Die Republik der ungenutzten Fähigkeiten: acatech beschreibt die Innovationslücke, AFCEA zeigt die Verkettungslücke

von Gunnar Sohn
10. Juli 2026

Deutschland kann Spitzentechnologie. Zur Schutzfähigkeit wird sie erst, wenn Forschung, Staat, Industrie und Einsatzpraxis denselben Lauf bestreiten.

Deutschland erfindet viel und überführt zu wenig in sicherheitsrelevante Wirkung. In den Laboren entstehen Verfahren für Künstliche Intelligenz. Start-ups entwickeln Sensorik. Mittelständler bauen sichere Software. Universitäten forschen an Robotik, Raumfahrt, Datenanalyse und Cybersicherheit. Die Bundeswehr kennt den Einsatzdruck. Kommunen kennen die Verwundbarkeit der Verwaltung. Betreiber kritischer Infrastrukturen kennen die Abhängigkeiten von Strom, Wasser, Netzen und Logistik. Trotzdem fällt der Staffelstab zu oft auf den Boden.

Die neue acatech-Studie zur Verteidigungsfähigkeit richtet den Blick auf diesen Staffelwechsel. Sie fragt, weshalb ein hochinnovatives Land sein technologisches Potenzial für die eigene Sicherheit so schwach nutzt. Die Antwort liegt in getrennten Welten. Zivile und militärische Innovation laufen in Deutschland nebeneinander her. Förderprogramme, Finanzierungswege und Beschaffungspfade folgen unterschiedlichen Logiken. Technologien wie Künstliche Intelligenz, Sensorik, Raumfahrt oder Cybersicherheit kennen diese Trennung in der Praxis längst nicht mehr. Der Staat hält sie trotzdem aufrecht.

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Die Online-Umfrage zur AFCEA-Studie „Gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem 2030“ liefert dazu den zweiten Befund. Der Markt ist nicht leer. 72 Teilnehmende haben geantwortet, 62 konkrete Lösungen genannt, rund 50 Wirkungsbeispiele geliefert. Kommunikationssysteme, Lagebilder, Cloud-Plattformen, Cyberabwehr, Führungssoftware, Drohnenabwehr, Frequenzmanagement, Prozesssteuerung und Übungsformate liegen vor. Die Schwäche liegt im Staffelwechsel zwischen diesen Fähigkeiten.

Vom Labor zur Truppe führt kein gerader Weg

acatech nennt das „Tal des Todes“ zwischen Prototyp und Serienfertigung. Für Verteidigungstechnologien ist dieses Tal tiefer, weil der Staat oft der einzige Käufer ist. Ohne Abnahme kein Markt. Ohne Markt kein Kapital. Ohne Kapital keine Skalierung. Ohne Skalierung keine Fähigkeit.

Dieser Mechanismus trifft besonders jene Technologien, die heute den Charakter von Krisen verändern: Sensorik, autonome Systeme, Datenanalyse, Weltraumkommunikation, künstliche Intelligenz, Cyberabwehr und resiliente Energie- und Logistiktechnologien. Sie entstehen oft in zivilen Kontexten. Ihre sicherheitspolitische Bedeutung wächst, sobald eine Krise ausfällt, stört, täuscht, überlastet oder sabotiert.

Ein Sensor schützt keinen Hafen, solange niemand seine Daten in das Lagebild einspeist. Ein Algorithmus beschleunigt keine Entscheidung, solange kein Stab ihn nutzt. Eine Drohne hilft wenig, solange Betrieb, Recht, Schnittstellen, Zuständigkeiten und Beschaffung ungeklärt bleiben. Eine Cyberlösung bleibt ein Produkt, solange sie in keiner Krisenübung mit Verwaltung, Energieversorgern, Kliniken, Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Bundeswehr getestet wurde. Der Staffelstab fällt also selten im Labor. Er fällt am Übergang zur Anwendung.

Beschaffung ist kein Nachschalter

Die acatech-Studie rückt die Beschaffung an den richtigen Ort. Sie ist kein Verwaltungsnachtrag. Sie formt den Markt. Wer nur ausgereifte Produkte kauft, belohnt die Vergangenheit. Wer Erprobung, Marktdialog und vorkommerzielle Vergabe ernst nimmt, öffnet den Weg für neue Anbieter und junge Technologien.

Die AFCEA-Umfrage zeigt denselben Engpass aus Sicht der Sicherheitscommunity. Viele Lösungen sind vorhanden oder bis 2030 skalierbar. Gebremst wird durch Beschaffung, Governance, fehlende Standards und ungeklärte Rollen. Der Staat verfügt also über ein doppeltes Problem: Er erkennt zu spät, welche zivilen Technologien sicherheitsrelevant werden, und er schafft zu selten die Anschlusswege in Erprobung, Beschaffung und Übung.

Beschaffung entscheidet damit über Lernfähigkeit. Sie kann Innovation anziehen oder vertreiben. Sie kann Start-ups eine Perspektive geben oder sie in ausländische Märkte treiben. Sie kann Mittelstand einbinden oder nur bekannte Lieferketten bedienen. Sie kann aus Prototypen Einsatzfähigkeit machen.

