist real. Jeder Punkt hat seine eigene Farbe, Sprache, Rechtsgrundlage, Finanzierung und Trägheit. Aus der Nähe wirkt das wie ein Gewimmel. Aus der strategischen Distanz muss daraus ein Bild werden.

Der Pointillismus ist damit keine dekorative Metapher. Er ist eine Organisationslehre. Er zwingt zu der Frage, welche Punkte fehlen, welche zu weit auseinanderliegen, welche falsch gewichtet werden und wo Verbindung nötig ist. Ein Hafen ohne Cyberlage ist blind. Eine Marine ohne industrielle Reparaturfähigkeit ist abhängig. Ein Lagezentrum ohne Betreiberwissen sieht zu wenig. Eine Werft ohne Fachkräfteplanung verliert Zeit. Ein Satellit ohne sichere Datenkette bleibt ein ferner Punkt am Himmel.

Der Kybernetiker der Bundeswehr

Felser verdankt die kybernetische Tiefenschicht dieser Gedanken einem Kapitän, dessen Name fast literarisch wirkt: Seemann. In der Sache geht es weniger um Biographie als um eine Denkform. Kybernetik heißt nicht Rechnen um des Rechnens willen. Sie handelt von Steuerung, Rückkopplung, Beobachtung, Anpassung. Norbert Wiener dachte Systeme, die Signale aufnehmen, Störungen erkennen und ihr Verhalten verändern.

Kybernetik dritter Ordnung geht weiter. Sie fragt, wie ein System seine eigenen Beobachtungsweisen beobachtet. Für Sicherheitspolitik ist das entscheidend. Ein Lagebild zeigt nie einfach „die Wirklichkeit“. Es zeigt das, was ein System zu sehen gelernt hat. Es blendet aus, was nicht in seine Kategorien passt. Es überschätzt, was messbar ist. Es unterschätzt, was nur als Erfahrungswissen vorliegt.

Das Kompetenznetz Marine war in diesem Sinn kein IT-Projekt. Es war ein Versuch, die Beobachtungsfähigkeit einer Organisation zu verändern. Der Beitrag beschreibt Kompetenz-Networking als höchste Ausbaustufe des Wissensmanagements. Nicht Dokumente allein zählen, auch Expertenprofile, Dialoge, Projektarbeitsräume, virtuelle Kompetenzzentren, Aufgabenmanager, Themenverantwortliche und eine Taxonomie, die die Sprache der Marine ordnet.

Das klingt technisch. Tatsächlich geht es um Macht über die eigene Wahrnehmung. Wer seine Experten nicht findet, kann sein Wissen nicht einsetzen. Wer sein Wissen nicht vernetzt, entscheidet unter Wert.

Die duale Organisation: Kompetenz und Aufgabe

Der zentrale Gedanke des Kompetenznetzes Marine liegt in der Verbindung von dauerhaften Kompetenzzentren und aufgabenbezogenen Arbeitsräumen. Kompetenzzentren sichern Wissen, Erfahrung, Dokumente, Begriffe, Ansprechpartner und Standards. Aufgabenräume ziehen für konkrete Projekte jene Menschen und Inhalte zusammen, die gebraucht werden.

Das ist eine Organisationsform, die dem Sicherheitsökosystem 2030 fehlt. Deutschland denkt gern in Institutionen. Ministerium, Behörde, Amt, Kommando, Abteilung, Landkreis, Betreiber. Doch Lagen entstehen quer zu diesen Linien. Ein Cyberangriff auf einen Hafen braucht andere Kompetenzpunkte als ein Drohnenüberflug über ein Umspannwerk. Ein Ausfall von Bahntrassen verlangt andere Verbindungen als eine Desinformationswelle vor einer Evakuierung. Eine Krise im Gesundheitswesen ruft andere Akteure auf als eine Störung der Satellitenkommunikation.

Die Lehre aus der Marine lautet: Kompetenz muss auf Vorrat gepflegt werden, Aufgaben müssen beweglich zusammengesetzt werden. Wer erst in der Lage sucht, wen er braucht, hat schon Zeit verloren.

