Deutschlands Strukturwandel gerät aus dem Takt: Das Analystenurteil

von Team Redaktion
16. Juli 2026

Der Kern der Wachstumsfrage liegt nicht im Rückgang des Industrieanteils allein. Moderne Volkswirtschaften können mit weniger Industrie leben, wenn produktive private Dienstleistungen rasch wachsen und die Totale Faktorproduktivität erhöhen. Genau das gelingt Deutschland zu wenig. Die Christofzik-Grimm-Studie beschreibt einen Strukturwandel, bei dem seit den späten 2010er Jahren die industrielle Bruttowertschöpfung sinkt, während vor allem öffentliche und öffentlich geprägte Dienstleistungen an Gewicht gewinnen. Produktive private Dienste wachsen im internationalen Vergleich zu langsam. Aus Analystensicht ist das die eigentliche Fehlallokation. 

Die zentrale Frage lautet deshalb: Reicht der Aufschwung im Rüstungssektor aus, um diesen schiefen Strukturwandel zu drehen? Die Antwort lautet nein. Der Rüstungssektor wirkt als Puffer für Teile der Industrie, für einzelne Regionen und Zulieferketten. Er kann die Schrumpfung im Fahrzeugbau, im Maschinenbau und in der Metall- und Elektroindustrie dämpfen. Er ersetzt aber weder die fehlende Dynamik bei Informationstechnologie, Unternehmensdiensten, Forschung, Plattformen und Ingenieurleistungen noch hebt er für sich allein die gesamtwirtschaftliche Totale Faktorproduktivität auf ein neues Niveau. Das ist eine Schlussfolgerung aus der Kombination der Studienbefunde mit den aktuellen Daten zu Wachstum, Staatsausgaben und Verteidigung. 

Der Strukturwandel in Zahlen

Die Studie zeigt erstens, dass Deutschland im internationalen Vergleich lange einen hohen Industrieanteil hielt und der eigentliche Rückgang erst nach 2018 sichtbar wurde. Aus den in der Studie abgebildeten Reihen lässt sich näherungsweise ablesen, dass der Anteil der industriellen Bruttowertschöpfung in Deutschland von gut 24 Prozent im Jahr 2018 auf rund 22 Prozent im Jahr 2024 sank. Das entspricht einem Rückgang um gut 2 Prozentpunkte oder knapp 9 Prozent relativ zum Ausgangswert. Im selben Zeitraum stieg die reale Bruttowertschöpfung in den Vereinigten Staaten von einem Indexwert um gut 145 auf rund 164, während Deutschland nur von etwa 126 auf 128 kam. Seit 2001 summiert sich das damit auf rund 64 Prozent reale Wertschöpfungszunahme in den Vereinigten Staaten und nur etwa 28 Prozent in Deutschland. Der Unterschied liegt also nicht im Strukturwandel an sich, sondern in seiner Wachstumsqualität. 

Zweitens verläuft die Beschäftigungsverschiebung in die gleiche Richtung. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an den geleisteten Arbeitsstunden sank laut Studie von rund 20 Prozent im Jahr 2000 auf etwa 17 Prozent im Jahr 2024. Zugleich stieg der Block „Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit“ von knapp 22 Prozent auf rund 25 bis 26 Prozent. Reuters meldete für 2024 zudem ein Rekordhoch von etwa 46,1 Millionen Erwerbstätigen, wobei der Dienstleistungssektor 75,5 Prozent der Beschäftigten stellte, während Industrie und Bau netto Stellen verloren. Deutschland hat also kein reines Beschäftigungsproblem. Es hat ein Produktivitätsproblem in der Zusammensetzung der Beschäftigung.  

Ein dritter Befund ist für die Standortdiagnose besonders wichtig. Der Produktionsindex der deutschen Industrie fiel laut Studie seit 2017 deutlich zurück. Aus der Grafik lässt sich näherungsweise ein Rückgang von etwas über 100 auf gut 90 Punkte bis 2025 ablesen. Die Weltindustrieproduktion legte im selben Zeitraum von Mitte 90 auf etwa 110 Punkte zu. Deutschland verlor also nicht in einer globalen Industrieschwäche. Deutschland verlor gegen den internationalen Trend. 

Private Dienstleistungen bleiben zu klein

Die Studie trennt sauber zwischen privaten Dienstleistungen einerseits und öffentlichen oder öffentlich geprägten Dienstleistungen andererseits. Zu den produktiven privaten Diensten zählen dort Handel, Verkehr und Gastgewerbe, Information und Kommunikation, Finanz- und Versicherungswesen, Immobilien, unternehmensnahe Dienstleistungen sowie sonstige private Dienste. Genau in diesem Feld blieb Deutschland zurück. In der Vergleichsgrafik zur Veränderung der Wertschöpfung im privaten Dienstleistungsbereich von 1997 bis 2021 liegt Deutschland laut der Studienabbildung in der Nähe von null. Staaten wie Israel, Litauen, Portugal, Lettland, Dänemark oder Spanien legten dagegen um mehrere Prozentpunkte zu. Deutschland gehört in dieser Gegenüberstellung zu den Schlusslichtern. 