Die Gegenwart bekommt Systeme, die Zukunft braucht Testfelder

Die AFCEA-Umfrage zeigt ein deutliches Muster. Viele Angebote bedienen Kommunikation, Vernetzung und Lagebild. Das ist nachvollziehbar. Jede Krise braucht Meldungen, Verbindung und ein gemeinsames Bild. Doch die kommenden Krisen werden von Feldern geprägt, die im Angebot dünn bleiben: Sensorik, autonome Systeme, Künstliche Intelligenz, Datenanalyse, Logistik, Wiederanlauf und resiliente Versorgung.

Hier trifft acatech den wunden Punkt. Deutschland besitzt die wissenschaftliche und industrielle Basis, diese Felder zu entwickeln. Doch getrennte Förderlogiken und unsichere Beschaffung erzeugen Reibung. Aus Forschung wird zu selten Erprobung. Aus Erprobung wird zu selten ein Auftrag. Aus einem Auftrag wird zu selten ein geübtes Verfahren.

Die Zukunft entsteht daher nicht in einer weiteren Strategieformel. Sie entsteht in Testfeldern. Ein Hafen muss Sensorik, Drohnendetektion, Cyberabwehr, Logistikdaten und Einsatzführung zusammenspielen. Ein Landkreis muss einen Ransomware-Angriff so üben, dass Verwaltung, Land, Bund, Betreiber, Polizei, Kliniken und Bevölkerung vorkommen. Ein Stromausfall muss zeigen, wie lange Mobilfunk, Wasser, Wärme, Versorgung und politisches Vertrauen tragen. Ein Desinformationsszenario muss beweisen, wer spricht, wer widerspricht, wer Daten liefert und wer Verantwortung trägt.

Der Staat muss Übergänge bauen

Deutschland braucht keine weitere Trennung zwischen ziviler Exzellenz und militärischem Bedarf. Es braucht Übergänge mit Auftrag, Geld, Test, Beschaffung und Übung. Die Forschungsförderung muss Multi-Use-Technologien früher sicherheitspolitisch lesen. Die Beschaffung muss Erprobung ermöglichen. Der Staat muss Nachfrage so formulieren, dass Unternehmen investieren können. Die Industrie muss ihre Lösungen im Verbund beweisen. Die Bundeswehr muss zivile Anschlussfähigkeit mitdenken. Kommunen und Betreiber kritischer Infrastrukturen müssen im Testfeld auftauchen, bevor der Ernstfall sie zwingt.

Dabei geht es um mehr als Verteidigung im engen Sinn. Krisen treffen heute Strom, Daten, Häfen, Krankenhäuser, Wasser, Verwaltung, Zahlungssysteme, Lieferketten und öffentliche Kommunikation. Sicherheitsinnovation muss daher in Systemen denken. Ein Produkt ist erst dann reif, wenn es in einer Lage mit anderen Produkten, Behörden, Betreibern und Entscheidern funktioniert.

Erfahrung muss das nächste Produkt verbessern

Eine weitere Strecke im Staffellauf wird oft vergessen: der Rückweg aus der Krise. Deutschland analysiert viel. Doch Analyse muss Verfahren verändern. Ahrtal, Ransomware-Angriffe auf Kommunen, Energiepreisschocks, Lieferkettenstörungen, Desinformation und Übungen liefern genügend Material. Der Wert liegt in der Frage, was danach anders läuft.

Welche Schnittstelle versagte? Welche Daten kamen zu spät? Welche Entscheidung brauchte ein Mandat? Welcher Betreiber fehlte? Welche Software half wirklich? Welche Darstellung verwirrte den Krisenstab? Welche Maßnahme blieb nach der Übung liegen?

Aus solchen Fragen entsteht bessere Beschaffung. Aus besserer Beschaffung entstehen bessere Produkte. Aus besseren Produkten entstehen bessere Übungen. Aus Übungen entsteht Schutzfähigkeit.

Aus Erfindung wird erst im Übergang Sicherheit

acatech beschreibt das Innovationsproblem. AFCEA beschreibt das Sicherheitsproblem. Beide Befunde treffen sich im Bild des verlorenen Staffelstabs. Deutschland hat viele Läufer. Die Forschung läuft. Die Industrie läuft. Die Bundeswehr läuft. Die Behörden laufen. Die Betreiber laufen. Doch Sicherheit entsteht im Wechsel.

Der nächste Auftrag ist deshalb klar. Deutschland muss Übergänge bauen. Von der Forschung in die Anwendung. Vom Prototyp in die Serie. Von der Beschaffung in die Übung. Von der Übung in die Optimierung. Von der Einzellösung in die gemeinsame Schutzfähigkeit. Erst dann wird aus Spitzentechnologie Sicherheit.

Siehe auch:

https://www.afcea.de/news/detail-news/umfrage-zum-sicherheitsoekosystem-verkettungsluecke-gefaehrdet-deutschlands-krisenfaehigkeit.html

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