Informelle Führung im Ahrtal

Fregattenkapitän Frank Strewinsky steht in Felsers Erzählung für eine andere Qualität: informelle Führung. Gerade das Ahrtal hat gezeigt, dass formale Zuständigkeiten in der Krise nur einen Teil der Wahrheit abbilden. Menschen führen, weil sie Lage erkennen, Vertrauen stiften, Entscheidungen ermöglichen, Wege verkürzen, Ressourcen verbinden. Nicht, weil ein Kästchen im Organigramm sie dazu adelt.

In der deutschen Verwaltungskultur wird informelle Führung oft als Störung des geregelten Ablaufs betrachtet. In der Krise kann sie Rettung sein. Das Problem beginnt, sobald der Staat auf informelle Führung angewiesen ist, weil die formale Architektur zu langsam ist. Dann hängt Handlungsfähigkeit an Persönlichkeiten, Mut, Telefonnummern, Zufällen und improvisierter Autorität.

Das Sicherheitsökosystem braucht daher beides: die Freiheit informeller Intelligenz und die Verlässlichkeit formaler Anschlussfähigkeit. Die richtige Person muss handeln können, ohne das System gegen sich zu haben.

Christensen und der Organisationsschock

Clayton Christensen liefert für diese Frage den wirtschaftstheoretischen Spiegel. Sein „Innovator’s Dilemma“ zeigte, wie etablierte Organisationen an neuen Angreifern scheitern, weil ihre Prozesse auf die alte Welt zugeschnitten bleiben. In „Clausewitz – Strategie denken“ wird Christensen im Kapitel zu Friktion und Lernprozessen als Denker jener Situationen eingeführt, in denen Pläne zerfallen, sobald die Umwelt nicht mehr den bisherigen Kategorien folgt. Auf Seite 103 erscheint die Warnung vor Planung, die so tut, als gebe es keinen Nebel.

Felser greift Christensens Pentagon-Episode auf: Der Disruptionsforscher erklärte die Mini-Mills der Stahlindustrie. General Hugh Shelton übertrug das Modell auf die Sicherheitslage: Die alten integrierten Stahlwerke stehen für den großen Apparat, die Mini-Mills für neue, aufsteigende Akteure. Terrornetzwerke greifen nicht dort an, wo der Apparat am besten vorbereitet ist. Sie kommen von unten, mit anderen Kosten, anderer Geschwindigkeit, anderer Organisationsform.

Wichtig ist die historische Präzision. Das United States Special Operations Command entstand 1987. Christensen hat es nicht gegründet. Sein Beitrag lag später darin, eine Sprache für den organisatorischen Bruch zu liefern: Eine neue Bedrohungsform verlangt eine andere Arbeitsform. Das Pentagon nutzte diese Logik, um getrennte Strukturen, andere Prozesse und andere Maßstäbe für Terrorismusbekämpfung zu legitimieren.

Deutschland hat diese Lehre nie konsequent übersetzt. Wir führen Debatten über neue Aufgaben und behalten zu oft die alten Formen.

Clausewitz, Nebel und Friktion

Bolko von Oettinger hat in „Clausewitz – Strategie denken“ mit besonderer Schärfe gezeigt, weshalb Clausewitz für Organisationen so wertvoll bleibt. Clausewitz’ große Begriffe heißen Friktion, Nebel, Unsicherheit, Wechselwirkung, moralische Kräfte, Urteil. Auf den Seiten 96 bis 99 wird Friktion als jene Kraft beschrieben, die Pläne zersetzt, sobald Menschen, Zufall, Material, Wetter, Angst, Irrtum und Reibung in die Wirklichkeit treten.