Diese Lücke ist für die Totale Faktorproduktivität entscheidend. TFP misst den Teil des Wachstums, der nicht aus mehr Arbeit oder mehr Kapital kommt, sondern aus klügeren Verfahren, besserer Software, besseren Daten, effizienterer Organisation und Skalierung. Die Studie nennt genau diesen Hebel den entscheidenden Wachstumstreiber in einer alternden Volkswirtschaft. Wenn das Arbeitsvolumen sinkt und die privaten Investitionen nachlassen, gewinnt TFP an Gewicht. Gleichzeitig sind die Bruttoanlageinvestitionen in Deutschland von 21,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2022 auf 20,3 Prozent im Jahr 2025 gefallen, und der Sachverständigenrat veranschlagt das Potenzialwachstum nur noch auf etwa 0,5 Prozent. Das erklärt, weshalb eine stockende Dienstleistungsdynamik inzwischen mehr ist als ein Sektorenthema. Sie ist der Engpass des gesamten Wachstumsmodells. 

Die Kapitalmarkt- und Innovationsdaten aus der Studie schärfen dieses Bild weiter. Die Venture-Capital-Investitionen lagen 2024 in Deutschland bei grob 0,06 bis 0,07 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In den Vereinigten Staaten lagen sie bei rund 0,5 Prozent, in Israel bei knapp 1,8 Prozent. Gleichzeitig liegen die F&E-Ausgaben großer IKT-Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland laut Studiengrafik 2024 nur bei rund 0,3 bis 0,4 Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts. In den Vereinigten Staaten liegt dieser Wert bei rund 1,5 Prozent, in Taiwan bei deutlich über 3,5 Prozent. Das passt zur Diagnose einer „Middle Technology Trap“: viel Ingenieurwissen, viel inkrementelle Verbesserung, zu wenig Skalierung in digitalen Spitzensegmenten. 

Produktivität verliert zwei Motoren

Die Produktivitätszahlen der Studie machen sichtbar, weshalb der Strukturwandel gesamtwirtschaftlich bremst. 2024 lag die Bruttowertschöpfung je geleisteter Erwerbstätigenstunde im Verarbeitenden Gewerbe bei rund 74 Euro. Die Dienstleistungsbereiche kamen auf rund 61 Euro, der Block „Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit“ auf etwa 50 Euro, das Baugewerbe auf rund 53 Euro. Das heißt: Wenn Arbeitsstunden aus produktiveren Bereichen in weniger produktive Bereiche wandern, verlangsamt sich das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum selbst dann, wenn die Beschäftigung hoch bleibt. 

Hinzu kommt ein zweiter Verlust. Die Produktivität schwächt sich auch innerhalb der Sektoren ab. Laut Studie sank das durchschnittliche jährliche Produktivitätswachstum im Bereich Information und Kommunikation von fast 5 Prozent in den Jahren 1992 bis 2005 auf ungefähr 0,5 Prozent in den Jahren 2019 bis 2024. Im Baugewerbe rutschte der Wert für 2019 bis 2024 sogar deutlich ins Negative. Bei den Unternehmensdienstleistern lag der Zuwachs zuletzt nur noch bei rund 1,5 Prozent, nach negativer oder schwacher Entwicklung zuvor. Die Hoffnung, dass Digitalsektoren den industriellen Gegenwind automatisch ausgleichen, findet in diesen Daten keine Bestätigung. 

Der Staat wuchs dagegen sichtbar. Zwischen 2017 und 2024 nahm die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst laut Studie um 14 Prozent zu, im Bereich politische Führung und zentrale Verwaltung sogar um 24 Prozent. Die Studie verweist zugleich darauf, dass Produktivität im Staatssektor oft nur unzureichend messbar ist, weil weite Teile nichtmarktlicher Leistungen inputbasiert bewertet werden. Mehr Personal und höhere Löhne heben dort statistisch den Output, ohne zwingend denselben Zuwachs an realer Leistungsfähigkeit anzuzeigen. Auch das spricht dafür, die Gewichtsverlagerung in Richtung öffentlicher Dienste wachstumspolitisch mit Vorsicht zu betrachten. 