Das ist für das Sicherheitsökosystem zentral. Deutschland schreibt gern Pläne. Es liebt Zuständigkeiten. Es baut Systeme, Programme, Meldewege. Clausewitz würde fragen: Was geschieht, sobald die erste Annahme bricht? Was geschieht, falls die Brücke ausfällt, der Funk gestört ist, der Landkreis überlastet wird, der Betreiber nicht erreichbar ist, der Krisenstab zu spät zusammentritt, die Daten unvollständig sind, die Öffentlichkeit falsch informiert wird?

Der Nebel des Krieges ist heute nicht nur Rauch über dem Schlachtfeld. Er liegt in widersprüchlichen Daten, sozialen Medien, Cyberangriffen, hybriden Operationen, Lieferketten, privaten Infrastrukturen, föderalen Zuständigkeiten und der psychologischen Erschöpfung einer Gesellschaft, die Krisen gern als Störung des Normalbetriebs behandelt.

Ockhams Rasiermesser richtig verstanden

Ockhams Rasiermesser wird oft als billige Aufforderung missbraucht, alles einfach zu machen. Historisch ist es anspruchsvoller. Wilhelm von Ockham, Franziskaner, Logiker und Theologe des 14. Jahrhunderts, formulierte den Grundsatz, dass man Entitäten nicht ohne Not vermehren solle. Im strategischen Kontext heißt das: Eine Erklärung, ein Plan, eine Struktur soll nicht mehr Annahmen, Ausnahmen und Hilfskonstruktionen enthalten als nötig.

In „Clausewitz – Strategie denken“ erscheint Ockham unter der Überschrift „Ockhams Rasiermesser“ auf den Seiten 141 bis 143. Dort wird das Prinzip mit dem amerikanischen KISS-Gedanken verbunden: keep it simple. Doch die Darstellung warnt zugleich vor einem Missverständnis. Einfachheit ist kein Selbstzweck. Sie ist wertvoll, weil komplexe Konstruktionen unter Friktion schneller brechen. Je mehr Annahmen ein Plan braucht, je mehr Zwischenschritte er voraussetzt, je mehr Gremien, Ausnahmen und perfekte Informationslagen er benötigt, desto anfälliger wird er.

Für Gesamtverteidigung heißt das: Wir brauchen keine primitive Sicherheitsarchitektur. Wir brauchen eine Architektur, die unter Druck einfacher handelt als sie im Organigramm aussieht. Ein Lagebild muss klären, nicht verwirren. Ein Meldeweg muss laufen, nicht beeindrucken. Eine Zuständigkeit muss Entscheidung ermöglichen, nicht Zuständigkeit beweisen. Ockham rasiert nicht die Komplexität der Wirklichkeit weg. Er rasiert die Eitelkeit schlechter Konstruktionen.

Der Staat als überladenes System

Das deutsche Sicherheitsproblem liegt nicht im Mangel an klugen Einzelstellen. Es liegt in der Überladung des Zusammenspiels. Bundeswehr, Polizei, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, Länder, Kommunen, Betreiber kritischer Infrastruktur, Nachrichtendienste, Hilfsorganisationen, Industrie, Forschung, Medien, Bürger. Jeder Punkt hat Gründe. Jeder Punkt hat Recht. Jeder Punkt hat Geschichte.

Der Fehler entsteht, sobald aus Berechtigung Blockade wird. Sobald jede Stelle ihre Sicht schützt, jede Datenfreigabe vertagt, jede Übung im Format der eigenen Institution bleibt, jede Beschaffung in den Routinen der Vergangenheit hängt. Dann besitzt der Staat viele Punkte und kein Bild.

Felsers pointillistisches Gleichnis ist daher brutal genau. Die Punkte müssen so gesetzt werden, dass aus ihnen Wirkung entsteht. Wer nur Punkte zählt, betreibt Inventur. Wer Beziehungen gestaltet, beginnt Strategie.

Network Centric Warfare war nie nur Technik

Das Kompetenznetz Marine entstand im Umfeld netzwerkbasierter Militärkonzepte. Network Centric Warfare meint den Einsatz von Streitkräften auf Grundlage eines gemeinsamen, ebenenübergreifenden und interoperablen Informations- und Kommunikationsverbundes. Der Beitrag zur Marine zeigt, wie diese Logik aus dem Einsatz in die konzeptionelle Arbeit der Stäbe übertragen wurde.

Das ist der entscheidende Schritt. Netzwerkfähigkeit ist keine Eigenschaft von Kabeln. Sie ist eine Eigenschaft von Organisationen. Sie zeigt sich darin, ob Experten gefunden werden, ob Wissen zirkuliert, ob Partner eingebunden werden, ob Entscheidungsgrundlagen entstehen, ob Aufgabenräume schnell wachsen können.

Heute sprechen wir über gesamtstaatliche Lagebilder, Territorial Hub, Ressortübergreifendes Lagebild, kritische Infrastruktur, Zivilschutz, Cyberresilienz. Die technische Sprache ist neu. Die Organisationsfrage ist alt: Wer erkennt das Muster? Wer verbindet die richtigen Punkte? Wer entscheidet unter unvollständiger Information? Wer lernt nach der Lage?

Der Maverick-Effekt

Felser beschreibt den Kybernetiker der Bundeswehr als einen, dessen Vision und Intelligenz den Rahmen seines Umfeldes sprengten. Der Vergleich mit Maverick liegt nahe, doch er führt in eine ernste Richtung. Organisationen brauchen Abweichler, solange sie noch denken können. Sie fürchten Abweichler, sobald Karrierepfade wichtiger werden als Erkenntnis.

Clausewitz war kein Freund der formelhaften Theorie. In den Seiten 22 bis 30 des vorliegenden Bandes wird immer wieder hervorgehoben, dass Theorie nicht den Praktiker ersetzen kann. Sie soll Urteilskraft schärfen, Widersprüche sichtbar machen, Denken disziplinieren.

Genau daran scheitern viele Apparate. Sie verwechseln Regelbefolgung mit Urteil. Sie befördern Anpassung und wundern sich über fehlende Vorstellungskraft. Sie verlangen Innovation und bestrafen jene, die früher als andere sehen, wohin sich die Lage bewegt.

Ein Sicherheitsökosystem braucht daher Karrieren für Grenzgänger: Offiziere, Verwaltungsleute, Ingenieure, Cyberexperten, Logistiker, Kommunalpraktiker, Unternehmer und Wissenschaftler, die zwischen Welten übersetzen können.

Hybride Ökosysteme aus Menschen und Agenten

Felser spricht heute von hybriden Ökosystemen: humane und künstliche Agenten für neue Zukunftsfähigkeit. Dieser Begriff verdient eine sachliche Übersetzung. Künstliche Intelligenz kann Muster erkennen, Daten verdichten, Experten finden, Anomalien markieren, Simulationen durchspielen, Entscheidungsoptionen vorbereiten. Humane Agenten bringen Urteil, Verantwortung, Erfahrung, Vertrauen, politisches Maß und moralische Abwägung ein.

Das Sicherheitsökosystem der kommenden Jahre wird weder rein menschlich noch rein maschinell funktionieren. Es braucht maschinelle Geschwindigkeit und menschliche Verantwortung. Es braucht künstliche Agenten, die Datenräume durchsuchen, und Menschen, die wissen, welche Daten fehlen. Es braucht Simulationen, die Kaskaden zeigen, und Entscheider, die politische Folgen tragen. Es braucht Lagebilder, die warnen, und Führungskräfte, die handeln.

Die Gefahr liegt in der falschen Delegation. Wer Verantwortung an Algorithmen abschiebt, verliert Staatlichkeit. Wer künstliche Intelligenz ignoriert, verliert Geschwindigkeit. Die Kunst liegt in der hybriden Kopplung.

Was Deutschland von der Marine hätte lernen können

Der Marine-Beitrag nennt mehrere Elemente, die heute direkt in die gesamtstaatliche Debatte gehören: Kompetenzzentren, Expertenprofile, Wissensportale, gemeinsame Taxonomie, Kommunikationsfunktionen, virtuelle Konferenzen, Projektarbeitsräume, Aufgabenmanager, Steuerungsgremium, Themenverantwortliche, kulturelle Verankerung, interne Aufklärung, begleitende Ausbildung.