Der Rüstungssektor wirkt als Puffer

Der Rüstungssektor gehört in diese Analyse, weil die Studie ausdrücklich festhält, dass die Rüstungsproduktion den Rückgang im Verarbeitenden Gewerbe „etwas“ dämpft. Gleichzeitig beschreibt sie die strukturellen Grenzen des europäischen Verteidigungsmarktes: Europa investiert demnach nur rund 4 Prozent seiner Verteidigungsausgaben in Forschung und Entwicklung, die Vereinigten Staaten etwa 17 Prozent. Zudem ist Europa bei Waffensystemen stark fragmentiert. Das drückt Skaleneffekte, verteuert Stückkosten und schmälert die Output-Wirkung pro eingesetztem Euro. Der Sektor wächst also, aber sein institutionelles Umfeld bremst seine gesamtwirtschaftliche Hebelwirkung.

Gleichzeitig ist der Aufschwung real. Nach SIPRI-Daten stiegen Deutschlands Militärausgaben 2024 um 28 Prozent auf 88,5 Milliarden US-Dollar. Deutschland rückte damit weltweit auf Rang vier vor. Die neue NATO-Zielmarke aus dem Haager Gipfel sieht bis 2035 Ausgaben von 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vor, aufgeteilt in 3,5 Prozent für Kernverteidigung und 1,5 Prozent für verteidigungsnahe Bereiche wie Infrastruktur und Cyberabwehr. Reuters berichtete zudem bereits 2025, dass Deutschland seine Verteidigungsausgaben von etwa 95 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 162 Milliarden Euro bis 2029 steigern wolle. Diese Größenordnung verändert die industrielle Nachfrage spürbar. 

Auf Unternehmensebene ist der Schub bereits sichtbar. Hensoldt meldete für 2025 einen Anstieg des Auftragseingangs um 62 Prozent auf 4,71 Milliarden Euro und einen Auftragsbestand von 8,83 Milliarden Euro. Auf europäischer Ebene stieg der Verteidigungsumsatz der Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungsindustrie 2024 laut ASD um 13,8 Prozent auf 183,4 Milliarden Euro; die direkte Beschäftigung in Europas Luft- und Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie erreichte 1,1 Millionen Menschen. Das ist kein Randphänomen mehr. Es ist ein echter Industrieimpuls. 

Makroökonomisch reicht dieser Impuls bisher dennoch nicht für eine Wende. Die Bundesbank erklärte im Juni 2026, dass hohe staatliche Ausgaben, besonders für Verteidigung und Infrastruktur, derzeit das sind, was einen erneuten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts verhindert. Sie veranschlagt für diese expansiven Fiskalimpulse einen kumulativen Wachstumsbeitrag von 1,3 Prozentpunkten bis 2028. Gleichzeitig bleiben private Investitionen schwach und die Wachstumsaussichten flach. Daraus folgt analytisch: Rüstung stabilisiert den Zyklus, reaktiviert Teile der Industrie und kann über Dual-Use-Technologien wichtige Spillover erzeugen. Sie ersetzt aber kein breites Produktivitätsmodell, solange private High-Tech-Dienste, Wagniskapital, Datennutzung, Software-Skalierung und europäische Beschaffungseffizienz hinterherlaufen. 

Die ökonomische Folgerung

Für die Wachstumsstrategie heißt das: Deutschland braucht keinen Abwehrkampf gegen Strukturwandel. Deutschland braucht einen anderen Zielkorridor für den Strukturwandel. Sinkt der Industrieanteil, dann müssen Informationstechnologie, unternehmensnahe Dienste, Forschung, Logistik, Plattformen, Finanz- und Ingenieurleistungen wachsen. Bleibt dieses private Dienstleistungswachstum aus, landet Arbeitszeit in Bereichen mit geringerer gemessener Wertschöpfung pro Stunde, während die Investitionen schwächer werden und die TFP sinkt. Genau dieses Muster beschreiben die vorliegenden Daten. 

Der Rüstungssektor kann in diesem Bild eine wichtige Brücke sein. Er kann Nachfrage für Sensorsysteme, Software, Elektronik, Drohnen, Materialtechnik, Cyber- und Raumfahrtanwendungen schaffen. Damit dieser Hebel trägt, muss Verteidigungspolitik stärker als Innovations- und Skalierungspolitik gedacht werden: mehr F&E-Anteil, mehr europäische Beschaffung, verlässlichere Mengenszenarien, mehr Dual-Use-Transfer in zivile Märkte. Ohne diesen Schritt bleibt Deutschland in einer Lage, in der der Staat die Konjunktur stützt, die Rüstungsindustrie einzelne Lücken füllt und das eigentliche Wachstumsproblem dennoch ungelöst bleibt. 

Gute Gründe, um im Oktober nach Bonn zu kommen.

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