Übertragen auf Gesamtverteidigung ergibt sich ein klares Programm. Deutschland braucht ein Kompetenznetz Gesamtverteidigung. Kein weiteres Portal als Schaufenster. Eine lebendige Wissensorganisation. Wer kennt sich mit Schienenlogistik aus? Wer mit Gasreserven? Wer mit Krankenhausnotbetrieb? Wer mit Satellitenkommunikation? Wer mit Drohnenabwehr? Wer mit kommunaler Evakuierung? Wer mit Cybervorfällen in Stadtwerken? Wer mit Notstrom in Pflegeeinrichtungen? Wer mit Desinformation in lokalen Medienräumen?

Diese Fragen lassen sich nicht in einer Sitzung beantworten. Sie brauchen eine Struktur, die wächst, sich pflegt und in Lagen abrufbar ist.

Ockham für Berlin

Ockhams Rasiermesser sollte in Berlin an jeder Tür hängen, hinter der Sicherheitsarchitektur gebaut wird. Nicht als Spruch für Vereinfacher. Als Warnung an Komplexitätsproduzenten. Brauchen wir fünf Gremien, um eine Meldung weiterzugeben? Brauchen wir drei Datenformate, um ein Lagebild zu erzeugen? Brauchen wir föderale Sonderlogiken, die im Ernstfall niemand erklärt? Brauchen wir Beschaffung, die gegen die Lage arbeitet? Brauchen wir Kommunikationsketten, die erst funktionieren, wenn die richtigen Personen zufällig ans Telefon gehen?

Ockham fragt nicht: Was klingt elegant? Ockham fragt: Welche Annahme kann wegfallen, ohne dass die Wirkung sinkt? Welche Schnittstelle kann vereinfacht werden? Welche Entscheidung kann früher fallen? Welche Regel erzeugt Schutz, welche erzeugt nur Papier? Das ist Strategiearbeit im besten Sinn. Nicht große Worte. Schneiden.

Die neue Logik der Gesamtverteidigung

Deutschland braucht eine neue Organisationslogik. Das Wort ist schnell gesagt. Seine Konsequenz ist hart. Eine neue Logik bedeutet, nicht mehr von Zuständigkeiten zur Lage zu denken, vielmehr von der Lage zu den nötigen Verbindungen. Sie bedeutet, Kompetenz nicht in Behördenbesitz zu sperren. Sie bedeutet, Aufgabenräume zu bilden, bevor die Krise sie erzwingt. Sie bedeutet, informelle Führung nicht dem Zufall zu überlassen. Sie bedeutet, Karrierewege für Grenzgänger zu öffnen. Sie bedeutet, Ockhams Rasiermesser auf Meldeketten, Beschaffung und Lagebilder anzusetzen.

Felser, der Admiral, der Kybernetiker, Strewinsky, Christensen, Clausewitz, Oettinger: Sie gehören nicht in eine gelehrte Fußnote. Sie liefern ein Arbeitsprogramm.

Die maritime Industrie zeigt im Pointillismus ihre eigene Wahrheit. Aus Punkten wird nur dann ein Bild, wenn jemand die Komposition beherrscht. Die Marine hat früh begriffen, dass Wissen nicht in Akten wohnt, sondern in verbundenen Köpfen, Dokumenten und Aufgaben. Christensen zeigt, dass neue Gegner andere Organisationen erzwingen. Clausewitz warnt vor Nebel und Friktion. Ockham lehrt, dass überladene Konstruktionen in der Wirklichkeit zerbrechen.

Das Sicherheitsökosystem 2030 darf daher kein neues Etikett für alte Verfahren werden. Es muss die Punkte der Republik so verbinden, dass im Ernstfall ein Bild entsteht, bevor der Gegner es für uns malt.

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